» » Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes

Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes

Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele
Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes
Category:
Author: Wenzel Max
Title: Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes
Release Date: 2019-03-10
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
Count views: 97
Read book
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 17

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt.Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.Im Original in Antiqua gesetzte Passagen sind so markiert.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sicham Ende des Buches.

Cover

Erzgebirgische
Christ- und Mettenspiele

Ein Versuch
zur Rettung alten Volksgutes

von

Max Wenzel.

Signet

1921.
H. Thümmlers Verlag in Chemnitz.


Der

Chemnitzer Volkshochschule

und ihrem verdienten Leiter

Herrn Studienrat Dr. Hans Keller

in Verehrung gewidmet.

Dekoration

[5]

Vorwort.

Dies Büchlein will nichts, als eine Unzahl Blütenalterzgebirgischer Volkspoesie, die bisher verstreut oder vergessenwaren, zu einem kunstlosen Strauße binden.

Volkslied und Volksdichtung sind lange nicht mehrkaum geduldete und mitleidig belächelte Begriffe imdeutschen Kunstleben. Das Volkslied erklingt auf allenWegen und Stegen, daheim und im Konzertsaal; die Volksdichtunghat verständnisvolle Leser und das Volksbühnenspieldurch Haaß-Berkow begeisterte Hörer und Miterlebergefunden. Die sentimental-süßliche für das Volkzurechtgestutzte Volkskunst ist als falsches Gold erkanntund entwertet worden und mit gediegener Eigenprägungwartet die künstlerische Münze unseres Volkes auf.

Durch alle Gegenden des deutschen Landes braust einvoller Chor zum Preise unseres unverfälschten Volkstums,möge das Stimmlein dieses Buches ihn verstärken helfen!


[6]

»Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vomKaiser Augustus ausging«, so beginnt die lieblichste allerreligiösen Erzählungen. Alle Fragen geschichtlicher Kritikund fordernder Dogmatik schweigen bei dieser Weihnachtsgeschichteund selbst der dem Christentum Abgekehrte läßtdie heiligen Märlein gern auf sich wirken und feiertselige Kindheitserinnerungen. Wie ein echtes und rechtesVolkslied mutet dieser Bericht von der Geburt desHeilandes an. Das traute hochheilige Paar im dunklenStalle, wo der Weltenheiland nackt und arm geboren wird.Aus der Tiefe muß er emporsteigen, der sein Volk zurHöhe führen will. Und den armen und verachteten Hirtennaht der himmlische Herold und schickt sie zu dem frierendengöttlichen Kinde. Auch der geheimnisvolle Orient mußvertreten sein, darum erscheinen die drei Weisen aus demMorgenlande, sogar ein wirklicher Neger ist dabei, undstellen ihre reichen Gaben in den Stall. Gegensätze überGegensätze, wie sie das Volk liebt.

Darum war es der glücklichste Gedanke der altchristlichenKirche, die volkstümlichste Erzählung der heiligen[7]Schriften in den Mittelpunkt eines Festes zu stellen, dasheute noch seinen Zauber auf Gläubige und Ungläubigeausübt.

Seine ganze Liebe hat das Volk von jeher über diesesFest ausgegossen. Die Volkssitte umgab es mit einembunten Kranze von volkstümlichen Sitten und Gebräuchen,die es von jedem anderen Feste unterscheiden. Was ankünstlerischer Begeisterung und inbrünstiger Liebe im Volkeschlummert, von dem Rauschen der Engelsfittige ward esaufgeweckt und auf allen Kunstgebieten entstanden köstlicheWerke naivsten Kunstempfindens. Aus ungefügen Holzklötzenformte sich die Gottesmutter mit dem Kinde, umden Kirchen ein festlicher Schmuck zu sein. Der Winkelder Wohnstube bevölkerte sich mit allerlei buntem Schnitzwerk,das die liebliche Erzählung figürlich darstellte. Insüßen Liedern und innigen Versen ward das hochheiligePaar gepriesen. Und die aus der Tiefe des Volksschöpfende Kunst fand einen Schacht voll Gold und Edelsteinen,sodaß sie noch heute der Ausbeute froh wird.Die darstellenden Künste, Tonkunst und Dichtkunst habengleichen Anteil an der Hebung der Schätze. Ja auch dieAnfänge der Schauspielkunst berühren sich mit der volkstümlichenDarstellung der Geburtsgeschichte des liebenswertestenaller Menschen.

Von altersher hat das Volk an dramatischen Vorführungenseine Freude gehabt, sowohl als andächtigerHörer, wie als eifriger Mitspieler. Die Uranfänge dieser[8]dramatischen Betätigung liegen teils in dem vorchristlich-heidnischenMythos der Zwölfnächte, in denen, als inder Zeit der wiederkehrenden Sonne, die Götter lohnendund strafend Umzüge halten, teils in den Mysterien deraltchristlichen Kirche. Heute noch ziehen zur Weihnachtszeit,wie in den alten Zeiten, in Norddeutschland der Schimmelreiter,der Breithut, Wotans wilde Jagd, Berchta undHolle, mehr nach dem Süden zu in mehr oder wenigerchristlicher Aufmachung der Pelzmärtel, der Knecht Ruprecht,St. Niklas und andere Göttergestalten umher. DieKirche, die sich mit ausgezeichnetem Geschick dem altenVolksglauben anzupassen verstand, legte schon das Festder Geburt des Heilandes in die mit mystischem Geisteerfüllte Zeit der Wintersonnenwende. Die alten Göttermußten sich eine Umtaufe in Gestalten der christlichenLegende gefallen lassen. Götter und Bräuche der Julzeitwurden leicht mit den ansprechenden Verhältnissen undPersonen des Weihnachtsevangeliums verquickt. So kamchristlich-religiöses in den germanischen Gotteskult, aberumgedreht drang auch liebes Altgewohntes und Schwerzuvergessendesin den christlichen Volksglauben ein.

Die Kirche war bestrebt, dem neuen Feste einen mystischenZauber zu verleihen, wußte sie doch, daß sie damit dieschlichten Naturmenschen unwiderstehlich in ihren Bannzog. Daher wirkte sie durch prächtige Gewänder, Weihrauch,Lichter, durch süße schmeichelnde Gesänge auf dieHörer ein, ja sie verschmähte auch die dramatische Darstellung[9]des Weihnachtsmysteriums in ihren Gotteshäusernnicht. Dies dürften auch die Anfänge der deutschen Schauspielkunstsein. Aber wie das griechische Drama aus demGeiste der Musik entstanden ist, so wurden auch die ältestenWeihnachtsspiele gesungen und zwar lateinisch. Dies schloßzunächst eine Mitwirkung der Laien an den Spielen vollständigaus. Die Kirche mochte wohl erkennen, welchetiefe Wirkung sie mit diesen Darstellungen auf ihre Gläubigenausübte und war bemüht, diese Wirkung noch zuvertiefen, dadurch, daß sie die Spiele volkstümlich gestaltete.Nach und nach trat ein Laie nach dem andern in dieDarsteller ein. Mehr und mehr erklangen deutsche Laute,ja endlich blieben nur die eigentlichen überirdischen Aussprachen,wie das Gloria der Engel, das Ave Marialateinisch bestehen. Mit dem Eindringen des Volkes indiese geistlichen Spielergesellschaften traten gewisse Elementein die Dichtungen selbst, die wohl zunächst von der Kirchenicht beabsichtigt waren, dann stillschweigend geduldetwurden, bis sie endlich eine Gefahr für die ganze Weihedes Ortes und der Handlung bildete. Das Volk drückteseine Gefühle des Wohlwollens mit einzelnen Personenund Verhältnissen anders aus, wie die gelehrte Geistlichkeites wünschte.

Die in alten Zeiten herrschende Derbheit, ja Rohheitließ die Spiele nicht unberührt, allerhand Allzuweltlichesmischte sich hinein, es entstanden Unzuträglichkeiten, dieschließlich den Geistlichen die Teilnahme an den Spielen[10]verboten und diese aus den Gotteshäusern verwies. DieSpiele waren für die große Masse des Volks berechnetund dieses wollte sein Vergnügen haben, darum mengtees Heiliges und Possenhaftes seelenruhig durcheinander.Man ist ehrlich überrascht, wenn man sich in dieses alteVolksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgebenuns, guter echter Volksliederton. Wie nüchtern und einsamkommen uns die paar Weihnachtslieder vor, die unserenChristfeiern geblieben sind.

Ebenso stark ist aber auch eine gewisse Befremdungüber den unerhört freien und kecken Ton, in dem hier dieheiligen Gestalten und Ereignisse behandelt werden. Dieallzu große Intimität und Heimatlichkeit möchte uns fastzweifeln lassen, ob nicht etwa hier schon gespottet wird.Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheitgeworden. Draußen auf dem Feld am Bergwaldhat sich alles zugetragen. Zwischen die Veitel und Stöffel,Matz und Jaköbl platzt auf einmal so ein unerhörtesGeschehnis, wie das Erscheinen eines Engels, hinein. Dochman betrachtet die Sache mit gutem Humor. Es gehtso gemütlich zu, daß man das »Fürchtet euch nicht!« desEngels recht unnötig findet. Der Joseph ist ein alterMann, schon so zittrig, daß er den Brei des Christkindleinsverschüttet, er geht ganz krumm und hustet fortgesetzt.Man muß es recht deutlich merken, daß er vielzu alt ist, um der natürliche Vater des Kindleins sein zukönnen. Und der König Herodes ist doch ein recht[11]dummer Teufel, der sich von den drei Weisen und demEngel Gabriel nasführen lassen muß. Ueberhaupt, wasan biblischen oder dogmatischen Tönen erklingt, mutet fastetwas fremd an. Es klingt, als wenn in das lustige Geplapperder Kinder eingelernte Bibelsprüche und Liederverseaus dem Gesangbuch gemischt werden. Mir erscheintdie volkstümliche Behandlung der biblischen Erzählunggeradezu charakteristisch für den deutschen Volkshumor.Dieser verbindet gern einen kleinen Scherz, jasogar einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen derAchtung und Ehrfurcht. Ist es bei Gottfried Keller, WilhelmRaabe und Fritz Reuter nicht ebenso? Auf dem Gebieteder Religion haben wir diesen Humor durch die zeitweiligeEinwirkung einer erkältenden Orthodoxie etwas verloren.Gerade dieser Humor ist ja alles andere wie eine Verhöhnung.Nur mit Personen, die seinem Herzen nahestehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubtsich das Volk solch köstlichen Spott.

Die Freude an solchen Spielen war in Deutschlandallgemein. Besonders in Schlesien und Süddeutschlandwaren sie zu Haus. Von hier brachten sie zuziehendeBergleute, die das Gerücht von dem fabelhaften Silberreichtumdes Erzgebirges von ihrer Heimat weglockte,in unsere Berge. Nicht gedruckt oder handschriftlich wurdensie mitgebracht. Einer oder der andere hatte zu Hausschon den Joseph, den Wirt oder einen Hirten gespielt.Seine Rolle kannte er genau, die anderen waren ihm zum[12]Teil auch geläufig. Was noch fehlte, konnten andere ergänzen,die ebenfalls zu Haus an solchem Tun teilgenommenhatten. Im Notfall wurde auch ein Verslein hinzugedichtet.So sind jedenfalls die erzgebirgischen Weihnachtsspieleentstanden.

Es erscheint unzweifelhaft, daß sie hauptsächlich ausSchlesien zu uns gekommen sind. In dem grundlegendenWerke »Weihnachts-Spiele und Lieder aus Süddeutschlandund Schlesien« von Dr. Karl Weinhold (ordentl. Professoran der Universität Kiel, neue Ausgabe 1875 bei Braumüllerin Wien erschienen) treten einige schlesische Spiele auf, die manohne Zweifel als die Urformen der erzgebirgischen Spieleansehen kann. Man vergleiche das nachfolgende Christkindliedaus Niederschlesien mit dem Beginn der späterin diesem Hefte angeführten Wiesaer Engelschar.

Der Engel tritt ein, weißgekleidet, in der Hand einSchwert und singt:

Vom Himmel hoch da komm ich her,
ich bring euch neue gute Mär,
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing und sagen will.

Das Christkind tritt ein, bunt gekleidet, in der Handeine Rute und singt:

Ein schön guten Abend geb euch Gott,
ich komm herein ohn allen Spott.
Hat es auch fromme Kinder innen,
die fleißig beten und singen künnen,
die fleißig in die Schule gehn
[13]und züchtig vor dem Tische stehn.
Wenn sie fleißig beten und singen,
so werd ich eine große Bürde bringen.

Engel.

Ei, liebes Christkind, wenn ich dir soll die rechte Wahrheit sagen,
so muß ich über die kleinen Kinder klagen,
des Morgens wenn sie aufstehn,
kein Gebet aus ihrem Munde geht,
Die Bücher tun sie zerreißen,
die Blätter in die Winkel schmeißen.

Christkind.

Ei lieber Engel, hätt ich das eher vernommen,
in das Haus wär ich nicht gekommen;
da hätt ich mir meine Gaben erspart
und wär wieder gen Himmel gefahrn.

Engel.

Ei liebes Christkind, bis nicht to hart
gegen die kleinen Kinder zart!
sie wollen fromm sein und beten,
daß du kannst mit deine Gaben vor sie treten.

Christkind.

Ach lieber Engel, weil du der Kinder tust gedenken,
so will ich ihnen etwas geben und schenken,
damit sie an das heilge Christkind gedenken.

Das Christkind teilt seine Gaben aus, unterdessensingt der Engel:

Ach liebes Christkind, wenn ich wär wie du,
so hieb ich mit der Rute zu.

[14]

Der Engel und das Christkind bleiben voreinander stehen und singen:

Wir stehen auf einem Lilienblatt
wir wünschen euch allen eine gute Nacht,
ein schöne gute Nacht, ein fröhliche Zeit,
die uns Herr Christus vom Himmel bereit.

Im Herausgehen:

Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht,
wir haben uns noch weiter bedacht;
wir haben draußen stehen ein schönen Wagen,
Der ist mit lauter Gold und Silber beschlagen.

An einigen herausgegriffenen Beispielen sollen weitergewisse Uebereinstimmungen zwischen den schlesischen underzgebirgischen Spielen festgestellt werden. Dabei wurdein den meisten Fällen die Rechtschreibung des Originalsbeibehalten, auch gewisse Verballhornungen lateinischerSentenzen blieben bestehen, z. B. das typische »Landevere«für laudavere.

[15]

Niederschlesisches Spiel.[1]

Einen schön guten Abend geb euch Gott
ich komm herein ohn allen Spott.

ReichenbacherDreikönigsspiel.

Wir treten herein ohn allen Spott,
einen schön guten Abend den geb euch Gott,
einen schön guten Abend, ein fröhliche Zeit,
die uns Herr Christus hat bereit.

ReichenbacherDreikönigsspiel.[2]

Laban:

Jetzt tret ich wieder herein ins Haus,
meine Sachen hab ich gerichtet aus.
Viel tausend Mann hab ich erschlagen,
trotz dem, der mir ein Wort kann sagen!
Die Kinder schrien zwar jämmerlich,
bei mir war kein Erbarmen nich.

Ernstthaler Spiel.[3]

Wir treten herein ohn allen Spott,
einen schönen guten Abend, den geb euch Gott,
einen schönen guten Abend, eine fröhliche Zeit,
die Sie und Ihre Kinder erfreut.

Thalheimer Spiel.[4]

Kriegsknecht:

Viel tausend Mann hab ich erschlagen,
trotz dem, der mir ein Wort kann sagen,
die kleinen Kinder schrien erbärmlich
bei mir war aber ganz und gar kein Verschonen nich.

Löwenheiner Spiel.[5]

Von Bethlehem komm ich zu Haus
und hab mein Sach gerichtet aus:
Viele tausend Mann
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 17
Comments (0)
Free online library ideabooks.net