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[Einleitung zu_] Thomas Carlyle, Leben Schillers

[Einleitung zu_] Thomas Carlyle, Leben Schillers
Category: Prefaces
Title: [Einleitung zu_] Thomas Carlyle, Leben Schillers
Release Date: 2006-04-02
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 25 March 2019
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387cover of book with distant view of Carlyle's house


389

Thomas Carlyle

Leben Schillers,

aus dem Englischen;

eingeleitet
durch

Goethe.



Frankfurt am Main, 1830.
Verlag von Heinrich Wilmans.

391
Der hochansehnlichen

Gesellschaft

für ausländische

schöne Literatur,

zu
Berlin.

393Als gegen Ende des vergangenen Jahres ich die angenehme Nachrichterhielt, dass eine mir freundlich bekannte Gesellschaft, welche bisherihre Aufmerksamkeit inländischer Literatur gewidmet hatte, nunmehrdieselbe auf die ausländische zu wenden gedenke, konnte ich in meinerdamaligen Lage nicht ausführlich und gründlich genug darlegen, wie sehrich ein Unternehmen, bey welchen man auch meiner auf dasgeneigteste gedacht hatte, zu schätzen wisse.

Selbst mit gegenwärtigem öffentlichen Ausdruck meines dankbaren Antheilsgeschieht nur fragmentarisch was ich im bessern Zusammenhang zuüberliefern gewünscht hätte. Ich will aber auch das wie es mir vorliegtnicht zurückweisen, indem ich meinen Hauptzweck dadurch zu erreichenhoffe, dass ich nämlich meine Freunde mit einem Manne in Berührungbringe, welchen ich unter diejenigen zähle, die in späteren Jahren sichan mich thätig angeschlossen, mich394durch eine mitschreitende Theilnahme zum Handeln und Wirkenaufgemuntert, und durch ein edles, reines wohlgerichtetes Bestrebenwieder selbst verjüngt, mich, der ich sie heranzog, mit sich fortgezogenhaben. Es ist der Verfasser des hier übersetzten Werkes, Herr ThomasCarlyle, ein Schotte, von dessen Thätigkeit und Vorzügen, so wievon dessen näheren Zuständen nachstehende Blätter ein Mehreres eröffnenwerden.

Wie ich denselben und meine Berliner Freunde zu kennen glaube, so wirdzwischen ihnen und ihm eine frohe wirksame Verbindung sich einleiten undbeide Theile werden, wie ich hoffen darf, in einer Reihe von Jahren sichdieses Vermächtnisses und seines fruchtbaren Erfolges zusammen erfreuen,so dass ich ein fortdauerndes Andenken, um welches ich hier schliesslichbitten möchte, schon als dauernd gegönnt, mit anmuthigen Empfindungenvoraus geniessen kann.

in treuer Anhänglichkeit und Theilnahme.

Weimar April

1830.

J. W. v. Goethe.


395Es ist schon einige Zeit von einer allgemeinen Weltliteratur die Redeund zwar nicht mit Unrecht: denn die sämmtlichen Nationen, in denfürchterlichsten Kriegen durcheinander geschüttelt, sodann wieder aufsich selbst einzeln zurückgeführt, hatten zu bemerken, dass sie manchesFremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistigeBedürfnisse hie und da empfunden. Daraus entstand das Gefühlnachbarlicher Verhältnisse, und anstatt dass man sich bisherzugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auchin den mehr oder weniger freyen geistigen Handelsverkehr mit aufgenommenzu werden.

Diese Bewegung währt zwar erst eine kurze Weile, aber doch immer langgenug, um schon einige Betrachtungen darüber anzustellen, und aus ihrbald möglichst, wie man es im Waarenhandel ja auch thun muss, Vortheilund Genuss zu gewinnen.


Gegenwärtiges, zum Andenken Schillers, geschriebene Werk kann,übersetzt, für uns kaum etwas Neues bringen;396der Verfasser nahm seine Kenntnisse aus Schriften, die uns längstbekannt sind, so wie denn auch überhaupt die hier verhandeltenAngelegenheiten bey uns öfters durchgesprochen und durchgefochtenworden.

Was aber den Verehrern Schillers, und also einem jedenDeutschen, wie man kühnlich sagen darf, höchst erfreulich seyn muss,ist: unmittelbar zu erfahren, wie ein zartfühlender, strebsamer,einsichtiger Mann über dem Meere, in seinen besten Jahren, durchSchillers Productionen berührt, bewegt, erregt und nun zumweitern Studium der deutschen Literatur angetrieben worden.

Mir wenigstens war es rührend, zu sehen, wie dieser, rein und ruhigdenkende Fremde, selbst in jenen ersten, oft harten, fast rohenProductionen unsres verewigten Freundes, immer den edlen, wohldenkenden,wohlwollenden Mann gewahr ward und sich ein Ideal des vortrefflichstenSterblichen an ihm auferbauen konnte.

Ich halte deshalb dafür dass dieses Werk, als von einem Jünglinggeschrieben, der deutschen Jugend zu empfehlen seyn möchte: denn wennein munteres Lebensalter einen Wunsch haben darf und soll, so ist esder: in allem Geleisteten das Löbliche, Gute, Bildsame, Hochstrebende,genug das Ideelle, und selbst in dem nicht Musterhaften, das allgemeineMusterbild der Menschheit zu erblicken.


Ferner kann uns dieses Werk von Bedeutung seyn, wenn wir ernstlichbetrachten: wie ein fremder Mann die Schillerischen Werke,denen wir so mannigfaltige Kultur verdanken, auch als Quelle derseinigen schätzt, verehrt397und dies, ohne irgend eine Absicht, rein und ruhig zu erkennengiebt.

Eine Bemerkung möchte sodann hier wohl am Platze seyn: dass sogardasjenige, was unter uns beynahe ausgewirkt hat, nun, gerade in demAugenblicke welcher auswärts der deutschen Literatur günstig ist,abermals seine kräftige Wirkung beginne und dadurch zeige, wie es aufeiner gewissen Stufe der Literatur immer nützlich und wirksam seynwerde.

So sind z. B. Herders Ideen bey uns dergestalt in dieKenntnisse der ganzen Masse übergegangen, dass nur wenige, die sielesen, dadurch erst belehrt werden, weil sie, durch hundertfacheAbleitungen, von demjenigen was damals von grosser Bedeutung war, inanderem Zusammenhange schon völlig unterrichtet worden. Dieses Werk istvor kurzem ins Französische übersetzt; wohl in keiner andernUeberzeugung als dass tausend gebildete Menschen in Frankreich sichimmer noch an diesen Ideen zu erbauen haben.


In Bezug auf das dem gegenwärtigen Bande vorgesetzte Bild sey folgendesgemeldet: Unser Freund, als wir mit ihm in Verhältniss traten, wardamals in Edinburgh wohnhaft, wo er in der Stille lebend, sich im bestenSinne auszubilden suchte, und, wir dürfen es ohne Ruhmredigkeit sagen,in der deutschen Literatur hiezu die meiste Förderniss fand.

Später, um sich selbst und seinen redlichen literarischen Studienunabhängig zu leben, begab er sich, etwa zehen deutsche Meilen südlicher, ein eignesBesitzthum zu398bewohnen und zu benutzen, in die Grafschaft Dumfries. Hier, in einergebirgigen Gegend, in welcher der Fluss Nithe dem nahen Meere zuströmt,ohnfern der Stadt Dumfries, an einer Stelle welche Craigenputtockgenannt wird, schlug er mit einer schönen und höchst gebildetenLebensgefährtin seine ländlich einfache Wohnung auf, wovon treueNachbildungen eigentlich die Veranlassung zu gegenwärtigem Vorwortegegeben haben.


Gebildete Geister, zartfühlende Gemüther, welche nach fernem Guten sichbestreben, in die Ferne Gutes zu wirken geneigt sind, erwehren sich kaumdes Wunsches, von geehrten, geliebten, weitabgesonderten Personen dasPortrait, sodann die Abbildung ihrer Wohnung, so wie der nächstenZustände, sich vor Augen gebracht zu sehen.

Wie oft wiederholt man noch heutiges Tags die Abbildung von Petrarch’sAufenthalt in Vaucluse, Tasso’s Wohnung in Sorent! Und ist nicht immerdie Bieler Insel, der Schutzort Rousseau’s, ein seinen Verehrern niegenugsam dargestelltes Local?

In eben diesem Sinne hab’ ich mir die Umgebungen meiner entferntenFreunde im Bilde zu verschaffen gesucht, und ich war um so mehr auf dieWohnung Hrn. Thomas Carlyle begierig, als er seinen Aufenthaltin einer fast rauhen Gebirgsgegend unter dem 55ten Grade gewählthatte.

Ich glaube durch solch eine treue Nachbildung der neulich eingesendetenOriginalzeichnungen gegenwärtiges Buch zu zieren und dem jetzigengefühlvollen Leser, vielleicht399noch mehr dem künftigen, einen freundlichen Gefallen zu erweisen unddadurch, so wie durch eingeschaltete Auszüge aus den Briefen des werthenMannes, das Interesse an einer edlen allgemeinen Länder- undWeltannäherung zu vermehren.


Thomas Carlyle an Goethe.

Craigenputtock den 25. Septbr. 1828.

“Sie forschen mit so warmer Neigung nach unserem gegenwärtigenAufenthalt und Beschäftigung, dass ich einige Worte hierüber sagen muss,da noch Raum dazu übrig bleibt. Dumfries ist eine artige Stadt, mit etwa15000 Einwohnern und als Mittelpunct des Handels und der Gerichtsbarkeitanzusehen eines bedeutenden Districkts in dem schottischenGeschäftskreis. Unser Wohnort ist nicht darin, sondern 15 Meilen (zweiStunden zu reiten) nordwestlich davon entfernt, zwischen denGranitgebirgen und dem schwarzen Moorgefilde, welche sich westwärtsdurch Gallovaymeist bis an die irische See ziehen. In dieser Wüste von Heide undFelsen stellt unser Besitzthum eine grüne Oase vor, einen Raum vongeackertem, theilweise umzäumten und geschmückten Boden, wo Korn reiftund Bäume Schatten gewähren, obgleich ringsumher von Seemöven undhartwolligen Schaafen umgeben. Hier, mit nicht geringer Anstrengung,haben wir für uns eine reine, dauerhafte Wohnung erbaut undeingerichtet; hier wohnen wir in Ermangelung einer Lehr- oder andernöffentlichen Stelle, um uns der Literatur zu befleissigen, nach eigenenKräften uns damit zu beschäftigen. Wir wünschen400dass unsre Rosen und Gartenbüsche fröhlich heranwachsen, hoffenGesundheit und eine friedliche Gemüthsstimmung, um uns zu fordern. DieRosen sind freylich zum Theil noch zu pflanzen, aber sie blühen dochschon in Hoffnung.

Zwei leichte Pferde, die uns überall hintragen, und die Bergluft sinddie besten Aerzte für zarte Nerven. Diese tägliche Bewegung, der ichsehr ergeben bin, ist meine einzige Zerstreuung; denn dieser Winkel istder einsamste in Brittanien, sechs Meilen von einer jeden Personentfernt die mich allenfalls besuchen möchte. Hier würde sich Rousseaueben so gut gefallen haben, als auf seiner Insel St. Pierre.

Fürwahr meine städtischen Freunde schreiben mein Hierhergehen einerähnlichen Gesinnung zu und weissagen mir nichts Gutes; aber ich zoghierher, allein zu dem Zweck meine Lebensweise zu vereinfachen und eineUnabhängigkeit zu erwerben, damit ich mir selbst treu bleiben könne.Dieser Erdraum ist unser, hier können wir leben, schreiben und denkenwie es uns am besten däucht, und wenn Zoilus selbst König der Literaturwerden sollte.

Auch ist die Einsamkeit nicht so bedeutend, eine Lohnkutsche bringt unsleicht nach Edinburgh, das wir als unser brittisch Weimar ansehen. Habeich denn nicht auch gegenwärtig eine ganze Ladung von französischen,deutschen, amerikanischen, englischen Journalen und Zeitschriften, vonwelchem Werth sie auch seyn mögen, auf den Tischen meiner kleinenBibliothek aufgehäuft!

Auch an alterthümlichen Studien fehlt es nicht. Von einigen unsrer Höhenentdeck’ ich, ohngefähr eine Tagereise westwärts, den Hügel, wo Agrikolaund seine401Römer ein Lager zurückliessen; am Fusse desselben war ich geboren, woVater und Mutter noch leben um mich zu lieben. Und so muss man die Zeitwirken lassen. Doch wo gerath ich hin! Lassen Sie mich noch gestehen,ich bin ungewiss über meine künftige literarische Thätigkeit, worüberich gern Ihr Urtheil vernehmen möchte; gewiss schreiben Sie mir wiederund bald, damit ich mich immer mit Ihnen vereint fühlen möge.”


Wir, nach allen Seiten hin wohlgesinnten, nach allgemeinster Bildungstrebenden Deutschen, wir wissen schon seit vielen Jahren die Verdienstewürdiger schottischer Männer zu schätzen. Uns blieb nicht unbekannt, wassie früher in den Naturwissenschaften geleistet, woraus denn nachher dieFranzosen ein so grosses Uebergewicht erlangten.

In der neuern Zeit verfehlten wir nicht den löblichen Einflussanzuerkennen, den ihre Philosophie auf die Sinnesänderung der Franzosenausübte, um sie von dem starren Sensualism zu einer geschmeidigernDenkart auf dem Wege des gemeinen Menschenverstandes hinzuleiten. Wirverdankten ihnen gar manche gründliche Einsicht in die wichtigstenFächer brittischer Zustände und Bemühungen.

Dagegen mussten wir vor nicht gar langer Zeit unsre ethisch-ästhetischenBestrebungen in ihren Zeitschriften auf eine Weise behandelt sehen, woes zweifelhaft blieb, ob Mangel an Einsicht oder böser Wille dabeyobwaltete; ob eine oberflächliche, nicht genug durchdringende Ansicht,402oder ein widerwilliges Vorurtheil im Spiele sey. Dieses Ereigniss habenwir jedoch geduldig abgewartet, da uns ja dergleichen im eignenVaterlande zu ertragen genugsam von jeher auferlegt worden.

In den letzten Jahren jedoch erfreuen uns aus jenen Gegenden dieliebevollsten Blicke, welche zu erwiedern wir uns verpflichtet fühlenund worauf wir in gegenwärtigen Blättern unsre wohldenkenden Landsleute,insofern es nöthig seyn sollte, aufmerksam zu machen gedenken.


Herr Thomas Carlyle hatte schon den Wilhelm Meisterübersetzt und gab sodann vorliegendes Leben Schillers im Jahre1825 heraus.

Im Jahre 1827 erschien German Romances in 4 Bänden, wo er, ausden Erzählungen und Mährchen deutscher Schriftsteller als:Musäus, La Motte Fouqué, Tieck,Hoffmann, Jean Paul und Goethe, heraushob,was er seiner Nation am gemässesten zu seyn glaubte.

Die einer jeden Abtheilung vorausgeschickten Nachrichten von dem Leben,den Schriften, der Richtung des genannten Dichters und Schriftstellersgeben ein Zeugniss von der einfach wohlwollenden Weise, wie der Freundsich möglichst von der Persönlichkeit und den Zuständen eines jeden zuunterrichten gesucht, und wie er dadurch auf den rechten Weg gelangt,seine Kenntnisse immer mehr zu vervollständigen.

In den Edinburgher Zeitschriften, vorzüglich in denen welche eigentlichfremder Literatur gewidmet sind, finden sich nun, ausser den schongenannten deutschen Autoren,403auch Ernst Schulz, Klingemann, Franz Horn,Zacharias Werner, Graf Platen und manche andere, vonverschiedenen Referenten, am meisten aber von unserm Freunde, beurtheiltund eingeführt.

Höchst wichtig ist bey dieser Gelegenheit zu bemerken, dass sieeigentlich ein jedes Werk nur zum Text und Gelegenheit nehmen, um überdas eigentliche Feld und Fach, so wie alsdann über das besondereIndividuelle, ihre Gedanken zu eröffnen und ihr Gutachten meisterhaftabzuschliessen.

Diese Edinburgh Reviews, sie seyen dem Innern und Allgemeinen,oder den auswärtigen Literaturen besonders gewidmet, haben Freunde derWissenschaften aufmerksam zu beachten; denn es ist höchst merkwürdig,wie der gründlichste Ernst mit der freysten Uebersicht, ein strengerPatriotismus mit einem einfachen reinen Freysinn, in diesen Vorträgensich gepaart findet.


Geniessen wir nun von dort, in demjenigen was

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