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Herrn Dames Aufzeichnungen_ oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil

Herrn Dames Aufzeichnungen_ oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil
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Title: Herrn Dames Aufzeichnungen_ oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil
Release Date: 2018-05-02
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt.Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.Im Original in Antiqua gesetzte Passagen sind so markiert.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich amEnde des Buches.

Cover

Herrn Dames Aufzeichnungen


Von F. Gräfin zu Reventlow
sind in unserem Verlag erschienen

Ellen Olestjerne, Roman
Von Paul zu Pedro, Amouresken


F. Gräfin zu Reventlow

Herrn Dames Aufzeichnungen

oder

Begebenheiten aus einem
merkwürdigen Stadtteil

Albert Langen, München


Copyright 1913 by Albert Langen, Munich


Verehrter Freund und Gönner!

Sie wissen ja – Sie wissen genug darüber, wer»Wir« sind – womit wir uns unterhalten, und mitwelchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentagezu erfüllen suchen. Sie wissen auch, wie wir dasDasein je nachdem als ernste und schwerwiegende Sache– als heiteren Zeitvertreib, als absoluten Stumpfsinnoder auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen, aufzufassenund zu gestalten pflegen.

Sie waren es, der von jeher das richtige Verständnisfür unseren Plural hatte – für die große Vereinfachungund anderseits die ungeheure Bereicherungdes Lebens, die wir ihm verdanken. Wie armselig,wie vereinzelt, wie prätentiös und peinlich unterstrichensteht das erzählende oder erlebende »Ich« da – wiereich und stark dagegen das »Wir«.

Wir können in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen,untergehen – harmonisch damit verschmelzen. –Ich springt immer wieder heraus, schnell wieder empor,wie die kleinen Teufel in Holzschachteln, die man auf[6]dem Jahrmarkt kauft. Immer strebt es nach Zusammenhängen– und findet sie nicht. – Wir brauchenkeinen Zusammenhang, – wir sind selbst einer.

Die Sendung, die wir heute unserem Briefe beifügen,oder, richtiger, der Inhalt eben dieser Sendung, istwieder ein neuer Beweis dafür.

Denn dies alles, teurer Freund, den wir insgesamtgleich schätzen und verehren, gilt nur als Vorrede einerVorrede, die jetzt beginnen und Ihnen zur Erläuterungbeifolgender Dokumente dienen soll, – das heißt zurErläuterung des Umstandes, daß wir eben diese Dokumentein Ihre Hände legen und von Ihnen dieLösung manches Rätsels erhoffen.

Mit den Papieren hat es nun folgende Bewandtnis:

Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein, daß wir gelegentlicheiner Seereise einen jungen Menschen kennenlernten. Wir fanden ihn sehr liebenswürdig und unterhieltenuns gerne mit ihm. Es dauerte allerdingseinige Zeit, bis es so weit kam, denn er war zu Anfangungemein zurückhaltend und schien schwere seelischeErschütterungen durchgemacht zu haben – aber davonspäter.

Der junge Mann hieß mit dem Nachnamen: Dame– also Herr Dame – dieser Umstand mochte wohleiniges zu seiner reservierten Haltung beitragen undgehörte zu den vielen Hemmungen, über die er sich beklagte.Wenn er sich vorstellte oder vorstellen ließ,[7]wurde er stets etwas unsicher und fügte jedesmal hinzu:– »Dame, ja – ich heiße nämlich Dame«.

Wir fragten ihn einmal, weshalb er das täte – derName sei doch nicht auffallender als viele andere, under mache auf diese Weise eigentlich die Leute selbst erstaufmerksam, daß sich eine Seltsamkeit, sozusagen eineArt Naturspiel daraus konstruieren lasse.

Er entgegnete trübe: Ja, das wisse er wohl, aber erkönne nicht anders, und es gehöre nun einmal zu seinerBiographie. (Diese Bemerkung lernten wir erst späterbei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen.) HerrDame war seinem Äußeren und seinem Wesen nachdurchaus der Typus: junger Mann aus guter Familieund von sorgfältiger Erziehung, mit einer Beimischungvon mattem Lebemannstum – sehr matt und sehräußerlich. Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalteauf die Straße gegangen, auch wenn ihm das Herznoch so weh tat – und das Herz muß ihm wohl oftsehr weh getan haben. Die Grundnote seines Wesenswar überhaupt eine gewisse betrübte Nachdenklichkeitoder nachdenkliche Trübsal, aber daneben liebte erParfüms und schöne Taschentücher.

Als wir ihn kennen lernten, war er schweigsam undverstört; allmählich, besonders, wenn wir in den warmenNächten an Deck saßen, ging ihm immer das Herz auf,und er erzählte von sich selbst und von seiner Biographie– wie er längere Zeit unter eigentümlichen[8]Menschen gelebt und eigentümliche Dinge mitangesehenund auch miterlebt habe. Schon von Haus aus habeer einen dunklen Trieb in sich gefühlt, das Leben zubegreifen, und da habe man ihn an jene Menschengewiesen. Leider vergeblich, denn er konnte es nun erstrecht nicht begreifen, sondern sei völlig verwirrt gewordenund eben jetzt auf dem Wege, in fernen LändernHeilung und Genesen zu suchen.

Den Ort, wo sich das alles begeben hat, wollte ernicht gerne näher bezeichnen – er sagte nur, es seinicht eigentlich eine Stadt, sondern vielmehr ein Stadtteilgewesen – der auch in seinen Papieren oft undviel genannt wird. Wir konnten uns das nicht rechtvorstellen.

Er erzählte uns denn auch, daß er damals allerhandniedergeschrieben habe, in der Absicht, vielleicht spätereinen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu gestalten,und wir interessierten uns lebhaft dafür.

So kam die Zeit heran, wo wir uns trennen mußten,denn die Reise ging zu Ende. An einem der letztenTage stieg Herr Dame müden Schrittes in seine Kabinehinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebenerHefte wieder, dann sagte er: wenn es unsFreude mache, sei er gerne bereit, uns seine Aufzeichnungenzu überlassen. Er wolle sie auch nicht wiederhaben, denn das alles sei für ihn abgetan und lägehinter ihm, und er habe wenig Platz in seinen Koffern.[9]Was damit geschehe, sei ihm ganz gleichgültig, wirmöchten es je nachdem weitergeben, verschenken, vernichtenoder veröffentlichen. Er selbst würde schwerlichwieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren.Dann nahmen wir recht bewegt Abschied undwünschten ihm alles Gute. Es sollte leider nicht inErfüllung gehen, denn der Zug, mit dem er weiterfuhr,fiel einer Katastrophe zum Opfer, und in der Liste derGeretteten war sein Name nicht genannt, – so ist wohlleider anzunehmen, daß er mitverunglückte. Wir habendenn auch nichts mehr von ihm gehört.


Die Aufzeichnungen haben wir gelesen – es wardas erste, was wir damit taten; aber, wie schon anfangserwähnt, vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben.Nach unserer Ansicht handelt es sich, wie jaauch Herr Dame selbst meinte, um recht eigentümlicheMenschen, Begebnisse und Anschauungen. – Unteranderem interessiert es uns lebhaft, wo jener Stadtteilzu finden ist, in dem sich das alles begeben. Wirleben, wie Sie wissen, schon so lange in der Fremde,daß es viel zu anstrengend wäre, die Kulturströmungeneinzelner Stadtteile genauer zu verfolgen.

Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zuerfahren, ob die vorliegenden Dokumente wohl die Bedeutungeines »document humain« haben und sich zurVeröffentlichung eignen würden. Meinen Sie nicht[10]auch, daß es dann vielleicht ein schöner Akt der Pietätwäre, dem anscheinend Frühverblichenen auf diese Weiseeinen Grabstein zu setzen?

Wenn Sie es für geboten erachten, würden wir Siebitten, einen Kommentar dazu zu schreiben – unsfehlt leider die nötige Sachkenntnis, und so haben wiruns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungenbeschränkt – aber vielleicht ist es auchüberflüssig.


Kurzum – ja, wirklich kurzum, denn wir lieben dieKürze auch dann noch, wenn wir ausführlich seinmüssen – lieben sie um so mehr, wenn wir geradeausführlich gewesen sind –, wir legen diese Papiereund alles Weitere vertrauensvoll in Ihre Hände …

[11]

Dezember

Langweilig – diese Wintertage – – –

Ich habe nach Hause geschrieben und einpaar offizielle Besuche gemacht. Man nahmmich überall liebenswürdig auf und stellte die obligatenFragen, – wo ich wohne, wie ich mir mein Leben einzurichtengedenke und was ich studiere. Der alte Hofratschien es etwas bedenklich zu finden, daß ich kein bestimmtesStudium ergreifen will und so wenig fixierteInteressen habe, – ich solle mich vorsehen, nicht inschlechte Gesellschaft zu geraten. – Das war sichersehr wohlgemeint, aber es fällt mir auf die Nerven,wenn die Leute glauben, ich sei nur hier, um mir »dieHörner abzulaufen« und mich nebenbei auf irgendeinenBeruf vorzubereiten.

Es war eine Erholung, nachher Dr. Gerhard im Cafézu treffen. Ich erzählte ihm von meinen Familienbesuchen,er räusperte sich ein paarmal und sah michprüfend an. Dann meinte er, das mit dem Hörnerablaufensei wohl eine veraltete studentische Schablone,[12]aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl jungerLeute, die sich »gärenshalber« hier aufhielten, und zudiesen würde wohl auch ich zu rechnen sein.

Eine sonderbare Definition – »gärenshalber« –aber der Doktor drückt sich gerne etwas gewundenaus – das scheint überhaupt hier üblich zu sein.

Wenn man darüber nachdenkt, hat er eigentlich nichtganz unrecht. Vielleicht ist etwas Wahres daran –es kommt mir ganz plausibel vor, daß mein Stiefvatermich gärenshalber hergeschickt hat. Nur paßt eswohl gerade auf mich nicht recht. Ich habe keineTendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangendanach – überhaupt nicht viel eigne Initiative – ichwerde einfach zu irgend etwas verurteilt, und das geschiehtdann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehrgut und hat viel Verständnis für meine Veranlagung;so pflege ich im großen und ganzen auch immer zutun, was er über mich verhängt.

Verhängt – ja, das ist wohl das richtige Wort.Schon allein die äußeren Umstände bringen es mit sich,daß immer alles eine Art Verhängnis für mich wird.Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meineVäter. Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt– er soll sehr unsympathisch gewesen sein –und nur den Namen von ihm bekommen. MeinStiefvater hat einen normalen, unauffälligen Namenund war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie[13]hätte ihn ebensogut gleich heiraten können, und alles wärevermieden worden. Es wurde aber nicht vermieden,denn es war über mich verhängt, diesen Namen zu bekommenund mein Leben lang mit ihm herumzulaufen.

Dame – Herr Dame – wie kann man Herr Dameheißen? so fragen die anderen, und so habe ich selbstgefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazuverurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zuallem möglichen – zum Beispiel zu einer ganz bestimmtenArt von Lebensführung – einem matten,neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert.Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen, unddas Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur.Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitetund richtig betonen gelernt.

Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlichgesprochen, er schien es auch zu verstehen, und es interessierteihn. Der »Verurteilte« sei wohl ein Typus,meinte er, mit derselben Berechtigung wie »der Verschwender«,»der Don Juan«, »der Abenteurer« undso weiter als feststehende Typen betrachtet würden.Dann hat er gesagt, jeder Mensch habe nun einmalseine Biographie, der er nachleben müsse. Es kämenur darauf an, das richtig zu verstehen – man müsseselbst fühlen, was in die Biographie hineingehört undsich ihr anpaßt – alles andere solle man ja beiseitelassen oder vermeiden.

[14]

7. Dezember

Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht.Heute hätte ich gerne wieder Dr. Gerhard getroffenund das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt.Aber es saß diesmal eine ganze Gesellschaft mit amTisch. Unangenehm, daß man beim Vorstellen nie dieNamen versteht – das heißt, meinen haben sie natürlichalle verstanden – mein Verhängnis – er ist so deutlichund bleibt haften, weil man sich über ihn wundert.Ich habe diese junge Frau beneidet, die neben Gerhardsaß, weil man sie nur Susanna oder gnädige Frauanredete.

Du lieber Gott, ich werde ja nicht einmal heiratenkönnen, wenn ich gerne wollte. Wie könnte man einemMädchen zumuten, Frau Dame zu heißen – –? Unddann daneben zu sitzen, das mitanzuhören und selbst –nein, diese Reihe von Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich dieser Susannaoder gnädigen Frau – wie ich sie natürlich anredenmußte, meine quälenden Vorstellungen anvertraute.Sie hat nicht einmal gelacht – doch – sie hat schonetwas gelacht, aber sie begriff auch die elende Tragik.

Es kam später noch ein Herr an den Tisch, denman mir als Doktor Sendt vorstellte. Er ist Philosophund macht einen äußerst intelligenten Eindruck.[15]Mir schien auch, daß er eine gewisse Sympathie fürmich fühlte.

Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten – ichkonnte manchmal nicht recht folgen – Doktor Sendtmerkte es jedesmal, zog dann die Augenbrauen in dieHöhe, sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augenan und erklärte mir in klarer, pointierter Ausdrucksweise,um was es sich handle.

Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren; mir ist,als könnte ich viel von ihm lernen. Und eben dasscheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit.

Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise,um den es etwas ganz Besonderes sein muß. Dabeientspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten. Beidiesem Gespräch hörte ich nur zu, ich mochte nichtimmer wieder Fragen stellen, um so mehr, weil allerhandPersönliches berührt wurde und ich nicht gerneindiskret erscheinen wollte.

Übrigens genierte ich mich auch etwas, weil derDichter, der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll,mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannteich wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.

Da war ein junger Mensch mit etwas zu langenHaaren, auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte,die auf ungewöhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolleArt geschlungen war. (Frau Susannastieß den Philosophen an und raunte ihm zu, es sei[16]wohl eine »kultliche« Krawatte – und der antwortete:Violett – natürlich ist das kultlich.) Dieser jungeMensch also bezeichnete ihn ausschließlich als denMeister. Ich hatte bisher nur gehört, daß man

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