Die jenische Sprache

Die jenische Sprache
Category: Cant / German language / Slang
Title: Die jenische Sprache
Release Date: 2015-12-28
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Anmerkungen zur Transkription

Dieses Buch ist ursprünglich erschienen als eine Serie von Artikeln in:Groß, Hans (Hrsg.); Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik,F. C. W. Vogel, Leipzig;Bd. 63 (1915), S. 1-46, 97-133, 372-396;Bd. 64 (1915), S. 127-183, 297-355;Bd. 65 (1916), S. 33-89.

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkung
II. Einleitung
III. Verzeichnis veralteter, meist jetzt umgeänderter jenischer Wörter
IV. Verzeichnis der jenischen Wörter, die aus der Zigeunersprache stammen
V. Deutsch-jenisches Wörterbuch
VI. Alphabetisches Verzeichnis der jenischen Stammwörter
VII. Sprachproben
VIII. Jenische Schnadahüpfel
Nachträge
Anmerkungen

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.

Die jenische Sprache.

Von
Engelbert Wittich.

Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Prof. Dr. L. Güntherin Gießen.

I. Vorbemerkung.
Von Prof. Günther.

Daß das Rotwelsch der Gauner und die mit ihm verwandtensog. Geheimsprachen (der Dirnen, „Kunden“, fahrenden Leute, Hausiererund Händler) heute in langsamem, aber stetigem Abnehmenbegriffen sind, unterliegt wohl ebensowenig einem Zweifel wie dieTatsache, daß der zurzeit noch gebräuchliche Rest dieser besonderenAusdrucksweisen sich in fortwährender Umgestaltung befindet. Dahererwirbt sich jeder, der in der Lage ist, einigermaßen zuverlässigeMitteilungen über den gegenwärtigen Wortbestand jener Jargons zumachen, ein wissenschaftliches Verdienst, ähnlich dem des Ethnologen,der uns die Sprachen aussterbender Naturvölker vor ihrem völligenVerschwinden noch rasch zugänglich macht. Dem Gelehrten, dersich für diese Dinge interessiert, also etwa einem Sprachforscheroder gar einem Kriminalisten, wird es freilich nicht leicht gelingen,die noch heute praktische Verwendung einer Geheimsprache auseigener Anschauung kennen zu lernen, da die Angehörigen desengeren Kreises, in dem die betreffende Verständigungsart üblich ist,dem fremden, ihrem Tun und Treiben sonst meist fernstehendenEindringling begreiflicherweise ein gewisses Mißtrauen entgegenzubringenpflegen. Selten sind aber auch Aufzeichnungen von Geheimsprachendurch solche Leute, die sie selber aus der „Praxis“ kennen(also nach Art etwa des berühmten Gauner Wörterbuchs des „KonstanzerHans“ von 1791), da dies außer dem Willen, den in der Regelsorgfältig behüteten Schatz der Öffentlichkeit preiszugeben, doch auchschon einen bestimmten Grad allgemeiner Bildung, namentlich abereinen gewissen Sprachsinn voraussetzt.

In der Persönlichkeit des Sammlers des hier zu besprechendenWörterbuches der „jenischen Sprache“, Engelbert Wittich, erscheinenjene Voraussetzungen im wesentlichen erfüllt. Er ist nämlich einerseitsvon Jugend auf vertraut gewesen mit den Ausdrücken des vonihm veröffentlichten Vokabulars[1], da er unter umherziehenden Handelsleutenund Zigeunern aufgewachsen (wenn nicht gar ein geborenerZigeuner) ist, während er andererseits an seiner im ganzen etwas dürftigenVolksschulbildung als Autodidakt so fleißig weiter gearbeitethat, daß er sich auf dem Gebiete der „Zigeunerkunde“ bei den Fachleuteneinen gewissen Namen erworben. Auch den meisten Leserndes „Archivs“ dürfte er bereits kein Fremder mehr sein. Seine Schrift„Blicke in das Leben der Zigeuner“ (Striegau 1911) ist z. B. im„Archiv“, Bd. 46, S. 363 von Albert Hellwig allen zur Lektürewarm empfohlen worden, weil sie „viel Interessantes“ enthalte, undschon in Bd. 31 (1908), S. 134 ff. ist eine von ihm verfaßte kurzeGrammatik der Zigeunersprache durch Johannes Jühling herausgegebenworden. Ebenso stammt das von demselben Gelehrten inBd. 32 (1909), S. 219 ff. veröffentlichte „alphabetische Wörterverzeichnisder Zigeunersprache“ eigentlich von Wittich her[2].

Das — ursprünglich 125 Oktavblätter umfassende — Manuskriptder Wittichschen Arbeit, die außer dem eigentlichen Wörterbuch(Nr. V) auch einleitende Bemerkungen (über die jenische Sprache imallgemeinen sowie über veraltet gewordene und aus der Zigeunersprachestammende Vokabeln insbesondere [Nr. II-IV]) und zumSchluß noch „Sprachproben“ und „jenische Schnadahüpfel“ (Nr. VIIu. VIII) enthält, ging mir im Sommer 1914 mit der Bitte des Verfs.zu, die Veröffentlichung — am liebsten in einer Zeitschrift — vermittelnzu wollen. Da mir die Sammlung recht interessant und— trotz mancher Mängel — wohl wert erschien, weiteren Kreisenbekannt gemacht zu werden, wandte ich mich dieserhalb an denHerausgeber des „Archivs“, der dafür bereitwilligst die Spalten seinerZeitschrift zur Verfügung stellte, unter der Bedingung jedoch, daßich dem Ganzen eine annehmbare wissenschaftliche Gestalt zu gebenunternähme. Diese Klausel war allerdings notwendig, denn in der„Urform“ ließ das Manuskript nicht nur in der Stilistik (bes. in der„Einleitg.“), Grammatik und Orthographie recht viel zu wünschenübrig, es fehlte auch in dem Wörterverzeichnis durchweg eine alphabetischgenaue Reihenfolge der Vokabeln, ja an manchen Stellenfand sich in dieser Beziehung ein kaum zu beschreibender Wirrwarr,dessen Lichtung sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Auch standenmehrere, zu einzelnen Wörtern gegebene Bemerkungen prinzipieller Artnicht an der richtigen Stelle und mußten daher umgesetzt werden.

Leider hat der Verf. für das Wörterbuch nur die Form „Deutsch-Jenisch“— nicht (bzw. nicht auch) „Jenisch-Deutsch“ — gewählt, waseine bessere Übersicht über den geheimsprachlichen Wortbestand gegebenhätte. Um jedoch diesen annähernd zu bestimmen, habe icham Schlusse des Vokabulars wenigstens die (in zahlreichen Verbindungenund Zusammensetzungen wiederkehrenden) jenischen Stammwörteralphabetisch zusammengestellt (Nr. VI). Auch die „Sprachproben“enthielten noch einige Wörter, die im Glossar ursprünglichfehlten. Ich habe sie diesem eingefügt und durch den Zusatz „Spr.“besonders kenntlich gemacht. Im übrigen wiederholen auch dieseSprachproben nur das Material des Wörterbuchs in zusammenhängenderRede (meist in Gesprächsform)[3], wobei aber mehrfacheWiederholungen und Weitschweifigkeiten anzutreffen waren, die ichfortgelassen habe. Andere Partien dieses Teils mußten wegen ihresobszönen oder doch allzu derben, frivolen Inhalts gestrichen werden.Auch die „Schnadahüpfel“ erscheinen in dieser Hinsicht zum Teilrecht bedenklich. Da sie jedoch nicht — gleich den Prosastücken —nur der Phantasie Wittichs entsprungen sind, sondern als altüberlieferterBesitzstand der „jenischen Leute“ zu betrachten sein dürften[4]und mithin eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung haben, ließich sie unangetastet. Zu dem eigentlichen Wörterbuche habe ichfortlaufende Anmerkungen hinzugefügt, auf deren Anordnung undInhalt weiter unten noch genauer einzugehen sein wird. Zuvor abermöchte ich hier über den Begriff und die Eigenart der von Wittichaufgezeichneten Geheimsprache noch einige nähere Bemerkungen vorausschicken.

Über die als Titel des Ganzen gewählte Bezeichnung „die jenischeSprache“ ist zunächst zu sagen, daß sie im vorliegenden Fallenicht etwa schlechthin als gleichbedeutend mit dem Rotwelsch oderder Gaunersprache aufzufassen ist, obwohl sich dieser Sprachgebrauch— dem auch die Etymologie des Wortes „jenisch“ nach herrschenderMeinung sehr wohl entspricht[5] — etwa seit dem Anfang des 18. Jahrhundertsnachweisen läßt und dann bis in die Neuzeit hinein erhaltenhat[6]. Vielmehr liegt hier eine neuere, engere Auffassungzu Grunde, wonach man unter „Jenisch“ speziell die Sprache der„Landfahrer“[7], der Hausierer, wandernden Krämer und Händler begreift[8].Es handelt sich demnach bei der „jenischen Sprache“E. Wittichs um einen süddeutschen Händlerjargon. Die Leute, diesich desselben noch bedienen, sind (nach den eigenen Angaben W.sin seiner „Einleitung“) ihrem Gewerbe nach meist Korbmacher,Bürstenbinder, Schirmhändler, Kesselflicker, Scherenschleifer u. dergl.,welche namentlich aus Württemberg, Baden und dem Elsaß, fernerauch aus Bayern stammen. So erklärt sich das Überwiegen derschwäbischen Mundart, insbesondere die weitgehende Übereinstimmungmit den (von Kluge u. a. bereits veröffentlichten) „schwäbischenHändlersprachen“. Diese aber zeigen ihrerseits wiederum eineganz überraschende Ähnlichkeit mit der süddeutschen, namentlich derschwäbisch-badischen Gaunersprache, auch älterer Zeit, also z. B. mitdem „Pfullendorfer Jauner-Wörterbuch“ von 1820, ja sogarmit Quellen aus dem 18. Jahrhundert. Mit den letzteren (also z. B.dem nur handschriftlich überlieferten „Dolmetscher der Gaunersprache“[vgl. Groß’ Archiv, Bd. 56, S. 177, Anm. 2], den Mitteilungenvon Schöll in seinem „Abriß des Jauner- und Bettelwesensin Schwaben“ [1793; vgl. Kluge, Rotw. I, S. 268 ff.] sowiedem — hauptsächlich gleichfalls dem schwäbischen Sprachgebiet angehörenden— Wörterbuch des Konstanzer Hans[9]) weist geradeauch das Wittichsche „Jenisch“ noch merkwürdig viele Berührungspunkteauf[10].

Worin liegt nun der Grund für diese Erscheinung? Man wird zunächstnur allzu geneigt sein, das Schwabenland als die sog. Ganfer-Medine,d. h. das ehemalige Eldorado aller Gauner[11], dafür verantwortlichzu machen, umso mehr als man ja auch in anderenGegenden unseres Vaterlandes, so z. B. in dem oberhessischen Vogelsberg,ein — in letzter Linie auf den Einfluß der großen Räuberbandenfrüherer Jahrhunderte zurückzuführendes — Fortleben rotwelschenSprachguts innerhalb bestimmter Berufsschichten nachgewiesen hat[12].Allein damit würde man doch etwas über das Ziel hinausschießen;der Richtigkeit jener Schlußfolgerung steht nämlich die Tatsacheentgegen, — daß wie Kluge (Rotw. I, S. 476) über die für dieschwäbische Händlersprache von ihm herangezogenen Ortschaften bemerkthat — „die des Jenischen kundige gewerbetreibende Bevölkerungnicht einheimisch, sondern in ihren Ursprüngen zum größtenTeil von außen“ hereingekommen ist. In gleicher Weise dürfte essich aber auch bei Wittichs „jenischen Leuten“ der Hauptsachenach nicht um seßhafte Eingeborene handeln, worauf schon dieoffenbar vorliegende (und weiter unten noch näher zu berührende)Vermischung mit Zigeunern, jenem Wandervolke par excellence, hindeutet.Auf alle Fälle zulässig bleibt dagegen der Hinweis darauf,daß ja von jeher — schon von den Zeiten des Liber Vagatoruman — das Rotwelsch auch den im Lande umherziehenden Krämernund Händlern geläufig gewesen ist[13].

Die Ähnlichkeit unseres „Jenisch“ mit der deutschen Gaunersprachezeigt sich nun in den verschiedensten Punkten, nicht zumwenigsten gleich in der starken Durchsetzung mit Wörtern fremdenUrsprungs, unter denen wieder — ganz wie beim Rotwelsch sowiebei vielen anderen Händlersprachen — diejenigen, die sich auf dasJüdischdeutsche, in letzter Linie also aufs Hebräische zurückführenlassen, den breitesten Raum einnehmen[14]. Es sei gestattet hierdiese Vokabeln, und zwar in alphabetischer Ordnung nach ihrerjenischen Form, näher aufzuzählen[15]. Mit ziemlicher Sicherheitgehören dahin: a) die Hauptwörter[16]: Bäzem = Ei (bzw.Betzam = „männliches Glied“), Beiz = Gasthaus (u. s. Ableitungen,wie Beizer = Wirt usw.), Boschert = Kupfergeld, Pfennig,Bossert = Fleisch, Dofes = Arrest, Gefängnis, Gallach = Geistlicher,Pfarrer, G’far = Dorf, Goi = Frau, Jahre = Wald, Kaffer= Bauer, Mann, Kaim = Jude, Keif = das Borgen, Schulden,Keiluf = Hund, Kenem = Laus, Filzlaus, Kies = Geld, Klass= Büchse, Gewehr, Kluft = Kleid (u. s. Abltgn.), Kohl = Lüge(u. s. Abltgn.), Lechem oder Lehm = Brot, Leile = Nacht,Malfes = Rock, Mocham oder Mochum = Dorf, More = Prügel,Streit (bezw. Morerei = Geschrei, Gezänk, das Streiten), Rochus= Zorn, Ruf = Hunger, Schaffel = Scheune, Schenagel= Arbeit (u. s. Ableitgn.), Schmelemer = Zigeuner, Schuk =Mark (als Geldstück), Schure = Ding (dann Aushilfswort für sehrverschiedene Begriffe), Schüx = Mädchen (jedoch nur in der Verbindg.schofle Schüx = Hure), Sore = Ware, Ding, Sache (u.dann Aushilfswort ähnlich wie Schure), Soruf = Branntwein,Ulme(-ma) = Leute (bes. in Verbdgn. u. Zus.); b) die (durch dieEndung -e(n) oder -a „angedeutschen“) Zeitwörter[17]: achile(n) (-la)= essen, begeren = sterben, dalfen = betteln, diberen = reden,sprechen, kaspere = betrügen, schmusen (= diberen) u. schwächen= trinken[18]; c) die Eigenschaftswörter[19]: dof oder duft= gut, kochem = gescheit, klug, massig = zornig, molum =berauscht, schofel = schlecht, wo(h)nisch = katholisch[20]; d) dasUmstandswort kenn = ja. Dazu treten dann noch als nur mit (größereroder geringerer) Wahrscheinlichkeit hierhin zu rechnen[21]: a) die Hauptwörter[22]:(Boga = Kuh), Bos = After, Duft = Kirche, Galm (plur.Galma) = Kind, Hamore = Fehde, Streit, Heges = Dörfchen, Johle= Wein, (Kafler = Metzger), Kober = Wirt, Lanenger = Soldat,(Lek = Zuchthaus [Arrest, Gefängnis]), (Schuker = Gendarm),Stratz (plur. Stratze) = Kind; b) die Zeitwörter[23]: (baschen =kaufen), derchen = betteln, schef(f)ten = sein, sitzen (gehen, kommen),sicheren = kochen; c) das (auch als Adv. u. Verneinungspartikelgebrauchte) unbestimmte subst. Zahlfürwort: Lore (lore) =nichts (nicht, nein)[24]. Daß übrigens früher die Zahl der Vokabelnhebräischen Stammes sogar noch größer gewesen ist, zeigt die vonWittich in seiner „Einleitung“ gegebene Zusammenstellung jetztveralteter Ausdrücke, von denen die Hauptwörter Bomm = dieSchweiz und Jamm = Tag sowie die Zeitwörter holchen = gehen(nebst abgeholcht = fortgegangen) und malochen (wohl für:schiebes malochen) = fortgehen, gehen in diese Gruppe gehören(s. Näh. dazu in den Anmerkgn. zur „Einltg.“).

Sehr groß erscheint auch der Einfluß der Zigeunerspracheauf unser Glossar. Schon die Zahl der mit Sicherheit unmittelbarhieraus übernommenen Vokabeln steht nämlich nur wenig hinterderjenigen der Wörter hebräischer Herkunft zurück, während sie dieder sonst in rotwelschen Quellen oder in anderen Krämersprachenetwa anzutreffenden Mengen von Ausdrücken dieser Art erheblichübersteigt. Nur bei dem Jenisch der schwäbischen Händler in Unterdeufstettenmacht sich — wie Rudolf Kapff (in der Zeitschr. fürdeutsch. Wortforschg., Bd. X. S. 214) nachgewiesen — ebenfalls einstärkerer zigeunerischer Einschlag bemerkbar. Während aber hierdie Wörter dieses Stammes immerhin etwa zwei Dutzend nicht übersteigen,sind sie im Wittich’schen Vokabular ungefähr auf diedoppelte Summe zu schätzen. Da der Verf. in seiner „Einleitung“selber ein genaueres Verzeichnis dieser Vokabeln angefertigt hat,kann hier auf ihre Aufzählung verzichtet werden; jedoch sei derVollständigkeit halber bemerkt, daß dort einerseits die weiteren Ableitungenvon den zigeunerischen Stammwörtern (wie z. B. die Zeitw.lubnen = „huren“ und matschen = fischen zu Lubne = Hureund Matsche = Fisch oder das Adj. bogelich = gierig u. dergl zuBog[g]elo = Hunger) nicht berücksichtigt sind, während andererseitseinige der aufgezählten Vokabeln auch unmittelbar — nicht

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