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Karlsschüler und Dichter Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend

Karlsschüler und Dichter
Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
Category:
Author: Ohorn Anton
Title: Karlsschüler und Dichter Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend
Release Date: 2019-02-24
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Cover

Karlsschüler
und Dichter

Geschichtliche Erzählung für die deutsche Jugend

von

Anton Ohorn

Signet

Verlag Jugendhort (Walther Bloch Nachf.)
Berlin W. 35


Mit vier Bildern. NeueRechtschreibung. Druckder Spamerschen Buchdruckereiin Leipzig.-R.Alle Rechte vorbehalten


Inhalt
Inhaltsübersicht

Seite
1. Kapitel. In der Karlsschule 1
2. Kapitel. Wachsender Unmut 31
3. Kapitel. Der Regimentsmedikus 50
4. Kapitel. »Die Räuber« in Mannheim 69
5. Kapitel. Auf der Flucht 92
6. Kapitel. Durch Not und Drang zum Asyl 116
Dekoration
Dekoration
Dekoration

[1]

Erstes Kapitel
In der Karlsschule

Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts lag außerhalbStuttgart hinter dem Residenzschlosse des HerzogsKarl Eugen von Württemberg ein großes, kasernenähnlichesGebäude mit drei Flügeln, aus dessen Mitte eineKirche herausragte mit einem niedrigen, bleigedecktenTurme. Ein ansehnlicher Garten gab dem etwas schwerfälligenGanzen ein freundlicheres Gepräge, während dievorhandenen Reitschulen, Schwimmbassins und Ähnlichesauf seinen Zweck einigermaßen hindeuteten. Das war diehohe Karlsschule, eine von dem Herzog zunächst auf demLustschlosse Solitüde bei Ludwigsburg gestiftete Erziehungsanstalt,die seit 1775 sich in Stuttgart befand undihren Zöglingen die Ausbildung für verschiedene gelehrteBerufe gab. Sie hatte in der Hauptsache einen militärischenCharakter, und wie ihre Schüler in eine bestimmte Uniformgesteckt waren, so war auch die ganze innere Einrichtungund Verfassung nach soldatischem Zuschnitt gemacht. DemHerzog Karl Eugen aber war die Anstalt und ihre Zöglingeganz besonders ans Herz gewachsen, so daß er sich umdie kleinsten Interessen derselben bekümmerte.

[2]

Es war ein freundlicher Sommertag. Die Mittagsmahlzeit,welche gemeinsam eingenommen wurde, warvorüber; die Schüler eilten nach dem Schlafsaal, um dortdie blaue Uniform mit den Kragen und Ärmelaufschlägenvon schwarzem Plüsch und die weißen Beinkleider miteinem einfacheren Hausanzuge zu vertauschen und sichdann in den Garten zu begeben. Hier entwickelte sich einbuntes Leben und Treiben. Einzelne von den Jüngerenzumal beschäftigten sich mit Ballspiel oder übten ihre Kraftim Ringen, andere arbeiteten an dem Stückchen Gartenland,das einem jeden von ihnen zur Bestellung zugewiesenwar, wieder andere spazierten unter den schattigen Bäumenim Gespräche hin, oder hatten sich an einem versteckterenPlätzchen zusammengefunden.

In einer lauschigen Ecke auf einer Steinbank saßendrei beisammen, prächtige Burschen mit frischen Gesichternund blitzenden Augen, die sich ziemlich lebhaft unterhielten.Der eine sprach zu dem zweiten gewendet: »Und ich sagedir, Hoven, der Haug wäre ein prächtiger Kerl füruns und paßt wie nur irgendeiner in die Bande. Er hateine scharfe Zunge und guten Witz, Ingenium und Phantasie –«

»Ich danke, lieber Scharffenstein,« sagte der dritte;»aber zum Henker, dann tut doch nicht so geheim undsagt mir, was es ist mit der Bande! Es handelt sich dochum keine Räuber.«

Die zwei anderen wechselten einen raschen Blick desEinverständnisses, dann sagte Hoven: »Wie man's nimmt,und Courage gehört zur Sache.«

»Soviel ihr habt, habe ich auch, Kinder,« sprach Haug;– »also frisch heraus! Daß ich ehrlich bin und mich nichtan euch dränge, um zu spionieren, sondern weil ich euch[3]für Kerls halte, die ihre Freude haben an allem Schönenund Guten, auch wenn's nicht im Treibhause der Karlsschulegewachsen ist, wißt ihr! Daß ihr Verse macht, istmir kein Geheimnis, ich selber mache solche auch mitunter,und wenn das eure ganze Sünde ist – so hol' mich derheilige Nieß, wenn ich nicht zu euch passe!«

»Ehe wir mit Schiller gesprochen haben, geht's nicht,«sagte wieder Scharffenstein.

»Der ist wohl der Hauptmann?« fragte Haug, und diebeiden anderen schwiegen wieder einige Augenblicke, eheHoven erwiderte: »Wenn man's so auffassen will. Jedenfallsist er größer als wir alle, und wenn er erst die Flügelfrei bewegen könnte, er stiege auf wie ein junger Adler.«

»Hm – ich weiß, habe ich doch sein Gedicht ›Der Eroberer‹im ›Schwäbischen Magazin‹ gelesen, und es hatmich in der Seele gepackt und zusammengeschüttelt, unddann hab' ich ihn hier gesucht; aber er ist zugeknöpft wieein alter Wachtkorporal!«

»Wie, zum Henker, weißt du denn, daß das Gedichtvon ihm ist? Sein Name war doch nicht genannt?«

»Hm, von meinem Vater, der das genau weiß, weiler das Poem selber rezensiert und von dem ihm bekanntenVerfasser gesagt hat, daß er mit der Zeit seinen Platz nebenden Größten einnehmen und seinem Vaterlande Ehremachen dürfte.«

»Hast also ein Herz für Friedrich Schiller?« fragteHoven erregt.

»Und ob ich das habe! – Darum möchte ich brühwarmseine Geistesschöpfungen genießen, ehe sie abgestandensind in einem Journal, und möcht' es von ihmselber hören, wie er seine Feuerseele ergießt in dithyrambischemSchwunge. Und sagt, ist's wahr, was man munkelt,[4]daß er jetzt ein großes Spektakelstück schreibe, wozu ihmder arme Schubart, der auf dem Asperg gefangen sitzt,den Stoff gegeben haben soll?«

Wiederum sahen sich die beiden anderen seltsam an,dann sprach Scharffenstein zu Hoven gewendet: »Ich meine,wir können's mit ihm wagen!« Und als dieser nickte, fuhrer fort: »Das mit dem Spektakelstück hat seine Richtigkeit,und ob er's von Schubart hat, muß dein Vater am bestenwissen; denn er schreibt ja das ›Schwäbische Magazin‹.Darin war im Jahre 1775 eine Geschichte, die ihm zuerstden Stoff gegeben hat, und die von Schubart stammen soll.«

»Was ist's für eine Geschichte?«

Hoven erzählte: »Eine Begebenheit von einem Edelmann,der zwei Söhne hat; der eine, Wilhelm, tat sehrfromm und gut und gehorsam und still, der andere, Karl,war feurig, lustig, unternehmend und zu tollen Streichengeneigt; aber er war ehrlich, während sein Bruder falschwar. So waren sie auch beide noch auf der Universität,und Karl, der etwas leichtsinnig Schulden machte undaußerdem eines Duells wegen fliehen mußte, verlor dieGunst seines Vaters, floh in die Welt hinaus, wurdeSoldat und wendete sich endlich reuig wieder an seinenVater und flehte ihn um seine Verzeihung an. Den Briefaber unterschlug die Kanaille von einem Bruder, der Karlum sein Erbe bringen wollte, und dieser sah sich gezwungen,um sein Leben zu fristen, Knecht bei einem Bauern zuwerden, nicht weit von seinem Vaterhause. Wilhelm aberstrebt nach seines Vaters Besitz, und da ihm dieser zu langelebt, dingt er Meuchelmörder, die ihn im Walde überfallenund töten sollen. Aber Karl, der herbeieilt, rettetihn, und einer der Schandgesellen gesteht nun den ganzenscheußlichen Anschlag. Der Vater ist entsetzt über den verruchten[5]heuchlerischen Sohn und klagt, daß er nun keinenSohn mehr habe. Da stürzt sich Karl ihm zu Füßen undgibt sich ihm zu erkennen, und der glückliche Alte umarmtihn unter Thränen, indes er seinen anderen Sohn derStrafe überliefern will; aber Karl bittet für diesen undsorgt für seinen weiteren Unterhalt. – Das ist die Geschichte.«

»Ja, aber was macht Schiller daraus!« rief enthusiastischScharffenstein, doch Hoven winkte bedeutsam und rief zugleich:»Da kommt er selbst!«

Unter den rauschenden Bäumen kam ein Karlsschülerher, eine hochgewachsene Gestalt, die zweifellos über alleGenossen hinausragte; auf dem schlanken, langen Halsesaß ein von dunkelrötlichem Haar umwallter Kopf undzeigte ein Gesicht von auffallend zarter Hautfarbe. Untereiner breiten, schönen Stirn sahen ein Paar helle Augen,die zwischen braun und blau schimmerten, klar und kühnin die Welt, und die scharf gebogene, spitze Nase, dasetwas trotzig vorspringende Kinn gaben den Zügen etwasEnergisches und Kühnes. Er kam ziemlich rasch auf diedrei zu und rief mit merkwürdig hochklingender Stimme:»Wieder um eine halbe Stunde der freien Zeit gebracht!«

»Was hat's gegeben?« fragte Hoven.

»Ach, unser lieber Intendant, Herr von Seeger, teiltmir mit, daß heute abend Serenissimus mit der GräfinFranziska im Institut speisen werden und dann ein kleinesDivertissement erwarten, etwas Singsang und Deklamieren– und ich muß mit heran – du auch, Wilhelm!«

»Und was wird aus unserem Abend?« fragte Scharffenstein.

»Pst! Du hast ein lockeres Gehege der Zähne und wirstmit deinem vorlauten Munde uns allen schaden. Man[6]wittert ohnehin schon in der Luft, und Nieß trägt seineStumpfnase verdächtig hoch.«

»Ach, meinst du wegen Haug? – Der paßt für uns,sag' ich dir, Schiller, als wenn ihn unser Herrgott expreßfür die Bande geschaffen hätte.«

Ein blitzender Blick aus Schillers Augen flog überdenjenigen, von welchem eben die Rede war.

»Macht Er auch Verse, Haug?« fragte er.

»Und was für Verse – er ist der gebotene Satiriker,und das Element fehlt uns so, wie meiner Kehle jetzt einguter Tropfen; der Hammel heute mittags war scharfgesalzen.«

»Deine schwache Seite, Scharffenstein!«

»Hat jeder die seine,« replizierte der Getadelte; Schilleraber wandte sich zu Haug: »Sag' Er, Haug, kann Er einEpigramm auf den Säufer aus dem Ärmel schütteln?«

Haug, der bisher schweigend sitzen geblieben war, standauf, trat einen Schritt vor und deklamierte mit leichtemPathos:

»Er hat zu seinem Symbolum
Das Wort sich aus der Passion
›Mich dürstet!‹ ausersehen,
Und hält nach eig'nen Proben
Den Vers für unterschoben:
›Laß diesen Kelch vorübergeh'n!‹«

»Bravo!« sagte Schiller und reichte dem jungen Poetendie Hand; die beiden andern aber lachten laut und herzlich.In diesem Augenblick kam eine etwas wunderlicheFigur heran. Ein kurzer, schwerer Körper in dem blauenFutteral der Uniform, auf dem dicken Haupte, von welchemein Zöpfchen auf den Rücken niederbaumelte, den üblichen[7]dreispitzigen Hut, ein rotes Gesicht, das mit seinen kleinenscharfen Augen, die wie zwei Rosinen aus einem Butterteighervorschauten, unwillkürlich den Humor weckte, –das war der Oberinspektor Nieß, gefürchtet um seinerStrenge und doch die Zielscheibe heimlicher Witzeleien undNeckereien. Mit kurzen, raschen Schritten kam er angestapftund pflanzte sich vor den Vieren auf, die in militärischerHaltung sich erhoben und stillstanden.

Mit ungewöhnlich lauter Stimme, die fast im Widerspruchzu dem kleinen Körper stand, sagte er: »Sticht euchder Hafer? War das Mittagsbrot zu üppig, oder wasist's sonst, daß solch lauter Ausbruch der Heiterkeit dieWürde dieser Räume stört? Ja, wo der Schiller ist, gehtauch was Besonderes vor; aber ich will ein Aug' auf euchhaben, daß ihr mir die Stränge nicht durchreißt. Tätetauch besser, mit Spaten und Hacke euch auszuarbeiten, alsmit dem Mundwerk zu dreschen – kommt nicht viel Gutesheraus dabei!«

Man wußte nicht recht, ob er im Scherz oder im Ernstrede; denn in seinem Gesichte und zumal um seine Mundwinkelzuckte es seltsam, und langsam stapfte er weiter.

Die vier Eleven blieben noch eine Weile stehen undsahen dem Fortschreitenden nach, dann sprach Schiller mitkomischem Pathos: »Ich will nächstens unter euch tretenund fürchterlich Musterung halten!«

»Spiegelberg, ich kenne dich!« fügte Scharffensteinhalblaut lachend bei; doch Haug sagte: »Da muß ich euchdoch erzählen, was ich dieser Tage für einen närrischenTraum hatte. Mir träumte, es wäre der jüngste Tag.Die Engel fingen an mit aller Macht zu posaunen, und dieToten standen allmählich auf. Aber es wollte damit nichtrecht vorwärts gehen, und die Engel posaunten immer[8]stärker. ›Hier müssen noch weit mehr Tote begraben liegen;aber wie sollen wir sie wecken, wenn unser ganzes Posaunennicht hilft?‹ Da kam eben ein Karlsschüler zum Vorscheinund sagte, er wüßte wohl Rat, wenn unter den Auferstandenender Oberaufseher Nieß wäre; denn dieser dürftenur mit der Stimme, mit welcher er einst in der Akademiezu kommandieren pflegte, jetzt ›zum Gericht!‹ kommandieren.Nieß wurde auch wirklich gefunden, und wie erkommandierte, da wimmelte es von Auferstandenen, unddie Engel flogen ganz erfreut zum Himmel, um zu melden,daß jetzt alles zum Gericht bereit sei.«

»Prächtig, Haug! Ihr seid unser Mann! Den Tonkönnen wir brauchen – von heut' an duzen wir uns!«rief Schiller, und begeistert schlug der andere in die dargeboteneHand ein. Schiller aber wendete sich zu Hoven:»Dir binde ich den Jungen auf die Seele, Wilhelm; weiheihn ein, soweit dir's gut deucht, und bringe ihn übermorgenmit in die Höhle!«

»Wie du gebeutst, Hauptmann!« sagte der Angeredetemit einem beinahe feierlichen Ernst; Scharffenstein abersprach: »Jetzt laßt uns auseinandergeh'n! Nieß wendetkein Auge von uns, er wittert die Verschwörung, und euerHändedruck ist eine absonderlich verfängliche Sache!«

Und in der Tat kam der kurzbeinige, dicke Herr wiederangestapft; aber ehe er herangekommen, hatten sich dievier nach verschiedenen Richtungen verloren, und balddarauf rief auch das Glockenzeichen die Eleven nach denLehrsälen. Ruhe herrschte in dem ganzen weitläufigenGebäude, nur ab und zu trug der Schall aus einem geöffnetenFenster die Worte eines besonders warm gewordenenLehrers, den seine Beredsamkeit hinriß. Gegensieben Uhr ward es lebendiger. Die Eleven zogen wieder[9]die steife Uniform an, was in den Schlafsälen geschah,wo die einzelnen Abteilungen sich formierten und dannvon ihren Aufsehern in den Rangiersaal geführt wurden,wo die Musterungen stattzufinden pflegten und wo alleso geordnet wurden, wie sie an der Tafel zu sitzen hatten.Dann marschierten sie in den eine Treppe höher gelegenenSpeisesaal.

Es war ein schöner, weiter Raum. Zweiundachtzigjonische Säulen, die aus der Wand hervortraten, trugeneine ringsum laufende Galerie, und zwischen den Säulenwaren die Büsten hervorragender Männer aufgestellt. DenPlafond zierten schöne Gemälde, und auch das Porträtdes Herzogs Karl Eugen fehlte hier so wenig wie in denanderen Sälen. Die breiten Flügeltüren

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