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Casanovas Heimfahrt

Casanovas Heimfahrt
Title: Casanovas Heimfahrt
Release Date: 2006-04-11
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 25 March 2019
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CASANOVAS HEIMFAHRT

NOVELLE
VON

ARTHUR SCHNITZLER

1918

S. FISCHER • VERLAG
BERLIN


CASANOVAS HEIMFAHRT

In seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre, alsCasanova längst nicht mehr von der Abenteuerlustder Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit nahendenAlters durch die Welt gejagt wurde, fühlte er inseiner Seele das Heimweh nach seiner VaterstadtVenedig so heftig anwachsen, daß er sie, gleich einemVogel, der aus luftigen Höhen zum Sterben allmählichnach abwärts steigt, in eng und immer engerwerdenden Kreisen zu umziehen begann. Öfter schonin den letzten zehn Jahren seiner Verbannung hatteer an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man mögeihm die Heimkehr gestatten; doch hatten ihm früherbei der Abfassung solcher Satzschriften, in denen erMeister war, Trotz und Eigensinn, manchmal auchein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst dieFeder geführt, so schien sich seit einiger Zeit in seinenfast demütig flehenden Worten ein schmerzlichesSehnen und echte Reue immer unverkennbarer auszusprechen.Er glaubte um so sicherer auf Erhörungrechnen zu dürfen, als die Sünden seiner früherenJahre, unter denen übrigens nicht Zuchtlosigkeit,Händelsucht und Betrügereien meist lustigerNatur, sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherrendie unverzeihlichste dünkte, allmählich in Vergessenheitzu geraten begannen und die Geschichte seinerwunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,die er unzählige Male an regierenden Höfen,in adeligen Schlössern, an bürgerlichen Tischen undin übelberüchtigten Häusern zum besten gegebenhatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namenknüpfte, zu übertönen anfing; und eben wieder,in Briefen nach Mantua, wo er sich seit zwei Monatenaufhielt, hatten hochmögende Herren dem aninnerm wie an äußerm Glanz langsam verlöschendenAbenteurer Hoffnung gemacht, daß sich seinSchicksal binnen kurzem günstig entscheiden würde.

Da seine Geldmittel recht spärlich geworden waren,hatte Casanova beschlossen, in dem bescheidenen,aber anständigen Gasthof, den er schon in glücklicherenJahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffender Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sichindes die Zeit – ungeistigerer Zerstreuungen nichtzu gedenken, auf die gänzlich zu verzichten er nichtimstande war – hauptsächlich mit Abfassung einerStreitschrift gegen den Lästerer Voltaire, durch derenVeröffentlichung er seine Stellung und sein Ansehenin Venedig gleich nach seiner Wiederkehr bei allenGutgesinnten in unzerstörbarer Weise zu befestigengedachte.

Eines Morgens auf einem Spaziergang außerhalbder Stadt, während er für einen vernichtenden, gegenden gottlosen Franzosen gerichteten Satz dieletzte Abrundung zu finden sich mühte, befiel ihnplötzlich eine außerordentliche, fast körperlich peinvolleUnruhe; das Leben, das er in leidiger Gewöhnungnun schon durch drei Monate führte: dieMorgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus,die kleinen Spielabende bei dem angeblichen BaronPerotti und dessen blatternarbiger Geliebten, dieZärtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aberfeurigen Wirtin, ja sogar die Beschäftigung mit denWerken Voltaires und die Arbeit an seiner eigenenkühnen und bisher, wie ihm dünkte, nicht übel gelungenenErwiderung; – all dies erschien ihm, in derlinden, allzu süßen Luft dieses Spätsommermorgens,gleichermaßen sinnlos und widerwärtig; er murmelteeinen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wenoder was er damit treffen wollte; und, den Griff seinesDegens umklammernd, feindselige Blicke nachallen Seiten sendend, als richteten aus der Einsamkeitringsum unsichtbare Augen sich höhnend aufihn, wandte er plötzlich seine Schritte nach der Stadtzurück, in der Absicht, noch in derselben Stunde Anstaltenfür seine sofortige Abreise zu treffen. Denner zweifelte nicht, daß er sich sofort besser befindenwürde, wenn er nur erst der ersehnten Heimat wiederum einige Meilen näher gerückt wäre. Er beschleunigteseinen Gang, um sich rechtzeitig einenPlatz in der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergangin der Richtung nach Osten abfuhr; – weiterhatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen Abschiedsbesuchbeim Baron Perotti wohl schenkendurfte, und ihm eine halbe Stunde vollauf genügte,um seine gesamten Habseligkeiten für die Reise einzupacken.Er dachte der zwei etwas abgetragenenGewänder, von denen er das schlechtere am Leibetrug, und der vielfach geflickten, einst fein gewesenenWäsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenenKette samt Uhr und einer Anzahl von Büchern seinenganzen Besitz ausmachten; – vergangene Tagefielen ihm ein, da er als vornehmer Mann, mit allemNotwendigen und Überflüssigen reichlich ausgestattet,wohl auch mit einem Diener – der freilichmeist ein Gauner war – im prächtigen Reisewagendurch die Lande fuhr; – und ohnmächtiger Zorntrieb ihm die Tränen in die Augen. Ein junges Weib,die Peitsche in der Hand, kutschierte ein Wägelchenan ihm vorbei, darin zwischen Säcken und allerleiHausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag.Sie blickte Casanova, wie er verzerrten Gesichtes,Unverständliches durch die Zähne murmelnd, unterden abgeblühten Kastanienbäumen der Heerstraßelangbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierigspöttisch ins Gesicht, doch da sie ihren Blick zornigblitzend erwidert sah, nahmen ihre Augen einen erschrockenen,und endlich, wie sie sich im Weiterfahrennach ihm umwandte, einen wohlgefällig lüsternenAusdruck an. Casanova, der wohl wußte,daß Grimm und Haß länger in den Farben der Jugendzu spielen vermögen als Sanftheit und Zärtlichkeit,erkannte sofort, daß es nur eines frechen Anrufsvon seiner Seite bedurft hätte, um dem WagenHalt zu gebieten und dann mit dem jungen Weibanstellen zu können, was ihm weiter beliebte; doch,obzwar diese Erkenntnis seine Laune für den Augenblickbesserte, schien es ihm nicht der Mühe wert,um eines so geringen Abenteuers willen auch nurwenige Minuten zu verziehen; und so ließ er dasBauernwägelchen samt seinen Insassen im Staubund Dunst der Landstraße unangefochten weiterknarren.

Der Schatten der Bäume nahm der emporsteigendenSonne nur wenig von ihrer sengenden Kraft,und Casanova sah sich genötigt, seinen Schritt allmählichzu mäßigen. Der Staub der Straße hattesich so dicht auf sein Gewand und Schuhwerk gelegt,daß ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr anzumerkenwar, und so konnte man Casanova, nachTracht und Haltung, ohne weiteres für einen Herrnvon Stande nehmen, dem es just gefallen hatte, seineKarosse einmal daheim zu lassen. Schon spanntesich der Torbogen vor ihm aus, in dessen nächsterNähe der Gasthof gelegen war, in dem er wohnte,als ihm ein ländlich schwerfälliger Wagen entgegengeholpertkam, in dem ein behäbiger, gutgekleideter,noch ziemlich junger Mann saß. Er hatte die Händeüber dem Magen gekreuzt und schien eben mit blinzelndenAugen einnicken zu wollen, als sein Blick,zufällig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeitaufglänzte, wie zugleich seine ganze Erscheinungin eine Art von heiterm Aufruhr zu geratenschien. Er erhob sich zu rasch, sank sofortzurück, stand wieder auf, versetzte dem Kutschereinen Stoß in den Rücken, um ihn zum Halten zuveranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagenum, um Casanova nicht aus dem Gesicht zu verlieren,winkte ihm mit beiden Händen zu und riefendlich mit einer dünnen hellen Stimme dreimaldessen Namen in die Luft. Erst an der Stimme hatteCasanova den Mann erkannt, trat auf den Wagenzu, der stehengeblieben war, ergriff lächelnd diebeiden sich ihm entgegenstreckenden Hände undsagte: »Ist es möglich, Olivo – Sie sind es?« – »Ja,ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich alsowieder?« – »Warum sollt’ ich nicht? Sie habenzwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem ich Sie zuletztgesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, – aberauch ich mag mich in den fünfzehn Jahren nichtunerheblich verändert haben, wenn auch nicht ingleicher Weise.« – »Kaum,« rief Olivo, »so gut wiegar nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehnJahre, vor wenigen Tagen waren es sechzehn!Und wie Sie sich wohl denken können, haben wir,gerade bei dieser Gelegenheit, ein hübsches Weilchenlang von Ihnen gesprochen, Amalia und ich ...«– »Wirklich,« sagte Casanova herzlich, »Sie erinnernsich beide noch manchmal meiner?« OlivosAugen wurden feucht. Noch immer hielt er CasanovasHände in den seinen und drückte sie nun gerührt.»Wieviel haben wir Ihnen zu danken, HerrCasanova? Und wir sollten unsres Wohltäters jemalsvergessen? Und wenn wir jemals –« – »Redenwir nicht davon,« unterbrach Casanova. »Wie befindetsich Frau Amalia? Wie ist es überhaupt zu verstehn,daß ich in diesen ganzen zwei Monaten, die ichnun in Mantua verbringe – freilich recht zurückgezogen,aber ich gehe doch viel spazieren nach alterGewohnheit – wie kommt es, daß ich Ihnen, Olivo,daß ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal begegnetbin?« – »Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnenja längst nicht mehr in der Stadt, die ich übrigensniemals habe leiden können, so wenig als Amaliasie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, HerrCasanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wirbei mir zu Hause« – und da Casanova leicht abwehrte– »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklichwird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz,Ihnen unsre drei Kinder zu zeigen. Ja, drei, HerrCasanova. Lauter Mädchen. Dreizehn, zehn undacht ... Also noch keines in den Jahren, sich – mitVerlaub – sich – von Casanova das Köpfchen verdrehenzu lassen.« Er lachte gutmütig und machteMiene, Casanova einfach zu sich in den Wagenhereinzuziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf.Denn, nachdem er fast schon versucht gewesen war,einer begreiflichen Neugier nachzugeben und derAufforderung Olivos zu folgen, überkam ihn seineUngeduld mit neuer Macht, und er versicherte Olivo,daß er leider genötigt sei, heute noch vor AbendMantua in wichtigen Geschäften zu verlassen. Washatte er auch in Olivos Haus zu suchen? SechzehnJahre waren eine lange Zeit! Amalia war indes gewißnicht jünger und schöner geworden; bei demdreizehnjährigen Töchterlein würde er in seinenJahren kaum sonderlichen Anwert finden; und HerrnOlivo selbst, der damals ein magerer, der Studienbeflissener Jüngling gewesen war, als bäurisch behäbigenHausvater in ländlicher Umgebung zu bewundern,das lockte ihn nicht genug, als daß erdarum eine Reise hätte aufschieben sollen, die ihnVenedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen näherbrachte. Olivo aber, der nicht gesonnen schien,Casanovas Weigerung ohne weiteres hinzunehmen,bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nachdem Gasthof zu bringen, was ihm Casanova füglichnicht abschlagen konnte. In wenigen Minuten warensie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in derMitte der Dreißig, begrüßte in der Einfahrt Casanovamit einem Blick, der das zwischen ihnen bestehendezärtliche Verhältnis auch für Olivo ohneweitres ersichtlich machen mußte. Diesem aberreichte sie die Hand als einem guten Bekannten, vondem sie – wie sie Casanova gegenüber gleich bemerkte– eine gewisse, auf seinem Gut wachsende,sehr preiswürdige, süßlich-herbe Weinsorte regelmäßigzu beziehen pflegte. Olivo beklagte sich sofort,daß der Chevalier von Seingalt (denn so hattedie Wirtin Casanova begrüßt, und Olivo zögertenicht, sich gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) sograusam sei, die Einladung eines wiedergefundenenalten Freundes auszuschlagen, aus dem lächerlichenGrunde, weil er heute, und durchaus gerade heute,von Mantua wieder abreisen müsse. Die befremdeteMiene der Wirtin belehrte ihn sofort, daß diese vonCasanovas Absicht bisher noch nichts gewußt hatte,und Casanova hielt es daraufhin für angebracht, zuerklären, daß er den Reiseplan zwar nur vorgeschützt,um nicht der Familie des Freundes durch einen sounerwarteten Besuch lästig zu fallen; tatsächlichaber sei er genötigt, ja verpflichtet, in den nächstenTagen eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschließen,wofür er keinen geeignetern Ort wüßte,als diesen vorzüglichen Gasthof, in dem ihm einkühles und ruhiges Zimmer zur Verfügung stände.Darauf beteuerte Olivo, daß seinem bescheidenenHaus keine größre Ehre widerfahren könne, alswenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werkzum Abschluß brächte; die ländliche Abgeschiedenheitkönne einem solchen Unternehmen doch nurförderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbüchern,wenn Casanova solcher benötigte, wäreauch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die Tochterseines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, abertrotz ihrer Jugend schon höchst gelehrtes Mädchen,vor wenigen Wochen mit einer ganzen Kiste vollBüchern bei ihnen eingetroffen sei; – und wenn desAbends gelegentlich Gäste erschienen, so brauchtesich der Herr Chevalier weiter nicht um sie zu kümmern;es sei denn, daß ihm nach des Tages Arbeitund Bemühen eine heitre Unterhaltung oder einkleines Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuungbedeutete. Casanova hatte kaum von einerjungen Nichte vernommen, als er auch schon entschlossenwar, sich dieses Geschöpf in der Nähe zubesehn; anscheinend noch immer zögernd, gab erdem Drängen Olivos endlich nach, erklärte abergleich, daß er keineswegs länger als ein oder zweiTage von Mantua fernbleiben könne, und beschworseine liebenswürdige Wirtin, Briefe, die für ihn indeshier anlangen mochten und vielleicht von höchsterWichtigkeit waren, ihm unverzüglich durcheinen Boten nachzusenden. Nachdem die Sache sozu Olivos großer Zufriedenheit geordnet war, begabsich Casanova auf sein Zimmer, machte sich für dieReise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trater in die Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifrigesGespräch geschäftlicher Natur mit der Wirtineingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehendsein Glas Wein aus, und verständnisvoll zwinkerndversprach er ihr, den Chevalier – wenn auch nichtbereits morgen oder übermorgen – doch in jedemFalle wohlbehalten und unversehrt an sie zurückzustellen.Casanova aber, plötzlich zerstreut undhastig, empfahl sich so kühl von seiner freundlichenWirtin, daß sie ihm, schon am Wagenschlag, einAbschiedswort ins Ohr flüsterte, das eben keine Liebkosungwar.

Während die beiden Männer die staubige, imsengenden Mittagsglanz daliegende Straße ins Landhinausfuhren, erzählte Olivo weitschweifig und weniggeordnet von seinen Lebensumständen: wie erbald nach

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