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Die Glücklichen

Die Glücklichen
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Title: Die Glücklichen
Release Date: 2018-05-02
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Cover

Die Glücklichen.

Novelle

von

Marie Bernhard.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.


Nachdruck verboten.


[3]

1.

Die Glücklichen – so hatte Fräulein Rosa Hesse dasjunge Ehepaar getauft, welches, in Begleitung eines kleinenTöchterchens und einer ältlichen Dienerin, vor einigen Tagenseinen Einzug in das Pensionat Klinger gehalten hatte. FräuleinRosa Hesse war der Schöngeist des Pensionats, sie hattevor zwei Jahren eine Novelle in einem Familienjournal drittenRanges erscheinen lassen, sie war in ihren Kreisen daheim inFrankfurt an der Oder als Gelegenheitsdichterin bekannt, sielas alles, wie sie mit besonderer Betonung zu versichernliebte … alles … und verschloß sich keiner Richtung in derLitteratur, weder der naturalistischen, noch der symbolistischen,denn Einseitigkeit war ihr ein Greuel.

Das Pensionat Klinger war bereits etwas zusammengeschmolzen,als das junge Ehepaar daselbst eintrat. Es warein unfreundlicher, regnerischer Sommer gewesen. Klagenüberall … aus der Schweiz – vom Salzkammergut her, woder berüchtigte »Schnürlregen« tagaus tagein herabgoß –Klagen vom Ostseestrande und aus dem Engadin … Klagenendlich auch aus dem lieblichen Gebirgsnest in Süd-Bayern,in welchem man durch schönes Wetter sonst arg verwöhnt war.

Ein so reizendes Stück Erde! Tief gelegen – hoch gelegen,wie man's eben nehmen wollte, denn die zierlichen, wieaus der Spielzeugschachtel genommenen Häuschen klettertenhier waghalsig die Berge empor, versteckten sich dort eigenwilligunter breitästigen Obstbäumen tief drunten im Thal.Aber die Sonne fand sie alle und übergoß sie mit breitenStrahlenfluten hellen Goldes, und der Bergwind, wie er frischund kühl vom Gebirge herunterfuhr, strich darüber hin –und ringsumher griffen die Berge wie die Glieder einer gewaltigen[4]Kette ineinander … einige grün, dicht bewaldet, dieanderen kahl und schroff, hoch oben nur mit kümmerlichemFichtenwuchs bestanden, und etwelche unter ihnen stolz zu denWolken aufragend, ewigen Schnee auf dem Haupt, und in denFalten des Obergewandes blauschimmerndes Gletschereis!

Das Klingersche Pensionat lag auf einer mäßigen Höhe,wie von einer willfährigen Hand gerade dort hingeschoben, umden schärfsten Blick, die weiteste Umschau halten zu können …ein solid gebautes Haus, mit Reben umklettert, mit hübschenAltanen, da und dort und mit einem Garten, der in Terrassenzu den hinter dem Hause gelegenen Bergen aufstieg. DasHaus genoß eines guten Rufes seit Jahren schon, man warvortrefflich dort aufgehoben, man erhielt für gutes Geld guteSpeisen und wurde sehr aufmerksam bedient. Heuer war derBesuch mäßig gewesen, der andauernde Regen hatte die Leutezurückgehalten.

Jetzt aber, gegen das Ende des August, da die Abendeschon länger wurden und der Sommer sich dem Ende zuneigte,schien die Natur sich zu schämen ob all' der Unbill, die sie derarmen Menschheit angethan. Nun wurde es lau und wohlig,nicht mehr schnob der Wind mit höhnischem Pfeifen von denHöhen herab – die Gebirgshäupter zogen langsam die Schleiernieder und sahen leuchtend ins Thal, goldfunkelnd strömte derSonnenschein über das gesegnete Stückchen Erde, und es gabein Aufatmen überall: Gottlob, wir haben den Sommer geschenktbekommen!

In das Pensionat flogen Briefe von nah und fern, gleichweißen Friedenstauben – die späten Sommergäste meldetensich. Viele hatten das Vertrauen verloren und wagten sichnicht mehr aus den Städten heraus, aber wer den Mut gehabthatte, bereute es sicher nicht, denn die köstliche Bergnaturlachte vom hellen Morgen bis zum Abend in ungetrübterHerrlichkeit!

Fräulein Rosa Hesse war sich anfänglich etwas verwaistvorgekommen. Ja, ja, das alte Ehepaar aus Westpreußen[5]war gemütlich und gut, die zwei jungen Mädchen aus Dresdenmit ihrem schwerhörigen Onkel schienen gut erzogen undlegten ihr nichts in den Weg – aber war denn das einPublikum für sie, den Schöngeist, oder ließ sich irgend etwasRomantisches, Anziehendes über diese Leute denken, die so ganzharmlos in den Tag hineinlebten, ihre Ausflüge besprachen,aßen, tranken und von höheren Interessen nicht den Schimmerbesaßen?

Da war noch eine ältliche Dame aus Stettin in Pommern,die hatte ein feines, stilles Gesicht und kluge Augen …vielleicht hatte sie allerlei erlebt – aber sie ließ schwer an sichkommen. Sie schien leidend zu sein, suchte die Einsamkeit,grüßte sehr höflich, sprach mit sympathischer Stimme dannund wann ein paar Worte, die auch nichts besonderes sagten,und zog sich nach den Mahlzeiten sehr bald in ihr Zimmerzurück. Ein junger Handelsbeflissener, der mit den beidenälteren Herren zuweilen Skat spielte, und ein jüdischer Kaufmannaus Tarnopol vervollständigten die Gesellschaft – FräuleinHesse ließ oft ihre Blicke mit stillem Seufzen über dieseTafelrunde gleiten und hielt sich mit Resignation an die ausgezeichneteKost des Pensionates, obgleich materielle Dinge fürihre höher veranlagte Natur sonst wenig in Betracht kamen!

Da erschien wie eine Erlösung das junge Ehepaar.

Doktor Schott und Frau aus Augsburg, sagte das Fremdenbuch… aber Fräulein Rosas Inneres sagte viel mehr,ihre schlummernde Phantasie wurde wach und hob die Flügel– endlich, endlich Menschen, bei deren Anblick sich etwasdenken ließ!

In der That, man brauchte kein Schöngeist und kein Enthusiastzu sein, um an diesen beiden ausgesuchten Exemplarensein Wohlgefallen zu haben.

Die Frau, eine vornehme, zarte Erscheinung, lichtblond,wundervoll gebaut, mit köstlichen grauen, schwarzbewimpertenAugen und einer Haut, wie weißer matter Samt – derMann eine imposante Gestalt, gerade und stolz gewachsen,[6]gleich einer Gebirgstanne, der dunkle Kopf mit dem schmalauslaufenden schwarzen Bart an einen Spanier mahnend.

»Er ist doch eigentlich eine Schönheit!« äußerte FräuleinHesse zu der ältlichen Dame aus Stettin. Warum sie »eigentlich«hinzufügte, erklärte sie nicht näher, aber zwei Minutenspäter konnte man sie zu den jungen Mädchen aus Dresdenwiederum sagen hören: »Die Frau ist entzückend – und erist doch eigentlich eine Schönheit!«

Daß Fräulein Hesse den glühenden Wunsch im Busentrug, den Objekten ihrer Bewunderung näher zu treten, wirdihr niemand verargen. Sie stellte sich bei Tisch in aller Formvor und legte in Blick und Ton eine gewisse Ehrfurcht, wiesie, ihrer Meinung nach, zwei von der Natur so offenbar bevorzugtenWesen zukam … aber Herr und Frau DoktorSchott erwiesen sich als ziemlich zurückhaltend; sie gaben höflichRede und Antwort, indes in knapper Form, sie schienennicht gesonnen, sofort Bekanntschaften anzuknüpfen.

»Ich wette, die junge Frau stammt aus adligem Geschlecht!«bemerkte Fräulein Hesse zu den jungen Dresdenerinnen,mit denen sie sich nachmittags im Garten erging.»Solch' eine Art, den Kopf hoch zu tragen und vornehm vonoben herab zu grüßen, hat nur der feudale alte Adel. GlaubenSie es mir, ich habe den Blick dafür!«

»Hast du das Medaillon gesehen, Helene, das sie umden Hals trägt?« fragte das ältere Fräulein die Schwester.»Brillanten mit Türkisen – himmlisch!«

»Gott, und dies ganz schlichte weiße Wollkleid, wie ihrdas steht, und was für Spitzen das hatte!«

»Reich müssen sie sein – und dazu bloß so schlichtwegDoktor Schott!«

»Was für ein Doktor, möchte ich wissen!«

»Das kleine Mädchen heißt Erna!«

»Süßer Name und neuerdings sehr in Aufnahme gekommen!Oberst von Stahls Töchterchen heißt auch Erna!«

»Wenn wir etwas Näheres wissen wollen, müssen wir das[7]Kindermädchen ausfragen. Diskret natürlich und so recht zutraulich,das ist für solche Leute das richtige!«

»Ach, Fräulein Hesse, wenn Sie das thäten!«

»Gewiß thue ich das! Mit allen Schichten der Bevölkerungden richtigen Ton treffen – verstehen Sie, mit allen –das ist das Siegel, welches eine umfassende Weltkenntnis unsaufdrückt – das ist das Geheimnis, das uns lehrt, in dieTiefen der menschlichen Natur zu dringen! Was mich treibt,ist nicht gemeine Neugier – nie dürfen Sie dies von mirdenken! – es ist vielmehr der Drang, mich höher geartetenWesen zu gesellen, sie zu erforschen und in ihrem Umgangmeinem Dasein diejenige Abrundung zu verleihen, nach welcherder wahrhaft gebildete Mensch unablässig zu streben hat!«

Mit dieser wohlklingenden Sentenz verabschiedete sich FräuleinHesse von ihren Begleiterinnen. Sie wäre wenig erbautgewesen, hätte sie gehört, wie die jüngere Schwester zur älterenlachend sagte: »Ist doch 'ne verdrehte Schraube! Na, mirsoll's recht sein, wenn sie etwas herausbekommt!« – Leiderbekam sie nichts heraus.

Das Kindermädchen, eine ältere Person von stillem ernstenAussehen, saß gegen Abend, während das junge Ehepaar einenweiteren Spaziergang unternahm, mit einem Strickzeug imGarten, die kleine Erna lud geschäftig Sand und Steinchenin einen buntgemalten Puppenwagen und blickte kaum auf,als Fräulein Hesse sie anredete: »Mein süßes kleines Mädchen,wie heißt du denn?«

»Erna Schott!«

Das dunkle Lockenköpfchen des Kindes wich unter der Berührungder fremden Hand, die schmeichelnd darüber hinstrich,zurück, die großen Augen blickten nicht ermutigend. Ernawar sehr hübsch, eher dem Vater, als der Mutter ähnlich,und höchst zierlich und elegant gekleidet.

»Und kannst du mir auch sagen, wie alt du bist?«

»Drei Jahr und acht Monate!«

»Sieh, sieh, was du alles weißt! Und Doktor ist dein Papa?«

[8]

»Ja!«

»Ihr Herr ist wohl Arzt?« fragte Fräulein Hesse jetztdie Dienerin.

»Arzt ist Herr Doktor auch!« Die Person sah nicht aufund strickte emsig weiter.

»Mein Papa kann alles!« warf die Kleine selbstbewußt ein.

Fräulein Rosa lächelte wohlwollend.

»Du hast den Papa also sehr lieb?«

Erna warf mit einem Ruck den Kopf in die Höhe undsah die hartnäckige Fragestellerin mit einem merkwürdig erstauntenBlick an.

»Nun, meine Kleine?«

Das Kind blieb die Antwort schuldig und neigte sich wiedertief über den Puppenwagen, in den es mit beiden Händchenlosen Sand füllte.

»Ist das kleine Mädchen immer so scheu?« wandte sichdie Erforscherin der menschlichen Natur neuerdings an dieDienerin.

»Erna ist wenig an den Verkehr mit Fremden gewöhnt –Herr Doktor wünscht das auch nicht für sie!«

Das war deutlich! Fräulein Hesse war nah daran, sichzu entrüsten – schließlich – es war eben eine ungebildetePerson, was konnte sie da verlangen!

»Ihre Herrschaft bleibt längere Zeit hier?«

»Ich weiß nicht!«

»Die gnädige Frau will vielleicht die Soolbäder hier gebrauchen.«

»Ich weiß nicht!«

»Adieu, mein Kind!« sagte Fräulein Hesse in hoffnungslosemTon.

»Adieu!« sprach die Kleine in den Sandwagen hinein.

»Mach' einen Knicks, Erna, und sag' der Dame hübschartig Lebewohl!« gebot die Wärterin.

Die Kleine gehorchte sofort. Sie richtete sich auf, wischtesich rasch entschlossen das sandige Händchen am Kleide ab und[9]reichte es mit einem tiefen Knicks und einem artigen »GrüßGott!« der Dame hinauf.

»Wir werden noch die besten Freunde werden, nicht wahr,mein Herzchen?«

Wieder flog ein langer, messender Blick zu Fräulein Rosaempor, dann schüttelte Erna stumm, aber nachdrücklich denKopf.

»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Zum Wiedersehen,meine Liebe!«

»Guten Abend!«

So endete Fräulein Rosa Hesses Versuch, in die untereSchicht der menschlichen Bevölkerung einzudringen.

»Es ist offenbar, die Leute isolieren sich absichtlich!« äußertesie zwei Tage später gegen die beiden jungen Dresdenerinnen.»Diese endlosen Promenaden – diese großen Bergbesteigungen!Und bei Tisch so ganz miteinander beschäftigt, so total unzugänglichfür alle anderen. Es muß ein ideales Glück sein,das sie so vollständig hinnimmt, ein Zustand völligen Ineinanderaufgehens– genau, wie es in dem Gedicht heißt: Vomersten Kuß bis in den Tod sich nur von Liebe sagen! –Reich, schön, gesund, sich gegenseitig anbetend … beneidenswert!Die Glücklichen!«

»Ach Gott, ja!« seufzte Fräulein Helene noch. »Die Glücklichen.«

Fortan trug das junge Ehepaar diese Bezeichnung. Selbstder schwerhörige Onkel und das alte Ehepaar aus Westpreußengewöhnten sich daran, die beiden so zu nennen.

»Sind die Glücklichen schon zurückgekommen?« »HabenSie die Glücklichen heute bereits gesehen?« »Die Glücklichenwollen morgen früh nach der Klamm gehen!« So ging esin dem kleinen Kreise von Mund zu Mund – nur die alteDame aus Stettin machte eine Ausnahme. Als ihr eine derjungen Mädchen kurzweg von »den Glücklichen« sprach, sahsie sie mit ihren klugen Augen an und sagte: »Sie meinenDoktor Schott und seine Frau? Ja, denen sind viele Bedingungen[10]zu dem, was man im Leben Glück zu nennen gewöhntist, gegeben!«

Fräulein Charlotte Hartwig – so hieß das ältliche Fräulein– wohnte in einem Seitenflügel der Villa Klingen, nurdurch einen schmalen Korridor von den Zimmern »der Glücklichen«getrennt. Man kam wenig miteinander in Berührung.Eine zufällige Begegnung – ein höflicher Gruß, hierwie dort – eine gelegentliche Bemerkung über das herrlicheWetter, über diesen oder jenen Ausflug, den man unternommen– das blieben die einzigen Beziehungen der neuenNachbarschaft. Fräulein Hartwig sah das Ehepaar mit Interessean, sie fand beide schön und anziehend – sich aberdarum an sie heranzudrängen, das fiel ihr nicht ein.

Bei Tisch war der Doktor nicht so schweigsam, wie seineschöne Frau. Er thaute allmählich auf, es ergab sich, daß erweite Reisen gemacht hatte und in anschaulicher Weise darüberzu reden wußte. Zuweilen hielt er einen förmlichen Vortrag,dem die ganze Tischgesellschaft voll Andacht lauschte –er nahm jede Unterbrechung auch sichtlich sehr übel auf, undhatte eine Art, Einwürfe, die ihm hier und da gemacht wurden,zurückzuweisen, die, bei aller Verbindlichkeit, etwas mitleidigherablassendes hatte, als habe er Kinder vor sich, denenman ein eigenes Urteil nicht zutrauen dürfe, die man ebenreden lasse, um sie nicht zu kränken.

Für seine schöne Frau war er voll Aufmerksamkeit. Nievergaß er, für sie zu sorgen, ihr das schönste Obst auszusuchen,ihr Weinglas zu füllen, sorgsam Thür oder Fensterzu schließen, damit ihr kein Luftzug nahe käme. Es war einitalienischer Händler mit hübschen alten Schmucksachen imRenaissancestil am Ort erschienen, die Damen hatten insgesamtdie reizenden Sachen bewundert – Doktor Schott kaufte,ohne zu feilschen, den schönsten und teuersten Schmuck, dender Italiener besaß, für seine Frau, und diese

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