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Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen

Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen
Title: Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen
Release Date: 2019-01-07
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Wenn
Landsleute sich begegnen

und andere Novellen

von

Jassy Torrund

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.


Übersetzungsrecht vorbehalten


[3]

Wenn Landsleute sich begegnen.

Nie in ihrem ganzen Leben war Leonie Wilten sogrenzenlos überrascht und enttäuscht gewesen – unddennoch nicht ohne das Gefühl einer leis und heimlichaufzuckenden Freude, wie an jenem Frühlingsabend,wo die Großeltern, von ihrem gewohnten Spaziergangheimkehrend, ihr den ins Haus geschneiten Gast vorstellten.

Die beiden Gäste vielmehr: den Dr. med. Erdmannund dessen Schwester, die mit eigenem Automobil inder Kreisstadt waren und auf dem Heimweg, weitdraußen auf der Chaussee, eine gründliche Panne erlittenhatten.

Großvater Neuhaus, der alte Automobilhasser, deralle Welt und den alle Welt kannte, war mit halbschadenfroher Neugier hinzugetreten und hatte imDämmern des Märzabends den ihm flüchtig bekanntenArzt eines weitentlegenen Kirchdorfes erkannt und ihmohne Besinnen Hilfe und Unterstand angeboten. Beideshatte Dr. Erdmann dankend angenommen und mitHilfe von ein paar Arbeitern das verunglückte Vehikelin Großvaters Schuppen geschleppt. Er hatte dannum Wagen und Pferd nach Hause telephoniert, sichein wenig gesäubert – denn er und Lieselott, seineSchwester, hatten schon eine halbe Stunde angestrengtund im Schweiße ihres Angesichts über dem widerspenstigenAuto gearbeitet, ehe Hilfe kam – und nun[4]erschienen die beiden späten unerwarteten Gäste imhellen behaglichen Speisezimmer von »Haus Friede«,wo der gedeckte und mit großem Schneeglöckchensträußengeschmückte Abendtisch schon bereit stand.Sie wurden dem Haustöchterchen und ihrem VetterLuz Neuhaus vorgestellt und erzählten in lebhaftemDurcheinander, lachend und scheltend, ihr Abenteuer.Vor drei bis viertehalb Stunden konnte der Einspännermit dem braven Füchslein, das schon so oftdie Sünden des eigensinnigen Schnauferls gutmachenmußte, nicht da sein. Man hatte also vollauf Zeit,recht bekannt und vergnügt miteinander zu werden.Improvisierte Feste sind oft die allergelungensten,und dieser ins Haus geschneite Abendbesuch war imwahren Sinne des Worts ein Fest für die sehr einsamlebende Familie des großen Ziegeleibesitzers.

Der kleine Unfall brachte die bisher einanderFremden schnell und zwanglos nahe, und das Gesprächglitt leichtbeschwingt vom Hundertsten insTausendste. Man grub gemeinsame Beziehungen aus,erzählte die neuesten Anekdoten und Varietéwitze, lachteund plauderte, und während all dieser Zeit zerbrachLeonie Wilten sich den feinen klugen Kopf, wann undwo sie diesen Dr. Erdmann mit der langen weißenNarbe über Stirn und Schläfe schon gesehen hätte.Denn eben diese Narbe haftete zäh und fest in ihrer Erinnerung,die mußte sie schon einmal im Leben gesehenhaben, nur daß sie damals viel breiter und noch frischund rot war, während sie jetzt wie ein schmaler weißerStrich über das sonnverbrannte Gesicht des Landarzteslief. Aber wann? aber wo?

Lieselott Erdmann beschrieb mit drolliger Empörungund fast dramatischer Anschaulichkeit eine der[5]zahlreichen Pannen, die sie und ihr Bruder im letztenhalben Jahr, seit er glücklich-unglückseliger Autobesitzerwar, erlitten hatten. Zerstreut hörte Leonie zu, währendunter der Schwelle ihres Bewußtseins beständig dieFrage bohrte: Wann? wo? – als wenn den tiefstenHintergrund ihres Hirns ein undurchdringlicher Vorhangverhüllte, den sie trotz aller Mühe nicht imstandewar zu lüften. Jeder weiß, wie aufreizend undgedankenabsorbierend solch vages Erinnern ist – undnur höflichkeitshalber warf Leonie die Frage dazwischen:»Also um ein einziges kleines verlorenesS–tiftchen?«

Es passierte ihr sonst selten, daß sie den scharftrennendenSt-Laut der nordwestlichen Provinzen, denhalbvergessenen Dialekt ihrer Heimat, anwandte, undDr. Erdmann, der soeben den beiden Herren eine flüchtigeSkizze der neuesten Bremsvorrichtung für Bergfahreraufzeichnete, wandte sich überrascht um.

»Sie sind doch wohl keine Hiesige, gnädigesFräulein?«

»Meine Enkeltochter ist in Schleswig-Holstein geboren– bitte weiter, lieber Doktor!«

Die Aufforderung des alten Herrn blieb unbeachtet.

»Dann sind wir ja beinah' Landsleute! – ichbin nämlich ein Oldenburger Kind,« rief der Doktorerfreut.

»Landsleute!«

Das war's. Wie auf ein Stichwort zerriß der Vorhangin Leonies Hirn von oben bis unten – und einkleines, längstvergessenes Erlebnis der Vergangenheitschob sich mit einem Ruck erlöst und lebendig in denVordergrund.

[6]

Tief atmete sie auf und ward im selben Momentwie mit Blut übergossen.

So sah der Mann aus, ihr Helfer und Erlöseraus banger Not? – ihr ritterlicher »Landsmann«, densie einst im fernen fremden Lande getroffen und dersie …

Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, alles Blutebbte zum Herzen zurück und das war der Moment,wo sie die große Enttäuschung empfand.

Jahrelang hatte sie auf ihn gewartet, ihn wiederzusehengehofft, den Helden ihrer Backfischträume, ihrenLohengrin, ihren Gralsritter, kühn und zart zugleich,den idealschönen schlanken Jüngling mit der blutrotenNarbe auf der weißen Stirn und dem weichen blondgelocktenHaar, das ihm das Aussehen eines Dichtersgab – und nun dieser wohlbeleibte Vierziger – dafürtaxierte sie ihn – mit fast kahlem Schädel unddem lebemännisch gestutzten Prinz Heinrich-Bart – einund derselbe – diese beiden so himmelweit verschiedenenKöpfe!

Und dennoch – wenn sie näher zusah – ja, dieAugen waren noch dieselben: braun, mit einem goldigaufleuchtenden warmen Schimmer und jenem undefinierbarenAusdruck, der sie ihr einst so lieb und unvergeßlichgemacht. Und dann die Narbe – und dieLandsmannschaft!

Aber Leonie wollte ganz sicher gehen.

Nachdem der Großvater noch einiges gefragt undDr. Erdmann beiläufig erzählt hatte, daß er in Breslauund Greifswald studiert und nach bestandenemStaatsexamen zufällig den erkrankten Landarzt inGroß-Lutschine vertreten hätte, um nach dessen Todehalb wider Willen seine Praxis zu übernehmen und[7]so in diesem verlorensten Winkel der Mark Brandenburghängenzubleiben. Er, dessen Wünsche und Hoffnungeneigentlich immer auf die Universitätskarrieregerichtet waren, seit Jahren nun schon hier ansässigund so eins geworden mit seinem Beruf und demLandleben, daß er seine hochfliegenden Pläne längstverschmerzt hatte – warf Leonie heuchlerisch die Bemerkunghin: »Schade nur, daß die Gegend hier garso flach und reizlos ist – wenn's wenigstens Hügelund Seen gäbe wie daheim! Oder Berge wie inSchlesien – Sie kennen das schlesische Gebirge wohlnicht?«

»O doch, ich kenne beides: das Riesengebirge wiedie Sudeten. Einen großen Teil meiner Universitätsferienverlebte ich bei einem Jugendfreunde meinesVaters in Mittelwalde. Na ja – Berge sind ja ganzschön und nett, um drauf herumzukraxeln – aber füreinen Schnauferlbesitzer und Landdoktor ist halt dochdas Flachland das bequemste Terrain – und Heideund Kiefernwald haben auch ihren Reiz,« sagte erheiter, und wieder gab das Lächeln seinem stark gewordenenGesicht mit den schlaffen Zügen etwasJugendliches, denselben treuherzig liebenswürdigenAusdruck von einst, dessen Leonie sich so gut, ach! sogut erinnerte.

Und wieder, wie im Lustspiel, war das richtigeStichwort gefallen: Mittelwalde.

Kein Zweifel – er war's!

Mein Gott, wie das alles lebendig wurde! Wiedie alten Zeiten heraufstiegen, beschworen von demeinzigen Wort: Landsleute!

Aber nicht jetzt, während Leonie sich unterhaltenund die Pflichten des Haustöchterchens wahrnehmen[8]mußte, hatte sie Zeit, ihren Gedanken Audienz zu gebenund längstvergessene Blicke und Worte aus der Tiefeihres Erinnerns heraufzubeschwören. Erst spät in derNacht, als das brave Füchslein »Wittkopp« denDr. Erdmann und seine Schwester abgeholt und beidedas Versprechen eines baldigen Gegenbesuches in Groß-Lutschinemitgenommen hatten – und als Leonie alleinin ihrem Zimmer am Fenster stand und in die tiefeFinsternis der Märznacht hinausstarrte, zogen wie ineinem Kaleidoskop die Bilder der Jugendzeit an ihrvorüber.

Damals – vor fünfzehn oder sechzehn Jahren,hatten die guten Nönnchen von Mariahilf noch ziemlichunklare Begriffe übers Reisen, kannten ein Kursbuchwohl nur vom Hörensagen, und wenn die Klostermädelin die Ferien fuhren, brachte Verondl, die alte»weltliche« und ach! so rührend weltungewandte Bonnesie zur Bahn, löste jedem ein Billett, und nun: Fahrtzu in Gottes Namen! Und legte den Ausgelassenender guten kleinen Mater Helenens Abschiedswort nocheinmal dringend ans Herz: »Daß ihr mir unterwegsaber brav den Rosenkranz betet und hübsch gesittetdie Augen niederschlagt, und um Jesu und aller liebenHeiligen willen mit keinem fremden Menschen anbändelt!«

Die übermütigen jungen Dinger, selig ihrer Freiheit,quiekten vor Wonne und pfefferten ihre zahmenTauchnitzbände, die erlaubte Reiselektüre, ins Gepäcknetzund der Rosenkranz blieb zutiefst in der Taschestecken. Statt dessen frisierten sie sich alsogleich imCoupé wechselseitig nach der neusten Mode und derDevise: je toller, je besser – und erzählten einanderheiß und eifrig ihre kleinen Schulmädelerlebnisse und[9]die wundersamsten Geschichten von harmlosem vetterlichenFlirt.

So fuhren einmal ihrer acht oder neun, jede mitihrem Billett in der Tasche, aber allesamt nur miteinem einzigen für alle acht oder neun Reisekörbegültigen Gepäckschein versehen – Verondl expediertebequemlichkeitshalber alles Gepäck in Bausch undBogen – nach Kamenz, dem großen mittelschlesischenKnotenpunkt. Dort trennten sich ihre Wege, einigewurden hier schon abgeholt, andere mußten noch mitder Post weiter. Der ältesten, einer angehendenSeminaristin, waren die jüngeren alle anvertraut.

Leonie fuhr zu ihren Großeltern in die GrafschaftGlatz. Daheim in Neustadt war just ein Brüderchenzur Welt gekommen, und die Mama brauchte Ruheund Schonung. Damals hatte Großvater noch diePachtung Charlottenhof, erst viel später kaufte er diegroße Ziegelei im Brandenburgischen, die ihn zumreichen Manne machte.

Großmama hatte geschrieben: »Du nimmst dir einBillett bis Wartha, so weit geht jetzt die neue Bahn,die letzte Strecke mußt du mit der Post fahren, undin Glatz holt dich der Wagen ab.« Aber an Verondlschienen alle Fortschritte der Kultur spurlos vorüberzugehen,in konservativem Eigensinn und weltfremderAhnungslosigkeit beharrte sie bei ihrer Meinung:»Papperlapapp – was die Grafschafter Mädel sein,die sein noch allemal bis Kamenz gefahren, so wirdes auch diesmal wohl stimmen,« und also lautete auchLeonies Billett wie das der andern nur bis Kamenz,und ihr Gepäck wurde gleichfalls bis dorthin expediert.

Station Kamenz. Hu, war das ein Hasten undDrängen auf dem großen Bahnsteig, Stoßen und[10]Werfen mit Koffern und Körben, ein Schreien vonSchaffnern und Kellnern, Kommen und Gehen vonZügen – den Klostermädeln wurde himmelangst. Aberdie Seminaristin wußte Rat: »Kommt nur, jetzt trinkenwir erst mal gemütlich Kaffee, und ich besorg' euchderweil die Postbilletts. Gebt mir alle eure Portemonnaies.«

Ihrer vier saßen um den Kaffeetisch, die übrigenwaren schon von ihren Leuten in Empfang genommen– da stürzte die Älteste wie eine erschreckte Henneauf ihre Küchlein los: »Jesses, Leonie, du mußtaugenblicklich weiter, dein Zug geht ja bis Wartha!Da steht er zum Glück noch – fix, fix!«

Und Leonie lief, daß ihr die kurzen Röcke um dieBeine flogen, der Schaffner packte und schob sie ins erstebeste Coupé – ein Pfiff, ein Ruck – der Zug ging ab.Neben ihm her rannte die Seminaristin: »Leonie, Leonie,wohin soll ich dir denn deinen Korb nachschicken?«

»Charlottenhof bei Glatz,« schrie Leonie zurück –dann verschwand das letzte bekannte Gesicht – Büsche,Bäume, Häuser flogen an ihren Augen vorüber – siewandte den Blick und sah sich unter lauter fremdenMenschen, noch dazu lauter Herren – o Schreck undEntsetzen! – der Schaffner hatte die Verspätete Halsüber Kopf ins Rauchabteil geschoben.

Was würden die Schwestern sagen, wüßten siedies! Zagend hob das erschrockene Klosterkind dieAugen – alles nur fremde ernsthafte Gesichter, diesie gleichgültig anstarrten oder ihre Zeitung lasen –bloß ihr gegenüber ein hübscher blondhaariger jungerMensch, der halb lächelnd, halb neugierig auf sieschaute. Sie blickte an sich nieder – da saß sie, hochrot,atemlos, zusammengekauert wie ein Häuflein[11]Unglück, in der einen Hand ihren Schirm und daskrampfhaft geballte Taschentüchlein, mit dem sie wohleben noch ein erschrockenes Tränchen abtupfen gewollt,in der andern ihr Billett, das die Seminaristin ihr imletzten Augenblick zwischen die Finger gedrückt hatte.Sie griff in die Tasche, um es ins Portemonnaie zustecken – Herrgott, die war ja leer, nichts drin alsder Rosenkranz, der verräterisch klimperte, als wolleer sich für das Vergessensein rächen. Sie wurde nochröter und heißer vor Schreck, wie mit Blut übergossen– mit weitaufgerissenen entsetzten Augen starrte sieihr freundliches Gegenüber an: Jesus Maria, ihrPortemonnaie war fort – sie hatte keinen PfennigGeld bei sich! Wovon um Himmels willen sollte sieihr Postbillett bezahlen? Hier im fremden Lande,wo sie keine Menschenseele kannte, wo sie ganz alleinund verlassen war?

Sie stürzte ans Fenster – weit, weit dahinten lagdas Kamenzer Schloß – näher und näher rückten dieunbekannten Berge, auf die sie sich so grenzenlos gefreuthatte, und die sich jetzt auf sie zu stürzen, ihr dasHerz abdrücken zu wollen schienen. Sie bückte sich, suchteauf dem Boden, riß ihren Schirm auf, schüttelte dasTaschentüchlein auseinander – nichts – nichts! Undnun entsann sie sich schreckensvoll deutlich: Dora Dunker,die Seminaristin, hatte ihr das Portemonnaie jaüberhaupt nicht wiedergegeben, hatte in Angst und Eilewohl selber darauf vergessen.

Lieber Gott – ach lieber guter Gott, was nun?!

Die arme kleine Dreizehnjährige, die zum erstenmalin ihrem Leben allein auf Reisen war, vergaßalles Selbstbewußtsein ihrer »höheren Töchterwürde«und brach in Tränen aus. Sie weinte fassungslos,[12]lautschluchzend, wie Kinder weinen. O wenn Mamaund Papa dies wüßten, wie's ihrem Kinde in derweiten wildfremden Ferne ging! Das Heimweh überwältigtesie und preßte ihr das Herz zusammen.

Erstaunt blickte einer oder der andere auf dasweinende Kind, jemand redete sie an, in einer fremdenSprache, die sie nicht verstand. Fast alle Insassen desAbteils waren Russen oder Polen, die in die schlesischenBäder reisten.

»Warum weinen Sie, Fräulein – Fräulein Leonie?«fragte plötzlich eine freundliche Stimme. Der jungeMann ihr gegenüber beugte sich weit vor, seine Stirnmit der blutroten Narbe, seine treuherzigen braunenAugen waren dicht vor ihrem Gesicht. Sein lockigesHaar fiel ihm über die Stirn, er

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