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Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3)
Neue gesammelte Erzählungen
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Title: Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Release Date: 2019-03-07
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Anmerkungen zur Transkription

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Hüben und Drüben.

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Erster Band.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1868.

Leipzig,
Druck von Giesecke & Devrient.


Inhaltsverzeichniß.

    Seite
1. Die Gemeinde-Waise   1
2. Der Fuchsbau 150
3. Der ältliche Herr 297

[S. 1]

Die Gemeinde-Waise.

Erstes Kapitel.
Der Mutter Tod.

Im Herbst des Jahres 1848 war es, daß nach Osterhagen, einem ziemlichgroßen Dorf im —sischen, eine Frau mit zwei Kindern übersiedelte,deren Erscheinung im Anfang den guten Leuten, und besonders demweiblichen Theil der Bevölkerung, außerordentlich reichhaltigen Stoffzur Unterhaltung bot und eine Menge von Combinationen und Vermuthungenhervorrief.

Paß oder Legitimation brauchte damals natürlich Niemand. Jeder gingund kam, wie es ihm gerade gefiel, aber die Frau betrug sich so stillund anständig und verfolgte so harmlos ihre Bahn, daß man sie auchwohl hätte zu andern Zeiten gewähren lassen — und dennoch war manchesRäthselhafte in ihrem Betragen.

Sie mochte etwa dreißig Jahre zählen, und ihr[S. 2] kleines Mädchen war etwasieben, der Knabe etwa zwei Jahre alt; dabei ging sie so einfach, wienur möglich, in einem schlichten Kattunkleid, und das kleine ärmlicheHäuschen, das sie sich am äußersten Ende des Ortes miethete, bezeugteebenfalls, daß ihr keine großen Mittel zu Gebote ständen. Trotzdemverrieth ihr ganzes Wesen, daß sie einst bessere, viel bessere Zeitengesehen. Auch bildschön mußte sie früher einmal gewesen sein, ja siewar es eigentlich noch, hätte nicht der Gram oder vielleicht eineKrankheit so tiefe Furchen in ihr Antlitz gezogen. Und was für reizendeKinder hatte sie! Aber jedenfalls kam sie aus einem fremden Land, dennwenn sie selber auch vollkommen gut Deutsch sprach und ohne Zweifelaus Deutschland stammte, plapperte das kleine Mädchen ganz allerliebstfranzösisch, und setzte dadurch nicht selten ganze Gruppen aufblühenderStraßenjungen in unbegrenztes Erstaunen.

Ihr Name war, der eigenen Angabe nach, Frau Edmund, das kleineMädchen hieß Valerie, der Knabe George, und wenn sie auch etwas Geldmitgebracht haben mußte, wovon sie im Anfang zehrten, so bemühte siesich doch bald, Arbeit im Orte selber zu erlangen, um ihr Fortkommen inden schweren Zeiten zu erleichtern.

[S. 3]

Sie nähte und stickte wunderbar schön, und wenn auch Osterhageneigentlich nicht der Platz für solche Arbeit war, so wußte sie denKreis ihrer Kundschaft doch auch bald auf die nicht ferne größere Stadtauszudehnen, wohin sie anfangs selbst Proben ihrer Arbeit brachte, unddann später durch die Botenfrau mit dem Ort verkehrte.

Sie selbst zog sich dabei von jedem Umgang mit den EinwohnernOsterhagens zurück, wenn ihr auch Niemand deshalb Stolz vorwerfenkonnte; sie war in ihrem ganzen Wesen freundlich, ja weit eher scheuund fast demüthig mit den Leuten, schien sich aber nie wohler zufühlen als zu Haus, wo sie nur ihren Kindern lebte, und nur Abends,bei schönem Wetter besuchte sie den Kirchhof zu Osterhagen, und zwardort ein besonderes Grab, von dem aber merkwürdiger Weise Niemand imOrt wußte, wer darunter lag. Es trug auch weder Namen noch Jahreszahl,und einige von den älteren Bewohnern des Dorfes wollten behaupten, esstamme noch aus den Kriegszeiten her.

Allerdings wurde die Fremde oft darnach gefragt, aber sie gab immer nurausweichende Antworten, und da Niemand ein besonderes Interesse an ihrnahm, ließ man sie eben gewähren.

Dabei versäumte sie aber nicht, sich dem Unter[S. 4]richt ihrer Kinder,besonders des Mädchens, auf das Fleißigste zu widmen, und nach kaumeinem Jahre sprach auch die kleine Valerie schon vollkommen gut deutschund konnte jetzt in die Schule gesandt werden — aber sie blieb nichtlange dort. Die Kinder verspotteten und neckten sie fortwährend ihreretwas fremdartigen Aussprache, ihres ganzen, ihnen viel zu zierlichenBenehmens wegen; sie kam fast jeden Mittag weinend nach Haus, und dieMutter beschloß deshalb, den Selbstunterricht im Hause fortzusetzen.

Im zweiten Jahre traf die arme Frau ein harter Schlag: der Knabe, ihrkleiner Liebling, erkrankte an der Halsbräune und starb nach wenigenTagen in ihren Armen. Sie war ganz außer sich und lag viele Wochen aneinem heftigen Fieber auf ihrem Lager.

Die kaum neunjährige Valerie besorgte in der Zeit im Haus die ganzeWirthschaft und pflegte dabei die Mutter Tag und Nacht. Diese erholtesich auch allerdings wieder, aber der Schlag hatte sie doch zufurchtbar getroffen, und sie kränkelte von da an sichtlich an einembösen trockenen Husten, der sie häufig am Arbeiten hinderte.

Mit dem Gelde wurde es dabei immer knapper; anfangs war sie einpaar Mal in der Stadt gewesen und hatte, wie es sich in Osterhagenwenigstens aus[S. 5]sprach, dort goldenen Schmuck verkauft — davon lebtesie eine Zeit lang; endlich schien auch das erschöpft und einzelneihrer wenigen Habseligkeiten mußten veräußert werden. Einmal erholtesie sich wieder, und ein volles Jahr lang schien es, als ob sie ihreKräfte vollständig zurückerlangt hätte, aber es kam ein Rückfall, undjetzt ging es mit der armen Frau scharf bergab.

Es war drei Jahre nach dem Tode ihres kleinen George, daß Valerie ineiner Nacht ängstlich an die Thür ihrer Nachbarin, einer armen Wittwe,pochte, und diese um Gottes Willen bat, zu ihrer Mutter zu kommen,damit sie selber nach dem Arzt laufen könne.

Die alte Frau ging hinüber und fand eine Sterbende. Der Arzt, eingewöhnlicher Dorfchirurg, kam, aber menschliche Hülfe konnte hiernichts mehr nützen — er wollte ihr den Geistlichen senden, aber siehob abwehrend die Hand. Es war nur ein protestantischer Pfarrer imOrte, und sie selber gehörte der katholischen Kirche an. Nur ihr armesKind winkte sie noch zu sich heran, legte mit ihren letzten Kräften dieArme um dessen Nacken, küßte es, flüsterte ihm ein leises „Gott schützedich, meine Valerie“ zu, und sank dann todt auf ihr Kissen zurück.

Valerie saß neben ihrem Bett, die Hände im[S. 6] Schoos gefaltet, diegroßen, thränengefüllten Augen auf die lieben bleichen Züge geheftet.Die alte Nachbarin hatte der Todten die Augen zugedrückt und war dannfortgegangen, um die Anzeige beim Schulzen zu machen; der Wundarztwurde ebenfalls abgerufen — so saß sie Stunden lang.

Endlich quälte sie der Hunger; sie hatte gestern den ganzen Tag keinenBissen über die Lippen gebracht, auch heute Morgen noch nicht darangedacht, irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen, auch nichts dafür imHause. Jetzt verlangte die Natur ihr Recht, und sie stand langsam auf,um sich beim nächsten Bäcker ein Brot zu holen.

Draußen zogen die Leute zu Markt — das lebte auf der Straße, Fuhrleuteknallten wie gewöhnlich mit ihren Peitschen, Kinder lachten undjubelten, ein paar Frauen zankten sich, weil die Eine der Andern denKorb umgestoßen hatte — und da drinnen in dem kleinen Haus lag ihreMutter auf dem Todtenbett! Kümmert sich denn gar Niemand darum? Hattekein Mensch einen Trauerblick für sie? und ging die Welt, während allesElend der Erde nur allein über das arme Kind hereingebrochen war,indessen ihren ruhigen fröhlichen Gang?

Wie in einem schweren Traum schritt sie die[S. 7] Straße hinab, dem Hausedes Bäckers zu, legte ihre Kupfermünze auf den Tisch und bat um einBrot.

„Ja — sollst du haben“, sagte der Bäcker, der mit aufgestreiftenAermeln und ganz mit Mehl bestaubt hinter dem Fenster stand, „aber vonvoriger Woche seid Ihr noch sechs Groschen schuldig — sag’ DeinerMutter, daß sie’s bald herüber schickt.“

„Meine Mutter ist todt“, hauchte das arme Kind.

„Oh du lieber Gott“, sagte die Frau, die daneben stand, und schlug dieHände zusammen — „sorg’ Dich nicht um die paar Groschen, Schatz, diewerden uns auch nicht arm machen.“

„Sie sollen das Geld haben“, flüsterte das arme Mädchen, drehte sich abund schritt langsam wieder dem Hause zu.

„Heh, Franzosenmädchen, Franzosenmädchen!“ riefen ein paar Jungenspottend hinter ihr drein. Sie hörte es wohl gar nicht — nur an demWagen einer Hökerin, die Blumen mit zu Markt nehmen wollte, blieb sienoch einmal stehen und kaufte für das wenige Geld, das sie noch beisich trug, Blumen für die todte Mutter. Dann ging sie still nach Haus.Da aber, wie sie wieder das Zimmer betrat, als ihr in den bleichen,eingesunkenen Zügen der Geliebten der ganze über sie hereingebrocheneJammer in furchtbarer Wahrheit[S. 8] vor die Seele trat, da vermochte siesich nicht länger zu halten. Auf das Bett der Mutter flog sie zu, warfsich über die Leiche, die sie krampfhaft mit ihren Armen umschlang undschluchzte laut.

Dann traten, nach einer langen Weile, Fremde in das Zimmer, Frauen, diesich hinsetzten und über die Verstorbene in ihrem Beisein sprachen.Ein Mann kam, der gleichgültig die Länge des Körpers maß; auch die„Leichenfrau“ traf ein, und das Alles wurde so laut und geschäftsmäßigbetrieben, daß es das arme Kind, das in den letzten Tagen kaum gewagthatte hier zu flüstern, wie mit Messern durch das gequälte Herz stach.

Aber auch das ging vorüber; die fremden Menschen ließen sie wieder mitihrer todten Mutter allein, und sie behielt jetzt wenigstens Zeit,sie mit den Blumen zu schmücken und ihr Lager herzurichten. Erst dannkauerte sie sich neben der Geliebten nieder, den Kopf an ihren kaltenArm gelehnt, und verzehrte, mit dem Salz ihrer eigenen Thränen, dastrockene Stück Brot.

Zwei Tage hielt sie bei der Theueren getreue Wacht — am dritten kamendie schwarzen Männer und legten sie in den Sarg.

Es war draußen recht schlechtes Wetter; ein kal[S. 9]ter Nordostwind fegteüber das flache Land, und der Regen schlug in Strömen herunter — werhätte da mit „zur Leiche“ gehen sollen. Schmucklos auf dem schwarzenWagen stand der einfache Sarg, den zwei Pferde zu seiner letztenRuhestätte führten, und hinter ihm, einen Blumenstrauß in den Händen,durch Sturm und Unwetter, in dem dünnen Kleid, folgte einsam undallein, wie es von jetzt ab durch das Leben gehen sollte, das arme Kind.

Trotz des schlechten Wetters hatte sich der protestantische Geistlicheeingefunden und sprach ein paar freundliche Worte über das Grab derArmen; auch dem Kinde redete er zu und sagte ihm, daß es auf Gott bauensolle, so würde es noch gute Menschen finden, die sich seiner annähmen.

Und dazu der peitschende Regen auf den erweichten Lehm des Kirchhofs!Die Todtengräber hatten mit Ungeduld das Ende der Rede erwartet, undnur Valerie stand daneben und zitterte vor dem Augenblick, wo der Sargin die Gruft gesenkt werden mußte.

Der Geistliche gab dazu das Zeichen — hastig gehorchten die Leute, dieunter das schützende Dach zurück zu kehren wünschten — an den nassenSeilen rutschte er nieder, und Valerie warf ihm ihre Blu[S. 10]men als letzteLiebesgabe nach. Dann schaufelten die Männer das Grab wieder zu; derGeistliche stieg in den schon seiner harrenden Wagen — er konnte indem Wetter nicht den Weg bis in den Ort zu Fuß zurücklegen — und nurValerie,

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