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Ein livländisch Herz_ Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman

Ein livländisch Herz_ Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Category: Fiction
Title: Ein livländisch Herz_ Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Release Date: 2018-06-09
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Cover

Ein livländisch Herz

Kaiserin Katharina I. von Rußland
Nach einer Federzeichnung von J. Rigaud

Ein livländisch Herz

Katharina I. von Russland

Geschichtlicher Roman

von

Hans Freimark

Siebzehntes bis einundzwanzigstes Tausend

Dekoration

Verlag von Rich. Bong, Berlin W.


Alle Rechte,
auch das der Übersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten.

Copyright 1918 by Rich. Bong, Berlin.

Druck von Hallberg & Büchting in Leipzig


[5]

I.

Vor Narwa schanzten die Russen.

Der Zar Schulter an Schulter mit seinen Preobraschenskern.

Die Leute waren nicht eben emsig beimWerke. Es fegte ein widriger, naßkalter Nordwestvon der See her über die livländische Ebene, ließdas Gebein erstarren und lähmte die Finger.

Unverdrossen nur der eine: Zar Peter.

Witternd sogen seine Nasenflügel den herbenSalzgeruch, den der Wind mit sich trug.

Die festen breiten Hände stießen den Spatenmit verbissenem Eifer in den angefrorenen Boden.Der Oktober ging zu Ende. Seit einem Monat lager vor der schwedischen Festung, und der leichteSieg, den er sich erhofft hatte, wollte sich nochimmer nicht einstellen.

Klatschend warf er die abgestochenen Schollenum sich her zu Haufen.

Stunde um Stunde stand er schon im kleinlichstenFronwerk. Der Schweiß rann in Strömenüber seine aufgewühlten Züge.

Einer der Garden, sein Nachbar, trat dicht anihn heran, hob den schmutzigen, fettigen Ärmel undfuhr ihm wischend über das feuchte Gesicht. Dabeimurrte er gutmütig: »Solltest dich schonen, Väterchen,deine Kraft sparen.«

Peters Augen blitzten den Mann an: »Narwamuß mein werden. Morgen.«

[6]

Der große ungeschlachte Mensch nickte bedachtsam:»Der heilige Nikolaus behüte dich, Väterchen.Du bist zu eilig. Das Korn wird auch nichtin einem Tage gedroschen, und schließlich sitztdu doch am Tisch und ißt das Brot aus dem feinenMehl.«

Über die rechte Wange des Zaren lief ein heftigesZucken, die Schläfenadern schwollen zu dickenSchlangen, stoßend kamen die Worte aus dem zusammengepreßtenMunde: »Nicht immer ist derder Essende, der der Dreschende war.«

Der Preobraschensker stieß gelassen die mächtigenSchultern in die Höhe: »Wie's der Herr gibt.Was der Vater sät, ist Gut den Seinen. Einen rechtenVater freut das Säen um des Sattwerdens seinerKinder willen.«

Die Schippe flog beiseite. Die Fäuste desZaren packten den Mann und rückten sich die derbeGestalt gerade vors Gesicht:

»Sage das noch einmal!«

Gehorsam wiederholte der Gardist den Spruch:

»Einen rechten Vater freut das Säen um desSattwerdens seiner Kinder willen.«

Ganz langsam sagte er es, einfach, voll gläubigerZuversicht.

Im Gesicht des Zaren jagte ein Zucken dasandere. Die Finger, die den Soldaten hielten, bohrtensich krampfig in die klebrige erdige Wolle vondessen Schafpelz. Der Atem fuhr in heißen Wellenaus der schwer ringenden Brust.

Den Mann focht dies seltsame Wesen nicht an.Gleich einer Bildsäule hielt er sich. Unverändert warin seinen groben Zügen der Ausdruck grenzenlosenVertrauens.

[7]

Ein helles, strahlendes Licht brach aus dengroßen tiefen Augen Peters! Er bezwang den Aufruhrseiner Glieder:

»Rußland wird satt werden.«

Der Soldat senkte den dicken Schädel und bekreuztesich demütig: »Der Herr sei mit dir,Väterchen.«

»Er wird es sein!« Peter reckte sich. SeineRechte riß den Rock auf, das Hemd, entblößte dieBrust dem feucht andringenden Luftstrom: »Er mußes sein, weil ich es will!« –

Am Abend wurden die Geschütze in ihre Stellungengebracht, und am Morgen löste der Zar denersten Schuß aus ihnen.

Ein Hagel von Eisen wurde gegen Narwaausgeschüttet. Tag für Tag. Wütend fuhren dieKugeln gegen die dicken hartgefügten Mauern, wühltensich gierig in die fest gestampften Wälle, rissenan Stein und Erde, zerrten und bohrten. Durchwollten sie, durch.

Narwa hielt stand.

Brandbomben folgten den Kugeln.

Glühend stiegen sie auf, schwangen sich zischendempor. Ein schrilles, höllisches Pfeifen umtobte ihrenFlug durch die Luft. Und wo sie einschlugen,sprang die Flamme hoch. Giftig gelb, düster rot.Brenzlicher dicker Qualm brach ihr nach. Stickendzog der ekle Dunst durch die Straßen der geängstigtenStadt. Bange schlugen die Herzen. Aberkein Mund wagte von Übergabe zu reden. Eilfertiglief, wer laufen konnte, schwang die Eimer durchdie Kette und half, die züngelnde Glut löschen.

Manche Nacht hindurch. Viele Nächte lang.

Narwa ergab sich nicht.

[8]

Mit eiserner Hand hütete der schwedische Befehlshaber,Graf Horn, seinem Könige das HerzLivlands.

Wochen verrannen. Ein Monat.

Narwa trotzte.

Verbissenen Gesichts schritt der Zar durch dieLaufgräben, spähte von den Schanzen gegen denhartnäckigen Gegner. Er hätte gern seine Leutegeschont. Es waren ihrer nicht allzuviele. Aberlange konnte er nicht mehr zuwarten. Schon hießes, Entsatz nahe von der Küste. Zwar er hatte dafürgesorgt, daß den Schweden der Weg nicht leichtwurde. Die Straßen waren zerstört, die Dörfer verbrannt,das Vieh weggeführt worden. Zwischen demMeer und Narwa gab es keinen Brocken Brot, keinStück Speck mehr. Da war kein Haus, nicht einmalein Baum, der Schutz geboten hätte. Nur Wüste.Wüste.

Die dünnen Lippen Peters verzogen sich zueinem böhmischen Schmunzeln: die hungrigen Mägender Feinde würden seine Verbündeten sein.

Dennoch war es besser, Narwa zu haben, ehesie eintrafen. Der Sturm mußte gewagt werden.Mochte es ein paar tausend Mann kosten.

Achtsam prüfte er die zerfetzten Erdwerke, diezusammengeschossenen Gräben. Nicht die geringsteAbbröckelung der Mauer entging seinem Scharfblick.Lange verweilte er gegenüber dem Osttore. Spähteund spähte. Seine schütteren Brauen zogen sichhoch hinauf. Die spitzen, tabakgedunkelten Zähnenagten an dem Rohr der tönernen holländischenPfeife.

Vom Walle der Festung war der Beobachtererspäht worden. Einer, zwei, drei, ein ganzes Dutzend[9]lagen im Anschlag auf ihn, doch keinem kam er rechtin den Schuß. Jetzt aber im Eifer seines Prüfens,gänzlich der Gefahr vergessend, stellte er sich bloß.

Die Kugeln pfiffen.

Aus einem Dutzend Flinten.

Eine traf.

Die Pfeife des Zaren.

Mit einem leisen Klack schlug sie gegen dasRohr. Dicht vor dem Munde brach es ab.

Peter schüttelte unwillig den Kopf: ein schlechterSchütze. Der Kerl müßte mir hängen, wenn ichihn hätte. – In weitem Bogen spie er das Mundstückaus.

Der Sturm war beschlossen.

Noch einmal wurde Narwa zur Übergabe aufgefordert.

Der Bote kam lange nicht zurück. Als er endlichgegen Abend erschien, brachte er die Botschaft:Graf Horn hoffe noch vor Anbruch des kommendenMorgens die Ehre zu haben, Seine Zarische Majestätin seinem Hause begrüßen zu können! –

Dem Zaren, der mit dem General Repnin, densächsisch-polnischen Abgesandten Langen und Hallartund dem österreichischen Geschäftsträger Pleyerbei Tafel saß, stieg die Röte der Überraschungbrennend ins Gesicht:

»Das nenne ich Vernunft. Der Mann spart mirMannschaften. Ich werd's ihm lohnen. Er ist mitAuszeichnung zu behandeln.«

Der große, breitschultrige General Weyde, derden Unterhändler in Empfang genommen hatte,machte ein ziemlich betretenes Gesicht. Er kanntedie tobend ausbrechende Heftigkeit seines Herrn,wenn diesem etwas wider den Strich ging, und er,[10]der sich in der Schlacht dem ärgsten Kugelregenohne Wimperzucken aussetzte, wurde blaß bei dembloßen Gedanken, er könne zur Ursache einer derfessellosen Rasereien des Zaren werden.

Sein verlegenes Schweigen ließ Peter stutzen.Blick und Stimme wurden scharf:

»Oder bist du anderer Ansicht, Adam …?«

»Der Graf … die Schweden …« WeydesAtem ging hörbar.

Peters Augen traten fast aus ihren Höhlen. Sieließen den armen General nicht los.

Über dessen dickes, rotes Gesicht zogen zweihelle Tropfen ihre glänzende Bahn. Er schwitzte vorAngst.

Und niemand kam ihm zu Hilfe, bis endlichPleyer, halb und halb den Zusammenhang erratend,hinwarf, die Einladung des schwedischenBefehlshabers sei wohl anders zu verstehen.

Dieser Beistand gab Weyde seine Fassungwieder.

»Horn will nichts von Unterwerfung wissen. Errechnet mit dem Eintreffen des Ersatzes noch vormorgen, meint, daß wir von der offenen Zange gegendie Mauern gequetscht werden und uns ihm aufGnade und Ungnade ergeben müssen.«

Krachend sauste Peters Rechte auf den Tisch.Er warf sich gegen die Lehne seines Sessels, daßsie ächzte:

»Der Witz ist köstlich. Ich werde den GrafenHorn zu meinem Narren machen; er wird mir vieleheitere Stunden verschaffen.«

Schütternd stieß das Lachen aus ihm. SeinHals färbte sich blaurot, die Adern an den Schläfenschwollen zu dicken Strängen:

[11]

»Wein! Branntwein!« schrie er gurgelnd.

Eilfertig sprangen die Ordonnanzen herbei undfüllten den weiten, tiefen Becher des Zaren mit demvon ihm geliebten Gemisch von Wein, Branntweinund Pfeffer.

»Da, komm her!« Peter winkte Weyde. »Duhast eine Stärkung verdient.« Er hielt ihm denKelch hin.

Der General griff danach.

»Halt!« Der Zar fiel ihm in den Arm: »Woraufwirst du trinken?«

»Auf …« Weyde gehörte nicht zu den Schlagfertigen,»auf dein Wohl, Väterchen.«

»Auf den Sieg, du Dummkopf! Und nun sauf!«

Die Gläser klangen und klirrten zurück auf denTisch. Von einem zum andern hasteten die Diener.Der Zar goß den scharf gewürzten Trank gleichWasser hinunter. Keiner seiner Gäste durfte feiern.Lauernd jagten seine Blicke hin und her. Dem Säumigenwurde doppelt geschenkt.

Die Stimmung trieb zur Ausgelassenheit. Repninlag mehr als er saß in seinem Sessel undschwatzte laut und polternd von der EinnahmeNarwas und dem Siege über die Schweden:

»Ins Meer schmeißen wir die Bande, einfachins Meer!«

»Wir …« Weyde versuchte, ihn zu übertrumpfen,»wir …« Aber sein umnebeltes Hirngebar nicht einen Gedanken. »Wir!« wiederholteer und hämmerte sich vor die Brust, daß es dröhnte:»Wir!«

Des Zaren Blicke flackerten. Er warf sich mitdem ganzen Körper über den Tisch, schob rücksichtslos[12]Schüsseln, Teller, Humpen beiseite undstreckte die Hände den sächsischen Generälen hin:

»Trinkt, Freunde, trinkt! Ihr werdet Zeugeneines glorreichen Sieges sein.«

»Wir wünschen nichts sehnlicher, als unsermSouverän die glückliche Viktoria der moskowitischenWaffen melden zu können,« entgegnete der geschmeidigeLangen, der sich seine Nüchternheit nochziemlich bewahrt hatte.

Der General Hallart, sein Gefährte, verstandsich weniger gut auf zierliche Rede. Er brummtebissig: »Der Flankenstoß ist die Hauptsache.«

»Den führt Scheremetjef!« Der Zar ruckte denKopf in den Nacken. »Und was dem entläuft, willich mit dem Dampf der Suppenkessel fangen.«»Pawel,« er wendete sich gegen einen der Diener,einen schlanken jungen Polen. »Die Küchenmeistersollen strammes Feuer unter die Kohlsuppe machen.Der nahrhafte Geruch muß auf drei Meilen in derRunde zu spüren sein.«

»Ew. Majestät sollten die Lockung nicht zustark machen.« Pleyer kniff zwinkernd die Liderzusammen. »Der Schwede ist nicht gewöhnt, seinenTisch mit andern zu teilen.«

»Bah! Er wird sich daran gewöhnen müssen.Und will er nicht,« Peters Gestalt dehnte sich breit,»um so besser. Narwa hab ich. Livland wird mein.Und Ingermanland. Und Karelien. Und …«

Ein seltsamer Zug trat in sein Gesicht. Erstarrendund versteinernd. Die Augen weit offen,blicklos über das Nächste in eine fremde Ferneschauend. Einzig die Lippen fuhren fort, sich zubewegen:

»… Finnland und …«

[13]

Die Worte waren nur noch ein Raunen. MagischeBeschwörungen voll brennenden Willens, schobensie sich dunkel zwischen den zusammengepreßtenZähnen hervor:

»… Schweden. Nordland. Das Meer. Dasweite Meer. Das Nordmeer. Das Meer im Süden.Konstantinopel. Schiras. Delhi.«

Vor dem nach innengekehrten Blick vollendetesich ein ungeheurer Traum.

Blind tastete die Rechte nach dem Becher.Doch sowie die Finger dessen Fuß zwischen sichfühlten, packten sie ihn mit festem Griff. Eisernspannten sich die Sehnen der Hand, hoben denPokal und schütteten den beizenden Wein mit einemGuß in die Kehle:

»Auf das Wohl der Welt!«

Verwundert über diesen Zutrunk zögerten diefremdländischen Tischgenossen, Bescheid zu tun.In Langens und des Österreichers Mienen malte sichmißtrauische Bestürzung: wohin jagte die Phantasiedes Moskowiters?

Peter runzelte unwillig die Stirn. Gebieterischstreckte er ihnen den neugefüllten Humpen entgegen:

»Auf das Wohl der Welt!«

Die Gläser wurden geleert.

Noch einmal. Und noch einmal.

Der Zeltvorhang war sacht beiseite gezogenwerden. Durch den Spalt schaute das fragende Gesichteiner Ordonnanz. Auf einen Wink Repninstrat der Mann zurück und ließ einen Kurier ein.Schweiß und Schmutz bedeckten die abgehetztenZüge. Die Knie des Boten wankten beim Näherkommen.[14]Flüsternd richtete er Repnin seinen Auftragaus.

Der kugelrunde massige Kopf des Generalsnickte. Plötzlich fuhr er aus seiner bequemen, halbliegenden Haltung auf. Im Nu war der Rausch verflogen:

»Eine ganz verdammte Zeitung!«

Die Augenbrauen des Zaren ruckten empor,fragend richtete er seine Blicke auf den Erregten.

Der schob die Achseln ungewiß in die Höhe:»Die Schweden waren schneller, Majestät, als wirvermuteten. Scheremetjefs Korps ist zu spät gekommen.Es hat den Anmarsch der Schweden nichtmehr verhindern können. Sie sind im Anzuge. Und«,seine Stimme klang belegt, »der König an ihrerSpitze.«

Der Zar schnellte vom Sitz: »Der König selber!Das gibt ein Fest!« Er war ganz Leben und Bewegung:»Auf, meine Herren! Alarm! Alarm! Ichwill meinem Herrn Vetter die Suppe heiß anrichtenlassen.«

Pleyer und Langen erhoben sich steif. DesÖsterreichers Mienen waren voll Bedenklichkeit, derSachse bemühte sich, seine Beunruhigung über dendarauf losstürmenden Angriffseifer des VerbündetenPolens hinter einem zustimmenden Lächeln zu verbergen.Die Mahnung fiel ihm schwer in den Sinn,die ihm beim Abschied von Warschau der LivländerPatkul mit auf den Weg gegeben hatte: Sorgensie dafür, daß Sie dem russischen Bären diePfoten binden, damit ihm nicht in seinen Krallenbleibt, was für uns bestimmt ist! Für uns.Das hieß bei Patkul: für Livland. So dachte nunfreilich August der Starke, dem die Gelüste des livländischen[15]Adels, sich von Schweden zu trennen,sehr gelegen kamen, das Wort nicht zu verstehen.Ihm hieß: für uns, für mich. Wenn nicht für michals polnischer König, so als Herzog und Kurfürstvon Sachsen. Am allerwenigsten aber hatte er vor,dem Moskowiter in die Hände zu arbeiten. Einallzu rascher Sieg über die Schweden war gewißnicht nach seinem Wunsche, wenn er nicht derSieger war. – Langen biß sich ärgerlich auf dieLippen: er spürte mit einem Male das geheime Gewichtseiner Mission unliebsam.

Aus dem weiteren Verhör, das Repnin mit demKurier angestellt hatte, tönten gerade einige Zahlenherüber: 7000 Mann Fußvolk, mehr als 1000 Reiter,alle gut gerüstet, 30 kleine und 6 große Stücke mitdoppelter Bemannung.

Die Falten in seinem Diplomatengesicht vertieftensich: die Russen waren in mehr

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