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Der kleine Dämon

Der kleine Dämon
Title: Der kleine Dämon
Release Date: 2018-08-22
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Fjodor Ssologub

Der
kleine Dmon

Der
kleine Dmon

Roman
von
Fjodor Ssologub

Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen
von Reinhold von Walter.

Dritte Auflage.


Mnchen und Leipzig
bei Georg Mller
1909

I

Der Festgottesdienst am Nachmittage war ausund die Kirchenbesucher gingen auseinander. Innerhalbder steinernen, weigetnchten Umfriedungstanden noch einige Leute unter den altenLinden und Ahornbumen und plauderten. Siehatten Sonntagskleider an und blickten froh ausden Augen. Es hatte den Anschein, als wre dasLeben in dieser Stadt ein friedliches und freundliches,— ja sogar ein frhliches. Aber dasschien alles nur so.

Bei seinen Freunden stand der GymnasiallehrerPeredonoff. Seine kleinen, verquollenenAugen schielten verdrielich durch die goldeneBrille, und er sagte:

„Sie selbst, die Frstin Woltschanskaja, hates der Warja versprochen; das stimmt jedenfalls.Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werdeich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.“

„Wie kannst du denn Warwara Dmitriewnaheiraten?“ fragte Falastoff; er hatte ein rotesGesicht, „sie ist doch verwandt mit dir! Gibt esso ein neues Gesetz, da Verwandte[1] heiratendrfen?“

Alle lachten. Das frische, fr gewhnlichgleichmig schlfrige Gesicht Peredonoffs wurdebse.

„Kusine im dritten Grade,“ fuhr er auf undstierte wtend an seinen Freunden vorbei.

„Hat es die Frstin dir persnlich versprochen?“fragte Rutiloff. Er war gro, bla undstutzerhaft gekleidet.

„Mir nicht, aber Warja,“ antwortete Peredonoff.

„Sieh mal an, und das glaubst du?“ sagteRutiloff lebhaft. „Sagen kann man alles. Undwarum bist du nicht bei der Frstin gewesen?“

„Begreife doch, ich ging zusammen mit Warjahin, sie war aber nicht zu Hause, nur um fnfMinuten kamen wir zu spt,“ erzhlte Peredonoff,„aufs Land war sie gefahren und kommt erstnach drei Wochen zurck; ich konnte ganz unmglichso lange warten, mute hierher zurckwegen der Prfungen.“

„Verdchtig ist es doch,“ sagte Rutiloff undlachte; dabei sah man seine angefaulten Zhne.

Peredonoff wurde nachdenklich. Die brigenverabschiedeten sich, nur Rutiloff blieb beiihm stehn.

„Das ist selbstverstndlich,“ sagte Peredonoff,„jede knnte ich heiraten, wenn ich nur wollte.Warwara ist nicht die einzige.“

„Natrlich, Ardalljon Borisowitsch, jede wrdeSie nehmen,“ besttigte Rutiloff.

Sie traten aus der Umfriedung heraus undgingen langsam ber den staubigen, ungepflastertenPlatz.

Peredonoff sagte:

„Was nur die Frstin sagen wird; sie wirdsich rgern, wenn ich Warwara den Laufpagebe.“

„Ach was, die Frstin,“ sagte Rutiloff, „washast du mit der zu schaffen! Vor allem soll sie dirdie Stelle besorgen, nachher kannst du dich immernoch herauslgen. Wie stellst du dir das eigentlichvor, so einfach ins Blaue herein, ohne jedeSicherheit!“

„Das ist richtig,“ gab Peredonoff nachdenklichzu.

„So sag es auch der Warja,“ beredete Rutiloff,„in erster Linie die Stelle; wei Gott, groesVertrauen habe ich nicht zu der Sache.Hast du aber die Stelle, dann heirate doch wendu willst. Nimm doch eine von meinen Schwestern;drei sind da, whle ganz nach Belieben.Es sind gebildete, kluge Mdchen; ohne zu prahlen,aber so wie Warwara sind sie nicht. Diereicht ihnen nicht das Wasser!“

„So,“ brummte Peredonoff.

„Freilich. Was ist an deiner Warwara?Hier, riech mal.“

Rutiloff bckte sich, pflckte ein behaartesBilsenkraut, zerquetschte die Bltter und dieschmutzigweien Blten in seiner Hand, zerrieballes und hielt diesen Brei Peredonoff vor dieNase. Der schnitt eine Grimasse, so unangenehmschwer war der Geruch. Rutiloff sagte:

„Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen,das ist die ganze Warwara. Sie — und meineSchwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltigerUnterschied. Fesche Mdels durch unddurch, — gleichviel welche von den dreien, schlafenwird dich keine lassen. Dabei jung, sogar dielteste ist dreimal jnger als deine Warwara.“

Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach,schnell und frhlich, lchelnd; — er machte einenschwindschtigen Eindruck: so hochaufgeschossen,schmalbrstig, zerbrechlich, wie er war und unterseinem neumodischen Hute starrte fast traurigdnnes, kurzgeschorenes Blondhaar hervor.

„Ach geh doch, dreimal jnger ...“ sagtePeredonoff teilnahmlos. Er nahm seine goldeneBrille ab und wischte an den Glsern.

„Freilich ist es so,“ sagte Rutiloff lebhaft.„Sieh nur zu und schlaf nicht, solange ich nochlebe, sonst — du weit, sie haben auch ihreEhre, — dann wirst du spter wollen, nur zuspt. Allerdings wei ich, da jede von ihnendich mit grtem Vergngen heiraten wrde.“

„Ja, hier verlieben sich alle in mich,“ prahltePeredonoff.

„Nun sieh mal, ergreife den Augenblick,“berredete Rutiloff.

„Mir kommt es vor allem auf eines an: siedarf nicht mager sein,“ sagte Peredonoff miteinem leisen Ton von Schwermut, „ich mchteeine dickere.“

„Da kannst du ruhig sein,“ sagte Rutiloffeifrig. „Sie sind schon jetzt ziemlich rundlich. Habensie noch nicht den ntigen Umfang, so ist dasgewi nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehensie alle in die Breite. Zum Beispiel die lteste:Larissa, du weit ja, sie ist dick wie ein gemsteterKarpfen.“

„Ich wrde ja heiraten,“ sagte Peredonoff,„ich bin nur bange vor dem groen Skandal,den Warja inszenieren knnte.“

„Du frchtest einen Skandal? Dann maches so,“ und Rutiloff lchelte listig, „heirategleich, heute noch, oder morgen: dann kommstdu nach Hause mit deiner jungen Frau, — esist so einfach. Nein — wirklich, — willst du,ich werde alles Ntige besorgen, zu morgenAbend, meinetwegen? Welche willst du haben?“

Peredonoff lachte auf einmal aus vollemHalse, abgerissen und laut.

„Na, pat es dir, — bist du einverstanden— ja?“ fragte Rutiloff.

Ebenso pltzlich hrte Peredonoff zu lachenauf und sagte finster, leise, fast flsternd:

„Die Kanaille wird mich angeben.“

„Sie wird dich nicht angeben, da ist janichts zum Angeben,“ beteuerte Rutiloff.

„Oder vergiften,“ flsterte voller Angst Peredonoff.

„Ich sag dir doch, verla dich auf mich,“beredete Rutiloff, „ich werde dir alles tadelloseinrichten.“

„Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten,“schrie Peredonoff bse.

Rutiloff war nicht erstaunt ber den neuenGedankensprung seines finstren Parten.

Immer gleich eifrig antwortete er:

„Merkwrdiger Mensch; glaubst du denn,da sie ohne Mitgift sind! Also — ist es abgemacht— ja? Hr — ich werde laufen undalles einrichten. Nur eins, merke wohl: keinemein Sterbenswrtchen von der Sache! — hrstdu — keinem einzigen!“

Er schttelte Peredonoff die Hand und eiltedavon. Peredonoff blickte ihm schweigend nach.Er dachte an die Rutiloffschen Mdchen: solustig waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedankewurde zu einem gemeinen Lcheln aufseinen Lippen, — aber nur fr einen Augenblick,dann verschwand es wieder. Eine dunkleUnruhe erfate ihn.

Was nur die Frstin sagen wird, dachteer. Die da haben die Groschen, aber keine Protektion,— heirate ich Warwara, so erhalte ichden Inspektorposten, spter wird man mich zumDirektor ernennen. —

Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloffnach und dachte schadenfroh: Mag er nur laufen!Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes und schattenhaftesVergngen. Es wurde ihm langweilig,allein zu sein, er drckte den Hut in die Stirn,runzelte die blonden Augenbrauen und gingschnell nach Hause durch de, ungepflasterteStraen, auf denen weiblumiges, kriechendesMastkraut, Kresse und in Schmutz getretenesGras wucherten.

Jemand rief ihn schnell und leise.

„Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zuuns.“

Peredonoff blickte aus dstern Augen aufund sah bse ber das Gitter. Hinter einemZaun im Garten stand Natalja AfanasjewnaWerschina, eine kleine, drre, dunkelfarbige Person,ganz in Schwarz gekleidet und schwarz warenauch ihre Augen und ihre Brauen. Sierauchte eine Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigenWeichselrohr und lchelte so leichthin,als wte sie um Angelegenheiten, von denenman nicht spricht, ber die man aber lchelt.Weniger mit Worten, als mit leichten, schnellenBewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten;sie ffnete das Pfrtchen, trat zur Seite,lchelte bittend, fast vertrauensvoll und bedeutetemit den Hnden: Tritt doch ein, was stehstdu da.

Und Peredonoff trat ein: er fgte sich ihrenmagischen, lautlosen Bewegungen. Dann blieber sofort auf dem Kieswege stehen, auf demtrocknes Reisig umherlag, — und sah nach derUhr.

„Es ist Frhstckszeit,“ brummte er. Die Uhrgehrte ihm schon lange, aber wie immer in Gegenwartanderer, blickte er voll Wohlgefallen aufden groen, goldenen Doppeldeckel. Es warzwanzig Minuten vor zwlf. Peredonoff entschlosich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrielichging er auf den Gartenwegen hinter der Werschinaher, vorber an kahlen Johannisbeerstruchern,an Himbeerbschen und Stachelbeerstauden.Reifes Obst und spte Blumen lieenden Garten ganz bunt erscheinen. Da waren verschiedeneFruchtbume, Strucher und Laub:niedrige weitverzweigte Apfelstmme, rundblttrigeBirnbume, Linden, Kirschen mit ihrenglatten, glnzenden Blttern, Pflaumen und Je-lnger-je-lieber.In den Hollunderbschen leuchtetenrote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgestes,sibirisches Geranium: ganz kleine blarosaBlten mit purpurfarbenem Geder. Silberdistelnreckten aus den Bschen ihre dunkelroten,stachligen Kpfchen. Ganz hinten stand ein kleines,graues Holzhaus, ein Einfamilienhaus,mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur.Es sah lieb und wohnlich aus. Hinter demHause konnte man ein Stckchen vom Gemsegartensehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapselnim Winde, und groe, gelblichweie Maliebchen;halbwelke Kronen gelber Sonnenblumennickten leise. Mitten unter Kchenkruternstreckten sich weie Schierlingsdolden und bleicher,purpurfarbener Storchschnabel. Da blhteblagelber Hahnenfu und niedriger Lwenzahn.

„Waren Sie im Vespergottesdienst,“ fragtedie Werschina.

„Ja,“ antwortete Peredonoff rgerlich.

„Eben kam auch Martha zurck,“ erzhltedie Werschina, „sie geht oft in unsere Kirche.Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillengehen Sie eigentlich in unsere Kirche,Martha? fragte ich. Sie wurde rot und schwieg.Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen,“sagte sie schnell und ohne jeden Uebergang.

Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumesstand eine ganz alte, graue Laube, — dreiStufen fhrten hinauf, — es war nur eine bemoosteDiele, ein niedriges Gelnder und sechsplumpe, geschnitzte Sulen, die das sechsseitig abfallendeDach sttzten.

In der Laube sa Martha, noch im Sonntagskleide.Es war hell, mit Bndern verziertund stand ihr nicht. Kurze Aermel lieen ihreeckigen, roten Ellenbogen und die groen, starkenHnde frei. Martha war brigens nicht hlich.Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Siegalt sogar fr recht hbsch, besonders unter denPolen, ihren Landsleuten, und Polen gab esnicht wenige in der Stadt.

Martha drehte Zigaretten fr die Werschina.Ungeduldig wartete sie darauf, da Peredonoffsie ansehen wrde, und wie er dann entzcktsein wrde. Dieser Wunsch war in einerMiene unruhiger Liebenswrdigkeit auf ihremgutmtigen Gesichte zu lesen. Das hatte seineneinfachen Grund darin, da Martha in Peredonoffverliebt war. Die Werschina wollte sie anden Mann bringen, denn Marthas Familie wargro. Schon vor einigen Monaten, bald nachdem Begrbnis des altersschwachen Mannes derWerschina, war Martha zu ihr gezogen. Siewollte sich der Werschina dankbar erweisen fralle erwiesene Freundlichkeit, auch fr all das,was fr ihren Bruder getan wurde. Er warGymnasiast und lebte ebenfalls als Gast bei derWerschina.

Die Werschina und Peredonoff kamen in dieLaube. Peredonoff grte verdrielich und setztesich; er suchte sich einen Platz aus, der durch eineder Sulen Schutz vor dem Winde bot, er wollteseine Ohren vor dem Zugwinde schtzen. Erblickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosaPonpons verziert waren und dachte dabei, daman ihn zum Heiraten einfangen wolle. Dasdachte er aber immer, wenn er junge Damen sah,die zu ihm liebenswrdig waren. An Marthasah er nur Nachteiliges, — viele Sommersprossen,groe Hnde, dazu noch die grobe Haut.Er wute, da ihr Vater, ein kleiner polnischerEdelmann, sechs Werst vor der Stadtein Gesinde in Pacht hatte; kleine Einknfteund viele Kinder; Martha hatte das Progymnasiumabsolviert, der Sohn besuchte noch dasGymnasium und die brigen Kinder waren nochjnger.

„Kann ich Ihnen Bier anbieten?“ fragtedie Werschina.

Auf dem Tische standen Glser, zwei FlaschenBier, Grieszucker in einer Blechdose und danebenlag ein vom Bier benetztes Lffelchen aus Melchiormetall.

„Werde trinken,“ sagte kurz angebunden Peredonoff.Die Werschina blickte auf Martha.Martha fllte ein Glas, rckte es zu Peredonoffund dabei spielte auf ihrem Gesichtein merkwrdiges Lcheln, halb erschrocken, halbfreudig. Die Werschina sagte rasch — so, alshtte sie die Worte ausgestreut:

„Tun Sie Zucker ins Bier?“

Martha reichte Peredonoff die Blechdose mitdem Zucker. Aber Peredonoff sagte rgerlich:

„Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mitZucker.“

„Nicht doch, es schmeckt sehr gut,“ sprach eintnigund rasch die Werschina.

„Sehr gut schmeckt es,“ sagte Martha.

„Es ist eine Schweinerei“, wiederholte Peredonoffund blickte bse auf den Zucker.

„Wie Sie wollen,“ sagte die Werschina undim selben Tonfall, ohne eine Pause zu machen,ohne jeden Uebergang redete sie von anderenDingen: „Tscherepin wird langweilig,“ sagtesie und lachte.

Auch Martha lachte, Peredonoff blicktegleichgltig drein: er nahm keinen Anteil anfremden Angelegenheiten, er liebte die Menschennicht und dachte nie anders an sie, als in Verbindungmit seinem eignen Nutzen. Die Werschinalchelte selbstzufrieden und sagte:

„Er glaubt, ich wrde ihn nehmen.“

„Er ist ungeheuer frech,“ sagte Martha, nichtdarum, weil sie das dachte, sondern weil sie derWerschina etwas Schmeichelhaftes und Angenehmessagen wollte.

„Gestern lauerte er am Fenster,“ erzhltedie Werschina. „Er hatte sich in den Garten geschlichen,als wir zu Abend speisten. Unter demFenster stand eine Wassertonne; wir hatten siein den Regen gestellt, und sie war voll bis anden Rand. Obendrauf lagen Bretter, so daman das Wasser nicht sehen konnte. Er kriechthinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns brenntdie Lampe, so da er uns sah, wir ihn aber nicht.Auf einmal hren wir ein Getse. Ganz erschrecktlaufen wir hinaus. Und das war er; direktins Wasser gefallen. Aber noch bevor wirhingekommen waren, hatte er, na wie er war,das Weite gesucht, — und nur auf dem Wegeeine feuchte Spur hinterlassen. Und auerdemerkannten wir ihn noch an seinem Rcken.“

Martha lachte fein und frhlich, so wie eingut gesittetes Kind lachen mu. Die

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