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Oliver Twist

Oliver Twist
Title: Oliver Twist
Release Date: 2018-02-17
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Oliver Twist

von
Charles Dickens
mit einer biographischen Einleitung
von Johannes Gaulke

Globus Verlag G.m.b.H. Berlin

Charles Dickens

Unter den großen Humoristen des vorigen Jahrhunderts,die zugleich Tendenzschriftsteller im bestenSinne waren, nimmt Charles Dickens einen hervorragendenPlatz ein, den er trotz des schnellen Wandelsdes literarischen Geschmacks und der Kunstanschauungin der Weltliteratur behaupten wird. Dickens ist nichtnur der Lieblingsdichter seines Volkes, sondern er istschon zu Lebzeiten in allen Ländern des Erdenrundsheimisch geworden. In Hütte und Palast sind seineWerke gedrungen und haben überall starke und nachhaltigeWirkungen ausgeübt. Begabt mit dem köstlichenHumor, der mit dem einen Auge weint und dem anderenlacht, ist Dickens allen denen, die auf der Höhe desLebens wandeln, ein treuer Mentor geworden, denElenden und Enterbten des Lebensglücks aber ein aufrichtigerFreund und Tröster.

Charles Dickens konnte zum ganzen Volke von allenden Dingen, die unsre Welt ausmachen, sprechen, weil erdas Leben gründlich kannte, weil er selbst alle Wechselfälledes Lebens an sich selbst erfahren hatte. Als Kind wenigbemittelter Eltern am 7. Februar 1812 in Landport beiPortsmouth geboren, mußte er schon im Alter von zehnJahren, als sein Vater in London ins Schuldgefängnis gewandertwar, für den eigenen Lebensunterhalt sorgen.Während er als Laufbursche gegen einen kärglichenWochenlohn tätig war, vernachlässigte er naturgemäßseine Schulbildung gänzlich, und er genoß erst, nachdemder Vater eine bescheidene Stellung in London erlangthatte, als zwölfjähriger Knabe einen besseren Unterricht.Den Mangel eines systematischen Unterrichts hat er durchSelbstunterricht, der sich auf alle Gebiete des Wissenserstreckte, namentlich aber durch das Studium der englischenSchriftsteller ausgeglichen. Im Jahre 1833 veröffentlichteer, nachdem er sich schon als Journalist anführenden Blättern unter dem Pseudonym Boz mitgroßem Erfolge betätigt hatte, sein erstes Buch, eineReihe von Skizzen aus dem Londoner Volksleben inzwei Bänden. Einige Jahre später folgten die «Pickwickpapers», die ihn mit einem Schlage zu einemgelesenen und in allen Schichten gleich geschätzten Autormachten. Das Buch, das in einer Reihe von lose aneinandergefügtenSkizzen die Abenteuer einiger Mitgliederdes Pickwickklubs auf ihrer Reise durch England schildert,enthält in gewissem Sinne das Programm desspäteren Dickens, der das Leben schildert, wie es sichihm darbietet, immer von dem Gedanken getragen, moralischeWirkungen zu erzielen und den Menschen mitseiner Umwelt zu versöhnen. Um dieses Ziel zu erreichen,schrickt er nicht vor Übertreibungen eines Zustandes odereiner Handlung zurück und macht selbst, um möglichsteindringlich zu wirken, seine Figuren, die meistens sehrlebensvoll einsetzen, zu menschlichen Karikaturen.

In rascher Folge erscheinen in den dreißiger undvierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die HauptwerkeDickens. Die Reihe eröffnet «Oliver Twist» (1838), dasals das erste realistische, aus dem Volkstum geschöpfteBuch mit außerordentlichem Enthusiasmus in Englandaufgenommen wurde und bald seinen Weg über den Erdballmachte. Es folgten: «Nicholas Nickleby» (1839) und«Master Humphrey's clock» (1840), ein Werk, das sichähnlich wie die «Pickwickier» aus Einzelerzählungen zusammensetzt,sich aber vor einem ernsteren Hintergrundabspielt und tiefergreifende Menschenschicksale darstellt.

In den vierziger Jahren unternahm Dickens, der inzwischenzu einem gewissen Wohlstand gelangt war, großeAuslandsreisen. Die Hauptfrucht seiner ersten Amerikareise(1842) ist der Roman «Martin Chuzzlewit», in demer die Heuchelei der Amerikaner mit scharfen Hiebengeißelt. Auch in seinen «American notes» läßt er esan harten Bemerkungen über die Amerikaner und amerikanischenEinrichtungen nicht fehlen. Die Amerikanerhaben ihm die geringe Meinung über sie und ihr Land,der er zu wiederholten Malen Ausdruck gegeben hat,nicht nachgetragen, sondern ihm in Neuyork, Chicagound anderen Städten prächtige Denkmäler errichtet.

In Italien schrieb Dickens den Roman «Chimes»(1844), am Genfer See «Battle of Life» (1846). Fastgleichzeitig entstand «Dombey and son», ein Lebensbildaus dem Bürgertum, in dem Episoden von ergreifenderTragik und grotesker Komik einander folgen. Aufder Höhe des Schaffens stehend, schrieb Dickens Ende dervierziger Jahre den autobiographischen Roman «DavidCopperfield», der nach Plan und Anlage als ein wahrhaftgeniales Werk genannt zu werden verdient. Inder Charakterisierung der Person hat Dickens hier diehöchste Meisterschaft erreicht, auch ist die Handlung einheitlicherund geschlossener als in den Werken seinerersten Periode.

David Copperfield ist wie die meisten Romane einsozialer Tendenzroman. Für Dickens, der aus dem Volkehervorgegangen war, der auch als Dichter ein Selfmademanwar, war die Kunst immer nur ein Mittel zumZweck, nicht Selbstzweck, wie es eine spätere französischeRichtung durch den Grundsatz «l'art pour l'art» ausdrückt.Dickens ist daher keiner begrenzten Gruppe oderKunstrichtung einzureihen; er ist weder Realist nochIdealist im herkömmlichen Sinne, sondern auch als Künstlerimmer nur Moralist. Zwar sind die Zustände stetsmit den Augen des Realisten gesehen, er ist sogar einKleinmaler von einer Prägnanz des Ausdrucks wiewenige, aber darüber hinaus reicht sein Wirklichkeitssinnnicht. Sobald er an den Menschen herantritt, versagtsein Charakterisierungsvermögen, er schildert dieMenschen nicht wie sie sind, aus dem Milieu heraus,sondern wie er wünscht, daß sie sein möchten. Nurselten gelingt es ihm, einen der Wirklichkeit entsprechendenMenschen zu zeichnen; seine Romanfiguren sind entwederidealisiert oder karikiert – im besten Falle Typen,keine Individuen. Entweder sind sie Erzbösewichter oderherzensgute Engel. Und zum Schluß erhalten sie alle,ganz im Einklang mit dem höchsten moralischen Grundgesetz,ihre Strafe oder ihre Belohnung für das, was siegetan oder unterlassen haben.

Am besten gelingen Dickens die Gestalten aus demVolk, mit ihnen ist der Dichter aufgewachsen, mit ihnenhat er gelitten, mit ihnen kann er daher auch empfinden.Auch in die Seele des Kindes vermag sich Dickens zuversetzen; hier wirkt sein Pathos immer echt, ob er dasElend des ausgesetzten Kindes schildert, die Qualen undEntbehrungen eines kleinen Bettlers oder gar den Todeines unglücklichen kleinen Wesens.

Je weiter sich Dickens vom Volkstum entfernt, umsounklarer und verschwommener werden seine Gestalten,doch weiß er auch hier wiederum mit glücklichem Griffdas Milieu, in dem eine Lordschaft oder gar ein englischerHerzog sich bewegt, festzuhalten. Man sieht gern überdie angedeuteten Schwächen hinweg, da der Dichter unerschöpflichin der Erfindung komischer und groteskerSituationen ist und mit einem von Herzen kommendenund zu Herzen gehenden Humor alle menschlichenSchwächen und Verirrungen zu entschuldigen weiß.Selbst dem tiefgesunkenen Verbrecher haftet immer nochein menschlich liebenswürdiger Zug an. Ohne geradeKriminalpsychologe zu sein, schildert Dickens seine Gestaltenfast durchgängig als Produkte ihrer Umgebungund behandelt auch den schändlichsten Missetäter mitNachsicht und Milde. So nur konnte er zu einem Anwaltder Unglücklichen und Enterbten werden.

In der zweiten Periode seines dichterischen Schaffens,die die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebensumfaßt, treten die Eigenarten und Schwächen des Dichtersimmer schärfer hervor. Rastlos tätig, lockert sich inseinen Romanen immer mehr die Komposition, auf langatmigeSchilderungen folgen knappe dramatische Evolutionenund spannende Konflikte, die zu einem plötzlichenAbschluß drängen. Besonders charakteristisch ist in dieserBeziehung der vierbändige Roman «Our mutualfriend», aber auch «Bleakhouse» und «Tale of twocities», wo die französische Revolution den Hintergrundbildet, lassen die Einheitlichkeit des Plans vermissen.

Charles Dickens war während seines ganzen Lebensvon einem Arbeitseifer, der weder Rast noch Ruh kennt,beseelt. Während er seine großen Romane schrieb, warer im Nebenfach als Journalist und Redakteur tätig. ImJahre 1845 trat er in die Redaktion der neubegründetenZeitung «Daily News», die auch seine italienischenReisebilder zuerst veröffentlichte, ein. 1849 gab er eineWochenschrift «Household Words», die der Unterhaltungund Belehrung diente, heraus. Daneben fand erZeit zu Vortragsreisen in England, Irland und Amerika,die ihm Reichtümer und hohe Ehrungen einbrachten,aber auch die mittelbare Ursache zu seinem plötzlichenTode wurden. Er starb, vom Schlage getroffen, nachkurzem Krankenlager auf seinem Landsitz Gadshill, am9. Juli 1870 im Alter von 58 Jahren. Seine Gebeinewurden in der Westminsterabtei, dem Pantheon Englands,beigesetzt.

Wenden wir uns nunmehr der in diesem Bande veröffentlichtenErzählung «Oliver Twist» zu, so werdenwir die Vorzüge und Schwächen Dickensscher Erzählungskunstgerade an diesem Werke höchst eindringlich wahrnehmenkönnen. Oliver Twist ist Dickens hervorragendstesJugendwerk und behandelt die Geschichteeiner Jugend. Zweifellos haben eigene Jugendeindrückedem Dichter die Direktive zu dieser Arbeit gegeben. Wieder kleine Oliver, so hat auch Dickens, zwar unter anderenVerhältnissen, aber ebenso mühselig, sich emporringenmüssen. Das Leben hatte den Dichter schon inzarter Jugend hart angepackt, aber wie das Gold sichim Feuer läutert, so läutert sich die Seele im Lebenskampf,der Schmutz haftet nur dem Schmutzigen an, wergesund und rein empfindet, muß schließlich alle Widerwärtigkeitendes Lebens überwinden. Das ist der Leitgedankein Oliver Twist. Höchst drastische Bilder läßtder Dichter vor unserem geistigen Auge entstehen, scharfzugespitzte Situationen schildert er mit einer Anschaulichkeit,die uns um das Schicksal des jugendlichen Heldenmit banger Sorge erfüllt. Wir empfinden und fühlenmit Oliver Twist, wir fürchten gar um sein Leben undzittern um sein Seelenheil. Oftmals hat es den Anschein,als müsse die Katastrophe jäh über ihn hereinbrechen,aber immer wieder entwirren sich die verworrenen Schicksalsfäden,bis ihm endlich die Erlösung aus unwürdigenZuständen, in die er ohne seine Schuld geraten ist, wird.

Wenn man den moralischen Maßstab an eine dichterischeArbeit anlegen will, so vollzieht sich in «OliverTwist» alles ganz folgerichtig: die Tugend muß schließlichsiegen, denn so will es die moralische Weltordnung. Vomliterarischen Gesichtspunkt betrachtet, ließe sich allerdingsmancherlei gegen den Optimismus Dickens einwenden;man merkt gar zu schnell die moralisierende Absichtund wird verstimmt. Dagegen kann Dickens als Zustandsschildererauch hier vor jeder literarischen Kritikbestehen. Wie anschaulich sind allein die Verbrecherschlupfwinkelgeschildert! Wie überzeugend die Örtlichkeitendes dunkelsten Londons! Man gewinnt hier überallden Eindruck des Selbstgeschauten. Dickens bedientsich zur Erreichung seines Zwecks oft ungewöhnlicherMittel und verblüffender Wendungen. Er konstruiert dieunwahrscheinlichsten Situationen und nimmt es auch mitden Tatsachen nicht so genau, um eine Kontrastwirkungzu erzielen. Einzelne Begebenheiten streifen fast dasNiveau des Kolportageromans, während andere denEindruck höchster Künstlerschaft auf den Leser machen.

«Oliver Twist» ist eine Arbeit, die nicht mit demKopf, sondern mit dem Herzen geschrieben ist. Es ist derRoman des Kindes, vielleicht der erste dieser Art inder neueren Literatur. Der maßlose Jammer der ausgesetztenund verlassenen Kinder, von denen es im heutigenLondon noch hunderte und aberhunderte gibt, hat denDichter angeregt zu einer Arbeit, die ein Appell an dieWelt zur Abhilfe der verrotteten Zustände sein soll. Wirleben im «Jahrhundert des Kindes»! Männer undFrauen aller Kreise haben zusammengewirkt, um eineHebung des sittlichen Niveaus, aber auch der materiellenLage der Kinder der Ärmsten zu erzielen. Der Dichterdes «Oliver Twist» verdient als Vorläufer dieser Bewegungbezeichnet zu werden. Menschengüte und Kinderliebesprechen aus jeder Zeile des Buches; ohne dieseQualitäten hätte es schwerlich seinen Platz in der Weltliteraturbehauptet.

Von dem feinen Verständnis der Kinderseele und denBedürfnissen des Kindes legt neben «Oliver Twist» auchDickens «A child's history of England» ein glänzendesZeugnis ab. In einer, den Anschauungskreis des Kindesangemessenen Form schildert Dickens hier die Hauptereignisseder englischen Geschichte mit höchster Eindringlichkeitund Wahrhaftigkeit, aber auch zugleich frei vonjeder aufdringlichen chauvinistischen Tendenz. Das Buch,das in England und Amerika zu den meistgelesenenBüchern zählt, hat bei uns bei weitem nicht die ihmgebührende Beachtung gefunden, obgleich wir in der geschichtlichenJugendliteratur ihm nichts Ebenbürtiges zurSeite stellen können.

Charles Dickens hat in England viele Nachahmergefunden, aber niemand hat ihn, dem das Schreibeneine sittliche Aufgabe war, auch nur im entferntesten erreicht.Seine Nachahmer haben ihn eigentlich nur in derBreite der Anlage und der Umständlichkeit der Schilderunggetroffen, nicht aber in der Eindringlichkeit seinesVortrags und in der Überzeugungskraft, mit der er seineTendenz verficht. Bald wird ein halbes Jahrhundertseit seinem Tode verflossen sein, die englische Familienblattliteraturhat inzwischen hunderttausende von Neuerscheinungenauf den Markt geworfen, aber doch istDickens der Dichter des Volkes geblieben. Von dengroßen Humoristen des vorigen Jahrhunderts kann ihmnur einer als gleichwertig zur Seite gestellt werden:unser Fritz Reuter, der ja auch wie Dickens ineiner harten Schule der Entbehrungen zum Dichter undMenschenfreund herangewachsen ist. Sie liebten beidedas Volk, weil sie es als echte Söhne des Volkes genaukannten, und sie haben beide dadurch, daß sie die erbärmlicheAlltäglichkeit mit echter Poesie und echtemHumor durchtränkt haben, Millionen entzückt und mitdem Leben versöhnt. Wer das zuwege bringt, ist einWohltäter der Menschheit. In diesem Sinne hat sicheiner der größten Staatsmänner Englands, Gladstone,über Dickens geäußert; auch er feierte ihn als einen Erzieherund Wohltäter seines Volkes. Charles Dickenswird daher, mag er einer strengen literarischen Kritikauch nicht immer standhalten, mag er selbst als Menschenschildererüberholt worden sein, dennoch weiterleben undnoch viele Generationen durch seinen köstlichen Humorentzücken und begeistern.

Johannes Gaulke.

1. Kapitel.

Handelt von dem Orte, an dem Oliver Twist geboren wurde, und vonden seine Geburt begleitenden Umständen.

Eine Stadt, die ich aus gewissen Gründen nicht näherbezeichnen will, der ich aber auch keinen erdichtetenNamen beilegen möchte, besitzt unter anderen öffentlichenGebäuden gleich den meisten anderen Städten, sie mögengroß oder klein sein, von alters her ein Armenhaus, undin diesem wurde an einem Tage, dessen genaues Datumfür den Leser kein besonderes Interesse hat, das Mitgliedder sterblichen Menschheit geboren, dessen Name in derÜberschrift dieses Kapitels angegeben ist.

Lange Zeit, nachdem der Wundarzt des Kirchspielsihn in diese Welt der Mühen und Sorgen befördert hatte,blieb es äußerst zweifelhaft, ob er lange genug lebenwürde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Eswar nämlich tatsächlich mit erheblichen Schwierigkeitenverbunden, Oliver dahin zu bringen, daß er sich der Aufgabe,Atem zu holen, selbst unterzog – einem mühsamenGeschäfte, das die Gewohnheit uns aber freilich zu einernotwendigen Lebensbedingung gemacht hat; eine Zeitlanglag er nach Luft schnappend auf einer kleinenMatratze aus

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