Novellenbuch 1. Band

Novellenbuch 1. Band
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Title: Novellenbuch 1. Band
Release Date: 2018-11-18
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Cover

Hausbücherei

9


Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

9. Band

Signet

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1910

26.–35. Tausend


Novellenbuch

1. Band

Conrad Ferd. Meyer ▣ Friedr. Spielhagen
Ernst v. Wildenbruch ▣ Detlev v. Liliencron

Signet

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1910

26.–35. Tausend


[4]

Inhaltsverzeichnis
zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs

Band 2 (Hausbücherei Band 10):

Dorfgeschichten

  • Ernst Wichert: Ewe.
  • Heinrich Sohnrey: Lorenheinrich.
  • Wilhelm von Polenz: Zittelgusts Anna.
  • Rudolf Greinz: Simerls guter Tag.

Band 3 (Hausbücherei Band 14):

Geschichten aus deutscher Vorzeit

  • Adolf Schmitthenner: Tilly in Nöten.
  • J. J. David: Frühschein.
  • Wilhelm Hauff: Jud Süß.

Band 4 (Hausbücherei Band 15):

Seegeschichten

  • Joachim Nettelbeck: Schiffbruch.
  • Wilhelm Hauff: Das Gespensterschiff.
  • Hans Hoffmann: Die unversicherte Brigg.
  • Wilhelm Jensen: An der See.
  • Wilhelm Poeck: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts.
  • Johannes Wilda: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.

Band 5 (Hausbücherei Band 22):

Frauennovellen

  • Clara Viebig: Brennende Liebe.
  • Lulu von Strauß und Torney: Um den Hof.
  • Lou Andreas-Salomé: Eine Nacht.
  • Marthe Renate Fischer: Auf dem Wege zum Paradies.

Band 6 (Hausbücherei Band 23):

Kindheitsgeschichten

  • Adolf Schmitthenner: Der Seehund.
  • Helene Aeckerle: Ein Opfer.
  • Meinrad Lienert: Das Gespenst.
  • Marga von Rentz: Krokus.
  • Hans Land: Die Büßerin.
  • Adolph Bayersdorfer: Die Tintenhose.
  • Charlotte Niese: Die Wiege.
  • Thomas Mann: Die Tanzstunde.

Band 7 (Hausbücherei Band 24):

Kriegsgeschichten

  • Carl Beyer: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400.
  • Heinr. v. Kleist: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.
  • W. von Conrady: In Rußland 1812.
  • Max von La Roche: Todesritt.
  • Detlev von Liliencron: Portepeefähnrich Schadius.
  • Theodor Fontane: Drei Kriegsgefangene.

[5]


Inhaltsverzeichnis

zum 1. Bande des
Novellenbuches.

Seite
Vorwort zum Novellenbuch 6–7
Vorbemerkungen zum ersten Bande 8
Meyer, Conrad Ferdinand: Das Amulet 9–111
Wildenbruch, Ernst von: Archambauld 112–138
Spielhagen, Friedrich: Breite Schultern 139–172
Liliencron, Detlev von: Greggert Meinstorff 173–194

[6]


Vorwort

zum Novellenbuch.

Eine der schönsten Sammlungen der deutschenLiteratur ist der »Deutsche Novellenschatz«, den PaulHeyse in Gemeinschaft mit Hermann Kurz in denJahren 1871 bis 1876 herausgab. Die Sammlungfand so großen Beifall, daß dem »Deutschen Novellenschatz«,obwohl er 24 Bände umfaßte, 1884und 1885 der »Neue Deutsche Novellenschatz« mit12 Bänden, herausgegeben von Paul Heyse undLudwig Laistner, folgen konnte. Beide Sammlungenhatten den Zweck, aus der überreichen Fülle guterNovellen, die das deutsche Schrifttum aufwies, diebesten herauszusuchen und in billigen Bänden einemgrößeren Leserkreise darzubieten.

Seit der Herausgabe der letzten Sammlung sindzwei Jahrzehnte verflossen, und die deutsche Literaturhat sich während dieser Zeit kraftvoll weiter[7]entwickelt. Kein Wunder daher, daß heute vielfachdas Bedürfnis empfunden wird, sich in eine ähnlicheBändereihe zu vertiefen, die die besten Novellender letzten zwanzig Jahre vereinigen müßte. DieDeutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung will versuchen,eine solche Sammlung herauszugeben, in der Hoffnung,dem von ihr erstrebten Ziel dadurch abermalsnäher zu kommen: unseren Dichtern durchVerbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzendes deutschen Volkes zu setzen.

Strenge Beschränkung auf Erscheinungen der letztenzwanzig Jahre liegt übrigens nicht in ihrer Absicht.Auch Novellen aus früheren Jahren gedenkt sie indie Sammlung aufzunehmen, wenn sie dessen würdigerscheinen.

Hamburg-Großborstel,
1. Oktober 1904.

Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.

[8]


Vorbemerkungen

zum ersten Bande

Die Novelle »Das Amulet« von Conrad FerdinandMeyer ist mit freundlicher Erlaubnis derErben des Verfassers und der Verlagsbuchhandlungabgedruckt aus dem 1. Bande von Conrad FerdinandMeyers »Novellen« (Leipzig: H. Haessel,24. Auflage 1902).

Für die Abdruckserlaubnis von »Archambauld«schulden wir Herrn Ernst von Wildenbruch Dank.

Die Spielhagensche Novelle »Breite Schultern«ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und derVerlagsbuchhandlung abgedruckt aus Friedrich Spielhagens»Sämtlichen Romanen« Bd. 17 (Quisisana,Erzählungen) (Leipzig: L. Staackmann, 1904).

»Greggert Meinstorff« von Detlev von Liliencronendlich ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassersund der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Detlevvon Liliencrons »Sämtlichen Werken« Band 2 (AusMarsch und Geest) (Berlin-Leipzig: Schuster &Löffler, 2. Auflage 1904).

[9]


Conrad Ferdinand Meyer:
Das Amulet.

[10]

Conrad Ferdinand Meyer wurde am 11. Oktober1825 in Zürich geboren und starb in Kilchberg beiZürich am 28. November 1898.

In der französischen Schweiz, im Juragebiet hater einen großen Teil seiner Jugend verlebt, hat erwohl die frischesten und stärksten Eindrücke seinerJugendzeit empfangen und ist er mit französischerSprache und Literatur besonders vertraut geworden.Auch hat er 1857 eine Reise nach Paris gemacht,und nachdem ihm das Studium der Rechte, das erin Zürich betrieb, wenig Freude gemacht, hat erviele Jahre hindurch auf eigene Hand Geschichtestudiert. Auf diesen Wegen hat er wohl auch dasMaterial und die Anregung zu seiner herrlichenNovelle »Das Amulet« gefunden.

Die Kunstgesetzgeber verlangen von dem eigentlichenEpiker oder Erzähler, daß er objektiv verfahre,d. h., daß er niemals seine eigenen Gedankenund Gefühle in die Erzählung mische, sondern nurdie Erlebnisse, Meinungen, Empfindungen und Handlungenseiner Gestalten darstelle. Ob diese Forderungimmer berechtigt ist, soll hier nicht untersucht werden;es soll nur gesagt werden, daß Meyer sie in höchstemMaße erfüllt – in so hohem Maße, daß man zuweilenglauben könnte, er fühle überhaupt nicht mit seinenGestalten, sondern stehe ihnen und ihren Schicksalenkalt gegenüber. So hat man denn auch wohl bei gewissenNovellen und Gedichten Meyers von »Marmorkälte«[11]gesprochen. Vielleicht aber handelt es sichum ein Gefühl, das nur dem oberflächlichen Sinnenicht gleich bemerkbar wird, und aus vielen seinerGedichte und Novellen, so auch aus dem »Amulet«,schlagen jedenfalls die Flammen des Mitgefühls hellund heiß genug heraus. Dazu aber zeigt der großeSchweizer bei aller Kraft des Gefühls die männlich-ruhigeHand des Bildners; wenn man seine Novellenliest, sieht man unwillkürlich Bild um Bild –ja, oft wirkt eine ganze Novelle wie ein großes,einheitliches, in tiefen Farben leuchtendes Gemälde.Berühmt ist die Meyersche Kunst in der klaren undscharfen Charakteristik historischer Personen; so istin der hier vorliegenden Novelle die kurze SchilderungKarls IX. während seines Besuches bei Colignyein bewundernswertes Stück, und mit nicht geringererLebendigkeit treten der Herzog von Anjou, Katharinavon Medici, Coligny, der berühmte DenkerMichel Montaigne, der böhmische Fechtmeister, derliebenswürdig abergläubische Boccard und der Heldder Novelle aus dem düstern Hintergrunde der Zeithervor. Aber nicht nur im einzelnen waltet die Kunstdes Dichters, auch die Gesamtstimmung: der Blutdunstund der meuchlerische Lärm der Bartholomäusnachtwie die unheilvolle Schwüle, die ihr voraufgeht,sind mit wunderbarer Sicherheit festgehalten.Der Leser, der die düster-prächtige Ballade Meyers»Die Füße im Feuer« kennt, wird bekannte Farbenund Lichter wiederfinden.

O. E.

[12]

Das Amulet.

Erstes Kapitel.

Heute am 14. März 1611 ritt ich von meinemSitze am Bielersee hinüber nach Courtion zudem alten Boccard, den Handel um eine mir gehörigemit Eichen und Buchen bestandene Halde inder Nähe von Münchweiler abzuschließen, der sichschon eine Weile hingezogen hatte. Der alte Herrbemühte sich in langwierigem Briefwechsel um einePreiserniedrigung. Gegen den Wert des fraglichenWaldstreifens konnte kein ernstlicher Widersprucherhoben werden, doch der Greis schien es für seinePflicht zu halten, mir noch etwas abzumarkten.Da ich indessen guten Grund hatte, ihm alles Liebezu erweisen, und überdies Geldes benötigt war, ummeinem Sohn, der im Dienste der Generalstaatensteht und mit einer blonden runden Holländerin verlobtist, die erste Einrichtung seines Hausstandes zuerleichtern, entschloß ich mich, ihm nachzugeben undden Handel rasch zu beendigen.

Ich fand ihn auf seinem altertümlichen Sitze einsamund in vernachlässigtem Zustande. Sein grauesHaar hing ihm unordentlich in die Stirn und hinunter[13]auf den Nacken. Als er meine Bereitwilligkeitvernahm, blitzten seine erloschenen Augen aufbei der freudigen Nachricht. Rafft und sammelt erdoch in seinen alten Tagen, uneingedenk daß seinStamm mit ihm verdorren und er seine Habe lachendenErben lassen wird.

Er führte mich in ein kleines Turmzimmer, woer in einem wurmstichigen Schranke seine Schriftenverwahrt, hieß mich Platz nehmen und bat mich, denKontrakt schriftlich aufzusetzen. Ich hatte meine kurzeArbeit beendigt und wandte mich zu dem Alten um,der unterdessen in den Schubladen gekramt hatte,nach seinem Siegel suchend, das er verlegt zu habenschien. Wie ich ihn alles hastig durcheinanderwerfensah, erhob ich mich unwillkürlich, als müßt' ich ihmhelfen. Er hatte eben wie in fieberhafter Eile eingeheimes Schubfach geöffnet, als ich hinter ihntrat, einen Blick hineinwarf und – tief aufseufzte.

In dem Fache lagen neben einander zwei seltsame,beide mir nur zu wohl bekannte Gegenstände: eindurchlöcherter Filzhut, den einst eine Kugel durchbohrthatte, und ein großes rundes Medaillon vonSilber mit dem Bilde der Muttergottes von Einsiedelnin getriebener, ziemlich roher Arbeit.

Der Alte kehrte sich um, als wollte er meinenSeufzer beantworten, und sagte in weinerlichemTone:

[14]

»Jawohl, Herr Schadau, mich hat die Dame vonEinsiedeln noch behüten dürfen zu Haus und imFelde; aber seit die Ketzerei in die Welt gekommenist und auch unsre Schweiz verwüstet hat, ist dieMacht der guten Dame erloschen, selbst für dieRechtgläubigen! Das hat sich an Wilhelm gezeigt– meinem lieben Jungen.« Und eine Träne quollunter seinen grauen Wimpern hervor.

Mir war bei diesem Auftritte weh ums Herz undich richtete an den Alten ein paar tröstende Worteüber den Verlust seines Sohnes, der mein Altersgenossegewesen und an meiner Seite tödlich getroffenworden war. Doch meine Rede schien ihn zu verstimmen,oder er überhörte sie, denn er kam hastigwieder auf unser Geschäft zu reden, suchte von neuemnach dem Siegel, fand es endlich, bekräftigte dieUrkunde und entließ mich dann bald ohne sonderlicheHöflichkeit.

Ich ritt heim. Wie ich in der Dämmerung meinesWeges trabte, stiegen mit den Düften der Frühlingserdedie Bilder der Vergangenheit vor mir auf miteiner so drängenden Gewalt, in einer solchen Frische,in so scharfen und einschneidenden Zügen, daß siemich peinigten.

Das Schicksal Wilhelm Boccards war mit demmeinigen aufs engste verflochten, zuerst auf einefreundliche, dann auf eine fast schreckliche Weise.[15]Ich habe ihn in den Tod gezogen. Und doch, sosehr mich dies drückt, kann ich es nicht bereuenund müßte wohl heute im gleichen Falle wieder sohandeln, wie ich es mit zwanzig Jahren tat. Immerhinsetzte mir die Erinnerung der alten Dinge sozu, daß ich mit mir einig wurde, den ganzen Verlaufdieser wundersamen Geschichte schriftlich niederzulegenund so mein Gemüt zu erleichtern.

Zweites Kapitel.

Ich bin im Jahre 1553 geboren und habe meinenVater nicht gekannt, der wenige Jahre späterauf den Wällen von St. Quentin fiel. Ursprünglichein thüringisches Geschlecht, hatten meine Vorfahrenvon jeher in Kriegsdienst gestanden und waren manchemKriegsherrn gefolgt. Mein Vater hatte sichbesonders dem Herzog Ulrich von Würtemberg verpflichtet,der ihm für treu geleistete Dienste ein Amtin seiner Grafschaft Mümpelgard anvertraute undeine Heirat mit einem Fräulein von Bern vermittelte,deren Ahn einst sein Gastfreund gewesen war, alsUlrich sich landesflüchtig in der Schweiz umtrieb.Es duldete meinen Vater jedoch nicht lange auf diesemruhigen Posten, er nahm Dienst in Frankreich,das damals die Picardie gegen England und Spanien[16]verteidigen mußte. Dies war sein letzter Feldzug.

Meine Mutter folgte dem Vater nach kurzer Fristins Grab, und ich wurde von einem mütterlichenOhm aufgenommen, der seinen Sitz am Bielerseehatte und eine feine, eigentümliche Erscheinung war.Er mischte sich wenig in die öffentlichen Angelegenheiten,ja er verdankte es eigentlich nur seinem indie Jahrbücher von Bern glänzend eingetragenenNamen, daß er überhaupt auf Bernerboden geduldetwurde. Er gab sich nämlich von Jugend auf vielmit Bibelerklärung ab, in jener Zeit religiöser Erschütterungnichts Ungewöhnliches; aber er hatte,und das war das Ungewöhnliche, aus manchenStellen des heiligen Buches, besonders aus derOffenbarung Johannis, die Überzeugung geschöpft,daß es mit der Welt zu Ende gehe und es deshalbnicht rätlich und ein eitles Werk sei, am Vorabenddieser durchgreifenden Krise eine neue Kirche zu gründen,weswegen er sich des ihm zuständigen Sitzesim Münster zu Bern beharrlich und grundsätzlichentschlug. Wie gesagt, nur seine Verborgenheit schützteihn vor dem gestrengen Arm des geistlichen Regimentes.

Unter den Augen dieses harmlosen und liebenswürdigenMannes wuchs ich – wo nicht ohne Zucht,doch ohne Rute – in ländlicher Freiheit auf. Mein[17]Umgang waren die Bauernjungen des benachbartenDorfes und dessen Pfarrer, ein strenger Calvinist,durch den mich mein Ohm mit Selbstverleugnungin der Landesreligion unterrichten ließ.

Die zwei Pfleger meiner Jugend stimmten inmanchen Punkten nicht zusammen. Während derTheologe mit seinem Meister Calvin die Ewigkeitder Höllenstrafen als das unentbehrliche Fundamentder Gottesfurcht ansah, getröstete sich der Laie dereinstigen Versöhnung und fröhlichen Wiederbringungaller Dinge. Meine Denkkraft übte sich mit Genußan der herben Konsequenz der calvinischen Lehreund bemächtigte sich ihrer, ohne eine Masche desfesten Netzes fallen zu lassen; aber mein Herz gehörtesonder Vorbehalt dem Oheim. Seine Zukunftsbilderbeschäftigten mich wenig, nur einmal gelanges ihm, mich zu verblüffen. Ich nährte seit langemden Wunsch, einen wilden jungen Hengst, den ichin Biel gesehen, einen prächtigen Falben, zu besitzen,und näherte mich mit diesem großen Anliegen aufder Zunge eines Morgens meinem in ein Buch vertieftenOheim, eine

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