Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber
Title: Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber
Release Date: 2017-01-07
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Über die
bürgerliche Verbesserung
der Weiber

Illustration


Berlin, 1792.

in der Voßischen Buchhandlung


[S. 1]

I.
Formale und Materiale der
gegenwärtigen Schrift.

Dekoration

Man sagt: der strengste Beweis der Wahrheitsei, wenn gewisse Dinge jeder Bemühungsie lächerlich zu machen und zu travestiren,widerstehen, und wenn sie trotz allem Lächerlichen,womit wir sie behängen, doch ehrwürdigbleiben. Wenn die krumme Linie dieSchönheits-Linie ist; so wird man es schwerlichbedenklich finden, dem Lachen die Schlüsselzum Himmelreiche der Wahrheit anzuvertrauen.Ein mißlicher Umstand! der michbei der gegenwärtigen Schrift in eine nichtgeringe Verlegenheit verwickelt, da ich einenGegenstand vorhabe, worin bei weitem dergrößte Theil des Ernsthaften mit dem Lächerlichen, [S. 2]nicht von Anbeginn und von Natur,sondern durch Verjährung, so im Gemengeliegt, daß hierbei nicht so leicht ein Divisions-Exempelauf eine Auseinandersetzung gewagtwerden kann. Wenn ein Ritter von ächtlustigerGestalt den Kampf beginnt — wer undwas kann vor ihm bestehen? welche Festungvon System und Dogmatik sich halten? Sokrates,der Weiseste, nicht unter den Königen,sondern unter den Weisen, dieser Erzkern ineiner häßlichen Schale, dieser (wiewohl nichtmit sonderlichem Geschmacke gekleidete) Engelunter den Menschen, ward in den Wolkenzur Farce; und welch ein Autor kann auf einenheitern Recensenten- und Leser-Himmelsicher rechnen? — Selten gab es einen, dernicht aus dem Regen unter die Traufe gerieth,und noch nie ging ein Licht in der Welt auf,ohne seinen Aristophanes zu finden, der es,mir nichts, dir nichts, geradezu ausblies, oder— unter dem Scheine des Rechts, als wollt'er es schneutzen — es neckte und verdunkelte.Fast scheint auf diese Weise das Lächerlichedas tägliche Brodt der Menschen zu seyn, und [S. 3]man wird sich ohne Zweifel am besten befinden,wenn man in Züchten und Ehren mitlacht,oder seine Schrift, des Bildes und derÜberschrift des Ernstes ungeachtet, zu einemTone stimmt, der nicht ernsthafte Blößen (dielächerlichsten von allen) giebt. — »Ihr werdetlange nicht so viel über mich weinen,wie ihr über mich gelacht habt,« sagte Scarron,der Ehevorfahr Ludwigs des XIV., zudenen, die sein Sterbelager umringten undweinten. Diese Vorstellung war im Stande,ihn im Sterben aufzuheitern — und warumauch nicht? — Jetzt, da selbst die heiligeMoral nicht mehr im Klosteranzuge ihr Glückmachen kann und will, vielmehr fröhlich undguter Dinge einhertritt, und die Becher, welchesie mit ihrem herzerfreuenden Wein anfüllet,zu bekränzen gebeut; jetzt, da sogar jede widerlicheAußenseite des Menschen eher seinesHerzens Härtigkeit als dessen Reinheit zu verrathenscheint: jetzt ist Fröhlichkeit ein lebensartigesIngredienz geworden, und Lachenund Weinen leben in einer so glücklichenEhe, daß jene philosophischen Gaukler, von [S. 4]denen der eine nicht aus dem Lachen undder andere nicht aus dem Weinen kommenkonnte, schwerlich Professuren auf unsernAkademieen erhalten würden. Kinder, die derNatur am nächsten sind, lachen und weinenüber eine und dieselbe Sache, und eine liebenswürdigeBraut reißt sich weinend aus denArmen ihrer verwaiseten Mutter, um in ebendem Augenblicke sich lachend in die Armeihres Vielgeliebten zu stürzen. — Unser Lebenist Ebbe und Fluth, immerwährenderWechsel von Freude und Leid; und solltennicht alle Gegenstände des gemeinen LebensSpuren und Eindrücke von der comdie larmoyantedes verwünschten Schlosses von Planetenzeigen, auf dem uns eine Menschen-Rolleangewiesen ist? — die schwerste vielleichtin Gottes weitem und breitem Weltall!— vielleicht auch die leichteste, je nachdemsie gespielt wird. — Aller unvergeßlichenBemühungen so mancher edlen Ritter ungeachtet,welche die Menschheit und durch sie dieErde entzaubern wollten, ist das Abentheuernoch nicht bestanden — O der verdammten [S. 5]Hexe, der Sünde, die das Verderben so braverLeute ist! — Wenn wir gleich durch dieErinnerung des Todes nicht unseres ganzenLebens Knechte sind; so sind doch die Gedankenan den Tod und an Gott die, welcheuns in jedem Falle zu einem Memento! bringen.Wahrlich! es war Philosophie, wenndes Königes Xerxes Majestät über sein Heersich freute und traurig ward. — Jeder Schmerzhat seine Wollust; und wie schal ist nichtdas Vergnügen, das nicht durch etwas Bitterkeitgewürzt wird! Vom Glück ist dem Weisennur zu träumen erlaubt; das Unglück, alsdas gewöhnliche Loos der Menschheit, mitFassung zu ertragen, bleibt ihm unabläßlichePflicht: und es giebt in der That überall eineMittelstraße, eine gemäßigte Fröhlichkeit undein Lächeln, das bei warmen Thränen im AugeStatt finden kann. Alle vier und zwanzig Stundengiebt es Nacht und Tag, ein Licht, dasden Tag regiert, und eins, das die Nacht regiert.— Noch näher kann ich dieses Exordiumlegen, wenn ich bemerke, daß dasschöne Geschlecht, der Natur getreu, die gute [S. 6]und vollkommene Gabe von oben herab besitzt,alle seine Bitterkeiten, deren es sich zuseinen Wehr und Waffen zu bedienen pflegt,so zu bezuckern, und ihren Ernst, vermittelsteines ihn lindernden Lächelns, so zu ermäßigen,daß ich keinen Augenblick Bedenkzeitnehmen darf, diesem liebenswürdigen Beispielezu huldigen und mich der beiden Gesichterdes Janus mit patriotischer Freiheit zuerinnern. Auch scheint die Last, welche dasschöne Geschlecht trägt, einem und bei weitemdem größeren Theile desselben so sanftund sein Joch so leicht zu seyn, daß es vielleichtim Diensthause Egyptens und bei denFleischtöpfen eines gemächlichen wirklichenAlltags-Lebens zu verbleiben wünschen wird,ohne die beschwerliche Reise nach Kanaan,wo Milch und Honig der Natur fließt, antretenzu wollen. Selbst Damen von Bedeutungscheinen oft nicht zu wissen, daß sie in ihremPrunk von Purpur und köstlicher LeinwandLeid tragen, und daß ihr Leben inHerrlichkeit und Freude eine Leibes- und Lebensstrafeist, die man ihnen im heimlichen [S. 7]Gericht zuerkannt hat. — Wo viel Glanz ist,da ist wenig Geschmack — so wie gemeiniglichBigotterie und Sittenlosigkeit getreue Nachbarnund desgleichen zu seyn pflegen. Wahrlich!es ist der höchste Gipfel der Krankheit, wennPatienten Fieberhitze für blühende Gesundheithalten und jede Arznei von der Hand weisen;und so übersteigt es auch den gewöhnlichenGrad des menschlichen Verderbens, wennSklaven auf alle Rechte Verzicht thun undihre Verfassung auf das gute Glück der Denkungsartihrer Gebieter gründen. — Und werist Schuld an diesem Gerichte der Verstockung?das andere Geschlecht? wird man diesen Stabbrechen, da selbst der Naturverkündiger Rousseau,der alle Welt, und besonders die schönereHälfte derselben, zur Natur bekehrenwollte, trotz dieser gewaltigen Predigt vonBuße und Glauben am liebsten mit vornehmenDamen umging? Wie konnte seine Eitelkeitsich gütlich thun, wenn Standespersonenihn hervorzogen, ob er gleich über dasVerderben der höheren Stände bei aller Gelegenheitaußer Athem kam! — — Doch ich [S. 8]will dem zweiten Theile dieses Kapitels nichtvorgreifen. Mag sich meine Schrift in dieZeit schicken, und von allen Seiten ihr Heilversuchen —! Mit der Anrufung der heiligenZahl der drei mal drei Schwestern soll siesich nicht brüsten, da ein dergleichen Oremusbloß potischen Arbeiten die Bahn zu brechengewohnt ist; aber um alles in der Weltwünschte ich nicht, daß ihr die Ehre erwiesenwürde, die Bibliothek der erlauchten Republikdes Plato zu zieren. — Zur Sache.

Als Ludwig den Vierzehnten wegen derneuen Lasten, die er seinem schon gedrücktenVolke zugedacht hatte, wirklich eine Art vonGewissens-Schauer anwandelte, fand er indem leidigen Troste seines Beichtvaters Tellierdaß das Vermögen seiner Unterthanensein Eigenthum sei,« ein so sanftes Küssenfür dieses aufgewachte Gewissen, daß er sichkein Bedenken gemacht haben würde, die Auflage,die ihn beunruhiget hatte, aus dem Stegreifezu verdoppeln; und ohne Zweifel ist dieserKöhlerglaube der Grund zu jener Behauptung:ich bin der Staat.

[S. 9]

Die Gewohnheit wird so leicht zur andernNatur, daß die Franzosen, welche die Plackereieneines Terray, und die Härte eines Meaupouertrugen, sich hinreichend glücklich schätzten,wenn nur ein kleiner, vielleicht der unwürdigste,Theil die durch die Zehnten derWittwen und die Sparpfennige der Elendengefüllten Freudenbecher des Staats in unmäßigenZügen leeren konnte, während der anderegrößere und arbeitende Theil, unter demJoche der Willkühr der Despotie und der Dürftigkeitschmachtend, doch noch immer dasGlück hatte, so gut es sich thun ließ', zuspringen und zu singen, zu hüpfen und zupfeifen. — Bei einem so leichten, über Allessich wegsetzenden und mit einem Chanson sichaus aller Noth helfenden Völkchen, war dieseZuchtruthe, theils mit Peitschen, theils mit Skorpionen,um so weniger fühlbar, da es an denGallatagen und Staatsfesten der Ausgezeichnetenunter ihm, durch ein Freibillet vermittelstder Augen Theil nahm — und dieses Völkchenlernte es je länger je mehr ertragen, daß jeneden Freudenkelch für sich allein behielten und [S. 10]es für sie alle thaten. Die Brocken, die etwadem Künstler und der Putzmacherin von denTischen dieser reichen Männer fielen — warenihnen eine Segenserndte, und die Hundeder Großen leckten ihnen ihre Schwären —Dies Jammer und Elend ist kommen zu einemseligen End, und Laternenpfähle scheinen überFrankreich das Licht der Natur und einerGleichheit aller Menschen so stark verbreitetzu haben, daß man vor lauter Licht das Lichtzuweilen nicht zu erblicken scheint. Es giebtMenschen, die den Wald nicht vor den Bäumensehen, und gar zu hell macht dunkel: auch giebtes moralische Blendlinge, die das Glück oderUnglück haben, da etwas flittern zu sehen, wodas gesunde Auge des Verstandes nichts wahrnimmt.Wie wär' es, wenn ich ohne Feldgeschreiund Sturmglocke, wie weiland Diogenes,laternisirte und mit einer Handleuchte inder schönen Welt, wo so viel Überfluss von tausendund abermal tausend Dingen für Geldoder für gute Worte zu haben ist — Menschensuchte? — Ob ich finden würde? —Einige Auflösungen sind mit Brausen verbunden; [S. 11]bei einigen entstehet eine Hitze, bei einigeneine Kälte. — Daß Ew. Excellenz sichnur ja nicht ereifern, vielmehr Hochdero Gallefür Ihren ungetreuen Liebhaber Num. 30. besparen!— Eine Schwalbe macht keinen Sommer,und meine Laterne ist mit einem HauchIhres Eifers ausgeblasen. Wollten Ew. Excellenzin aller Zucht und Ehrbarkeit Sich in einenwohlgemeinten Wortwechsel mit mir einzulassengeruhen; Sie würden, wie ich nachder Liebe hoffe, Sich eines andern besinnen,und vielleicht überzeugt werden, daß ich wenigerVorwürfe verdiene, als alle Ihre Liebhaberbis auf den sub Num. 30., der es freilichaußer der Weise macht, woran indeß ichund meine Schrift auch nicht auf die entferntsteWeise Schuld sind — Bin ich gleichkein galanter, so bin ich doch ein treuer Verehrereines Geschlechtes, unter welchem Sieund viele andere Ihres Gleichen so unrichtigExcellenz heißen, wogegen andere treflicheWeiber, welche diesen Ehrennamen zehnfachverdienen, aus Hof-Etiquette nicht so genanntwerden.

[S. 12]

Keinem anderen als einem Deutschen konntewohl ein solches Buch einfallen!

Auch unter den Franzosen gab es Sonderlinge,die, wenn sie gleich freilich nicht mitder Thür ins Haus fielen, und an keine bürgerlicheVerbesserung des schönen Geschlechtesdachten, ihm doch ein anderes Verhältnißanwiesen. Ich habe geglaubt, man müssedem Übel die Wurzel nehmen und den Staatnicht aus dem Spiele lassen.

Frankreich, wo jetzt alles gleich ist, ließunser Geschlecht unangetastet.

Unverzeihlich! wie konnte ein Volk, das(wie weiland Voltaire par et pour die Komödiantenlebte) par et pour das schöne Geschlechtexistirt, bei der weltgepriesenen allgemeinenGleichheit ein Geschlecht vernachlässigen,das eine Königin hat, derengleichen esgewiß wenige in der Welt gab. —

Wenn ich nur selbst wüßte, wie ich michhier ins Mittel legen könnte, um aus diesemexcellenten Handel mit Ehren herauszukommen!— Wohlan! ich will den gegenwärtigenWeltlauf der Damen copiren, die in Einem [S. 13]Athem trotzen und bitten, fluchen undsegnen — —

Vielleicht war das menschliche Geschlechtbloß darum so vielem Wechsel von Licht undFinsterniß, von Veredlung und Herabwürdigung,von Paradies und Fall ausgesetzt, weilman die Rechnung ohne die schöne Weltmachte. Es ebbte und fluthete, je nachdemman von dieser andern Hälfte Notiz nahm undje nachdem man sie als etwas Wesentlichesin der Menschheit oder als etwas Beiläufigesansah, das schon die Ehre haben würde, derPrincipalsache zu folgen. Man sah das schöneGeschlecht, wie den Reim, kaum für etwasmehr, als für eine Krücke an, wodurch sichder Gedanke forthilft; und bei Messiaden undandern Werken der Dichtkunst, wo man ohneKrücken ging — mußte das andere Geschlechtsich gefallen lassen, zu kurz zu kommen. JenerRömische Rechtsspruch: Mit dem Rechtsmaß,mit dem man Andere mißt, muß mansich selbst messen; schien hier völlig seineKraft verloren zu haben, wenn er gleich zujenen ins Herz geschriebenen gehört, die zu [S. 14]übertreten eine Sünde wider den heiligenGeist ist. — Wie ist ein Stoff zu organisiren,wenn es nicht auf die Vereinfachung des Vielfachenangelegt wird? Wie ist dem menschlichenGeschlechte zu rathen und zu helfen,wenn man so entsetzlich einseitig verfährt?Der Himmel der alten Welt hatte seine Göttinnenso gut wie seine Götter; nur unter denMenschen soll es keine anderen Götter gebenneben den Männern von Gottes Gnaden!— Ist es ein Seelenfest, wenn entfernte, einandervöllig fremd gewordene Gegenstände in derGeisterwelt sich zusammen finden; wenn sichoft das Allerverschiedenste in einem Berührungspunktedes Denkens trifft, wo seine ursprünglicheVerwandtschaft wieder einleuchtendwird; wenn sich dergleichen von einanderabgekommene Gegenstände Hände undTrauringe geben und eine Himmelsstimme sichhören läßt: was Gott

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