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Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Title: Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Release Date: 2018-05-01
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Erdsegen.

Vertrauliche Sonntagsbriefe einesBauernknechtes.

Ein Kulturroman

von

PeterRosegger.

Vierundzwanzigstes Tausend.

Leipzig.

Verlag von L. Staackmann.
1906.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von C. Grumbach in Leipzig.


[S. 3]

Erster Sonntag im Jahre 1897

In der Zusen,
am ersten Sonntage im Jahres des Heils 1897.

Daß euch derrr Kuckuck hol’!

Sothanen Gruß zuvor, teure Freunde, und nun lachet, lachet — lachet!

Lang ist es her! sang der Alte vor unseren hofseitigen Fenstern. Ichhatte ihn nie verstanden. Zwei Ewigkeiten en miniature warendie ersten zwei Tage dieses Jahres. Der dritte hat überhaupt nochkein Ende genommen. Wenn aber das merkwürdige Jahr, das nun begonnen,jemals aufhören sollte, was nach menschlicher Berechnung doch immerhinwahrscheinlich ist, dann werde ich lachen, ihr Herren! Und mein Lachenwird euch Posaunenschall des jüngsten Gerichtes sein, falls ihr eineAhnung habt, was damit gesagt ist.

Meine aktuelle Stimmung ist allerdings etwas weit vom Lachen abgelegen.Sechs Jahre lang hatte ich gemeinsam mit euch unter Feder und Schereemsig den Beruf verfehlt; nun ich ihn mutterseelen allein mit demWanderstecken suche, wird er hoffentlich bald in Sicht kommen. Undin der nächsten Sylvesternacht tauche ich eueren Augen furchtbarauf, mit Zipfelmütze und Heugabel. Keine Stunde diene ich nach, undsollte jetzt der halbe Januar vergehen, ehe ich’s bin. Bemühen?Redlich. — In der Zusen heißt das Nest, wo ich am Wirtshaustisch euchTrauernden die erste Kunde schreibe. Aus zwei[S. 4] Bauernhöfen bin ichgestern bereits hinausgeworfen worden. Heute ist Ruhetag — Auf meinehöfliche Anfrage im ersten Hofe hieß es: „Ei schau! Im Sommer wachsendie Kirschen und im Winter die Vagabunden! Das glaub’ ich, daß dieHerrschaften um Neujahr gern ein warmes Nest und eine volle Schüsselhaben möchten. Nachher, wenn der Schnee weggeht, gehen sie auch weg undist man bei der g’nötigen Feldarbeit wieder allein. Mach’ fort zu denSocialdemokraten! Bist ’leicht selber einer!“ Klapps hatte ich die Thürvor der Nase.

Das war ein stattliches Gehöft gewesen an der Landstraße. Mirthat’s leid drum. Hat aber Stoff gegeben für einen brillantenVolkswirtschaftsartikel, die Zeile nicht unter zwanzig Kreuzern. Kostetmich selber so viel.

Im zweiten Bauernhof, als ich zuspreche — den Hut in der Hand — obman keinen Knecht brauche, glotzt mich der Bauer an, so ein kleiner,feister, kecker Kerl. Dann greift er mit seinen schnodderigen Fingernnach meiner immer noch leidlich aufgerampelten Schnurrbartspitzeund sagt: „Was hat Er denn da für eine saubere Gabel? Soll das eineMistgabel sein?“ Ich sofort den Krampf in den Fingern, aber da ist’snichts mit dem Rächen seiner Ehre; bittweise schlage ich die Fäusteaneinander, werbend um eine leibhaftige Mistgabel. Der Bauer jedoch istkein schlechter Kenner von Gliedmaßen. Meine Hand, die von den Götternseit Urbeginn für die Feder bestimmt, packt er an: „Sollen das auch dieWerktagspratzen sein? Na, ich dank’. Für den Löffel halten sie’s!“

„Herr Vater“ sage ich und konzentriere die zehn Finger zu zweiArmeeflügeln, „es käme nur auf einen[S. 5] Versuch an, wofür sie esvielleicht auch sonst noch halten möchten!“ Und stelle mich zurVerfügung! Ihm gerade vor den rundlichen Corpus. Er einen Schrittzurück und frägt — um die Unterhaltung auf ein harmloseres Feld zulenken — nach dem Dienstbotenbüchel.

Da ziehe ich meinen Militärschein aus der Tasche: „Drei JahreSeiner Majestät dem Kaiser gedient. Gegenwärtig Reserveoffizier —möglicherweise!“

„Und ich hätt’ einen Ochsenknecht gebraucht!“ lacht der Bauer, ohnedem Reserveoffizier auch nur die geringste Reverenz zu erweisen. Sindja Barbaren, diese Leute. Ich natürlich habe mich um die von ihmofferierte Ehrenstelle beworben. Da sagt er, ich möchte so gut sein undihn nicht zum Narren halten. Damit war die Verhandlung abgebrochen.

Morgen hausiere ich weiter.

Der Dorfwirt, bei dem ich heute das Dasein genieße, braucht einenFuhrmann. Pferde! Das wäre doch einigermaßen standesgemäß für einenKavalier, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr es für die Wette geltenließet, ihr Kanaillen! Mit Verstattung, das soll kein Schimpf sein.Der gebührende Titel, bitte! Wie freue ich mich, ihr jammervollenTintensklaven, euch eines Tages des verwegenen Spaßes Abachseite vordie Nasen zu halten und euch in die geschniegelten Bärte zu brüllen:Eines Mannes Wort bleibt eines Mannes Wort, selbst über den Dunghaufenhinaus! Und wenn euch darob in Leibes- und Seelennöten die Augenübergehen hinter den Brillen, werde ich euch sehr lieb haben, ihrholdseligen Krähen, selbander! —

Dieses Dorfhotel wäre für ein paar Tage ganz er[S. 6]träglich, wenn der Wirtseinen Wein nicht in einem gar so echten Zustand schänkte. Aus diesemherben, natursauren Unterländler, den Liter zu 40 Kreuzern, wüßte einmehr gebildeter Restaurateur bequem zwei Liter feinen Dessertweinsà 1 Gulden die Bouteille herzustellen. Geradezu persönlichbeleidigend wird dieses Hospizium wegen jeglichen Mangels unsererteuren „Kontinental-Post“. Hingegen liegt, um die Niedertracht vollzu machen, die Wochenausgabe des „Neuigkeits-Weltblattes“ auf. UnsereExpedition soll doch das Blatt auf einen Monat gratis schicken an den„Weißen Hirschen“ in der Zusen. Hat er’s erst gerochen, dann wird er’sauch fressen.

Am Nebentische sitzen drei Bauern und verhandeln seit rund zweiStunden über ein trächtiges Kalb. Als angehender Standesgenosseinteressiere ich mich natürlich sehr dafür, nur fehlt mir nocheinigermaßen Berufsbildung. Wenn es wahr ist, was die Engländer sagen,daß Boeufsteak Intelligenz mache, dann sind diese Viehbauern die Väterunserer geistigen Kultur, und ich — als hoffentlich bald der Bruderdieser Väter — ihr Onkel. Vielleicht in einer Woche schon mehr von

Hans Spiridion Trautendorffer,
Wirtschaftlicher Redakteur der „Kontinental-Post“.

Meinen vollen Namen, den ich euch hiermit übermache, wickelt inSeidenpapier und bewahrt ihn sorgfältig auf. Übers Jahr, übers Jahr,wenn ich wiederum komm’!

[S. 7]

Zweiter Sonntag

Hoisendorf,am zweiten Sonntag.

Mein sehr geschätzter Herr Kollege Meyer unterm Strich!

Laß dir nicht träumen, es käme hier ein Feuilleton aus ländlichemLeben. Nicht eine Zeile! Und wenn ihr mich etwa deshalb von denFleischtöpfen Egyptens entfernt habt, um einen ständigen externenHaderlumpen zu haben, der aus Bauernhöfen die „Kontinentale“ mitvolkswirtschaftlichen Korrespondenzen versorgt, so seid ihr sehrabergläubisch. Man wird die „Hofnachrichten“ schon so einrichten, daßsie unmöglich sind.

Einstweilen sind es noch wehmütige Berichte eines abenteuerndenDienstsuchers, an denen unser Herr Chef — mit Respekt zu melden— einstweilen eine größere Freude haben dürfte, als der Absender.Einstweilen! Das Wort doppelt unterstrichen.

Am Montag und Dienstag habe ich nach tagebücherlichen Urkunden beinicht weniger als dreizehn Bauernhöfen angefragt. Der Dreizehnte dachtich, müsse doch so unglücklich sein, mich anzunehmen. Aber auch derhatte seinen Schutzengel. Du siehst, lieber Meyer, ich befleißige michschon volkstümlicher Denkungsart. Scheint leider nicht viel zu nützen.Dem einen bin ich zu schlank gewachsen, dem anderen zu „herrisch“angethan, mein Touristenanzug hat nämlich bereits ein paar getrennteNähte. „Zerrissen ist herrisch, geflickt ist bäuerisch“, besagt[S. 8] einesihrer bösartigen Sprichwörter. Der Dritte nahm mich nicht, weil einMensch, der sein Eigentum im Handbündel mit sich trägt, ein ausgelegterVagabund ist. Und der Vierte entschied kurzweg: An einem Knecht, dermit weißem Hemdkragen dahingehe, wie ein windiger Schulmeister, habe ersich schon vorwegs gesättigt. Mehr wurzelseppartig! sagte ich zu mirund schon ins nächste Haus stolperte ich weitschrittig, mit gebogenenKnieen und Armen, das Haar zerriffelt, die Hände mit Waldharz undErdstaub überkleistert: Ein fleißiger Dienstbote bäte um Einstand ineinen Jahresdienst.

Der Hausvater würdevoll: „Woher geht die Reise?“

Ich: „Aus der Garnison. Mit dem Abschied. Gottlob, daß ich wieder inder Bäuerei bin. Oh, diese Stadt! Dieser Militärdienst! Man glaubt’snicht, wer’s nicht probiert hat! Ganz krank wird der Mensch, wenn erdie gewohnte Handarbeit entbehren muß. Arbeit ist das einzig Gute aufder Welt!“

Vermeinte das recht gut gemacht zu haben. Der Bauer aber wendete sichgegen ein altes Weib, das hinter ihm stand: „Hörst du das Geschwätz?Wer die Arbeit kennt, der redet ein bissel anders.“

Und die Alte: „Willst ihn denn fortschicken, jetzt spät abends?“

„Soll über den Feiertag dableiben. Nachher werden wir’s halt sehen.“

Potz Blitz! War ich Bauernknecht?

Als die Dämmerung kam, ging ich um den Hof herum, mit Kennermiene denSchauplatz künftiger Thätigkeit prüfend. Und zur heiligen Stunde, daihr zu dreien[S. 9] oder mehreren im „roten Krug“ bei schäumendem Pils imKritisieren über die lumpige Welt euch des Lebens freuet, saß ich amLeuttisch unter unsauberem Gesinde, aß mit einer breiten Blechschaufelaus der gemeinsamen Schüssel etwas, das sie „saure Topfensuppe“nannten, und erzählte von meinem Soldatenleben. In unnachahmlicherBescheidenheit teilte ich den lieben Hausgenossen mit, wie ich beider bosnischen Occupation die Hauptstadt Serajewo erstürmte, bei derSchlacht von Sedan den Erzschelm Napoleon einfing, bei Königgrätz eineKugel in die Brust bekam, die zum Glücke hinten wieder hinausflog, inder Völkerschlacht bei Leipzig einem rotbehosten Welschen die Fahneaus der Hand riß und so die deutsche Sache rettete. — GeschätzteKollegen von der Feder, Unehre sollt ihr an mir nicht erleben! DieHeldenthaten waren denn auch nicht umsonst vollführt. Die Hausmuttererwog, daß ein Mann mit solch geschichtlicher Vergangenheit nicht inder Knechtekammer schlafen könne auf dem Strohschaub. Sie verordnetemir das Handwerkerbett, welches stets das beste des Hauses sein soll.Da sank ich tief ins knisternde Stroh, zog die feuchtkalte, mürfelndeDecke über die Nase und dachte: Dieweilen du hier schläfst, Recke,wird das Jahr wieder um eine Nacht kürzer — die Stunde zu cirka dreiKronen. Du siehst, Volkswirt bleibe ich immer.

Am nächsten Tag war Heiligdreikönigfest, kamen am hellen Morgendie drei Weisen (mit ai geschrieben) unter dem Stern und plärtengleichstimmig einen Spruch. Da wurden die morgenländischen Majestätenvon der Hausmutter mit Schmalznudeln und Honig bewirtet. Nach demDejeuner, und nachdem der Souverain von Ätiopien[S. 10] auch mich einergnädigen Ansprache um einen Heller gewürdigt hatte, haben die höchstenHerrschaften in jugendlicher Elastizität ihre Weiterreise angetreten.

Zu Mittag war ein unerhört großes Essen. Was es war, kann ich nichtbeschreiben, aber viel war’s. Bei manchen Schüsseln stockte das Fettan den Rändern und klebten die geschmälzten Stubenfliegen ohnmächtigan den Klößen. Bei der Backofenhitze führen in der Bauernstube dieseniedlichen Tierlein auch im Winter das wonnige Dasein der Kreaturund die Fensterscheiben sind reich geschmückt von Beweisen ihrer —Pünktlichkeiten. Mein Appetit war bald gestillt und am Nachmittaghabe ich gemeinsam mit den übrigen Knechten mich ausgeruht von der —morgigen Arbeit.

Am nächsten Tage war Regenwetter. Der Hausvater (so wird der Bauervom Gesinde genannt) befahl, ich solle in der Stube bleiben und „Spanmachen“. — Span machen? Da vermisse ich unsern Brockhaus. Durchdie Scheunen und Ställe ging ich und suchte einen Freund, der mirsagte, was das sei, Spanmachen. Die alte Kuhmagd schaute mich höchstbetroffen an. Endlich schien sie doch zu begreifen, daß der Mensch inVölkerschlachten das Span machen nicht notwendig lernen muß. Sie gabmir Unterricht: Von dem Schoppen (ach, mir ist das Wort in einem andernSinne geläufiger) Scheiter ins Haus tragen, sie am Herdfeuer bähen undzähen, dann mit dem Schnitzger die dünnen Späne herabklieben, dieseauf dem Ofen dörren, damit sie als Leuchtfunzen dienen können, abendsin der Stube. — So, meine Herren von der „Kontinen[S. 11]talen“, die ihrdie Aufklärung täglich buttenweise in das Volk gießet, nun wisset auchihr, wie man im Bauernhause Licht macht. Aber Wissen und Können! Es istimmer die alte Geschichte. Genau hielt ich mich nach der Anweisung,allein fürs erste verkohlten mir die Scheite am Feuer, fürs zweitesprangen die abzukliebenden Späne schnöde und spröde entzwei und fürsdritte nahm der Hausvater mir den Schnitzger aus der Hand — ich könntenichts. Es wäre schade ums Kienholz, wo die Föhrenbäume ohnehin soschütter ständen im Walde. Wie er vom Scheit nur aufs Kienholz und vondiesem auf die Föhre kam, den Pinus silvestris. Was meinst du,Meyer?

Ich könnte nichts! — Meine erste Empfindung nach dieser Demütigungwar: Pistolenduell! Aber als der Mann mit ruhigster Geschicklichkeitvom frischgebähten Scheite die dünnen, breiten, sich leichtreifenden Leuchtspäne schnitt, da sah ich, daß er mir über war!Bin hinausgegangen, habe, um mich sonstwie nützlich zu machen, imWerkzeugsgelaß eine Schaufel genommen, habe die restlichen Krusten desSchnees weggekraut, die unter den Dachtraufen lagen.

Erscheint der Altknecht: „Was treibst denn da, Mensch? Das Schneerestelirrt niemand und geht schon selber weg, wenn’s ihm zuviel regnet. Hastsonst

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