Sämmtliche Werke 1_ Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Sämmtliche Werke 1_ Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Title: Sämmtliche Werke 1_ Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Release Date: 2017-03-01
Type book: Text
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Date added: 27 March 2019
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Nikolaus Gogol
Tote Seelen

Erster Band

Nikolaus Gogol
Smmtliche Werke
In 8 Bnden

Herausgegeben
von
Otto Buek

Band 1

Mnchen und Leipzig
bei Georg Mller
1909

E. R. W.

Nikolaus Gogol

Die Abenteuer Tschitschikowsoder Die toten Seelen

bertragen
von
Otto Buek

Band 1

Mnchen und Leipzig
bei Georg Mller
1909

E. R. W.

Von diesem Buche wurden 100 Exemplare aufvan Geldern abgezogen, in der Presse nummeriertund in Ganzleder gebunden. Der Preis eines solchenExemplares betrgt 16 Mark. Den Druckbesorgten Mnicke und Jahn in Rudolstadt.Titel und Einband zeichnete E. R. Wei.

Vorrede des Herausgebers

Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keinerbesonderen Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigungin sich selbst. Unter allen groen Meistern desRomans, die die russische Literatur im XIX. Jahrhunderthervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondereund einzigartige Stellung ein; mgen die Vorgnger oderNachfolger ihn, was Weite des Horizonts, Tiefe derSeelenanalyse, Reinheit und Kultur der Kunstform anbetrifft,erreichen oder gar bertreffen, an Originalittund Ursprnglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbsthat immerdar zu seinem lteren Zeitgenossen Puschkinals dem unerreichten Vorbild einer reinen idealisierendenDichtung emporgeblickt, und er hat in einer berhmtenApostrophe der „Toten Seelen“ dieser Differenzund dem Abstand zwischen seiner Begabung und derPuschkins in beredten Worten Ausdruck gegeben, dochselbst Puschkin bleibt bei seinem groen und einzigenTalent nur ein Zweig und Schling am Stamm dergroen europischen Literatur. In Gogol aber schufsich das junge russische Volk zum ersten Mal eine adquatevollgltige dichterische Form, in ihm realisierte sieeinen literarischen Typus, der von da ab das Musterund Ideal fr alle kommenden SchriftstellergenerationenRulands geworden ist. Das ganze jngere Dichtergeschlechtvon Turgenjew bis Tolstoi, das sich dasInteresse der westlichen Vlker eroberte und unsere Aufmerksamkeitauf Ruland hinlenkte, geht auf Gogol alsseinen Ursprung zurck. In ihm liegen alle Motive undIdeen, die sie entwickeln und entfalten, wie im Keimebeschlossen, er gab das Thema an, das sie in mannigfachenParaphrasen und Modulationen variieren; erschuf die Kunstform, an der sie sich schulten; siedachten und dichteten in seiner Sprache. Und nichtin unsicheren unausgereiften Anstzen vollzog er diesenSchpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mitdem Siegel der Kraft und der Flle der Vollendungrief er sein Werk — die russische Literatur — fast wieaus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigenAusnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reineLinie des groen Talents, und es gibt unter ihnenschlechterdings nichts Minderwertiges und Unbedeutendes.Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typusdes russischen Dichters geschaffen, indem er in sichjenen ewigen Gegensatz, der das Leben der grtenrussischen Knstler beherrscht, zur Ausprgung brachte;den Gegensatz zwischen dem Dichter und dem Propheten,die in ihnen stndig im Streite liegen. Beikeinem aber tragen die Werke selbst trotz aller Objektivittso sehr den Stempel des Persnlichen, wie bei Gogol,sind sie so sehr das treue Spiegelbild der eigenen geistigenLebenskmpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen undStimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grundewird fr das Verstndnis dieser so komplizierten undoriginalen Persnlichkeit der berblick ber das Gesamtschaffendes Dichters zur Notwendigkeit.

Einen solchen berblick soll die vorliegende Ausgabeermglichen. Es wurde dabei von einer chronologischenAnordnung der Werke abgesehen und eine solche nachfachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die inhaltlichund formal zusammengehrigen Schpfungensollen hier auch zusammen erscheinen. Da die Chronologiedarber nicht zu kurz kommt, dafr ist durchausfhrliche redaktionelle Noten gengend gesorgt, die sichim Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgendenzwei Bnden sind vor allem der Roman „Die totenSeelen“ und drei einzelne Novellen vereinigt, die auchdurch einen ideellen Zusammenhang miteinander verknpftsind und sich gegenseitig beleuchten und erklren.Beide Bnde fhren den Leser sogleich auf den Gipfeldes Gogolschen Schaffens und gewhren ihm einengroen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt seinerDichtung. Die „Toten Seelen“ sind das grte Prosawerkdes modernen Rulands und eines der Hauptwerkeder humoristischen und satirischen Literatur berhaupt: eingrauenhaftes Bild der Korruption und der allgemeinmenschlichenund spezifisch russischen Verkommenheit.Daneben ein soziologisches Gemlde eines historischen Zeitalters,in dem der Extrakt einer Kulturepoche konzentriertist. Was aber dem Ganzen — neben diesen wahrlich nichtgeringen Vorzgen — seinen Ewigkeitswert sichert —das ist das Menschliche und Typische, das es in sichbirgt: die Darstellung des Menschenlebens, wie es, vonder kulturell-zuflligen Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt,wenn das Rangverhltnis der Triebe verkehrt,und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealittentblt wird. Es ist der Gerichtstag ber die moderneKultur, die den Erwerbstrieb sanktionierte undheiligte und das Denken und Trachten des modernenMenschen auf die rein materielle Macht und Beherrschungder Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenznur in ihren Anfngen, in ihrer Entstehung beobachtenknnen, aber er hat mit dem bewunderungswrdigenScharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen dieserErscheinung fr das Geistesleben antizipiert: den seelenmordendenFluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, dienivellierende und alles erstickende Trivialitt eines aufdas Blostoffliche gerichteten Wesens. Es gab keinenstrkeren Schilderer des Gemeinmenschlichen, Alltglichenund Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen,der in den „Toten Seelen“ das grandiose Symbolund in dem irrenden Ritter des Erwerbs Pawel IwanowitschTschitschikow — den unsterblichen Typus fr dasTriviale und Mittelmige fand, das die groe Masseunseres Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. —Ein Gegenstck zu dem groen Gemlde der „TotenSeelen“ ist die romantische Novelle „Das Portrt“, inder der Dichter die verheerenden Folgen desselben Grundtriebesfr Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleichein erschtterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der„zwei Seelen“, in dem sich Gogols Leben aufzehrte;der einen, die von einem glhenden Drange nach demIdealen ergriffen, sich in der Welt der Krper niedauernd wohl fhlte, und der andern, die wie keinezweite mit dem Blick frs Irdische begabt, das Augenie von der Erdenwelt und allem Menschlich-Allzumenschlichenabzuziehen vermochte.

Eine ausfhrliche Analyse der in diesem Bande vereintenDichtungen findet der Leser in der Einfhrungdes bekannten Gogolforschers und Mitgliedes der PetersburgerAkademie der Wissenschaften, Nestor Kotljarewski,die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine Gepflogenheit,der wir auch bei den folgenden Bnden treuzu bleiben gedenken.

Zum Schlu wage ich noch den Wunsch auszusprechen,da der deutsche Leser dieser Gesamtausgabe Gogols diefreie Empfnglichkeit entgegenbringen mge, die dasWerk eines Dichters beanspruchen kann, der zwar derGegenwart nicht mehr angehrt, doch aber lebendig inihr wirkt, und dessen Schtzung in seinem Vaterlandemit dem zeitlichen Abstand nur noch steigt und infortwhrendem Wachstum begriffen ist.

Charlottenburg, den 24. Dezember 1908.

Dr. Otto Buek.

Einfhrung

I.

Gogols Roman „Die toten Seelen“ nimmt in derrussischen Literaturgeschichte des XIX. Jahrhundertseine besondere und einzigartige Stellung ein. Es ist dererste Roman von knstlerischem Werte, in dem der russischenGesellschaft ein groes und treues Bild ihreseigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus demPinsel eines groen Knstlers und Realisten herstammte.In diesem Roman vergit der russische Dichter zumersten Mal sich selbst, seine persnlichen Sympathien undAntipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen,die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzhlungeneinzuflechten pflegte, und ist nur noch von einemWunsche ergriffen: die nackte Wahrheit auszusprechenber die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er lebt.

In diesem Sinne stellen die „Toten Seelen“ einknstlerisches Denkmal dar, das in der Geschichte derrussischen Literatur eine neue ra erffnet.

In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts —dem Zeitalter der sogenannten „Romantik“ und des„Sentimentalismus“ gab es fr den russischen Dichternur ein Objekt, das ihn stetig beschftigte, seineeigene Persnlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres frihn als sein eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken,Stimmungen und dem freien Spiel seiner Phantasie.Er wute vor allem davon zu erzhlen, wie die gesamteUmwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; unddaher blieb sein Verhltnis zu dieser Umwelt immer reinsubjektiv. Mit dem vierten Jahrzehnt des XIX. Jahrhundertserfhrt jedoch dieses subjektive Verhalten desKnstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, diesich sehr rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtungfortschreitet. Von nun ab geht das Streben desKnstlers vor allem darauf, das Leben so treu und vollstndigals nur mglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln;das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit undin seinem Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetztder wichtigste Gegenstand seines Interesses. Er beginntes bis tief ins Einzelne zu analysieren, um es dann imGanzen oder in seinen Teilen rein und treu zureproduzieren. Der Knstler sieht sein grtes Verdienstdarin, seine eigenen Sympathien und Antipathien zurcktretenzu lassen und womglich ganz zu verbergen. Erstrebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu bearbeitenhat, so objektiv und unparteiisch als mglich zu erfassenund restlos in sich aufzunehmen.

Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Knstlerszur objektiven Darstellung in der russischen Literatur ganzunverhllt ans Licht. Im „Revisor“ und in den „TotenSeelen“ besitzen wir zwei streng realistische Gemlderussischen Lebens aus der Epoche Nikolaus’ I. So wurdeGogol zum Begrnder der sogenannten „naturalistischen“Schule, die den Ruhm der russischen Literatur auch nachdem Westen trug. Und darin sind alle russischen Knstlerden Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle die Umweltzum Gegenstand eines peinlichen und grndlichen Studiumsmachten, um sie dann als Ganzes oder doch einenAusschnitt von ihr objektiv doch zugleich knstlerischwiederzuspiegeln. Das war die Arbeitsmethode allergroen russischen Knstler; von Turgenjew, Dostojewskiund Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und Saltykow-Schtschedrin.Und wenn auch ein jeder von ihnen seinein seinen Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruckbrachte und mit besonderer Liebe bei den Gestalten verweilte,die ihm selbst am nchsten standen; wenn ermitten hinein in die Gemlde realer Wirklichkeit reinpersnliche Betrachtungen einflocht, und sich’s erlaubte,eine Art Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen,so waren doch ihre Werke vor allem und in erster Linieein groes und detailliertes Bild der lebendigen Wirklichkeit,ein historisches Dokument einer Epoche; es bliebstets die Hauptsorge des Knstlers: nicht seine persnlichenAnsichten und Gefhle zum Ausdruck zu bringen,sondern die Idee und den Umri des Lebens zu erfassen,das sich vor seinen Augen entrollte.

So wird es verstndlich, welch einen gewaltigenEinflu das Schaffen Gogols auf die Entwickelung derrussischen Literatur gewinnen mute. Der sentimentaleRoman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantischeNovelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekanntenzahlreichen lyrischen Herzensergieungen in Prosa tratenimmer mehr zurck, um den Raum fr die Milieuerzhlung— fr die realistische wirklichkeitstreue Novellemit ihrem groen und weiten Horizont frei zu machen:fr eine Prosaerzhlung, die den Leser zu einem kritischenVerhalten gegen das Leben und die ihn umgebendeWirklichkeit erweckte.

II.

Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnenhatte, eine Annherung zwischen Kunst undLeben herbeizufhren — Nikolaus Wassiljewitsch Gogol(1809-1852) — war von Natur nichts weniger als einnchterner, kaltbltiger Beobachter, oder ein Mann vonkritischem Verstande und einer Phantasie, die es versteht,ihre strmischen Triebe zu bndigen.

Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seelezur Welt gekommen, und doch wurde es seine Mission,der Dichtkunst reine Muster einer realistischen, khlen undnchternen Naturdarstellung zu schenken. In diesem Widersprucheliegt die ganze Tragdie seines Lebens beschlossen.

Gogol gehrt unbedingt zu jener Gattung vonMenschen, fr die die Gegenwart nur ein Hinweis aufein zuknftiges Ideal ist, und die ein starker Glaubean ihre providentielle Sendung beseelt.

Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihnimmer in eine andre Welt empor — eine Welt der Vollkommenheit,in die er alles verlegt, was ihm wert undteuer ist: all seine Begriffe von einer unerschtterlichenOrdnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eineewige Liebe und eine jedem Wandel entrckte Wahrheit.Diese ideale Welt begleitet ihn durch das ganze Leben,sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden derFinsternis. berall und jederzeit findet er in ihr seinenLohn oder seine Strafe und Verurteilung, sie beschftigtununterbrochen seinen Verstand und seine Phantasie,und oft absorbiert sie seine Aufmerksamkeit so vollstndig,da sie ihn die Erde vergessen lt; noch hufiger aberist sie dem Menschen die einzige Sttze, die ihn aufrechterhlt bei der schweren Arbeit an der Gestaltung undFormung des irdischen Daseins.

Was immer fr berzeugungen solch ein Menschhaben mag, stets wird er entweder hinter dem Lebenzurckbleiben oder ihm weit voraneilen. Er vermag sichnicht zu ergeben und zu demtigen vor dem Unabwendlichenund Tatschlichen. Immer fast wird er dasreale Leben entwerten, und es gewhnlich verachten. Ervergewaltigt seinen Begriff und seine Vorstellung von derWirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt sichmeist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in derRegel aber lebt er vom Vorgeschmack einer schnerenZukunft: ein nchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachenbleibt ihm versagt, weil er diese Tatsachen stetsim Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in die Lebensprinzipienhineinzwngt, an die er glaubt, entgegenallen Tatsachen. Er ist es nicht gewhnt, sein Strebenmit seinem Krftevorrat in Einklang zu bringen, under vermag es nicht, ngstlich und peinlich innerhalb derGrenzen seiner Fhigkeit an seinem Lebenswerke ttigzu sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leichtlsbar, zugleich aber kann ihm schon der kleinste Mierfolg,wie er keinem erspart bleibt, das Gleichgewichtrauben und mimutig machen. Er ist verliebt in jenenidealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegthat, und darum wird es ihm

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