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Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3)
Neue gesammelte Erzählungen
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Title: Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Release Date: 2019-03-07
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Hüben und Drüben.

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Zweiter Band.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1868.

Leipzig,
Druck von Giesecke & Devrient.

Inhaltsverzeichniß.

    Seite
1. Der verheirathete Doktor   1
2. Ruine Wildenfels 70
3. Herr Müller 220
4. Ein freundlicher Empfang 311

[S. 1]

Der verheiratheteDoktor.

Erstes Kapitel.
Zum Lindenbaum.

Schon im Jahre 39 war Pittsburg, im Staat Pennsylvanien, eine größereStadt, die sich besonders durch ihre Fabriken, Eisenwerke, wieüberhaupt eine außerordentliche Gewerbsthätigkeit auszeichnete, und inder That seitdem so an Einwohnerzahl und Reichthum gewonnen hat, daßsie jetzt zu den Hauptplätzen der Union gerechnet werden darf.

Von allem Anfang an hatten sich eine Menge Deutsche dorthin gezogen,wie denn ja auch ganz Pennsylvanien vorzugsweise von unserenLandsleuten bevölkert ist. Haben sie sich doch sogar in ihrem Uebergangzur englischen Redeweise eine ganz eigene und merkwürdige Sprachegebildet: das sogenannte Pennsylvanisch-Deutsch, das sie freilich nurunter einander reden können, denn Amerikanern, wie der englischenSprache nicht mächtigen Deutschen bleibt sie gleich unverständlich.

[S. 2]

Ursprünglich ließ sich auch in diesem Staat eine große Zahl jenerarmen Teufel nieder, die im Befreiungskrieg der Union von deutschenFürsten an die Engländer verkauft wurden, aber in der Mehrzahl viel zuklug waren, irgend welchen Heldenmuth gegen das für seine Unabhängkeitkämpfende Volk zu entwickeln. Sie desertirten oder ließen sich gefangennehmen, wonach sie dann mit Vergnügen das Versprechen abgaben: indiesem Kriege nicht mehr gegen die Amerikaner zu dienen, und bald imWalde drin ihre kleine, freundliche Heimath gründeten. Abkömmlingevon ihnen findet man noch überall, besonders in Pennsylvanien, undsie sind sogar stolz darauf zu erzählen, daß ihre Vorväter zu denFreiheitskämpfern übergingen.

So leicht nun auch die Deutschen in den vereinigten Staaten dieenglische Sprache erlernen und mit den Amerikanern selber auffreundschaftlichem Fuße leben, so finden sie es doch — mit wenigenAusnahmen — stets gemüthlicher, für ihre Geselligkeit die eigeneLandsmannschaft aufzusuchen, und besonders ihre Abende unter Deutschenzuzubringen.

Das amerikanische und deutsche Leben läßt sich in der That nicht gutvereinigen, denn Beider Neigungen liegen zu weit aus einander, undschon die ent[S. 3]sprechenden Wirthshäuser kennzeichnen Beide auf dasEntschiedenste.

Der Amerikaner ist rastlos in seinen Genüssen wie in seinem Geschäft,und kennt in beiden keine Ruhe. Er arbeitet rasch, aber ebenso ißt erauch, und verschlingt Mittags die Speisen weit eher, als daß er sieordentlich verzehrt. Eben so wenig hält er sich beim Trinken auf, undso oft er auch über Tag einen Schenkstand besuchen mag, er setztsich nie dazu, läßt sich sein Glas einschenken, stürzt es hinab undgeht weiter.

Das verträgt der Deutsche nicht, weder daheim noch in Amerika, denner will seinen Stuhl und seinen Tisch haben, um, was ergenießt, auch in aller Ruhe und Gemüthlichkeit zu verzehren, und sichdabei gehörig auszusprechen. Sehr natürlich fühlt er sich — mitdiesen Neigungen — in amerikanischen Wirthshäusern, in denener auch meistens sein gewohntes Bier vermißt, nie recht wohl, und nurdie ächt amerikanisirten Deutschen (beiläufig gesagt der widerlichsteMenschenschlag von Renegaten, der sich auf der Welt nur denken läßt)affektiren die amerikanische Sitte und halten es für unter ihrer Würde,sich in ein deutsches Bierhaus zu setzen, in dem sie sich doch sonstwohl genug fühlten.

[S. 4]

In Pittsburg gab es nun schon damals verschiedene derartige deutscheLokale; den besten Ruf hatte aber jedenfalls der „Lindenbaum“, undverdiente ihn auch, obgleich er von keinem Wirth, sondern nurvon einer Wirthin gehalten wurde.

Die „Wittwe Reuter“ war nämlich eine Frau noch in ihrenbesten Jahren, und verstand vollkommen einer solchen Wirthschaftvorzustehen. Vor einem halben Jahrzehnt nach Amerika, ebenverheirathet, ausgewandert, hatte sie ihren Mann, wie sie kaum den Fußauf amerikanischen Boden gesetzt, an einem hitzigen Fieber verloren.Sie war damals erst 22 Jahre alt, aber von festem, entschlossenemCharakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zulegen. Sie verzagte auch deßhalb in dieser schweren Lebenssorge nicht,sondern griff rüstig zu, um sich ihren Unterhalt selber und allein zuerwerben. Anfangs wusch und nähte sie für fremde Leute, dann trat sieals Wirthschafterin in ein sogenanntes Kost- oder Boardinghaus, undverdiente sich, mit rastlosem Fleiß und eiserner Sparsamkeit, endlichso viel, um selber ein ähnliches kleines Hotel, das gerade zum Verkaufausgeboten wurde, übernehmen zu können.

Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihrgekocht würde, verbreitete sich bald[S. 5] in Pittsburg, und da sie außerdemdie besten Getränke zu verhältnißmäßig billigen Preisen ausschenkte, sokonnte es nicht fehlen, daß sich ihr Geschäft hob und sie hübsches Gelddabei verdiente.

Besonders hatte sie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildetenLandsleuten zu Gästen, die hier, aus sich selbst heraus und ohneStatuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jedenfremden Landsmann ebenfalls dorthin zogen. Gemischt wardie Gesellschaft übrigens, das ließ sich nicht leugnen, aber nurin der Art, wie es in Amerika „gemischte Gesellschaften“ gibt. AnBildung, Sitte und Intelligenz paßten sie Alle zusammen,nur in ihren Beschäftigungen unterschieden sie sich allerdingsbedeutender. So bestand denn auch die kleine Zahl von Stammgästen,die sich allabendlich dort zusammenfand, aus ein paar Aerzten, einemApotheker, einem Advokaten, einem Bankbeamten und einem Geistlichen,auch ein Baron war dabei, der aber freilich das bescheidene Amt einesZeitungsträgers bekleidete. Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu— daheim waren sie Dr. philosophiae gewesen, dann ein Schmied— der frühere Stallmeister eines Herzogs von —, der Redakteur desPittsburger Beobachters mit zwei Setzern, wie noch ein paar jungeKaufleute — und der Klub[S. 6] wurde noch außerdem durch zeitweilige Fremdeverstärkt.

So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pittsburg anlief, zwei Feuerleuteeines der Ohio-Dampfer in den Klub, die ihr saures Brod zwischenNegern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und inihren blauen Matrosenhemden und schottischen Mützen — was wenigstensdas Aeußere betraf — kaum recht in die Gesellschaft zu passenschienen. Aber es waren prächtige junge Leute — der Eine aus eineraltadeligen deutschen Familie stammend, der Andere ein junger Advokat,und der englischen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier schon zuplaidiren. — Und was that es dabei, daß sie in der schwersten undniedrigsten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf gesucht? Sie verdientensich ihr Brod ehrlich, und waren hier willkommener, als esmancher befrackte Herr mit Stern und Ordensband gewesen wäre.

Und lustige Abende wurden da verlebt, das ist gewiß, denn keineEtikette galt, kein steif gezwungener Ton konnte aufkommen, und dochherrschte Anstand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen gewesen, diezu verletzen — die Thüre des „Lindenbaumes“ würde sich ihm nie wiedergeöffnet haben.

Zu den fleißigsten und ältesten Besuchern dieses[S. 7] wackeren deutschenWirthshauses gehörte übrigens Dr. Peters, und die übrigen Gästebehaupteten auch, die Wittwe Reuter habe ihn mit als Inventar vondem früheren Eigenthümer überliefert bekommen. Peters war überhauptin Pittsburg eine sehr bekannte Persönlichkeit, und seines trockenenHumors wegen überall gern gesehen — nur als Arzt schien er nichtbesonders zu reussiren — er war nie sehr glücklich in seinen Kurenund hatte dabei eine etwas rauhe Manier mit seinen Kranken umzugehen,so daß ihm in der That sehr viele freie Zeit blieb, und seineBekannten behaupten wollten, er habe die „Nachtklingel“ an seiner Thürnur für eigenen Bedarf anbringen lassen, um nicht ausgeschlossen zuwerden, wenn er Abends spät aus seinem Wirthshaus käme.

Er lachte übrigens selber darüber, und konnte es auch recht gut mitansehen, denn wenn ihm seine Praxis wenig einbrachte, so besaß erdoch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, sondern auchnoch außerdem einen sehr vortheilhaften Antheil an verschiedenenbenachbarten Kohlenminen. Das setzte ihn in den Stand, sorgenfrei zuleben, und er lebte auch in der That so, und daß er das Wirthshaus zumLindenbaum so oft besuchte, war außerdem kein Zeichen einer Neigung zurUnmäßigkeit, oder zur[S. 8] Schwelgerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlichmäßig, und nur in fröhlicher Gesellschaft ließ er sich manchmal so weithinreißen, mit einem kleinen „Spitz“ nach Hause zu gehen. Eigentlichbetrunken hatte ihn noch Niemand gesehen.

Der Doktor war dabei ein seelenguter Mensch, und wer ihn näher kennenlernte, gewann ihn auch lieb; außerdem ging er gern und immer auf einenScherz ein, selbst wenn er auf seine Kosten ausgeführt wurde,und konnte dann auf das Herzlichste mitlachen.

Uebrigens hatte er manche Eigenheiten — keine aber, die einemseiner Freunde je lästig werden durfte. So war er z. B. entsetzlichabergläubisch, und ließ manchen Spott deßhalb über sich ergehen,änderte sich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mitdem Kopf, als ob er es doch besser wisse, als alle die Anderen. Sohätte er sich nie zu dreizehn an einen Tisch gesetzt, nie an einemFreitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er stieg gewissenhaftjeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerst aus seinem Bette, und was altewürdige Frauen mit Nägelabschneiden, Salat essen an gewissen Tagen,Eierschaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorschrieben,beobachtete er auf das Peinlichste.

[S. 9]

Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und seine Freunde besonders, diebald herausfühlten, daß er den „Lindenbaum“ nicht allein seiner gutenGetränke, sondern mehr noch der hübschen Wirthin wegen frequentire,hegten die stille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztlicheBeschäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den „Lindenbaum“mit der Frau Reuter übernehmen werde.

Grund genug hatten sie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gast imHause — ja mehr als das, er verplauderte auch manche müßige Stunde mitder jungen Wittwe, und wurde zuletzt sogar zu einer Art von Factotumim Hause. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, welche Noth siemit ihren Büchern und besonders mit dem Einkauf ihrer verschiedenenProvisionen habe — wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt— und er nahm sich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht alleinbrachte er ihre Bücher in Ordnung und machte fast täglich die laufendenEinträge, sondern er zeigte ihr auch noch manche Verbesserung in ihrerWirthschaft und gab ihr überdies durch seine große Bekanntschaft guteQuellen an, von wo sie ihre Provisionen und Getränke in bester Qualitätund zu billigen Preisen bekommen konnte, ja verschaffte ihr sogarin mehreren Häusern einen[S. 10] neuen und höchst vortheilhaften Kredit.Er schien überhaupt — wie die böse Welt wissen wollte — viel mehrTalent zu einer culinarischen wie medicinischen Thätigkeit zu haben,und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthinprophezeihten, war wohl natürlich — und trotzdem fand sie nicht statt.

Aber weßhalb nicht? Er hatte sie gern; das leugnete er nicht einmal,und seinen

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