Sämmtliche Werke 2_ Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Sämmtliche Werke 2_ Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Title: Sämmtliche Werke 2_ Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Release Date: 2017-03-01
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Nikolaus Gogol
Tote Seelen, II
Novellen

Nikolaus Gogol
Smmtliche Werke
In 8 Bnden

Herausgegeben
von
Otto Buek

Band 2

Mnchen und Leipzig
bei Georg Mller
1909

E. R. W.

Nikolaus Gogol

Die Abenteuer Tschitschikowsoder Die toten Seelen

bertragen
von
Otto Buek

Band 2

Mnchen und Leipzig
bei Georg Mller
1909

E. R. W.

Inhalt

Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil Seite 1
Novellen:    
Der Mantel 223
Die Nase 283
Das Portrt 329

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
oder
Die Toten Seelen.
Zweiter Teil

Erstes Kapitel.

Warum blo wollen wir die Armut, nichts alsdie Armut und die beklagenswerte Unvollkommenheitunseres Lebens ffentlich zurSchau stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, ausden entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgrabenund hervorziehen? — Was ist zu machen, wenn das nuneinmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn erselbst so sehr an seiner eigenen Unzulnglichkeit krankt,da er eben nur dies eine kann: die Armut und nichtsals die Armut und Unvollkommenheit unseres Lebensdarstellen, indem er seine Menschen aus der Wildnisund aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandesausgrbt? Und so sind wir denn abermals mitten indie Wildnis hineingeraten und wieder auf ein destrauriges Nest gestoen. Und noch dazu welch ein Nestund welch eine Wildnis!

Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mitTrmen und Bastionen, zog sich in endlosen Windungenvon mehr als tausend Werst eine ununterbrocheneGebirgskette hin. Stolz und majesttisch erhob sie sichber die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- undKalkfelsen, bald als senkrecht abstrzende Bergwand,durchsetzt von Spalten und Rissen, bald wieder in Formvon grnen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk,das zwischen kahlen Baumstmpfen emporragte und vonweitem wie zartes Lammfell aussah, bald endlich alsdichter dunkler Wald, den die Axt seltsamer Weise nochverschont hatte. Der Flu, der berall zwischen hohenUfern dahinstrmte, folgte den Bergen in mancherleiSchlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sichvon ihnen, flo zwischen Feldern und Wiesen dahin,schlngelte sich in leuchtenden Serpentinen, verschwandpltzlich, noch einmal hell aufblitzend im strahlendenSonnenlicht in einem Gehlz von Birken, Espen oderErlen und tauchte endlich wieder triumphierend aus demDunkel hervor, berall begleitet von Brcken, Windmhlenund Dmmen, die ihm bei jeder Wendung nachzueilenschienen.

An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besondersdicht mit dem Lockenschmuck jungen Baumgrnes berzogen.Durch knstliche Anpflanzung hatte sich hierdank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetationaus Nord und Sd zusammengefunden. Eiche, Ahorn,Birnbume und Weidenbsche, Beifu und Birke, Fichtenund dicht von Hopfen umrankte Ebereschen klettertenberall, hier eintrchtig und sich gegenseitig im Wachstumuntersttzend, dort sich hemmend und eng zusammengedrngt,den steilen Berg hinan. Oben amScheitel mischten sich mit den grnen Wipfeln die rotenDcher der Gutsgebude, die Giebel und Dachfirsteder dahinter versteckten Bauernhtten, das obersteStockwerk des Herrenhauses mit seinem geschnitztenBalkon und dem halbrunden Fenster — und hoch berdieser Masse nah beieinander liegender Huser und Bumestreckte eine altertmliche Kirche ihre fnf vergoldetenTrme in die Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt.Die Trme waren mit goldenen durchbrochenen Kreuzengeschmckt, die mit ebensolchen Ketten von gleichemMetall an den Kuppeln befestigt waren, so da manaus der Ferne den Eindruck hatte, als glhte undflimmerte die Luft von glnzendem gemnztem Golde,das frei im blauen ther schwebte, ohne an etwas befestigtzu sein. Und diese ganze Masse von Bumen,Dchern und Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopfgestellt lieblich im Flusse wieder, wo die hohen migestaltetenWeidenstmme, die teils vereinzelt am Ufersaume,teils tief im Wasser standen, ihre von grnem schleimigenFluschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenenZweige und Bltter in die Fluten hinabtauchten undin die Betrachtung dieses reizenden Bildes versunkenschienen.

Dieser Anblick war in der Tat sehr hbsch, aber derBlick aus der Hhe ins Tal, von der Terrasse des Hausesin die weite Ferne war noch viel schner. Kein Gast,kein Besucher vermochte es gleichgltig auf dem Balkonzu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vorStaunen und Entzcken, und er konnte blo ausrufen:„Gott wie gerumig und frei ist es hier!“ Ein unendlichergrenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus:Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmhlenberst waren, erhoben sich dunkle Wlder wieeine Reihe grn schimmernder Zonen; hinter den Wldernleuchteten gelbliche Sanddnen durch die sich mhlichverfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wlder,die blulich schimmerten, wie ein sich weithin dehnendesMeer oder eine weite Nebelflche; dahinter lagen wiederSanddnen, welche zwar nicht mehr so hell, wie dieersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmtenund leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man dieKonturen eines Bergrckens: das waren Kalkfelsen,die selbst bei schlechtestem Wetter bestndig inblendender Weie erstrahlten, wie wenn eine ewigeSonne sie beleuchtete. An ihrem Fue, der zum Teilaus Gipsgestein bestand, hoben sich hie und da nebelgrauflimmernde Flecken von dem blendenden Wei desHintergrundes ab: das waren ferne Drfer, die jedochkein menschliches Auge erkennen konnte — nur diegoldene Spitze einer Kirche, die hin und wieder aufblitztewie ein glhender Funke, lie ahnen, das diesein groes, von Menschen bewohntes Dorf sei. DasGanze aber war in eine tiefe Stille getaucht, die nichteinmal von dem kaum bis ans Ohr dringenden Liedder Snger der Lfte gestrt wurde, welche sich in denreinen ther emporschwangen und bald im weitenRaume verloren. Mit einem Wort, kein Gast nochBesucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, undwenn er einige Stunden in die Betrachtung verlorendagestanden hatte, brach er immer wieder in den schonbekannten Ruf aus: „Gott, wie gerumig und frei eshier ist.“

Wer aber war der Bewohner und Besitzer diesesLandgutes, das gleich einer uneinnehmbaren Festung dalagund zu dem von dieser Seite nicht einmal ein Fahrweghinfhrte. Man mute schon von der andernSeite heranzukommen suchen — wo weit auseinanderstehendeEichen den herannahenden Reisenden freundlichbegrten, indem sie ihre breiten ste weit ausstrecktenwie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem Hausehingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehenhaben, und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischeneiner langen Reihe von Bauernhtten mit ihrengeschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der Kirche, dieim Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkesder in der Luft hngenden Ketten erstrahlte.

Es war der Gutsbesitzer des TremalachanskschenKreises Andrei Iwanowitsch Tentennikow. Der Glcklichewar ein junger Mann von dreiunddreiig Jahren,der noch dazu unverheiratet war.

Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei IwanowitschTentennikow fr ein Mensch? Wie war seinWesen; was hatte er fr Eigenschaften und fr einenCharakter? — Darnach mssen wir uns natrlich beiden lieben Nachbarn erkundigen, geneigte Leserinnen.Einer von ihnen, der zu jener Gattung verabschiedeterStabsoffiziere und Lebemnner gehrte, die jetzt schonim Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaenber ihn zu uern: „Ein ganz gewhnlicher Schweinehund!“Ein General, der etwa zehn Werst von ihmentfernt wohnte, sagte gewhnlich: „Der junge Mannist nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopfgesetzt. Ich knnte ihm ntzlich sein, denn ich habegewisse Verbindungen in Petersburg und sogar beim ...“Der General beendigte seinen Satz niemals. DerKreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form:„Ich will mir mal morgen die rckstndigen Steuernvon ihm abholen!“ und ein Bauer htte auf die Frage,was sein Herr fr ein Mensch sei, berhaupt nichtsgeantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die dieNachbarn von ihm hatten, war recht ungnstig. Vorurteilslosgesprochen aber war Andrei Iwanowitscheigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer vondenen, die unntz auf der Erde herumlaufen. Es gibtja doch ohnedies genug Leute, welche unntz auf derErde herumlaufen, warum also sollte gerade Tentennikowes nicht tun? brigens wollen wir hier gleich einenkurzen Abri seines Tagewerks geben, und da bei ihmein Tag stets dem andern glich, so mag der Leser darnachselbst urteilen, was er fr einen Charakter hatte,und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden Naturschnheitenentsprach.

Morgens pflegte er recht spt zu erwachen, dannrichtete er sich im Bette auf und rieb sich lange dieAugen. Zu seinem Pech waren die Augen sehr klein,und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch.Whrend der ganzen Dauer dieser Handlungstand ein Mann, namens Michailo, mit einem Waschbeckenund einem Handtuch an der Tr. Dieser armeMichailo mute immer stundenlang so dastehen; dannging er in die Kche und kam noch einmal wieder;aber sein Herr sa noch immer im Bett und rieb sichdie Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich,zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon umein Glas Tee, Kaffee, Kakao oder sogar frische Milchzu trinken. Er trank immer in kurzen Zgen, indemer die Brotkrumen rcksichtslos umherstreute und dieTabakasche berall achtlos hinfallen lie. So sa erwohl zwei Stunden lang beim Frhstck, doch dasgengte noch nicht. Dann nahm er noch eine Tassekalten Tee und ging langsam ans Fenster, das inden Hof fhrte. Hier spielte sich jeden Tag folgendeSzene ab.

Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij inseiner Eigenschaft als Aufwrter mit der SchlieerinPerphiljewna, die er mit folgenden Ausdrcken zu bedenkenpflegte: „Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges Frauenzimmerdu! Du solltest doch lieber den Mund halten,du gemeines Geschpf!“

„Du willst wohl so etwas haben?“ heulte die Jammerseeleoder Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Fausthinhielt. Dieses Frauenzimmer war nicht ungefhrlichund hatte recht derbe und krftige Manieren, trotz ihrerstarken Vorliebe fr Rosinen, Marmelade und andereSigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.

„Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in denHaaren, du Staubkorn, elendiges,“ kreischte Grigorij.

„Der Verwalter ist doch gerad so’n Dieb wie du,du glaubst wohl der Herr kennt euch nicht; er ist dochhier und hrt alles.“

„Wo ist der Herr?“

„Da sitzt er am Fenster und sieht alles.“

Und in der Tat, der Herr sa am Fenster undsah alles.

Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollstndigenschrie ein Knabe auf dem Hofe aus vollerKehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen hatte,und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem essich mit dem Hinterteil auf die Erde setzte; der Kochhatte nmlich kochendes Wasser aus dem Fenster gegossenund es verbrht; mit einem Worte alles heulte undplrrte unertrglich. Der Herr sah und hrte sich allesan, aber erst als der Lrm so entsetzlich wurde, da erTentennikow in seinem Nichtstun zu stren begann,schickte er in den Hof hinunter und lie sagen, die daunten mchten doch etwas leiser lrmen.

Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich AndreiIwanowitsch in sein Zimmer, um an einem groen Werkezu arbeiten, das ganz Ruland von smtlichen nurmglichen Standpunkten: vom brgerlichen, vom politischen,vom philosophischen und religisen umfassen und beleuchtensollte; auch sollte es die schwierigen Aufgabenund Probleme lsen, die die Zeit gestellt hatte und klarbestimmen, in welcher Richtung Rulands groe Zukunftlge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur einmoderner Mensch es planen konnte. brigens hatte eszunchst beim Nachdenken ber dieses grandiose Unternehmensein Bewenden: man kaute an der Feder, warfein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alleswieder beiseite; statt dessen wurde ein Buch zur Handgenommen, das man bis zum Mittagessen nicht wiederfortlegte. In diesem Buche las man, whrend dieSuppe, die Sauce, der Braten und sogar die se Speiseverzehrt wurde, ruhig weiter, und es kam mitunter vor,da manche Speisen ganz kalt und andre berhauptnicht angerhrt wurden. Dann trank man noch eineTasse Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spieltenoch eine Partie Schach mit sich selbst. Was daraufnoch weiter bis zum Abendessen getan wurde — ist tatschlichschwer zu sagen. Ich glaube es wurdeberhaupt nichts mehr getan.

So verbrachte der junge dreiunddreiigjhrige Mann,der immer im Schlafrock und ohne Halsbinde dasaganz mutterseelenallein und von aller Welt verlassen,seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen machteihm keinen Spa, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen,oder ein Fenster zu ffnen, um frische Luft indas Zimmer hineinzulassen, und der herrliche Anblick desDorfes, an dem sich Gste und Besucher nicht genugerfreuen konnten, schien fr den Besitzer selbst berhauptnicht zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen,da Andrei Iwanowitsch Tentennikow zu der groenFamilie der Leute gehrte, die in

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