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Was heißt: sich im Denken orientieren?

Was heißt: sich im Denken orientieren?
Category: Reason
Title: Was heißt: sich im Denken orientieren?
Release Date: 2012-02-03
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 26 March 2019
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Anmerkungen zur Transkription:

Der Text stammt aus: Immanuel Kants Werke. Band IV. Schriften von1783–1788. Herausgegeben von Dr. Artur Buchenau und Dr. Ernst Cassirer.Berlin: Bruno Cassirer 1913. S. 349–366und 545–548 (Lesarten).

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurdenübernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurdenkorrigiert. Änderungen sind im Textso gekennzeichnet. DerOriginaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.Eine Liste der vorgenommenen Änderungenfindet sich am Ende des Textes.

Was heißt:sich im Denken orientieren?

Wir mögen unsere Begriffe noch so hoch anlegen und dabeinoch so sehr von der Sinnlichkeit abstrahieren, so hängen ihnendoch noch immer bildliche Vorstellungen an, deren eigentlicheBestimmung es ist, sie, die sonst nicht von der Erfahrung abgeleitetsind, zum Erfahrungsgebrauche tauglich zu machen.Denn wie wollten wir auch unseren Begriffen Sinn und Bedeutungverschaffen, wenn ihnen nicht irgendeine Anschauung, (welchezuletzt immer ein Beispiel aus irgendeiner möglichen Erfahrungsein muß), untergelegt würde? Wenn wir hernach von dieserkonkreten Verstandeshandlung die Beimischung des Bildes, zuerstder zufälligen Wahrnehmung durch Sinne, dann sogar die reinesinnliche Anschauung überhaupt weglassen: so bleibt jener reineVerstandesbegriff übrig, dessen Umfang nun erweitert ist und eineRegel des Denkens überhaupt enthält. Auf solche Weise ist selbstdie allgemeine Logik zustande gekommen; und manche heuristischeMethode zu denken liegt in dem Erfahrungsgebraucheunseres Verstandes und der Vernunft vielleicht noch verborgen,welche, wenn wir sie behutsam aus jener Erfahrung herauszuziehenverständen, die Philosophie wohl mit mancher nützlichen Maxime,selbst im abstrakten Denken, bereichern könnte.

Von dieser Art ist der Grundsatz, zu dem der sel. MENDELSSOHN,soviel ich weiß, nur in seinen letzten Schriften (denMorgenstunden S. 165–66 und dem Briefe an Lessings FreundeS. 33 und 67) sich ausdrücklich bekannte: nämlich die Maximeder Notwendigkeit, im spekulativen Gebrauche der Vernunft,(welchem er sonst in Ansehung der Erkenntnis übersinnlicherGegenstände sehr viel, sogar bis zur Evidenz der Demonstrationzutraute), durch ein gewisses Leitungsmittel, welches er bald denGemeinsinn (Morgenstunden), bald die gesunde Vernunft,bald den schlichten Menschenverstand (an Lessings Freunde)nannte, sich zu orientieren. Wer hätte denken sollen, daß diesesGeständnis nicht allein seiner vorteilhaften Meinung von der Macht des spekulativen Vernunftgebrauchs in Sachen der Theologieso verderblich werden sollte, (welches in der Tat unvermeidlichwar); sondern daß selbst die gemeine gesunde Vernunftbei der Zweideutigkeit, worin er die Ausübung dieses Vermögensim Gegensatze mit der Spekulation ließ, in Gefahr geraten würde,zum Grundsatze der Schwärmerei und der gänzlichen Entthronungder Vernunft zu dienen? Und doch geschah dieses in der Mendelssohn-und Jacobischen Streitigkeit, vornehmlich durch dienicht unbedeutenden Schlüsse des scharfsinnigen Verfassers derResultate;(1) wiewohl ich keinem von beiden die Absicht, eine soverderbliche Denkungsart in Gang zu bringen, beilegen will, sonderndes letzteren Unternehmung lieber als argumentum ad hominemansehe, dessen man sich zur bloßen Gegenwehr zu bedienen wohlberechtigt ist, um die Blöße, die der Gegner gibt, zu dessenNachteil zu benutzen. Andererseits werde ich zeigen, daß es inder Tat bloß die Vernunft, nicht ein vorgeblicher geheimerWahrheitssinn, keine überschwengliche Anschauung unter demNamen des Glaubens, worauf Tradition oder Offenbarung ohneEinstimmung der Vernunft gepfropft werden kann, sondern, wieMENDELSSOHN standhaft und mit gerechtem Eifer behauptete,bloß die eigentliche reine Menschenvernunft sei, wodurch er esnötig fand und anpries, sich zu orientieren; ob zwar freilich hiebeider hohe Anspruch des spekulativen Vermögens derselben,vornehmlich ihr allein gebietendes Ansehen (durch Demonstration)wegfallen und ihr, sofern sie spekulativ ist, nichts weiter als dasGeschäft der Reinigung des gemeinen Vernunftbegriffs von Widersprüchenund die Verteidigung gegen ihre eigenen sophistischenAngriffe auf die Maximen einer gesunden Vernunft übrig gelassenwerden muß. – Der erweiterte und genauer bestimmte Begriffdes Sich-Orientierens kann uns behülflich sein, die Maximeder gesunden Vernunft in ihren Bearbeitungen zur Erkenntnisübersinnlicher Gegenstände deutlich darzustellen.

Sich orientieren heißt in der eigentlichen Bedeutung desWorts: aus einer gegebenen Weltgegend, (in deren vier wir den Horizont einteilen), die übrigen, namentlich den Aufgang zufinden. Sehe ich nun die Sonne am Himmel und weiß, daß esnun die Mittagszeit ist, so weiß ich Süden, Westen, Norden undOsten zu finden. Zu diesem Behuf bedarf ich aber durchaus dasGefühl eines Unterschiedes an meinem eigenen Subjekt, nämlichder rechten und linken Hand. Ich nenne es ein Gefühl, weildiese zwei Seiten äußerlich in der Anschauung keinen merklichenUnterschied zeigen. Ohne dieses Vermögen, in der Beschreibungeines Zirkels, ohne an ihm irgendeine Verschiedenheit der Gegenständezu bedürfen, doch die Bewegung von der Linken zurRechten von der in entgegengesetzter Richtung zu unterscheidenund dadurch eine Verschiedenheit in der Lage der Gegenständea priori zu bestimmen, würde ich nicht wissen, ob ich Westendem Südpunkte des Horizonts zur Rechten oder zur Linken setzenund so den Kreis durch Norden und Osten bis wieder zu Südenvollenden sollte. Also orientiere ich mich geographisch beiallen objektiven Datis am Himmel doch nur durch einen subjektivenUnterscheidungsgrund; und wenn in einem Tage durch einWunder alle Sternbilder zwar übrigens dieselbe Gestalt und ebendieselbeStellung gegeneinander behielten, nur daß die Richtungderselben, die sonst östlich war, jetzt westlich geworden wäre, sowürde in der nächsten sternhellen Nacht zwar kein menschlichesAuge die geringste Veränderung bemerken und selbst der Astronom,wenn er bloß auf das, was er sieht und nicht zugleich, was erfühlt, achtgäbe, würde sich unvermeidlich desorientieren. Soaber kömmt ihm ganz natürlich das zwar durch die Natur angelegte,aber durch öftere Ausübung gewohnte Unterscheidungsvermögendurchs Gefühl der rechten und linken Hand zu Hülfe,und er wird, wenn er nur den Polarstern ins Auge nimmt, nichtallein die vorgegangene Veränderung bemerken, sondern sich auchungeachtet derselben orientieren können.

Diesen geographischen Begriff des Verfahrens sich zu orientierenkann ich nun erweitern und darunter verstehen: sich ineinem gegebenen Raum überhaupt, mithin bloß mathematischorientieren. Im Finstern orientiere ich mich in einem mir bekanntenZimmer, wenn ich nur einen einzigen Gegenstand, dessenStelle ich im Gedächtnis habe, anfassen kann. Aber hier hilftmir offenbar nichts als das Bestimmungsvermögen der Lagen nacheinem subjektiven Unterscheidungsgrunde; denn die Objekte,deren Stelle ich finden soll, sehe ich gar nicht; und hätte jemand mir zum Spaße alle Gegenstände zwar in derselben Ordnung untereinander,aber links gesetzt, was vorher rechts war, so würde ichmich in einem Zimmer, wo sonst alle Wände ganz gleich wären,gar nicht finden können. So aber orientiere ich mich bald durchdas bloße Gefühl eines Unterschiedes meiner zwei Seiten, derrechten und der linken. Eben das geschieht, wenn ich zur Nachtzeitauf mir sonst bekannten Straßen, in denen ich jetzt keinHaus unterscheide, gehen und mich gehörig wenden soll.

Endlich kann ich diesen Begriff noch mehr erweitern, da erdenn in dem Vermögen bestände, sich nicht bloß im Raume d. i.mathematisch, sondern überhaupt im Denken d. i. logisch zuorientieren. Man kann nach der Analogie leicht erraten, daßdieses ein Geschäft der reinen Vernunft sein werde, ihren Gebrauchzu lenken, wenn sie von bekannten Gegenständen (derErfahrung) ausgehend sich über alle Grenzen der Erfahrung erweiternwill und ganz und gar kein Objekt der Anschauung,sondern bloß Raum für dieselbe findet; da sie alsdann gar nichtmehr imstande ist, nach objektiven Gründen der Erkenntnis, sondernlediglich nach einem subjektiven Unterscheidungsgrunde, inder Bestimmung ihres eigenen Urteilvermögens, ihre Urteile untereine bestimmte Maxime zu bringen.(2) Dies subjektive Mittel, dasalsdann noch übrig bleibt, ist kein anderes als das Gefühl des derVernunft eigenen Bedürfnisses. Man kann vor allem Irrtumgesichert bleiben, wenn man sich da nicht unterfängt zu urteilen,wo man nicht soviel weiß, als zu einem bestimmenden Urteileerforderlich ist. Also ist Unwissenheit an sich die Ursache zwarder Schranken, aber nicht der Irrtümer in unserer Erkenntnis.Aber wo es nicht so willkürlich ist, ob man über etwas bestimmturteilen wolle oder nicht, wo ein wirkliches Bedürfnis undwohl gar ein solches, welches der Vernunft an sich selbst anhängt,das Urteilen notwendig macht und gleichwohl Mangel des Wissensin Ansehung der zum Urteil erforderlichen Stücke uns einschränkt,da ist eine Maxime nötig, wornach wir unser Urteil fällen; denndie Vernunft will einmal befriedigt sein. Wenn denn vorherschon ausgemacht ist, daß es hier keine Anschauung vom Objekte,nicht einmal etwas mit diesem Gleichartiges geben könne, wodurchwir unseren erweiterten Begriffen den ihnen angemessenen Gegenstand darstellen und diese also ihrer realen Möglichkeit wegensichern könnten, so wird für uns nichts weiter zu tun übrig sein,als zuerst den Begriff, mit welchem wir uns über alle möglicheErfahrung hinauswagen wollen, wohl zu prüfen, ob er auch vonWidersprüchen frei sei; und dann wenigstens das Verhältnis desGegenstandes zu den Gegenständen der Erfahrung unter reine Verstandesbegriffezu bringen, wodurch wir ihn noch gar nicht versinnlichen,aber doch etwas Übersinnliches wenigstens tauglichzum Erfahrungsgebrauche unserer Vernunft denken; denn ohnediese Vorsicht würden wir von einem solchen Begriffe gar keinenGebrauch machen können, sondern schwärmen anstatt zu denken.

Allein hiedurch, nämlich durch den bloßen Begriff, ist dochnoch nichts in Ansehung der Existenz dieses Gegenstandes undder wirklichen Verknüpfung desselben mit der Welt (dem Inbegriffealler Gegenstände möglicher Erfahrung) ausgerichtet. Nunaber tritt das Recht des Bedürfnisses der Vernunft ein alseines subjektiven Grundes, etwas vorauszusetzen und anzunehmen,was sie durch objektive Gründe zu wissen sich nicht anmaßendarf, und folglich sich im Denken, im unermeßlichen und füruns mit dicker Nacht erfülleten Raume des Übersinnlichen lediglichdurch ihr eigenes Bedürfnis zu orientieren.

Es läßt sich manches Übersinnliche denken; (denn Gegenständeder Sinne füllen doch nicht das ganze Feld aller Möglichkeit aus),wo die Vernunft gleichwohl kein Bedürfnis fühlt, sich bis zu demselbenzu erweitern, viel weniger dessen Dasein anzunehmen. DieVernunft findet an denen Ursachen in der Welt, welche sich denSinnen offenbaren (oder wenigstens von derselben Art sind alsdie, so sich ihnen offenbaren), Beschäftigung genug, um noch denEinfluß reiner geistiger Naturwesen zu deren Behuf nötig zu haben;deren Annehmung vielmehr ihrem Gebrauche nachteilig sein würde.Denn da wir von den Gesetzen, nach welchen solche Wesenwürken mögen, nichts, von jenen aber, nämlich den Gegenständender Sinne, vieles wissen, wenigstens noch zu erfahren hoffen können;so würde durch solche Voraussetzung dem Gebrauche der Vernunftvielmehr Abbruch geschehen. Es ist also gar kein Bedürfnis,es ist vielmehr bloßer Vorwitz, der auf nichts als Träumerei ausläuft,darnach zu forschen oder mit Hirngespinsten der Art zuspielen. Ganz anders ist es mit dem Begriffe von einem erstenUrwesen als oberster Intelligenz und zugleich als dem höchstenGute, bewandt. Denn nicht allein, daß unsere Vernunft schon ein Bedürfnis fühlt, den Begriff des Uneingeschränkten dem Begriffealles Eingeschränkten, mithin aller anderen Dinge(3) zum Grunde zu legen; so geht dieses Bedürfnis auch auf die Voraussetzungdes Daseins desselben, ohne welche sie sich von derZufälligkeit der Existenz der Dinge in der Welt, am wenigstenaber von der Zweckmäßigkeit und Ordnung, die man in so bewunderungswürdigemGrade (im Kleinen, weil es uns nahe ist,noch mehr wie im Großen) allenthalben antrifft, gar keinen befriedigendenGrund angeben kann. Ohne einen verständigen Urheberanzunehmen, läßt sich, ohne in lauter Ungereimtheiten zuverfallen, wenigstens kein verständlicher Grund davon angeben;und ob wir gleich die Unmöglichkeit einer solchen Zweckmäßigkeitohne eine erste verständige Ursache nicht beweisenkönnen; (denn alsdann hätten wir hinreichende objektive Gründedieser Behauptung und bedürften es nicht, uns auf den subjektivenzu berufen), so bleibt bei diesem Mangel der Einsicht doch eingenugsamer subjektiver Grund der Annehmung derselben darin,daß die Vernunft es bedarf, etwas, was ihr verständlich ist, vorauszusetzen,um diese gegebene Erscheinung daraus zu erklären,da alles, womit sie sonst nur einen Begriff verbinden kann, diesemBedürfnisse nicht abhilft.

Man kann aber das Bedürfnis der Vernunft als zwiefach ansehen:erstlich in ihrem theoretischen, zweitens in ihrempraktischen Gebrauch. Das erste Bedürfnis habe ich eben angeführt;aber man sieht wohl, daß es nur bedingt sei, d. i. wirmüssen die Existenz Gottes annehmen, wenn wir über die erstenUrsachen alles Zufälligen, vornehmlich in der Ordnung der wirklichin der Welt gelegten Zwecke, urteilen wollen. Weitwichtiger ist das Bedürfnis der Vernunft in ihrem praktischenGebrauche, weil es unbedingt ist und wir die Existenz Gottesvorauszusetzen nicht bloß alsdann genötigt werden, wenn wirurteilen wollen, sondern weil wir urteilen müssen. Denn derreine praktische Gebrauch der Vernunft besteht in der Vorschriftder moralischen Gesetze. Sie führen aber alle auf die Idee deshöchsten Gutes, was in der Welt möglich ist, sofern es alleindurch Freiheit möglich ist: die Sittlichkeit; von der anderenSeite auch auf das, was nicht bloß auf menschliche Freiheit,sondern auch auf die Natur ankommt, nämlich auf die größteGlückseligkeit, sofern sie in Proportion der ersten ausgeteilt ist. Nun bedarf die Vernunft ein solches abhängiges höchsteGut und zum Behuf desselben eine oberste Intelligenz als höchstesunabhängiges Gut anzunehmen; zwar nicht, um davon das verbindendeAnsehen der moralischen Gesetze oder die Triebfederzu ihrer Beobachtung abzuleiten; (denn sie würden keinen moralischenWert haben, wenn ihr Bewegungsgrund von etwas anderemals von dem Gesetz allein, das für sich apodiktisch gewißist, abgeleitet würde); sondern nur, um

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