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Achtzehn Töchter Eine Frauen-Novelle

Achtzehn Töchter
Eine Frauen-Novelle
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Title: Achtzehn Töchter Eine Frauen-Novelle
Release Date: 2018-08-29
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1847 erschienenenBuchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; altertümlicheund ungewöhnliche Wortformen wurden aber nicht an die heutigeSchreibweise angepasst. Die Vewendung von Anführungszeichen derwörtlichen Rede erscheint teilweise willkürlich. Da dies möglicherweisevom Autor beabsichtigt war, wurden die Anführungszeichen so belassenwie im Original vorgegeben.

Umlaute in Großbuchstaben wurden in ihrer Umschreibung(Ae, Oe und Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vomBearbeiter erstellt.

Das Origial wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen inAntiquaschrift werden in der vorliegenden Fassung kursivwiedergegeben. Abhängigvon der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können dieim Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloserSchrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Achtzehn Töchter.

Eine Frauen-Novelle

von

Leopold Schefer.

Breslau, 1847.

L. M. R.Kühn’sche Verlags-Buchhandlung.


I.
Wer besitzt, wird besessen.
1
II.
Der siebenundzwanzigste Geburtstag.
19
III.
Der Donner als Brautwerber.
40
IV.
Das einzige Kind.
49
V.
Die Vorstellung.
65
VI.
Die jetzt verführte Jugend.
75
VII.
Der Vater und das Kinderhaus.
83
VIII.
Verwickelungen.
116
IX.
Der betrogene Freier.
154
X.
Die feindlichen Schwestern. Der Brief.
174
XI.
Ruhig zum Guten, getreu zum Glück.
201
XII.
Der Vater Semi-morto.
248

[S. 1]

I.
Wer besitzt, wird besessen.

So hatte ich mich denn angekauft! Vorher frei wie Jeder, der großesoder hinlängliches Vermögen hat, um allen Geschicken eines Landes ausdem Wege zu gehn, war ich nun selber verkauft, an mein Schloß, meinenSee, meine Eichen, meine Unter-Herren (denn das heißt Unter-Thanen);mir ging es nur wohl, wenn es meinen Ochsen und Kühen und Kälbern undFohlen wohlging! Ja, als ich das erstemal den Schäfer sah mit seinemStabe und Hunde die Schafe austreiben, ward mir so demüthig zu Sinne,daß ich im Geiste als Milchschaf mich unter der Heerde hinwandeln sah,eine stattliche Schweizerglocke am Halse. Mir war ganz demüthig, bisich mich besann, daß ich doch mehr der Hund, der Wächter, ja der Hirtmeiner kleinen Menschenheerde sei... denn, wie mein Doppelgänger,bot mir der Hirt seinen:[S. 2] „Guten Morgen, gnädiger Herr Baron.“ Aberder Hund knurrte mich neubackenen Herrn noch an. — Ich hatte ihnnoch nicht geprügelt; wie mir der Schäfer zu thun rieth. Denn Prügelnmacht zum gnädigen Herrn! sagte er. Aber ich, mich keinen Augenblickzu verläugnen, sondern sogleich fest und wahr zu erscheinen wie ichbin, ich verbot ihm, bei Cassation ohne Phrase, was er als ohneFraß... ohne Brot verstehen mochte: mich jemals wieder „gnädigen“Herrn zu nennen. „Herr“ sei mehr, wenn nicht schon zu viel. Aber dieSprache hat für die neuen Verhältnisse noch keine neuen Ausdrücke....doch die deutsche Sprache ist bildsam, ja verwandlungsfähig wie derdeutschen Gesinnung, und schafft sich noch alles. Wie oft hatte ichGott heimlich gebeten, mich vor „gnädigem Lächeln, herablassendenMienen und huldreichen Worten“ zu retten! Meinen Ingrimm wollte ichalso, mir zum Heile und Wohlwollen, meinen Unter-Herren ersparen. Eswäre nun noch bedenklicher gewesen, sich in dieser gewitterdrohendenZeit auf Erdbebenschwangerer Erde anzukaufen; aber meine Mutter wolltenicht nach Massachusets, wo mich mein redlicher Vater beiseinem ausgewanderten Bruder hatte[S. 3] erziehen lassen, um den Deutschenein antirussisches Beispiel zu geben, und die in freiem Landeerzogenen Söhne gerade nach dem fünfundzwanzigsten Jahre — wo Russenals durchjuftet genug, erst in gelobte Länder reisen dürfen — nachHause zu nehmen. Bei Ankauf von Gütern in Deutschland machte mir meineMutter nur zwei Bedingungen aus weiblicher Furcht. „Im dreijährigenKriege von 1813–15 nämlich war ihre Mutter von den bekanntensingenden Bärten „übermannt“ worden und war zum Glück wahnsinniggestorben. Ihr Vater, gewaltsamer Wittwer, hatte es dafür zum Geschäftseiner Trauer gemacht, den Rettungs- oder Auferstehungs-Menschenüberall hin nachzureisen, und in Jahren ein nicht zu verachtendesWerk von sechs Quartbänden mit Illustrationen zusammen getragen, dasunter dem Titel „Nebenthaten“ wahrscheinlich jetzt bald erscheinenwird. Ihre Sieben Brüder aber waren, am zerblasenen Werke NapoleonsBlutarbeit verrichtend, alle umgekommen, bis auf Einen, der noch ohneBeine dasaß, jetzt 70 Jahr alt. Daher hatte ich als erste Bedingungeinen Ort in Deutschland auszusuchen, an welchem weder ein Ko[S. 4]sak,noch ein Franzose gewesen war, also wahrscheinlich auch nieEiner mehr hinkäme. Und ein Anverwandter berichtete ihr, daß einigeNeugierige aus dieser Gegend am See sogar endlich eine Reise hättenunternehmen müssen, um Franzosen zu sehen, diese Weltwunder und Russen,diese Weltwunder. Die zweite Bedingung war, wenn es einen gäbe, einenOrt auszusuchen, an welchem der Blitz seit Menschengedenken nichteingeschlagen hätte. Denn sie war bei einem Gewitter mit meinemVater unter großen einzelnen Tropfen vom Felde nach Hause gegangen,und auf einmal war ihr der Mann, wie auf dem wahren feurigen WagenElias so zu sagen: gen Himmel genommen oder gefahren worden, denn ersei mit Haut und Haar verschwunden gewesen. Es war ihr trotz allenSuchens, Rufens und Scharrens auf der schwarzen schwefeldampfigenErdstelle nichts übrig geblieben, denn als Wittwe nach Hause zu gehen.Den Prozeß wegen hochadeliger Begräbnißkosten an Geistlichkeit, Schuleund Todtengräber loci hatte sie mühsam in dritter Instanz zwargewonnen, aber meine rechtschaffene Mutter meinte, sie hätte für dieProzeßkosten gern 3 Männer sehr adlig be[S. 5]graben.... lassen.... können.Nur der Tischler loci hatte nichts für den, nachweislich nichtgemachten Sarg verlangt! Aber gerade diesem alten armen Manne hatte sieden Preis für den schönsten prachtvollsten Sarg bezahlt, und die armeachtzigjährige Todtenfrau loci für die Einbuße ihrer Einnahme,— auf welche sie sich schon bei einer guten jüdischen NachbarinEinen Thaler geborgt — so reich bis zu Thränen entschädigt. — Meinerechtschaffene Mutter rieth mir also das Gut Südfrei am See zuerstehen, weil bei Subhaftationen den Bietern noch keine Stühle gesetztwerden. Und warum soll ich es läugnen, mich zog in die Gegend eineinfacher Magnet, die als das schönste Mädchen weit und breit gerühmteTochter des bankrott gewordenen, alten armen Herrn von Hase; undder achtzehnfache Magnet, die als nereidisch schön bekannten achtzehnTöchter des Herrn von Sangallo, also meines künftigen Nachbarsin Ostfrei.

So besah ich mir das sub hasta, wie es lag und stand, zuerwerbende reizende Gut Südfrei. Der Gerichtshalter, der vom Wunschemeiner Mutter nach Gewitterlosigkeit gehört, auch daß sie bei fernemBlitzleuchten oder nur leisem[S. 6] Donnermurren, ja vor einer Wolke, diedie geniale kecke Gestalt einer Gewitterwolke trug, schon leise zittreund unwillkührlich und unwiderstehlich, vor Angst zu jedem Geschäft, janur zu Ruhe und Schlaf ganz unfähig war, sagte mir daher: Ihrer FrauMutter zur Beruhigung, gnäd.... verzeihen Sie, Herr Baron, will ichden beiden ältesten Männern des Ortes den Eid deferieren, daß es, beiallen Heiligen! seit sie gedenken können, allhier nicht eingeschlagenhat. Es kostet zwei Lichter — halb! Summa Ein Licht! Und wozu ist dieschwarze Schwurgrotte, als daß darinnen soll und muß geschworen werden?Hat mir doch gar ein sogenannter Spaßvogel, oder wohl Ernstvogel, mitBleistift sowohl aus der alten, wie aus der neuen DiathekeStellen daran geschrieben, und gesetzwidrige Geister zitiert, dievergeblich behauptet haben: Du sollst nicht schwören. DerHerr Citateur, der wahrscheinlich das berühmte französischeBuch „le Citateur“ zu Herzen und zu Verstande genommen, sitztmir eben criminalisch! Es war mein eigner Gerichtsschreiber! So nahesitzen uns unsere Feinde, die uns alle untergraben mit unsichtbarenHandwerkszeugen; sie reden mit[S. 7] uns; sie hören uns unterthänigst an;sie preisen sich glücklich: unsere Befehle ausführen zu dürfen; sieessen mit uns, sie schlafen mit uns, sie bewachen uns, so zu sagen!Sie tauchen den Bissen mit uns in eine Schüssel! — So geht es, sosteht es. Ja, so steht es. „Der Welt-Lauf“ ist ein bekümmernderAusdruck geworden, den ein Wurm von Manne sich nicht mehr unterstehtim Munde zu führen. Wir alle sind doppelt geworden. Nur daß wir nichtdoppelten Gehalt oder Abgaben — beziehen; leider nicht.... außer:Gott bezahlt uns die Gedanken und Wünsche: durch Erfüllung! Denn wirdürfen vertrauen, nicht daß die Welt das Rauhe herauskehrt, sonderndas Innere! Daß alles zu Tage kommt, daß es keine Schande, keinVerbrechen mehr ist, aufrichtig zu sein, und daß endlich allen klarwird: aus welchen Fonds eigentlich alles Volk lebt, nämlich ausdem bloßen Herzen; da eine die Juristen und Richter erstaunendeUnkenntniß der Gesetze und beklagenswerthe Gleichgültigkeit gegen alleVerordnungen hereingebrochen ist, so daß Einzelne nur noch etwa mitden Strafgesetzen nothgedrungen Bekanntschaft machen, oder bestimmtergesagt, mit[S. 8] den Strafen. Wir, wir leben in dem großen Interim,das gewiß nicht den Schalk wird hinter sich haben dürfen, der eben nochjetzt vielfach verkappt darinnen steckt. Es ist ein gräßliches Wort:Die Erwartung besserer Zeiten hebt schon in Allen alles Alte auf, undAlles ist Traum, oder schlimmer: alles scheint Druck, Ungerechtigkeit,selbst das, was nothwendig

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