Murillo

Murillo
Category: Painters / Spain / Biography
Title: Murillo
Release Date: 2018-11-09
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Liebhaber-Ausgaben

Künstler-Monographien

In Verbindung mit Andern herausgegeben

von

H. Knackfuß


X

Murillo


Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1896


Murillo

Von

H. Knackfuß


Mit 59 Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen

Zweite Auflage

Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1896

Druck von Fischer & Wittigin Leipzig.


[S. 1]

Murillo.

Am Neujahrstage 1618 ließ zu Sevilla ein Mann Namens Gaspar EstébanMurillo den Sohn, den ihm seine Ehefrau Maria Perez zum Jahresschlußgeschenkt hatte, in der Pfarrkirche St. Magdalena auf die Namen desApostels Bartholomäus und des Blutzeugen Stephanus taufen. Das istalles, was man über die Herkunft des gefeierten Malers weiß, dessenWerke zuerst und am weitesten den Ruhm der spanischen Malerei über diePyrenäen hinaustrugen. Was über sein Leben in alten Nachrichten erzähltwird, dem haben die eingehenden Forschungen unserer Zeit kaum etwasNeues hinzugefügt, außer urkundlichen Nachweisen über die Bestellungund die Entstehungszeit einzelner Werke. Man kann bei Bartolomé EstébanMurillo kaum von einer Lebensgeschichte sprechen. Der Lauf seinesDaseins bewegte sich in engem Kreise. Sein Leben war seine Arbeit.Auch das Stoffgebiet, das er bearbeitete, erscheint, wenn man an dieVielseitigkeit von manchen seiner berühmten Zeitgenossen denkt, alsein eng begrenztes; und dennoch war seine Kunst eine vielumfassende:sie blickte hinab in den Alltagsstaub der Gassen von Sevilla undhinauf in lichterfüllte Himmelshöhen, die sich nur dem frommen Glaubenerschließen, sie gestaltete das Gewöhnlichste wie das Unfaßbarste mitder gleichen Meisterschaft.

Neigung und Beruf zur Malerei müssen sich bei dem Knaben BartoloméEstéban früh zu erkennen gegeben haben. In seinem zehnten Jahreverwaist und gänzlich mittellos, wurde er von seinem Vormund zu demMaler Juan de Castillo in die Lehre gebracht. Das Bildermachen wardamals in Spanien ein Erwerbszweig, der so gut wie ein anderer seinenMann rechtschaffen ernähren konnte. Juan de Castillo war kein großerKünstler; er gehörte zu den vielen, welche das Heil der Kunst darinerblickten, daß die Formensprache der Italiener, die „gute Manier,“mit mehr oder weniger Handwerksgeschick nachgeahmt wurde. Den jungenMurillo beschäftigte er mit der Anfertigung von sogenannten Sargas,bemalten Tüchern, welche als Wandbekleidungen statt der Teppiche,als Vorhänge, als Schiffsflaggen und dergleichen gebraucht wurden.Derartige Arbeiten galten als ein Mittel, den Anfängern „die Handzu lösen.“ Und gewiß mit Recht; denn die Art ihrer Ausführung, mitLeimfarben auf ungrundierter Leinwand, gestattete nicht das Anbringennachträglicher Veränderungen und Verbesserungen, es war darin also einÜbungsmittel von nicht hoch genug zu schätzendem Wert gegeben. Man hatkeinen Grund, die Verdienste, welche der Lehrer Murillos sich um dessenerste Ausbildung erworben, gering anzuschlagen. Jedenfalls brachte erdemselben eine bedeutende Handfertigkeit bei.

Im Jahre 1639 siedelte Juan de Castillo nach Cadiz über. Der jungeMurillo blieb gänzlich sich selbst überlassen und mußte zusehen, wie eres ermöglichen sollte, sich Brot vom Tag zum Tage zu verschaffen. Sostellte er denn seine Begabung in den Dienst der allerbescheidenstenKunstansprüche und malte billige Ware für die Händler, welche auf denMessen Andachtsbilder zu Markte brachten. Es ist nicht zu verwundern,daß spätere Zeiten sich bemüht haben, Bilder Murillos aus diesem erstenAbschnitt seines Lebenswerks zu entdecken. Jene Marktware konntenatürlicherweise nur ein ver[S. 2]gängliches Dasein haben. Aber es ist jaauch nicht ausgeschlossen, daß er ab und zu einmal einen besserenAuftrag gegen bescheidenen Lohn bekam. Überlieferung und Vermutunghaben mehrere Bilder dieser Art bezeichnet, die zum Teil sich noch inSevilla befinden, zum Teil nach anderen Orten verstreut worden sind.So wird im Museum zu Cadiz ein Gemälde, welches die heilige Anna mitMaria und dem Christuskind darstellt, als Jugendwerk Murillos gezeigt.Es ist ein Bild von trübem und schwärzlichem Ton, aber nicht ohnekünstlerischen Reiz in Bezug auf die Anordnung der Gruppe und dieVerteilung von Hell und Dunkel. Wenn dieses Bild wirklich ein Überrestaus jener Frühzeit Murillos sein sollte, so würde die geringe Meinung,welche seine Mitschüler bei Juan de Castillo von seiner Begabung gehabthaben sollen, nicht ganz gerechtfertigt erscheinen.

Abb. 1. Bartolomé Estéban Murillo.
Gemalt von Don Alonso Miguel de Tobar, angeblich nach einem verschollenen Selbstbildnis des Meisters, im Pradomuseum zu Madrid.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

Einer dieser ehemaligen Mitschüler war es, dem Murillo dieentscheidende Wendung in seinem Leben verdankte. Pedro Moya — sohieß der junge Mann — war mit den Soldaten nach Flandern gezogen,er hatte dort das frische und gesunde Kunstleben kennen gelernt,das so unabhängig war von der italienischen „guten Manier“ desverflossenen Jahrhunderts, er hatte sich von den Niederlanden ausnach England begeben und rühmte sich, mit dem bewunderten van Dyckpersönlich bekannt geworden zu sein. Nach Sevilla zurückgekehrt,erzählte[S. 3] er seinem Schulfreund von all den Wundern der Kunst, dieer gesehen, und er unterdrückte gewiß nicht die Bemerkung, wieunendlich altmodisch ihm alles, was man in Sevilla malte, vorkäme.Nach dem Anhören von Moyas Schilderungen ertrug Murillo den Gedankennicht länger, in ausgetretenem Geleise wandelnd, in der Nacht derVergessenheit versinken zu sollen. Er wollte die Malweise der Fürstender Kunst kennen lernen, am Anblick ihrer Werke sich schulen und dannweiterstreben zum Höchsten. An eine Reise nach den Niederlanden konnteer freilich bei seiner Mittellosigkeit nicht denken. Aber auch inMadrid befanden sich ja in den Schlössern des Königs zahlreiche Gemäldeder besten Meister. Und in Madrid lebte ein Sevillaner, Don DiegoVelazquez, in der angesehenen Stellung eines Hofmalers Seiner Majestät:der würde sich des Landsmannes und Kunstgenossen gewiß annehmen. DieMittel zu einer Reise nach Madrid mußten beschafft werden, dann solltealles andere sich schon finden.

Abb. 2. Der heilige Diego die Armen speisend.
Gemälde aus dem Fraziskanerkloster zu Sevilla, jetzt in der Akademie S. Fernando zu Madrid.
Übersetzung der Unterschrift:

Dem armen Darbenden gibt Diego Speise,
Er läßt sich geben, daß der Arme esse,
Der Arme ißt, und Diego nimmt befriedigt
Auf seine Rechnung alle Schuld des Dankes.
Er sieht im Armen Gott, aus seinem Herzen
Bringt Nächstenliebe Gott ihr duftend Opfer.
Nach in Werkthätigkeit verbrachtem Leben
Erfreut der Heilige sich der Himmelskrone.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

Murillo bedeckte eine große Leinwand mit einer Menge kleinerErbauungsbildchen, für die er in den Unternehmern, welche Schiffenach den Niederlassungen jenseits[S. 4] des Weltmeers befrachteten,Abnehmer suchte und fand. So wanderten Murillos Erzeugnisse mit denIndienfahrern nach Südamerika, und er wanderte auf weiter Straße, durchdie Felsenwildnis des Scheidegebirgs zwischen Andalusien und Castilienund über das eintönige Hochland der Mancha nach Madrid. Das war imJahre 1643.

Der große Velazquez nahm den lernbegierigen jungen Mann, der im Altervon 25 Jahren das Studium sozusagen von neuem beginnen wollte, mitWohlwollen auf. Er verschaffte ihm die ersehnte Gelegenheit, die imBesitz des Königs befindlichen Gemälde zu studieren und in den Werkender Tizian, Rubens, van Dyck, Ribera eine neue Welt der Malerei, dieKunst der Farbe, vor sich aufgehen zu sehen. Er gab ihm Ratschläge,heißt es; als besten vermutlich den nämlichen, den zweitausend Jahrefrüher der Altmeister von Sikyon dem Lysipp gegeben hatte: Du fragst,welcher Künstler das beste Vorbild sei? — Geh hinaus auf den Markt undsieh dir die Natur an!

Murillo verweilte zwei Jahre in Madrid, lernend und sich übend. InSevilla hatte er keinem etwas von der Reise gesagt, und von keinemwurde er vermißt.

Als er heimkehrte, hatte er das Glück, daß ihm gleich ein ansehnlicherAuftrag zu teil wurde.

Abb. 3. Das Wunder des heiligen Diego („Die Engelküche“).
Im Louvremuseum zu Paris.

Im großen Franziskanerkloster zu Sevilla sollte ein Kreuzgang mitGemälden geschmückt werden. Murillo bewarb sich um diese Arbeit, undsie wurde ihm übertragen; als Grund seiner Bevorzugung vor den anderenBewerbern wird angegeben, daß seine Preisforderung die bescheidenstewar.

Es handelte sich um eine Reihe von Darstellungen aus der Geschichte vonHeiligen des Franziskanerordens. Dieselben waren als einzelne Ölgemäldeauszuführen, denn die Kunst der Freskomalerei hatte in Andalusienkeinen Boden gefunden. Murillo malte diese Bilder, elf an der Zahl,die einen von größerer, die anderen von geringerer Breitenausdehnung,in den Jahren 1645 und 1646. Durch sie wurde er mit einem Schlagezum berühmten Mann. Ganz Sevilla staunte ihn an. Denn niemand wußte,so heißt es in der alten Lebensbeschreibung, woher er den neuen,meisterhaften, unbekannten Stil hatte, für den es in Sevilla wederVorbild noch Lehrer gab. Man glaubte, da die Reise nach Madrid MurillosGeheimnis blieb, er habe sich während der zwei Jahre in seiner Wohnungeingeschlossen gehalten, um unausgesetzt Naturstudien zu malen. Daßin dem eingehenden und erfolgreichen Studium der Natur das Geheimnisder überraschenden Wirkung dieser Gemälde lag, das war allerdingszutreffend. — Das Kloster war stolz auf den außerordentlichenKunstbesitz. Die Bilder wurden zum Schutz mit Vorhängen versehen undnur an Festtagen enthüllt. Aber das schlimme Jahr 1810 gab sie denRäuberhänden preis. Als Joseph Bonaparte am 1. Februar jenes Jahresseinen Einzug in Sevilla gehalten hatte, wurde[S. 5] das Kloster geplündert,die Bilder wurden in die Welt hinaus verstreut. Nur zwei der kleinerensind in Spanien verblieben; sie befinden sich in der Gemäldesammlungder Akademie von S. Fernando zu Madrid.

Abb. 4. Sitzender Bettler. Studienzeichnung in den Uffizien zu Florenz.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

Das eine dieser beiden ist die dem Stifter des Ordens gewidmeteDarstellung: der heilige Franciscus wird durch himmlische Musikgetröstet. In heller und scharfer Beleuchtung erscheint eingeigenspielender Engel, in blaßrötliche und matt-moosgrüne Gewändergekleidet, von einem bräunlich-goldigen Lichtschein umgeben, in derschwarzbraunen Finsternis der engen Mönchszelle; vom Licht und Klanggeweckt, richtet sich der Heilige, der auf dem harten Boden einekärgliche Ruhe gesucht hat, wie traumbefangen empor. Die Schwärzedes Hintergrundes und die dunkelfarbige Kutte lassen den Kopf desMönchs lebhaft hervortreten, der in seiner ganz aus der Wirklichkeitgegriffenen Bildung und in dem meisterhaft gegebenen Ausdruck desverzückten Lauschens so viel künstlerischen Wert besitzt, daß er dieetwas nüchterne Fassung des Ganzen aufwiegt. Dieser naturwahre Kopfist bewunderungswürdig. Die Verbildlichung des Überirdischen aberläßt noch nicht viel von dem Meister ahnen, der später in himmlischenLichterscheinungen so Unvergleichliches geschaffen hat.

Das andere Bild bewegt sich ganz auf irdischem Boden, es zeigt sichuns als ein Meisterwerk der Naturbeobachtung. Es ist mit einer soschlichten Treue aus der Wirklichkeit gegriffen, daß man sich sehr wohldas Aufsehen vorstellen kann, welches ein

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