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Deutsche Charaktere und Begebenheiten

Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Category: Germany / Biography
Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Release Date: 2006-04-26
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 25 March 2019
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Deutsche Charaktere
und
Begebenheiten

Gesammelt und herausgegeben
von

Jakob Wassermann

S. Fischer, Verlag, Berlin
1915

Hochzeitsfeier im Jahre 1548
Hochzeitsfeier im Jahre 1548,
nach einem Bildteppich im Kunstgewerbemuseum zu Berlin.

Inhalt
Vorwort9
Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen23
nach Vehse
Böttiger25
nach Vehse
und Schmieder, Geschichte der Alchimi
Moritz von Sachsen41
nach Vehse
Wallenstein65
nach Vehse
Leonhard Thurneyßer111
nach Vehse
und Dr. Möhsen
Danckelmann125
nach Vehse
Kaiser Rudolf II. und sein Hof131
nach Vehse
Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard Strein145
nach Hohenecks
»Stände Östreichs ob der Ems«
Friedrich Wilhelm I. von Preußen149
nach Vehse
Joachim Nettelbeck192
nach seiner Autobiographie
Christian Holzwart223
nach dem Neuen Pitaval
Karl August von Weimar251
nach Vehse, Briefen
Eckermanns Gesprächen mit Goethe

Vorwort

Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale undEreignisse ist zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossengewesen, ich hatte aber die Veröffentlichung in demGefühl verschoben, daß ein solches Buch mehr als ein anderesvon einem Bedürfnis gefordert werden müsse. Der gegenwärtigeKrieg, den wir Deutsche als einen Nationalkriegempfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkesdie Bilder einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen.Es kam darauf an, das festzuhalten, was im allgemein Gültigenzugleich das begrenzteste Persönliche gibt; darum mußteich den ursprünglichen Plan des Werkes verändern und diejenigenLebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdotenentfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hattenals Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehrOberfläche als Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine,sie ist zumeist wörtlich die der Historiker und der Quellen,die im Inhaltsverzeichnis namentlich angeführt werden; ichhabe das Material übernommen, wie es sich bot, mit keinemandern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbarenWahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunktordnend, den ein natürlicher Überblick ergab. Denaußerordentlichen Schicksalen, dient nur das Wort treu ihremVerlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft von selber inne,daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren können, undwenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stilist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur,die von der Geschichte, der Überlieferung in den meistenFällen so gesetzmäßig und methodisch besorgt wird, wie voneinem Strom, der alles trübe Gemengsel und unreinen Stoffealsbald an die Ufer schwemmt oder auf den Grund sinken läßt.

Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stückendurch Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen;das Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen,die scheinbare Willkür in der Wahl kann sich nur auf einenZwang der Phantasie berufen, die Entscheidung gab alleinihre deutsche Herkunft und deutsche Beschaffenheit.

Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist eindeutscher Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was istein deutsches Ereignis?

Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere icheine Gestalt, die aus der Erfahrung gezogen und zur Ideegesteigert ist; als solche schließt sie eine Summe von Eigenschaftenin sich, welche sowohl dem Wesen des Volkes alsGanzes zukommen, als auch dem uns überlieferten Bilderepräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzuliefert mir das lebendige und fließende Element der Geschichte.Indem sie mir eine zergliederte, beseelte Nachricht über dasEreignis gibt, wie auch über die Personen, die in ihm eineRolle gespielt haben, erlaubt sie mir zugleich, Ereignis undFigur zu deuten, in freier Betrachtung zu erweitern und zuverallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal fühlen,die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weggewaltet haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunftwenigstens flüchtig und ahnend zu erleuchten.

In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zureden und ihn als ein Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären.Es wäre nicht einmal notwendig, auf Stammeseigentümlichkeitenzu verweisen, auf ausgebildete und in jederLandschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf dieLandschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen,das größere oder geringere Maß von Freiheit,von Wohlfahrt, von Begünstigungen, die die Natur gewährtoder die durch vornehmliche Kraft, Tapferkeit, durchFleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem soreichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eineNation ist, eine unendliche Vielfalt und Variabilität derLebenskristallisationen feststellen, und doch wird die Nationin ihrer Gesamtheit gegen eine andere, sei es auch benachbarte,sogar verwandte Nation ein völlig verschiedenes Lebens- undWesensbild zeigen. Es eignet eben jeder Nation, genau wiejedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre besondereWillenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der Zusammenfassungerleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter denGrund legt.

Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, dieNatur hat ihn nicht verschwenderisch beschenkt. Die Berichteaus der Vorzeit erzählen schon von dem rauhen Klima undder Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu unermüdlicherArbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäremilder, aber die Fülle oder nur die unerwartete Gabe hatder Bauer nie erfahren, der Gärtner, der Obstzüchter nie;genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm gelohnt.

Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustandaller andern Völker ähnlich; an den Grenzen finden die Feindenur wenig natürliche Hindernisse; kriegerische Horden, vonOsten und Westen her eindringend, zerstampfen die Saaten,verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des Fürsten Bewaffnetegenug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroherentgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchemUnternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannenin ihren festen Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche alsBewohner des Herzlands Europas mehr als andre drauf gefaßtsein, daß alles, was er baute und schuf, was er säte undsparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und seinVieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werkedarin, die Beute von schweifenden Eroberern wurde.

Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war,konnte jeder Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund vongestern zum Feind von morgen werden. Die Folge davon,eine immer größere Zerstückelung des Gebiets, eine beständigeLostrennung einzelner Teile, die sich dann zu selbstwilligen undder Gesamtheit trotzig entgegengesetzten Interessensphären entwickeln,trat gar bald ein und enthüllte sich als ein nationalesUnglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland derSchauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts,das jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete.Um ihren Handel zu schützen, auf welchem allein der Wohlstand,ja die Existenz des Bürgertums beruhte, mußten dieStädte zu Mitteln greifen, die sie auch als wehrhafte Machtin Achtung setzten, und nach und nach wurde jede Stadt, auchdie nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da entstandnun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft,ein beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation.Die großen Schwurgesellschaften übernahmenden Schutz des Privatlebens und ersetzten so den Staat, alleeinzelnen traten in Genossenschaften zusammen, und diesewieder standen durch Bünde gegeneinander.

Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend.Ordnung muß die Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, dasdie Freiheit fördert. Der Mann ist König in seinem Haus,Diener in brüderlichen Verbänden. Nur Arbeit verleihtWürde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebungan eine Sache wird der Geist für nichts geachtet.Wenn aber der Geist sich zur Sachlichkeit gesellt, entstehtdie Idee, die das Individuum formt und das Gemeinwesenentwicklungsfähig macht. Welche Wege auch immer derRitter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, dieZukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.

Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres;ihre Häuser drängten sich wie Männer, die Achsel an Achselstehen, so dicht zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raumnicht blieb. Die spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichender zur Höhe gedrängten Kraft, die engen Gassen gabendas Gefühl der Umschlossenheit, und alles Schmuckwerkwuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit massiver Gitter,die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher Brücken,die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, derenursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesenimmer mehr zu eigen wurden.

Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßigfrüh zur Bildung eines staatlichen Organismus gelangten,war dies bei den Deutschen erst im Verlauf desneunzehnten Jahrhunderts der Fall. Deutsche Zerrissenheitwar das Merkwort, mit dem sich der Deutsche selbst in dieUnabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eineTatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.

Nach allem, was wir von dem Volk der Germanenwissen, scheint es, als ob ihr religiöses Leben durch den Eintrittin das Christentum eine bedeutende Störung erlitten,als ob eine natürliche Entfaltung ihrer religiösen Anlageein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die Geschichtehervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immerwieder zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen denKlerus, gegen das Papsttum und seine unumschränkte Gewaltschließen. Der Papst strebte nach Weltherrschaft; einWeltimperium zu schaffen war auch der tiefe Wille derDeutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Machtdieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechterder Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromißschlossen, indem sie eine römische Weltherrschaft aufdeutschem Boden gründen, die Nation in ein römisches Kaisertumverwandeln wollten? Es war dies eine poetische Ideeund nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis,darin der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. DerZug über die Alpen: das romantische Abenteuer; Italien,die zweite Heimat, Provinz des Lichtes und der Schönheit,der holde Traum, die Lockung der Jahrhunderte.

Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an,immer wieder brechen sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer,bis ins Unbewußte gedrungener Glaube, daß es dieHerrenrolle in Europa wieder übernehmen werde, die nachalten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen undWerken einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auchnicht der Schwermut und Klage; das Staatswesen schiendavon unberührt zu bleiben. Während die Reformation,diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, dielangersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat imKaiserhaus selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom undan die Romanen verrät, und die Hoffnung der Freien undBefreiten wird durch den Dreißigjährigen Krieg, das größteUnglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde, erstickt.Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenesZeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit undKraft, daß sie kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einerBlüte der Bildung und des geistigen Lebens zu gelangen, wiesie die Geschichte keines andern Volkes kennt, eine Blüte allerdings,die nach Gustav Freytags tiefem Wort die wundergleicheSchöpfung einer Seele ohne Leib ist.

Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staateskündigt sich eine neue und verheißungsvolle Periode des nationalenLebens an. Ein neues Lebensgesetz wird von den einzelnenergriffen und bindet sie. Gleichsam gereinigt in derGlut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel hingestelltdurch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeitpolitischer Sammlung und finden den Weg, dasIdeal praktisch zu verwirklichen. Alte Instinkte trotzigerSelbständigkeit werden niedergezwungen und dem Allgemeinendienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.

Ziethen
Ziethen,
nach einem Stich von Townley.

In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschlandzur Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran.Dort vollzieht sich die Sonderung, die Wandlung, derZusammenschluß. Ein König, dessen unerschütterliche Energieim Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum Werkzeugdes Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamentemacht, gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge dasungeheure Wort von der Suveränität, die er als einenrocher de bronze statuiere, und ein Philosoph in ebensoscheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den kategorischenImperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Weltüberwölbenden Moral- und Sittenlehre.

Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auchnicht der Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischerund organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeitihre Arbeit beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Endeseiner unvergleichlichen Laufbahn noch nicht einmal bewußt,wie sehr er Bürger war, indem er König war. Und da seineTaten ihn zum Helden machten, schuf er eben dadurch, daßer König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff desHeroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeitvorbildlich wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seinekrönende Gültigkeit erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.

Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph AmbergersBildnis eines Augsburger Patriziers vor, und HolbeinsBildnis des Bürgermeisters Meyer, und Lukas CranachsBildnis eines alten Mannes; ich denke an Luthers Gesicht,an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks Gesicht,an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immerdieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in derReihe

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