» » » Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart

Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart

Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart
Title: Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart
Release Date: 2006-04-22
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 25 March 2019
Count views: 14
Read book

GEDENKREDE

AUF

WOLFGANG AMADE MOZART

VON

RICHARD BEER-HOFMANN

S. FISCHER, VERLAG, BERLIN
MDCCCCVI

GEDENKREDE
AUF WOLFGANG AMADE MOZART

Von hohen Bergen rinnt ein Wasser zu tiefenTälern hinab. Einem Gletschersee entstürzt es,wildstürmende Wasser aus seitlichen Tälern werfensich ihm zu, und in Sturz und Fall, von Talstufezu Talstufe schwellender und reicher, sucht es seinenWeg. Von Horten, die tief in ringsum starrendenBergen verborgen schlafen, tragen mündendeBäche ihm verräterische Kunde zu; und wer denSand seiner Ufer in hohler Hand faßt, dem gleiten,mit dem Sand zugleich, durch seine Finger:dunkles Erz und rotes Kupfer, grauer Kobalt unddas Gold und Silber des Rauris. Und wer seineHand in die Flut taucht – und wäre es selbstdort, wo sie schon zur Ebene hinabsteigt – derfühlt noch immer: Von hoch her kommt diesDrängen, das zu Meeren will; von Gletschern gespeist,uraltem Eise nah, springt helläugig dieserQuell – tief unter ihm sind die Dünste der Täler.

Von venetischen Küsten steigt eine Straße zuverschneiten Pässen der Tauern auf, und sucht dieHänge, wo Ambisontier und Alaunen die Stättenheiligen Salzes hüten. Saumtiere, mit Öl unddunklem Wein beladen, treten den Weg, derSchritt römischer Legionen stampft ihn breiter, undehe die alten Götter zur Ruhe gehen, leuchtet ihreheilige Nacktheit noch den Bergen.

Und dort wo die zwei sich treffen – der Stromvon den Firnen norischer Berge, und die Straßevom Meer und vom Süden her – ist eine Stadtgelagert. Dort wird Mozart geboren!

Musik ist um dies Kind, wenn es erwacht. Dieschweren Glocken vieler Kirchen, hell und dunkelwie Menschenstimmen bebend, und neben ihnenkleine Glocken, zu zierlichen Liedern gebündelt,im Glockenspiel der Residenz, und über allen –die Zeiten des Tages vom Berge grüßend – dasHornwerk der hohen Salzburg. Nichts Fremdesschwingt sich von dort oben zu ihm herab. Wasjetzt in Orgeltönen über den Bezirk der Stadthinhallt, war ehedem in seinem Vater, stummallen andern und nur diesem tönend. Nun klingtvon oben allen, Leopold Mozarts schäferlichesMenuett im May, ein Jagdlied im Herbstmonat,und im Hornung ein Fastnachtsstück. Und morgensund abends haben sie dort oben in mächtigenBälgen den Wind gefangen, und der wilde Frühwind,der die Bergnebel zerreißt, und die fächelndenAbendwinde, sie alle sind dienstbar der Musik!

Und wenn die Glocken dieser Stadt schweigen,rauschen ihre Wasser dem Knaben. Nicht bloßdie des marmornen Brunnens, wo über Delphinen,die Musik verlockt, der Triton ins Hornstößt. Ein Weg führt zum Schloß des MarcusSitticus, wo hellsprudelnde Brunnen gebändigtsind, zierliche Künste zu treiben. Dort wird er zuerstsehen, wie der leuchtende Gott den StümperMarsyas tötet, in steinerner Grotte wird Orpheusstehen, die Hand erhoben, bereit zum Spiel, dasden Weg zu den Toten bahnt, und eine Tür wirdaufspringen, und auf bunter Bühne, um den Baueines Hauses geschart, werden Werkleute, klopfendund hämmernd, ihr Tagwerk verrichten, dieBürger an ihr Handwerk gehen und vornehmeHerren aus den Fenstern grüßend sich neigen.Und mitten in den Lärm und die lächerliche Hastihres Tuns klingt ein Choral; das Wasser, das siealle treibt, treibt auch die Orgel die jetzt tönt.An einem Sinnbild mag dann der Knabe hierzuerst erkennen, was ihm – wie allen die Gottzu Schöpfern aufgerufen – verliehen ist: Aufkleiner Menschen tägliche Hast und geschäftigesMühen, vergängliche Lust und endliches Leid,mildlächelnd, ihrer Buntheit sich freuend, zu horchen– und zugleich dem Lobgesang zu lauschen,der aus der lärmenden Unruhe ihres Treibensfeierlich und ewig sich hebt; und zu wissen, daßein Quell beides bewegt.

Doch ehe er noch solches zu fassen vermag,entwächst er der Stadt. Andere Kinder mögenauf Märchen hören, deren Könige und Kaiserfern und zauberhaft vorüberziehen, wie Fabeltiereund Feen. Aber dieses Kindes wunderbarenFingern ist früh Kraft gegeben, die Welt sich aufzublätternwie ein Märchenbuch. Weit hinter ihmliegt die Stadt und der Untersberg, drin der alteKaiser schläft. Des heiligen römischen Reicheskaiserliche Majestät sendet ihm goldgeborteteKleider und lädt ihn in seiner Stadt zu Hof, desKaisers Töchter führen ihn an der Hand durchdie spiegelnden Säle, des Kaisers Frau küßt ihnmitten auf den Mund, und der Kaiser selbst stehtneben ihm und verstummt, wenn sein Spiel anhebt.Und dies ist die Stadt Paris, und wenn desheiligen Ludwig Enkel zu Tische sitzt, steht diesKind neben der Königin, und sie reicht ihmFrüchte von goldenen Tellern – und dies ist dieInsel Engelland, und wenn der König mit der Königinim Parke fährt, neigt er sich aus der Kutscheund winkt lächelnd dem Knaben.

Ist dies ein Märchen?

Daß man an der Orgel, drauf er einmal gespielt,eine Tafel anschlägt zu ewigem Gedächtnis?Daß der Papst in Rom um diesen dünnen Kinderhalsden Orden vom goldenen Sporen hängt?Daß ein alter Meister vor diesem Kind die Arbeitund den Ruhm eines Lebens zu Staub zerfallensieht?: »Dies Kind wird uns alle zu Vergessenenmachen!«

Ist dies ein Märchen?

Wenn es keines ist – was könnte dem, derdieses erfahren, noch geschehen? Demütigungen?– Sie gleiten von dem ab, dem die stolze Erinnerungsolcher Jugend, wie ein goldener Harnischum die schlanken Hüften sitzt. Armut? – Erwird sie lächelnd tragen, wie das Maskenkleideiner Karnevalsnacht. Und der Tod? – Orpheusweiß es: Wenn er stirbt, wird seine Leierals ewiges Sternbild aufflammen!

Und so kann der Jüngling furchtlos nach denZügeln seines Reiches greifen – und was istnicht sein Reich? Die Elemente sind um ihngeschart; aus Wassern rauscht es auf, alle Feuerlechzen zu ihm empor, aus den Lüften fährt es zuihm herab und will Musik werden; und alle vergänglicheLust und Trauer der Kreatur hebt sichwerbend ihm entgegen und will ewig werden inMusik!

Und er rührt daran – und ein Abglanz seinesAngesichts liegt auf allem! Helle, unbestocheneKinderaugen sehen die Welt, und diese Lippenhaben nicht Bitterkeit, noch Ekel geschmeckt.

Aus tiefgedüngtem, altem, bluterfülltem Bodenwächst, was uns bewegt. Wer weiß, ob nicht einungestilltes Sehnen vieler Ahnen auf solchen, undnicht anderen Lippen sich erfüllen will? Flammtnicht vielleicht aus unserem Haß die ungesühnteQual von Toten? Und was rätselhaft mit eisigenFingern im Dunkel uns umtastet – weht es ausnoch nicht vergessenen Schauern einer altenUrnacht?

Aber dieses Meisters Töne klingen von denstilldurchsonnten Matten hochumschlossener Täler.Auf jungfräulichem Boden sprießt es auf, und,wie im Unschuldsstande der Natur, darf es nebeneinandersich entfalten. Haß und Lächeln, süßeWollust, dumpfe Gier und edle Trauer heben sichauf schlanken Stielen, und um aller Wurzelnspülen klare Paradiesesströme, und die heitereLuft seliger Gärten weht hell um ihre Kelche!

Hier steht der Meister und winkt!

Und das Meer an Kretas Gestaden schäumtauf und droht – brach Idomeneo sein Wort?Hinab, Meer, in deine Ufer, und Platz für den Zug!Masken – meint ihr? Nicht Masken! Denn wowäre mehr Wahrheit, als in dem Antlitz, das erjedem gab? Gespenster? – Fühlt doch, wieihre Herzen klopfen! Hört Leporello, wie erfröstelt nach durchwachter Nacht, wie er sichMut zuspricht, seinem Herrn aufzusagen – undwird doch prahlend, feig, verfressen und geprügeltbei ihm bleiben bis an sein Ende. Osmin mager mit sich nehmen – Osmin taumelt – undMonostatos, den lüsternen Affen, aber an derKette! Und Papageno mag hinterdrein gehen!

Und weiter! Ihr, die ihr euch aneinanderschmiegt,seid Belmont und Constanze, die treuLiebenden; was euch ängstigt, geht vorbei, wieRegenschauer einer Frühsommernacht. – Unddie Stimmen, die sich jetzt durcheinanderschlingen,kenne ich! Platz, ihr Bauern, daß ich eure Herrschaftsehe! – Tauscht ihr eure Gewänder, bergtihr euch hinter Gebüschen, nehmt ihr das Dunkelwie eine Maske vor euer Antlitz in euern Liebesspielen?Und alles ist nur eines tollen Tages heitereWirrnis, eines tollen Tages leichte Liebe! Sehtihr Don Juans weiße Federn durchs Dunkel leuchten?Die hinter ihm, wie sein Schatten, gleitet – seht,die liebt! Mag sie vor ihm warnen und drohen,und ihn lästern – hinter allen Schleiern glühen ihreWangen schamrot im Erinnern! Grüßt Donna Anna!Schwarze Flöre wehen um diese reine Stirne, undwenn ihr glaubt, daß sie der Schmerz zu Bodenbeugt – gebt acht – sie schnellt zur Rache auf,wie eine edle Klinge! Drängt noch mehr sich empor?Nimmt der Zug kein Ende? Seltsame Trachten,und Priester, und Feuersgluten und Dampf – balltes sich zum Gewölk? Die ihr hervorbrecht ausden Wolken, wie klingende Strahlen – ihr seligenKnaben – seid ihr die letzten? Ist niemandmehr hinter euch? – – Schweigt, ich brauchenicht Antwort! Denn die Augen dessen, der jetzthinter euch tritt, kennt auch der, der ihn noch niegesehen. Auch dir, du Ernster, der du jedenReigen schließest, hat der Meister Stimme gegeben– aus dunklen Chören klingt sie, wenn ersich selbst zu ewigem Frieden singt!

So steht der Meister – vom Schicksal gestellt– an der Grenze zweier Zeiten. Ihm – wie nieeinem andern – ist es geschenkt, das Antlitzseiner Welt, ehe es sich wandelt, allen Kommendenzu künden, und zugleich ein seliger Botedessen zu sein, was, hinter aller Zeiten wechselndemAntlitz, ewig sich birgt.

Noch dürfen seine Gefangenen hinter goldenenGartengittern die freie Luft des Meeres schlürfen,und ihr Wächter heißt »Osmin«; es kommt dieZeit, wo ihr Leib, zwischen feuchtem Gestein,im Finstern fault, und ihr Herr wird »Pizarro«heißen. Noch jauchzt auf Don Juans Festen einMaskenchor ein »Lebehoch« der Freiheit; eskommt die Zeit, wo Chöre von Gefangenen indüsteren Kerkerhöfen um Freiheit auf zum Himmelstöhnen. Noch darf des Meisters »MaurerischeTrauermusik« in frommen Weisen um den Todvon Edlen klagen – – Blut und wieder Blutmuß fließen, ehe die Straße frei wird für den»Trauermarsch auf den Tod eines Helden«! – – –

Nicht immer will unsere Seele bei dir weilen,Wolfgang Amade Mozart! Zu sehr hat man unsgelehrt, in unseres Wesens geheimsten Schächtenzu schürfen, und wir wissen von vielzuviel Leid.Von Jupiters weißer leidloser Stirne wenden wirunsere Augen, und suchen den tiefen mitleidsvollenBlick, der unter des Prometheus wehevollgeballten Brauen wohnt.

Aber im Frühling und in Tagen des Glücks,wenn wir am frühen Morgen in unsere Gärtentreten, und, mit noch schlafgelösten Gliedern, diefeuchte Luft des frühen Jahres und den Duft derErde wie ein Glück genießen, und hoch über unsein Vogel in erdentbundenem Flug sich demHimmel entgegenwirft, alle Seligkeit seines Lebensin Gesang verströmend – dann grüßen wir dich,Wolfgang Amade Mozart! Und dem Frühling,und unserem Glück, und dir strömt unsere Seelezu – unaufhaltsam – wie von hohen Bergenhinab zu tiefen Tälern das Wasser rinnt!

Druck von W. Drugulin in Leipzig


		
Comments (0)
reload, if the code cannot be seen
Free online library ideabooks.net