» » Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3)
Neue gesammelte Erzählungen
Category:
Title: Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen
Release Date: 2019-03-07
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
Count views: 46
Read book
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 29

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenenBuchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnlicheund altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Originalunverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Endedes jeweiligen Kapitels der betreffenden Erzählung verschoben. Umlautein Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden in ihrer Umschreibung dargestellt(Ae, Oe, Ue).

Passagen in Antiquaschrift werden im vorliegenden Text kursiv dargestellt.Abhängig von der im jeweiligen Lesegerätinstallierten Schriftart können die im Original gesperrtgedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohlserifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Hüben und Drüben.

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Dritter Band.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1868.

Inhaltsverzeichniß.

    Seite
1. Das Loch in der Hose   1
2. Richter Black 163
3. Martin 253
4. Hasenjagd bei Gotha 310

[S. 1]

Das Loch in der Hose.

Erstes Kapitel.
Auf der Promenade.

Der warme Sonnenschein des ersten wirklichen Frühlingstages hatteeine Menge von Menschen hinaus in’s Freie gelockt, und der sogenannte„Promenadenweg“ in der Stadt Hoßburg zeigte Schwärme von fröhlichenStadtbewohnern. Verließen sie doch jetzt den langen Winter hindurchin ihren Häusern eingeengt, wie die Bienen ihren Bau, um sich an demblauen Himmel und der milden, balsamischen Luft zu erfreuen.

Ein Frühling in Deutschland! — Man mag unser nordisches Klima mitRecht verlästern und sich zehn Monate im Jahr fragen, wie es möglichist, daß vernunftbegabte Menschen es in einem solchen Himmelsstrichaushalten, und im Winter der Kälte, im Sommer der Hitze und imHerbst den rasenden Nordweststürmen wieder und wieder trotzen. Eineinziger Frühlingstag giebt die Antwort, und wie[S. 2] ein immer gesunderMensch eigentlich nie weiß, daß er gesund ist, und sich deßhalbseines vortrefflichen Zustandes auch gar nicht recht erfreuen kann,ebenso weiß kein Bewohner der Tropen, wo ewiger Frühling herrscht,das zauberschöne Wort Frühling zu schätzen — ja, er hat es nichteinmal in seiner Sprache und keine Ahnung davon, welches Entzückenuns durchströmt, wenn nach dem langen Winterschlaf die Natur endlichdoch wieder erwacht und der Frühling mit schmetternden Lerchenfanfarenseinen fröhlichen Einzug hält.

Es giebt keine wonnigere Zeit in der Welt als einen deutschen Frühling,und nicht allein in das kleine Herz des Wandervogels zieht die Luftein, hinaus in’s Freie, fort fortzustreben, immer fort, in die weiteherrliche Welt; nein, der Mensch empfindet das Nämliche, und welchesGeschäft er auch treibe, welches Amt, welche Pflicht ihn an die Schollefesselt, in der Zeit wird es ihm am schwersten, derselben zufolgen, und er benutzt wenigstens jeden freien Moment, um auszufliegen,soweit ihn seine Kette läßt. Leider ist diese Kette nur bei den meistenLeuten entsetzlich kurz, und beschränkt ihre „Wanderlust“ auf dasdürftigste Maß — einen Spaziergang um die Stadt herum, aber — „sieschöpfen doch wenigstens frische Luft“,[S. 3] und auch in Hoßburg hatten siesich das heute zu Nutz gemacht.

Wie das herüber und hinüber wogte, von fröhlichen lachenden Gruppen,und wie zahlreich eigentlich das schöne Geschlecht vertreten war, dasheute, am ersten Mai, auch zuerst die langersehnte Gelegenheit bekommenhatte, schon längst bereit liegende Frühlingskleider in Glanz und Lichthinauszutragen! Wie an einem Sonn- und Feiertag war das junge Volkgeputzt; und wie das dabei mit einander kicherte, lachte und plauderte,und wie sorgfältig es einander musterte und prüfte!

Wenn sich weit draußen in See zwei Schiffe begegnen, so stehen diebeiden Kapitäne jeder an seinem Bord mit dem Fernrohr in der Hand,um erst einmal die Flagge zu erkennen, und wenn die nicht gezeigtwird, nach der Takelage und dem ganzen Schnitt der „rigging“das fremde Fahrzeug „auszumachen“. Alles wird dabei auf das Genauestebeobachtet, der Stand der Masten, der Schnitt der Segel, der Bau desRumpfes vom Bug zum Heck, selbst die Malerei an Bord, und erst völligaußer Gesichtsweite schiebt der Seemann sein Teleskop wieder zusammenund tauscht mit dem Steuermann seine Bemerkungen über das fremde Segel.

[S. 4]

Dieselbe Beobachtung können wir an Land machen, wenn sich zwei fremdeDamen auf der Straße begegnen und ihre Flagge nicht zeigen —d. h. einander nicht grüßen. Keine verwendet, während sie aneinandervorbeisegeln, einen Blick von der „rigging“ oder Takelage derAnderen; jedes Band wird gemustert, jede Blume auf dem Hut oder imHaar, Besatz und Schnitt des Kleides oder Ueberwurfs abgeurtheilt. Miteinem langen Blick, „vom Bug zum Heck“, fliegt das prüfende mitleidloseAuge und übersieht Nichts, sei es noch so klein und unbedeutend, keinefalsche Locke, keinen gefärbten Besatz, keine unächte Spitze, keinenaltmodigen Schnitt irgend eines Theils — bis das fremde Fahrzeugvorüber gesegelt ist, und selbst dann noch wendet sich der hübsche Kopfprüfend zurück und erröthet leicht und dreht sich rasch wieder ab, wenner die nämliche beobachtende Bewegung am Gegenpart bemerkt.

Und welche prachtvolle Gelegenheit, solch’ praktische Erfahrung infremder Toilette zu erwerben, bietet ein solcher erster Frühlingstag,wo nicht allein die Blumen und Blüthen draußen in Wiese und Waldanzukommen anfangen, sondern in vollem Farbenschmuck schon auf denHüten und Wangen der jungen Mädchen strahlen — wer hätte sie versäumenmögen!

[S. 5]

Ganze Trupps junger Schönen wanderten auf und ab, lachend undplaudernd, wenn sie sich begegneten, und ehrbar und züchtig wiedergrüßend, wenn junge Leute ihrer Bekanntschaft vorüber gingen, nachdenen sie aber um’s Leben nicht den Kopf hätten drehen dürfen — wieschwer ihnen das oft auch wurde.

Die munterste von Allen war die sonst eigentlich weit mehr ernsteund sinnige Tochter des Justizraths von Hochweiler, Elisabeth, einereizende Brünette von vielleicht neunzehn Jahren, und sie vor allenAnderen musterte die ihr Begegnenden. So still und ehrbar sie aber auchan ihnen vorüber schritt, nicht eine falschgelegte Falte entging ihremBlick, und mit viel Geist und einem trefflichen Humor wußte sie immer,sobald sie vorbei waren, so treffende und oft komische Bemerkungen zumachen, daß ihre Begleiterinnen manchmal kaum ein lautes und jedenfallsunschickliches Lachen unterdrücken konnten.

Auch die Herren entgingen der scharfen Geißel ihres unerbittlichenWitzes nicht. Je freundlicher und ehrerbietiger sie grüßten, destoschärfer wurden sie durchgenommen und reichen Stoff boten sie ja. —Der trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wie ein Oberkellner, Jenereinen Zwicker im Auge, wie ein Lieutenant — dieser war geschnürt, derAndere hatte[S. 6] Sporen angeschnallt und wußte nicht einmal, von welcherSeite man „gewöhnlich“ auf ein Pferd hinaufsteigt; kurz, es kam Keinerohne einen kleinen Seitenhieb vorbei, und je harmloser diese auch imGanzen waren, desto besser amüsirten sich die jungen Damen dabei.

So waren sie schon fast um die ganze Promenade herumgeschrittenund wieder in der Nähe ihrer eigenen Wohnung angelangt, als ihnenein junger Mann begegnete, der durch seine äußere Erscheinung ihreAufmerksamkeit plötzlich fesselte.

Er ging allerdings sehr anständig, ja, elegant gekleidet, aber indem etwas steifen Hoßburg war das Auge in der Tracht an eine gewisseAdrettheit — ja, man hätte sagen können Pedanterie gewöhnt — wie dasmeist immer in Handelsstädten der Fall ist, und davon wich der ihnenBegegnende allerdings auffällig ab. Das konnte keinenfalls ein Kaufmannsein — darin waren die jungen Damen augenblicklich einig, denn schondie unverkennbare Nonchalance, mit der er sich bewegte, harmonirte nunund nimmer mit dem regelmäßigen Geschäftsgang der Stadt.

Er trug einen vollen, nur etwas kurz gehaltenen, doch sorgfältiggepflegten Bart — aber — an der Weste war nur der zweite und dritteKnopf zugehakt[S. 7] und das schwarzseidene Halstuch hielt locker den,allerdings schneeweißen Hemdkragen zusammen. Ebensowenig saß ihmder Hut vorschriftsmäßig und nach Geschäftsbegriffen steif auf demScheitel, sondern neigte, wenn auch nicht übermäßig viel — doch etwasnach der rechten Seite über. Außerdem trug er ein kleines, in Papiergeschlagenes Paket unter dem Arm — lauter Dinge, die nicht recht nachHoßburg paßten.

Elisabeth’s Blicke flogen aber unwillkürlich nach seinem Knie hinab,denn dort zog eine auffallende Unregelmäßigkeit ihr Auge auf sich. DasBeinkleid war nämlich an jener Stelle zerrissen und zwar nicht etwawieder ausgebessert, sondern ein Stück des leichten, hellgestreiftenTuchs hing offen herab, als ob der Eigenthümer vielleicht eben erst aneinem Nagel hängen geblieben wäre, und den Schaden nicht einmal bemerkthätte — er würde sich doch sonst sicher nicht in dem Zustand aufoffener Promenade gezeigt haben.

Jetzt passirte er sie, wie fragend hob sich ihr Auge zu ihm auf undihre Blicke begegneten sich, ja, die junge Dame hatte ihn unwillkürlichso fest angeschaut, daß er, als er an ihr vorüberging, unwillkürlichden Hut zog, und ihr damit das Blut in Wangen und Schläfe jagte.

[S. 8]

„Kanntest Du den Herrn mit den zerrissenen Unaussprechlichen, Lily?“kicherte ihr die noch jugendliche Schwester in lachendem Uebermuth zu,als der Fremde kaum weit genug entfernt sein konnte, selbst die Wortezu verstehen, denn ihren Klang mußte er jedenfalls gehört haben.

„Aber Käthchen,“ rief Elisabeth erschreckt, „das schickt sich ja garnicht.“

„So in der Stadt herumzulaufen, nicht wahr?“ lächelte das jungemuthwillige Mädchen, indem sie den Kopf zur Seite wandte, aber jetztselber bestürzt wieder herumfuhr, „wahrhaftig er sieht sich nach unsum.“

„Du bist auch gar zu ausgelassen, Käthchen,“ ermahnte sie die ältereElisabeth, „wer dreht den Kopf nach einem Herrn, wenn er vorübergeht.“

„Als ob Du das nicht vorher selber gethan hättest,“ spottete das jungeMädchen, „als der Marineoffizier an uns vorüberging.“

„Weil ich die Uniform sehen wollte,“ sagte Elisabeth.

„Wie sie saß, nicht wahr?“ lachte Käthchen. „Aber wer das nur gewesensein mag; sicher kein hiesiger Kaufmann, vielleicht ein Fremder, dereben erst von Australien oder Ostindien angekommen ist.[S. 9] Und wie wirder sich ärgern, wenn er merkt, daß er hier mit zerrissenen Kleidernpromenirt hat.“

„Laß uns umkehren,“ sagte Elisabeth plötzlich.

„Ja,“ rief Käthchen rasch, „vielleicht begegnen wir ihm noch einmal.“

„Aber deßhalb doch nicht,“ sagte Elisabeth und fühlte trotzdem, daß siewieder roth wurde, „es wird auch schon spät und wir müssen nach Hausezurück.“

„Und den Marineoffizier treffen wir gewiß wieder am Rothenthor. — Erwohnt im Hotel Belvedere.“

„Und woher weißt Du das, mein Schatz?“

„Weil ich ihn ein paar Mal gesehen habe, wie er sich vor dem Hotelnach Tisch die Zähne stocherte,“ lachte Käthchen. „Du wirst mir alsozugestehen müssen, daß es ohne Zauberei zugegangen ist.“

Noch während sie sprachen, fuhr eine offene Droschke vorüber, und derHerr mit dem zerrissenen Beinkleid saß darin. Er mußte seinen Schadenbemerkt haben, denn sein Taschentuch in der Hand haltend, ließ er esüber das linke Knie fallen. Die Damen schien er aber nicht wieder zubemerken, sondern sah still und theilnahmlos hinaus in’s Leere.

Die jungen Mädchen sprachen noch eine Weile über das Zusammentreffen,aber andere ihnen Begegnende verwischten bald wieder die nur flüchtig[S. 10]aufgenommenen Bilder, und schon ehe sie nach Hause zurückgekehrt waren,dachte wenigstens Käthchen an keinen der Herren mehr, die sie unterwegsgetroffen hatten, und plauderten nur unaufhörlich von den prachtvollenToiletten, die sie heute gesehen, von den „süßen“ Roben und Blumen unddem wundervollen Wetter, wie dem herrlichen Spaziergang.

Zweites Kapitel.
Der Mord.

Auf den sonnigsten Tag folgt oft ein trüber Abend. Plaudernd undlachend kehrten die jungen Mädchen in ihre eigene Wohnung zurück undfanden dort das ganze Haus in Aufruhr und Schrecken und die Menschenherüber und hinüber laufend.

Ein Mord war

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 29
Comments (0)
Free online library ideabooks.net