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Das erste Schuljahr Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren

Das erste Schuljahr
Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren
Category:
Author: Sapper Agnes
Title: Das erste Schuljahr Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren
Release Date: 2018-11-17
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Cover

Das erste Schuljahr.

Eine Erzählung für Kinder von 7–12 Jahren.

Von

Agnes Sapper.

Zweite Auflage.

Dekoration

Stuttgart.

Verlag von D. Gundert.


Inhalt.

Seite
1. Was im Wochenblatt steht 3
2. Der erste Schultag 7
3. Der Hans 16
4. »Es ist immer so« 19
5. Felix Acosta 28
6. Wo ist das Rohr? 38
7. Gute Kameraden 49
8. Es geht geheimnisvoll zu 53
9. Eine wichtige Neuigkeit 58
10. Der Abschied 65
11. Aller Anfang ist schwer 76
12. Ein böser Verdacht 94
13. Fräulein Treppners Hund 110
14. Belohnter Fleiß 116
15. Die alte Heimat 121
Dekoration

[3]

Erstes Kapitel.
Was im Wochenblatt steht.

»Ei der tausend, da steht ja etwas im Wochenblatt, wasmein Gretchen angeht!« sprach Herr Reinwald zu seiner kleinenTochter, die neben ihm am Tisch saß und mit farbigen Würfelnspielte, während der Vater die Zeitung las.

»O Vater, du machst nur Spaß,« antwortete Gretchenund sah ungläubig, aber doch neugierig zum Vater auf.

»Nun hör einmal selbst, wenn du's nicht glaubst,« erwiderteder Vater, und langsam und deutlich las er vor:

»Am 1. März vormittags 11 Uhr sind diejenigen Kinder,die bis dahin das siebente Lebensjahr zurückgelegt haben, zurSchule anzumelden. Dies wird allen Eltern und Vormündern,insbesondere auch den Eltern von Gretchen Reinwald, zurKenntnis gebracht.«

Mit größter Aufmerksamkeit hatte Gretchen zugehört undals ihr eigener Name kam, war sie dunkelrot geworden. Alsaber der Vater die Zeitung weglegte, hatte er ein so eigentümlichesLächeln um den Mund, daß Gretchen dachte, amEnde sei doch alles nur Spaß – man wußte nämlich nierecht, wie man in solchen Dingen mit dem Vater daran war.Da mußte die Mutter zur Hilfe kommen.

Gretchen sprang hinaus in die Küche, wo die Muttereben mit der Lene Beratung hielt, denn morgen war Fastnachtund da sollten Küchlein gebacken werden.

»Mutter, komm doch herein, aber schnell, bitte, es stehtja etwas im Wochenblatt von mir

»Von dir?« riefen die Mutter und Lene gleich sehr erstaunt.

»Ja, der Vater sagt's, o sieh doch auch in die Zeitung!«[4]und Gretchen zog die Mutter ganz ungestüm ins Zimmer.Fragend sah die Mutter den Vater an, dieser reichte ihr lächelnddas Blatt und wies auf eine Stelle.

»Ja, ja, das geht freilich dich an,« sagte die Mutter,nachdem sie gelesen hatte, »am 1. März müssen wir dich zurSchule anmelden!«

»Nun, glaubst du's jetzt?« fragte der Vater. »Nichtwahr, da steht's deutlich: insbesondere auch den Eltern vonGretchen Reinwald.« Die Mutter lachte. »Unsern Namenkann ich gerade nicht sehen, aber jedenfalls gehört GretchenReinwald zu den Kindern, die da gemeint sind.«

»Gelt, Vater, ganz wahr ist's doch nicht gewesen, dashab' ich dir gleich angesehen!«

»Sieh, darum ist's gut, wenn du bald selbst lesen lernst,dann kann ich dich gar nimmer anführen.«

»Wann ist der 1. März?« wollte nun Gretchen wissen.

»Wenn noch zwei Wochen vorüber sind.«

Ganz nachdenklich räumte Gretchen die Würfel weg, mitdenen sie gespielt hatte. Sie hatten auf einmal kein Interessemehr für sie. Es kamen ihr ganz neue Gedanken. Wie würdees wohl in der Schule sein? Wenn nur die nächsten zweiWochen schon vorbei wären. Sie erschienen aber unsermGretchen ganz ungewöhnlich lang, doch endlich kam der Tag,an dem der Vater verkündigte: »Heute ist die Anmeldung!«

Es war ein ganz kleines Städtchen, in dem Herr Reinwaldals Beamter mit seiner Familie lebte; aber es war docheine große Anzahl Schulkinder, die an jenem 1. März den gleichenGang mit Gretchen machten. Es gab eben nur eine einzigeSchule und in dieser waren Knaben und Mädchen beisammen.

Das Schulhaus war ganz nahe bei Herrn ReinwaldsHause, und es kam Gretchen ganz sonderbar vor, daß sie Hutund Mantel anziehen sollte für die wenigen Schritte, die sieauf der Straße zu gehen hatte. Sprang sie doch sonst durchsganze Städtchen, ohne etwas anzuziehen; aber die Muttersagte: »Das ist ein wichtiger Gang, zu dem muß man sichauch ordentlich herrichten.« Und so ließ es Gretchen geduldig[5]geschehen, daß Lene noch einmal mit der Bürste über denMantel fuhr, der doch schon vorher ganz rein war, und dieStiefel fester schnürte, die doch nicht offen standen. Mit demersten Schlag 11 Uhr ging Gretchen mit der Mutter zumHaus hinaus und blieb ganz sittsam an ihrer Hand, obwohldie schönste Schleife neben der Straße herlief und fast unwiderstehlichzum Schleifen einlud. Mit dem elften Schlagstanden sie schon vor dem Schulhaus.

»Sieh, Mutter, da kommt unsere Wäscherin mit ihrerMarie, die wird heute auch angemeldet, und den Franz vonunserm Holzhacker habe ich schon vorhin hineingehen sehen.Das ist mir so recht, daß ich so viele gute Bekannte treffe.«

Gretchen stieg nun mit der Mutter die Schultreppe hinauf,und als sie oben ankamen, trat der Holzhacker mit seinemFranz schon wieder zur Türe heraus. Im Vorbeigehen sagteder Franz leise zu Gretchen: »Ich bin schon angemeldet, aberdu noch nicht,« und Gretchen fand es ganz natürlich, daßFranz jetzt stolz auf sie herabblicke.

In dem großen Schulzimmer, in das sie nun eintraten,stand am Katheder ein älterer Mann. Gretchen wußte schon:das war Herr Baumann, der Schullehrer. Neben ihm saßan einem Tischchen ein junger Mann und schrieb. Herr Baumanngrüßte Gretchens Mutter. Er kannte sie wohl.

»So, so, Ihre Kleine kommt auch schon an die Reihe,«sagte er und streckte Gretchen freundlich seine große Handhin, in der ihre kleine Hand ganz verschwand.

»Wie heißt du denn?« fragte er.

»Gretchen,« antwortete sie.

Nun wandte er sich an den jungen Mann.

»Schreiben Sie: Margarete Reinwald.«

»Weißt du auch, wann du geboren bist?«

»An meinem Geburtstag,« antwortete Gretchen.

»Den weiß ich eben nicht, das ist der Fehler!« sagteder alte Herr freundlich. Die Mutter aber, die bemerkte, daßschon mehrere Väter und Mütter mit ihren Kindern warteten,beeilte sich nun, das Nötige anzugeben. Als sie fertig waren,[6]sagte der junge Mann zu Gretchen: »Am 10. April morgensum 9 Uhr hast du zum erstenmal zu mir zu kommen.«

Daran merkte Gretchen, daß dies der Lehrer für dieKleinen war. Herr Stein war sein Name. Als sie eben weggingen,trat ein kleiner Bursche vor in einem recht verflicktenJäckchen. Er kam ganz allein, während doch alle andernKinder von Vater oder Mutter begleitet waren.

»Sieh doch, Mutter, der kommt ganz allein,« flüsterteGretchen. Die Mutter bemerkte den Kleinen nun auch. Erwar ärmlich gekleidet, sah aber kräftig und rotbackig aus undblickte mit großen blauen Augen treuherzig um sich.

»Wer bist du?« fragte ihn der Lehrer.

»Des Schäfers Hans,« war die Antwort.

»Warum ist niemand mit dir gekommen?«

Hans antwortete nicht, aber er zog ein zerknittertesBlättchen aus seinem Wams und reichte es dem Lehrer. Dieserstudierte eine Weile daran und sagte dann:

»Ich will's gelten lassen. Daß du mir aber am 10. Aprilin die Schule kommst! Sonst geht's schlecht.«

»Ich komm' schon,« antwortete der Kleine zuversichtlich,und trabte ganz wohlgemut wieder zur Türe hinaus.

Als Gretchen mit der Mutter die Treppe hinunterging,begegnete sie der Frau Apotheker. Die führte eben ihre kleineEmilie herauf.

»Sieh, sieh,« sagte die Frau Apotheker erfreut, »da kommtja Gretchen schon herunter und sieht ganz vergnügt aus.Meine Emilie hat so Angst,« sagte sie zu Frau Reinwald,»sie ist ein gar schüchternes Dinglein; ich will nur sehen,wie es ihr in der Schule geht.«

»Es wird sich bald machen,« tröstete Frau Reinwald,und Gretchen flüsterte der Kleinen zu:

»Darfst keine Angst haben, man darf gleich wieder fort.«Die Kleine ging aber doch mit Herzklopfen hinauf, währendGretchen gar fröhlich die Treppe heruntersprang, der MutterHand losließ und sich wieder sorglos auf ihrer Schleife tummelte– bis jetzt war ja alles so gut gegangen!


[7]

Zweites Kapitel.
Der erste Schultag.

Gretchen lehnte an der Haustüre und sah der Lene zu,die eben die messingene Türschnalle schön blank putzte.

»Morgen ist Ostern und wenn dann noch ein Sonntagvorbei ist, geht die Schule an; weißt du das auch schon,Lene?« fragte Gretchen.

»Daß morgen Ostern ist, kann ich wohl merken, denndeswegen hab' ich so viel zu putzen, und daß du dann in dieSchule kommst, ist mir schon recht, dann bist du doch aufgehobenund mir nicht immer im Weg.«

Gretchen merkte, daß Lene wieder in ihrer Samstagsstimmungwar; da ließ sich nie gut mit ihr plaudern. Soging sie vors Haus, um sich nach besserer Unterhaltung umzuschauen.Da erblickte sie den Vater, der eben heimkam,und sprang ihm vergnügt entgegen.

»Vater, hast du auch schon dran gedacht, daß morgenOstern ist und ich schon so bald in die Schule komme?«

»Ja, ja,« sagte der Vater freundlich, »ich habe es schondem Osterhasen gesagt, damit er auch passende Ostereier fürmein Schulkind legt.«

»Passen denn die gewöhnlichen Ostereier nicht?«

»Natürlich nicht; den Kindern, die in die Schule kommen,legt er viereckige Eier. Hast du das noch nicht gewußt?«

»Nein, und ich glaub's auch nicht,« sagte Gretchen.Vater und Tochter waren inzwischen miteinander ins Hausgegangen und fanden die Mutter im Wohnzimmer, wo sieeben die frischgewaschenen Vorhänge an den Fenstern aufgemachthatte. Alles sah dort schon rein und festtäglich aus.Gretchen war nun sehr begierig auf ihre Ostereier und alsam Ostersonntag die Eltern aus der Kirche heimkamen, sprangsie ihnen voll Erwartung entgegen.

»Wo legt der Has?« fragte sie, »im Garten?«

»Nein, da ist alles noch naß vom Regen.«

[8]

»Also im Zimmer. Soll ich gleich draußen bleiben?«

»Meinetwegen,« sagte der Vater und ging mit der Mutterhinein, während sich Gretchen in der Küche umschaute. Leneschälte gerade Kartoffeln zum Salat; sie sah heute auch festtäglichaus mit ihrer frischen weißen Kochschürze, und daßsie guter Laune war, durfte Gretchen gleich erfahren, dennsie bekam einen frischen Kartoffelschnitz. Sie hatte ihn kaumverzehrt, als ihr auch die Mutter schon rief und nun fingGretchen an, nach ihrem Hasen zu suchen. Als sie den Deckelvom Holzkasten aufschlug, der neben dem Ofen stand, sah sieetwas darin – viereckig und groß: ein wunderschöner Schulranzenwar es, mit dunkelgrünem Plüsch überzogen und silbernglänzten daraus hervor die zwei Anfangsbuchstaben vonGretchens Namen. Ganz entzückt nahm Gretchen den Ranzenheraus, lief jubelnd damit auf die Eltern zu und dankte ihnen.Unter dem Ranzen war eine Tafel und ein Federkästchen gelegen.

»Die will ich gleich in den Ranzen packen,« sagte Gretchenund machte ihn auf; er war aber ganz angefüllt mitMoos und in diesem steckten allerhand Häschen und Eier.

Das war nun ein glücklicher Ostertag für Gretchen undals nach Tisch die Sonne so schön schien, huckelte sie ihrenRanzen auf und ging ganz stolz mit ihm im Garten hinund her spazieren.

Durch den Zaun bemerkte sie bald einen kleinen Buben,der neugierig hereinsah, und als sie näher trat, merkte sie,daß es ein künftiger Schulkamerad von ihr war, nämlich desSchäfers Hans, der bei der Anmeldung ganz allein gekommenwar.

»Hast du auch schon einen Ranzen?« fragte ihn Gretchen.

»Den alten von meinem Bruder,« antwortete der Hans.

»Und einen Federkasten?« Der Hans schüttelte den Kopf.

»Ich hab' heut einen bekommen und auch Eier undHasen. Du auch?«

Der Hans schüttelte wieder nur den Kopf.

»Legt bei dir der Has so spät?«

»Er legt gar nicht.«

[9]

»Gar nicht?« wiederholte Gretchen erstaunt und sah denHans ganz mitleidig an.

»O dann bekommst du von meinen Eiern! Wart nur,ich komme gleich wieder!« Und hinauf sprang sie so eilig,wie wenn zu fürchten wäre, daß der Hans ihr durchginge,und der dachte doch gar nicht daran. Er hätte wohl nocheine Stunde gewartet. Droben in einem Körbchen lagenGretchens Eier und Hasen. Sie nahm davon in ihr Schürzchen,ohne lang zu wählen, und sprang wieder hinunter inden Garten. Durch den Zaun reichte sie nun dem Hansein Stück nach dem andern und der Hans schob alles ein,bis die Taschen in seinem Wams und in seinen Hosen ganzeckig herausstanden. Sein ganzes Gesicht strahlte vor Vergnügen,als er mit seinen Schätzen heimging. So ein reichesOstern hatte er wohl noch nie erlebt! Gretchen aber sprangwieder lustig im Garten herum, wo schon die ersten Veilchenblühten, und jubelte vor sich hin: »In die Schul', in dieSchul', ich hab' ja schon den Ranzen!«

Am Abend bemerkte die Mutter die große Lücke in GretchensHasenkorb und erfuhr auf ihre Fragen, wohin allesgekommen war.

»Du hättest mich vorher fragen sollen,« sagte sie zu Gretchen.

»Ist dir's denn nicht recht, daß ich dem Schäferhansetwas gegeben habe?«

»O ja, ich gönne es ihm, er ist gewiß ein armer Tropf;aber du sollst mich immer vorher fragen, ehe du etwas hergibst.«

»Ja, das will ich,« sagte Gretchen und nun nahm sieihren schönen Ranzen und ordnete ihn wieder; er wurde abernoch so manchesmal aus- und eingepackt, bis endlich der großeTag gekommen war, der erste Schultag.

Gretchen saß mit den Eltern beim Frühstück.

»Nun bin ich nur begierig, was du uns heute Mittagalles erzählen kannst,« sagte die Mutter,

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