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Amok Novellen einer Leidenschaft

Amok
Novellen einer Leidenschaft
Category:
Author: Zweig Stefan
Title: Amok Novellen einer Leidenschaft
Release Date: 2018-09-05
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
Count views: 36
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Novellen einer Leidenschaft

 

Amok

Novellen einer Leidenschaft

Von
Stefan Zweig

Im Insel-Verlag zu Leipzig 1922

1. bis 10. Tausend

Frans Masereel,
dem Künstler, dem brüderlichen Freunde

Salzburg, Frühling 1922

Tu auf dich, Unterwelt der Leidenschaften:

Gestalten ihr, geträumt und doch empfunden,

Laßt eure Lippen heiß an meinen haften,

Trinkt Blut von Blut und Atem mir vom Munde!

Brecht vor aus euren Zwielichtfinsternissen

Und schämt euch nicht der Qual, die euch umschattet!

Wer Liebe liebt, will nicht ihr Leiden missen,

Was euch verstört, ists, was mich zu euch gattet.

Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet,

Läßt deine letzte Wesenheit entbrennen,

Nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.

So flamm dich auf! Erst wenn du dich entzündet,

Wirst du die Welt in deiner Tiefe kennen:

Erst wo Geheimnis wirkt, beginnt das Leben.

Der Amokläufer

Im März des Jahres 1912 ereignete sich im Hafenvon Neapel bei dem Ausladen eines großen Überseedampfersein merkwürdiger Unfall, über den die Zeitungenumfangreiche, aber sehr phantastisch ausgeschmückteBerichte brachten. Obzwar Passagier der „Oceania“, wares mir ebensowenig wie den andern möglich, Zeuge jenesseltsamen Vorfalles zu sein, weil er sich zur Nachtzeitwährend des Kohlenladens und der Löschung der Frachtabspielte, wir aber, um dem Lärm zu entgehen, alle anLand gegangen waren und dort in Kaffeehäusern oderTheatern die Zeit verbrachten. Immerhin meine ichpersönlich, daß manche Vermutungen, die ich damalsnicht öffentlich äußerte, die wirkliche Aufklärung jenererregenden Szene in sich tragen, und die Ferne der Jahreerlaubt mir wohl das Vertrauen eines Gespräches zunutzen, das jener seltsamen Episode unmittelbar vorausging.

*

Als ich in der Schiffsagentur von Kalkutta einen Platzfür die Rückreise nach Europa auf der „Oceania“ bestellenwollte, zuckte der Clerk bedauernd die Schultern.Er wisse noch nicht, ob es möglich sei, mir eine Kabinezu sichern, das Schiff wäre jetzt knapp vor dem Einbruchder Regenzeit immer schon von Australien her ausverkauft,er müsse erst das Telegramm von Singaporeabwarten. Am nächsten Tage teilte er mir erfreulicherweisemit, er könne mir noch einen Platz vormerken,freilich sei es nur eine wenig komfortable Kabineunter Deck und in der Mitte des Schiffes. Ich warschon ungeduldig heimzukehren: so zögerte ich nicht langeund ließ mir den Platz zuschreiben.

Der Clerk hatte mich richtig informiert. Das Schiffwar überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner, gepreßter,rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine,einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibeerhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nachÖl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte mandem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine tollgewordene stählerne Fledermaus einem surrend über derStirne kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wieein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht,die Maschine, von oben hörte man unaufhörlichdas schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.So flüchtete ich, kaum daß ich den Kofferin das muffige Grab aus grauen Traversen verstauthatte, wieder zurück auf Deck, und wie Ambra trank ich,aufsteigend aus der Tiefe, den süßlichen weichen Wind,der vom Lande her über die Wellen wehte.

Aber auch das Promenadendeck war voll Enge und Unruhe:es flatterte und flirrte von Menschen, die mit derflackernden Nervosität eingesperrter Untätigkeit unausgesetztplaudernd auf und nieder gingen. Das zwitscherndeGeschäker der Frauen, das rastlos kreisende Wandernauf dem Engpaß des Decks, wo vor den Stühlen derSchwarm in schwatzhafter Unruhe vorbeiwogte, um sichunablässig zu begegnen, tat mir irgendwie weh. Ichhatte eine neue Welt gesehen, rasch ineinanderstürzendeBilder in rasender Jagd in mich eingetrunken. Nunwollte ich mirs übersinnen, zerteilen, ordnen, nachbildenddas heiß in den Blick Gedrängte gestalten, aber hier aufdem gedrängten Boulevard gab es nicht eine MinuteRuhe und Rast. Die Zeilen in einem Buch zerrannenvor den flüchtigen Schatten der Vorüberplaudernden.Es war unmöglich, mit sich selbst auf dieser schattenlosenwandernden Schiffsgasse allein zu sein.

Drei Tage lang versuchte ichs, sah resigniert auf dieMenschen, auf das Meer, aber das Meer blieb immerdasselbe, blau und leer, nur im Sonnenuntergang plötzlichmit allen Farben jäh übergossen. Und die Menschen,sie kannte ich auswendig nach dreimal vierundzwanzigStunden. Jedes Gesicht war mir vertraut bis zumÜberdruß, das scharfe Lachen der Frauen reizte, daspolternde Streiten zweier nachbarlicher holländischerOffiziere ärgerte nicht mehr. So blieb nur Flucht: aberdie Kabine war heiß und dunstig, im Salon produziertenunablässig englische Mädchen ihr schlechtes Klavierspielbei abgehackten Walzern. Schließlich drehte ich entschlossendie Zeitordnung um, tauchte in die Kabine schonnachmittags hinab, nachdem ich mich zuvor mit ein paarGläsern Bier betäubt, um das Souper und den Tanzabendzu überschlafen.

Als ich aufwachte, war es ganz dunkel und dumpf indem kleinen Sarg der Kabine. Den Ventilator hatteich abgestellt, so schwälte die Luft fettig und feucht andie Schläfen. Meine Sinne waren irgendwie betäubt:ich brauchte Minuten, um mich an Zeit und Ort zurückzufinden.Mitternacht mußte jedenfalls schon vorbei sein,denn ich hörte weder Musik noch den rastlosen Schlurfder Schritte: nur die Maschine, das atmende Herz desLeviathans, stieß keuchend den knisternden Leib desSchiffes fort ins Unsichtbare.

Ich tastete empor auf Deck. Es war leer. Und wie ichden Blick aufhob über den dünstenden Turm des Schornsteinsund die geisterhaft glänzenden Spieren, drang miteinmal magische Helle mir in die Augen. Der Himmelstrahlte. Er war dunkel gegen die Sterne, die ihn weißdurchwirbelten, aber doch: er strahlte; es war, als verhülltedort ein samtener Vorhang ungeheures Licht,als wären die sprühenden Sterne nur Luken und Ritzen,durch die jenes unbeschreiblich Helle vorglänzte. Nie hatteich den Himmel gesehen wie in jener Nacht, so strahlend,so stahlblau hart und doch funkelnd, triefend, rauschend,quellend von Licht, das vom Mond verhangen niederschwollund von den Sternen und das irgendwie auseinem geheimnisvollen Innen zu brennen schien. WeißerLack, flimmerten im Monde alle Randlinien des Schiffesgrell gegen das samtdunkle Meer, die Taue, die Rahen,alles Schmale, alle Konturen waren aufgelöst in diesemflutenden Glanz: gleichsam im Leeren schienen die Lichterauf den Masten und darüber das runde Auge des Ausguckszu hängen, irdische gelbe Sterne zwischen denstrahlenden des Himmels.

Gerade aber zu Häupten stand mir das magische Sternbild,das Südkreuz, mit flimmernden diamantenen Nägelnins Unsichtbare gehämmert, schwebend scheinbar,indes nur das Schiff Bewegung schuf, das leise bebendsich mit atmender Brust nieder und auf, nieder und auf,ein gigantischer Schwimmer, durch die dunklen Wogenstieß. Ich stand und sah empor: mir war wie in einemBade, wo Wasser warm von oben fällt, nur daß diesLicht war, das mir weiß und auch lau die Hände überspülte,die Schultern, das Haupt mild umgoß und irgendwienach innen zu dringen schien, denn alles Dumpfein mir war plötzlich aufgehellt. Ich atmete befreit,rein, und jäh beseligt spürte ich auf den Lippen wieein klares Getränk die Luft, die weiche, gegorene, leichttrunken machende Luft, in der Atem von Früchten, Duftvon fernen Inseln war. Nun, nun zum ersten Male, seitich die Planken betreten, überkam mich die heilige Lustdes Träumens, und jene andere sinnlichere, meinenKörper weibisch hinzugeben an dieses Weiche, das michumdrängte. Ich wollte mich hinlegen, den Blick hinaufzu den weißen Hieroglyphen. Aber die Ruhesessel, dieDeckchairs waren verräumt, nirgends fand sich auf demleeren Promenadendeck ein Platz zu träumerischer Rast.

So tastete ich weiter, allmählich dem Vorderteil desSchiffes zu, ganz geblendet vom Licht, das immer heftigeraus den Gegenständen auf mich zu dringen schien. Fasttat es schon weh, dies kalkweiße, grell brennende Sternenlicht,ich aber hatte Verlangen, mich irgendwo im Schattenzu vergraben, hingestreckt auf eine Matte, den Glanznicht an mir zu fühlen, sondern nur über mir, an denDingen gespiegelt, so wie man eine Landschaft sieht ausverdunkeltem Zimmer. Endlich kam ich, über Tauestolpernd und vorbei an den eisernen Gewinden bis anden Kiel und sah hinab, wie der Bug in das Schwarzestieß und geschmolzenes Mondlicht schäumend zu beidenSeiten der Schneide aufsprühte. Immer wieder hob,immer wieder senkte sich der Pflug in die schwarzflutendeScholle, und ich fühlte alle Qual des besiegten Elements,fühlte alle Lust der irdischen Kraft in diesem funkelndenSpiel. Und im Schauen verlor ich die Zeit. War eseine Stunde, daß ich so stand, oder waren es nur Minuten:im Auf und Nieder schaukelte mich die ungeheureWiege des Schiffes über die Zeit hinaus. Ichfühlte nur, daß in mich Müdigkeit kam, die wie eineWollust war. Ich wollte schlafen, träumen und dochnicht weg aus dieser Magie, nicht hinab in meinenSarg. Unwillkürlich ertastete ich mit meinem Fuß untermir ein Bündel Taue. Ich setzte mich hin, die Augengeschlossen und doch nicht Dunkels voll, denn über sie,über mich strömte der silberne Glanz. Unten fühlte ichdie Wasser leise rauschen, über mir mit unhörbaremKlang den weißen Strom dieser Welt. Und allmählichschwoll dies Rauschen mir ins Blut: ich fühlte michselbst nicht mehr, wußte nicht, ob dies Atmen meineigenes war oder des Schiffes fernpochendes Herz, ichströmte, verströmte in diesem ruhelosen Rauschen dermitternächtigen Welt.

*

Ein leises, trockenes Husten hart neben mir ließ michauffahren. Ich schrak aus meiner fast schon trunkenenTräumerei. Meine Augen, geblendet vom weißen Geleuchtüber den bislang geschlossenen Lidern, tasteten auf:mir knapp gegenüber im Schatten der Bordwand glänzteetwas wie der Reflex einer Brille, und jetzt glühte eindicker, runder Funke auf, die Glut einer Pfeife. Ich hatte,als ich mich hinsetzte, einzig niederblickend in die schaumigeBugschneide und empor zum Südkreuz, offenbar diesenNachbarn nicht bemerkt, der regungslos hier die ganzeZeit gesessen haben mußte. Unwillkürlich, noch dumpf inden Sinnen, sagte ich auf deutsch: „Verzeihung!“ „Oh,bitte ...“ antwortete die Stimme deutsch aus dem Dunkel.

Ich kann nicht sagen, wie seltsam und schaurig das war,dies stumme Nebeneinandersitzen im Dunkeln knappneben einem, den man nicht sah. Unwillkürlich hatteich das Gefühl, als starre dieser Mensch auf mich genauwie ich auf ihn starrte: aber so stark war das Lichtüber uns, das weißflimmernd flutende, daß keiner vonkeinem mehr sehen konnte als den Umriß im Schatten.Nur den Atem meinte ich zu hören und das fauchendeSaugen an der Pfeife.

Das Schweigen war unerträglich. Ich wäre am liebstenweggegangen, aber das schien doch zu brüsk, zu plötzlich.Aus Verlegenheit nahm ich mir eine Zigarette heraus.Das Zündholz zischte auf, eine Sekunde lang zuckteLicht über den engen Raum. Ich sah hinter Brillengläsernein fremdes Gesicht, das ich nie an Bord gesehen,bei keiner Mahlzeit, bei keinem Gang, und sei es,daß die plötzliche Flamme den Augen wehtat oder wares eine Halluzination: es schien grauenhaft verzerrt,finster und koboldhaft. Aber ehe ich Einzelheiten deutlichwahrnahm, schluckte das Dunkel wieder die flüchtigerhellten Linien fort, nur den Umriß sah ich einer Gestalt,dunkel ins Dunkel gedrückt und manchmal denkreisrunden roten Feuerring der Pfeife im Leeren. Keinersprach, und dies Schweigen war schwül und drückendwie die tropische Luft.

Endlich ertrug ichs nicht mehr. Ich stand auf und sagtehöflich „Gute Nacht“.

„Gute Nacht,“ antwortete es aus dem Dunkel, eineheisere, harte, eingerostete Stimme.

Ich stolperte mich mühsam vorwärts durch das Takelwerkan den Pfosten vorbei. Da klang ein Schritt hinter mirher, hastig und unsicher. Es war der Nachbar vonvordem. Unwillkürlich blieb ich stehen. Er kam nicht ganznah heran, durch das Dunkel fühlte ich ein Irgendetwasvon Angst und Bedrücktheit in der Art seines Schrittes.

„Verzeihen Sie,“ sagte er dann hastig, „wenn ich eineBitte an Sie richte. Ich ... ich ...“ — er stotterte undkonnte nicht gleich weitersprechen vor Verlegenheit —„ich ... ich habe private ... ganz private Gründe,mich hier zurückzuziehen ... ein Trauerfall ... ich meidedie Gesellschaft an Bord ... Ich meine nicht Sie ...nein, nein ... Ich möchte nur bitten ... Sie würdenmich sehr verpflichten, wenn Sie zu niemandem anBord davon sprechen würden, daß Sie mich hier gesehenhaben ... Es sind ... sozusagen private Gründe,die mich jetzt hindern unter die Leute zu gehen ... ja ...nun ... es wäre mir peinlich, wenn Sie davon Erwähnungtäten, daß jemand hier nachts ... daß ich ...“Das Wort blieb ihm wieder stecken.

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