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Nicht da, nicht dort

Nicht da, nicht dort
Title: Nicht da, nicht dort
Release Date: 2011-07-26
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 26 March 2019
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Albert Ehrenstein
Nicht da
nicht dort

 

 

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Kurt Wolff Verlag
Leipzig 1916

 

 

Siebenundzwanzigster und achtund-
zwanzigster Band der Bücherei
»Der jüngste Tag«

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig
Gedruckt bei Poeschel & Trepte · Leipzig

Inhalt

Das Martyrium Homers

Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas

Liebe

Der Knecht seines Schicksals

Hildebrandslied

Traum des 888. Nachtredakteurs

Die alte Geschichte

Frühes Leid

Wodianer

Tod eines Seebären

Ausflug

Vorbild

Mammuthbaum

 

 

Das Martyrium Homers

Ich protestiere feierlich gegen die unerhört kurzfristigeProphezeiung des genialen Dandy Ovid»Vivet Maeonides, Tenedos dum stabit et Ida, dumrapidas Simois in mare volvet aquas.« Als ob Homerdiese lausigen, durch das nächstfällige Erdbeben gehandikaptenÖrtlichkeiten nicht um Äonen überlebenwürde!

Ich protestiere ferner gegen die tolle Verdrehungmeines zynischen Freundes Lukian, Homer sei währenddes Trojanischen Krieges (1193-1184 v. Chr.)Dromedar in Baktrien gewesen. Wahr ist vielmehrdas Trottelwort archaischer Pädagogen: »Sieben Städtestritten sich um die Ehre, Homer geboren zu haben:Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros,Athenai.«

Warum sich aber die diversen Stadtväter so hartnäckigstritten, erfährt die leichtgläubig betrogene Nachweltallerdings erst durch diesen Film.

1. Bild.

Homer dichtet die Ilias und die Odyssee; der alteMann geht vor seinem Zelte, skandierend und dieLeier schlagend, auf und nieder.

2. Bild.

Landgut des Odysseus: Homer trägt seinem Königeiniges vor. Odysseus läßt dem Sänger durch Sklaveneinen Becher Wein reichen und ein Ehrengeschenkübergeben: eine milchstrotzende Kuh. Homer danktfreudig für die wandelnde Gabe, läßt sie durch einenSklaven heimführen, trinkt und erklärt stolz, weinbesessen,kein Wesen hätte die Gabe mehr verdientals er. Und auf eine Statue des Phoibos Apollondeutend, versichert er, selbst dieser Gott hätte nichtbesser, höchstens ebensogut dichten können wie er.Denn Apollon sei nur ein Stämmling des amusischenZeus, er aber habe die Dichtkunst geerbt, ihn hättenSänger, Phemios mit Demodokos, gezeugt.

3. Bild.

Auf dem Olymp, von den neun Musen umtanzt,hört Phoibos Apollon diese frevle Selbstanzeige desDichters und stürmt durch den weißen Bergnebel nachIthaka: über die Schultern den Bogen gelegt und denKöcher voll tosender Pfeile.

4. Bild.

Drohende Gebärden. Es kommt zum Wettkampf.Odysseus soll zwischen den Dichtern Apollon undHomer entscheiden. Apoll greift nach der Leier Homers.(Was der junge Gott singt, zeigt das)

5. Bild.

Achilleus lehnt seinen leuchtenden Schild gegen dieMauer und versucht, mit seinem ungeheuren Eschenspeeranrennend, die Tore Trojas zu durchbrechen.Der Speer zersplittert. Der rasende Achill will die Toremit seinen Händen aus den Angeln heben. Vergebenswarnt, von der Mauer her dräuend, Apollon; der Pelideläßt nicht ab, und wie er des alten Troja mürbeTore auf seine Simsonschultern lädt, benützt ein Pfeildes Gottes die Achillesferse. Griechen und Troerkämpfen in den bekannten malerischen Posen um denLeichnam Achills. Während der dicke Aias die kühnstenTroer tötet, trägt Odysseus, schwer bedrängt, denLeichnam hinab zu den Schiffen . . . Dankbar verleihtAchills Mutter Thetis dem Odysseus die Waffen desAchill.

6. Bild.

Odysseus vernimmt diesen bestechenden Lobgesangmit Rührung, doch Homer bleibt unbewegt, sein Lied

7. Bild

schildert die Liebe Apolls zu Daphne. Wie der verliebteGott die sich über einer Quelle kämmendeNymphe beschleicht, belauscht, waldein, waldaus verfolgt— die fast Erhaschte im letzten Augenblick zuihrer Mutter, der Erde, bittend die Hände erhebt undabwärts neigt, und von ihr in dürren Strauch verwandeltwird. So daß der Gott statt des süßen Mädchensden bitteren Lorbeer (daphne laurus) umfängt.

8. Bild.

Als Homer geendet, wird in Apollon der Schmerzum die geliebte Daphne neu, er verhüllt sein Haupt,gleichgültig gibt der weinende Gott zu, daß ihn Odysseusfür besiegt erklärt, drückt mitleidsvoll die HandHomers, fährt ihm bedauernd über Augen, Wangenund Schultern, und erklärt, da er besiegt sei, habe ernicht die Macht, von Homers Haupt das Schicksaleines Dichters abzuhalten.

9. Bild.

Odysseus, ein Ruder auf den Schultern, verabschiedetsich von Homer. Poseidon, dem er den SohnPolyphemos geblendet hatte, zu versöhnen, muß Odysseuseine Wallfahrt unternehmen, die so lange dauernsoll, bis er ein Binnenvolk erreicht, das sein Ruderfür eine Schaufel hält. Odysseus empfiehlt den Dichterder Fürsorge Telemachs und Penelopes.

10. Bild.

Aber Telemach ist immer auf der Wildziegenjagd.Und Penelope gibt dem Dichter, da er sich im Hauswesennicht sehr nützlich macht (ihrer schwersten, blaumaschigen,zahmen Lieblingsstopfgans einen Fuß zertritt),stets kleinere Portionen, bis er endlich schwerenHerzens, halb und halb gedrängt durch einen Konkurrenten,den Hausbettler Iros, den Entschluß faßt,den Palast zu verlassen. Penelope schmiert ihm zweiKäsestullen, und Homer geht auf die Wanderschaft.

11. Bild.

Da er in frühester Kindheit die Eltern verlor, undseine Vaterstadt, die ihn im Greisenalter zu ernährenhätte, nicht kennt, begibt er sich zunächst nach Reich-Asien.Phöniker, denen er dafür die von Odysseusgeschenkte Kuh gibt, nehmen ihn mit auf ihrem Schiff.

Die acht Leidensstationen

12. Bild.

1. Smyrna. Bevor der von langer Seefahrt undEntbehrungen geschwächte Dichter die Stadt betritt,färbt er sein ergrautes Haupthaar und den Bart.Singt auf den Plätzen ums liebe Brot. Aber das Volkverlacht ihn — die Haarfarbe war schlecht gewesen,hatte ihm grüne Haar- und Bartlocken geliefert. Erschöpftsetzt sich der arme, von höhnenden Kindernverfolgte Bettelmusikant im Stadtpark von Smyrna aufeine Bank und schläft ein, an die niedrige Stadtmauergelehnt. Nicht gerührt durch die Tafel »Diese Anlagensind dem Schutze des Publikums empfohlen«langt ein Kamel über die Mauer und frißt, durch diegrüne Farbe verlockt, Homers Schädel rattenkahl. Seitdemträgt er eine Perücke.

13. Bild.

2. Kolophon. Infolge zu starken Kolophoniumgebrauchsund unausgesetzten Harfenschlagens beginnenHomers Finger zu eitern. Er fürchtet, die Hand werdeihm abfaulen, sehnt sich nach Ruhe, Pflege. Geht halbverzweifelt, halb sehnsüchtig einem schönen Weibe nachin den Tempel des Apollon Kourotrophos. Beugt sichund fleht den Gott an, das Weib möge wilde Liebesnächteund frische Jünglinge verschmähen und sich seinererbarmen. Aber sie neigt sich einem Tempeldiener, undHomer bleibt nichts anderes übrig, als auch weiterhindie Ilias sowie die Odyssee zu verfassen.

14. Bild.

3. Rhodos. Enttäuscht verläßt Homer Asien. AufRhodos wird ihm anfangs guter Empfang bereitet.Aber dann wird er in die Königsburg geführt und,auf einen sanft verblödenden Greis deutend, versichertman ihm, dies sei der Heraklide Tlepolemos, den erin der Ilias von Sarpedons Hand habe fallen lassen.Hierauf erklärt ein Sohn des idiotischen Greises, einTlepolemiker, wütend, Homer habe einen Schlüsselromangeschrieben, und dem Dichter wird der fernerweitigeAufenthalt auf der Insel behördlich untersagt.

15. Bild.

4. Chios. Der gute Wein dieser Insel hebt wiederHomers Stimmung. Er singt seine Lieder vor sich hin.Da nähert sich dem Vertrauensseligen ein Jüngling semitischenAussehens: Phron. Bittet den Homer, ihmnoch einiges vorzudeklamieren. Der Dichter tut es.Phron lobt ihn, bietet ihm an, selbst auch HomersGesänge vorzutragen, und zwar allenthalben. AberHomers Name sei noch jung und unbekannt, an Propagandawerde zwar alles Erdenkliche geschehen, dochdergleichen sei sehr kostspielig, kurz er nast ihm als»Entschädigung und Kostenbeitrag« den pramnischenKäse ab, den ein Bauer dem Dichter geschenkt, mäkeltdann noch an dem Käse und verschwindet auf Nimmerwiedersehn.Phron war — der erste Verleger.

16. Bild.

5. Skyros. Die Skyrioten feiern die Hochzeit desPeliden Neoptolemos mit Helenas und Menelaus’Tochter Hermione. Der Sänger Achills wird vom nichtbesungenen,trunkenen Pyrrhus mit Hunden fortgehetzt.

17. Bild.

6. Salamis. Homer kommt hier gerade zurecht, umeiner zu Ehren des dicken Alias und des HEILIGENTeukros abgehaltenen Prozession als Zuschauer beiwohnenzu können. Da der Kurzsichtige vor denPriestern die Perücke nicht abnimmt, wird er unterPöbelgeheul von der Insel verjagt.

18. Bild.

7. Athen. Als Homer vom Prytaneion ausgespeistzu werden verlangt, beantragt Platon, der Sohn desKassner, den Rhapsoden, da der in seinen übrigenshypermodernen Gesängen Athen zu wenig genanntund auch sonst zu sehr der Unzucht gefrönt, unsittlicheVereinigungen des Zeus mit der Hera, des Aresmit der Aphrodite geschildert habe, durch das Scherbengerichtaus Athen zu verbannen. Geschieht.

19. Bild.

8. Jos. Halb erblindet und auf Vieren wankend, hierund da von mitleidigen Schiffern aufgenommen, irrtHomer von Stadt zu Stadt, von Insel zu Insel. KeineBürgerschaft will ihn ernähren, er wird immer wiederals lästiger Ausländer abgeschoben, die Stadtväter jeglicherGemeinde verwahren sich energisch dagegen, daßdieser krüppelhafte Kerl ihrer Polis entsprossen sei.Am Strande von Jos ruht er endlich erschöpft aus.Fischerknaben, leere Netze auf den Schultern, steigenaus Booten und necken ihn. Geben ihm ein Rätselauf: »Was wir gefangen haben, ließen wir zurück.Was wir nicht gefangen haben, tragen wir bei uns.«Homer sinnt verzweifelt, kann die Lösung nicht finden.Ein Phron ähnlicher Knabe: der Sohn des Phron, klärtihn auf; da sie keine Fische zu fangen vermocht, hättensie sich am Strande die Läuse gesucht, die Gefangenengetötet, die Nichtgefangenen unfreiwillig nach Hausemitgenommen . . . Die Lausbuben ziehen ab. Homerschüttelt klagend das Haupt; vor Gram, nun auchgeistig gealtert über das einfache Rätsel der Jungen gestraucheltzu sein, stürzt er sich von den Klippen ins Meer.

20. Bild.

Das arme Grab Homers auf Jos, Inschrift: »Hierdeckt die Erde das heilige Haupt Homers, der inseinen Liedern die Helden sang.«

21. Bild.

Zeigt den Bauch des Regierungsrats Professor MethusalemLeichenstil, der, um schneller zu avancieren,sich allen bildlichen Schmuck des achilleischen Schildsauf den Bauch tätowieren ließ.

22. Bild.

Unterrichtsstunde bei Professor Leichenstil. Nebendem Katheder steht, Phron und dessen das Rätsel erklärendemSohne sehr ähnlich sehend, der Primus EugenPelideles. Schnattert: Sieben Städte stritten sich um dieEhre, Homer geboren zu haben: »Smyrna, Rhodos,Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.«

Meer wogt gegen das Kathederpodium, auf den Wogendaher treibt ein Leichnam: Homer. Wie der Blick seinertoten Augen auf Pelideles fällt, beginnen seine Wundenzu bluten . . . und über alles und alle stürzt dasWasser der Zeit.

Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas

In einer alten Handschrift, an hundert Jahre vergilbterals die Stormschen zu sein pflegen, habe ichfolgende wahre Geschichte gefunden, welche uneben undruppig erzählt zu haben meine einzige Hoffnung ist,wenn nicht der Trost meines Greisenalters.

Es war einmal eine Königstochter, Jezaide geheißen,aus dem uralten Geschlecht der Sirvermor. Über ihreFamilie war, wie sonst nur in Märchen gebräuchlich,ein enormer Fluch verhängt. O geiziger König Zizipêder Siebenundsiebenzigste, warum hast du, als einstzur Taufe deines Erstgeborenen dreizehn glückwünschendeZauberer erschienen waren, und der Hofjuwelier,eingedenk trauriger Erfahrungen und Abzüge,erklärte, die goldenen Stiefelzieher nur mehr dutzendweiseabgeben zu können, warum hast du damals dieverhängnisvollen Worte gesprochen: »Ach was, der einewird sich halt so gefretten!«

Ja, er begnügte sich diesmal mit einem silbernenStiefelknecht, der große Magier Anateiresiotidas, ingrimmigzwar, und so gewaltige Sprüche in seinenBart brummend, daß der vor Schreck jeden Momentdie Farbe wechselte. Mit einem violetten Bart erschiener bei der königlichen Tarockpartie, zu der er geladenwar, und alle anderen Zauberer wußten, wieviel esgeschlagen hatte. Nur der König bemerkte die Anzeichenfürchterlich aufziehenden Gewitters nicht, derartwar er mit der Mondjagd beschäftigt. Er bot ihm in derHitze des Gefechts weder die Teilnahme, noch einen Stuhlan, vielleicht um sich durch solche Höflichkeit nicht nocheinen Hexenmeister zum Feinde zu machen. Und so mußteAnateiresiotidas kiebitzen, stehend kiebitzen. Auch dieshätte der Zauberer vielleicht noch ruhig hingenommen,aber ihm offerierte Zigarren trugen zwar die Leibbindenimportiertester Havanna, waren jedoch mörderischeSchusterkuba. Diesmal hatte wiederum HoftrafikantMotschker die Upman nicht in minimalen Quantitätenzum Engrospreise liefern wollen und der königlicheGeizhals daraus alberne Konsequenzen gezogen. Nurdaß ein anständiger Hexenmeister in punkto Zigarrenkeinen Spaß versteht. Mit einem Griff hatte der Beleidigteseine Sprechwerkzeuge auf den Tisch gelegtund sich entfernt. Kein besserer Zauberer hat so vielZeit und Geduld, seine eigenen Reden anzuhören. Undjetzt kam der Fluch: »Von nun an werden alle Kinderaus dem Hause Sirvermor, je nach dem Geschlecht,mit dem Ding oder Wesen, das ihrem Vater oderihrer Mutter am liebsten ist, zur Welt kommen. Biseinst ein Jurist erscheint, dessen Namen dieselben Buchstabenwie »Sirvermor« besitzt, und nicht genug daran:ohne das geringste Plagiat ein Buch über Rechtsphilosophieschreibt!«

»Wer gibt?« fragte guter Laune der König, dessengeheimen Gram es längst gebildet hatte, daß justamentauf seinem Stamm kein vornehmer Erbfluch lag. Undehe noch die Sprechwerkzeuge des Anateiresiotidas ausdem Spielzimmer ihrem Inhaber nachgeflogen waren,gab es bereits einen Solovalarpagatultimo, wie er insolcher Schönheit ohnstreitig noch nie dagewesen. Dasaber hatten die anderen Zauberer getan, um den Königzu trösten.

Denn eines Trostes bedurfte Haus Sirvermor. Dadoch gemeinhin die Männer sich und die Frauen amliebsten haben und umgekehrt — wenn wenigstens,jenem Fluche nach, Gebärmänner: Hermaphroditenzur Welt gekommen wären! Die Dynastie hätte zwarzum längsten bestanden, aber Skandal, durch Jahrhundertefortgesetzter Skandal wäre vermieden worden.Nein, deutlich getrennt von dem jeweiligen Kinde: fürsich bestehend stieg das dem Vater oder der Muttergeliebteste Ding oder Wesen ans Tageslicht.

Wo soll ich anfangen, wo soll ich enden! Mit dir,Dolgoruki, dem sein Weib außer einem Nachfolgereine ewig volle Kognakflasche gebar? Solches wäre lustiganzuhören, aber wem geraten nicht unwillkürlich dieTränen in die Augen, wenn er von dir vernimmt, SeeheldAquavit? Wohl wurde dir deinem Wunsch gemäßein Überdreadnought geschenkt, aber starb nichtdein Weib daran, ohne daß ein anderes sich hättefinden lassen, todesverachtend genug, bald

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