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Erinnerungen einer Überflüssigen

Erinnerungen einer Überflüssigen
Category:
Author: Christ Lena
Title: Erinnerungen einer Überflüssigen
Release Date: 2018-09-06
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Erinnerungen einer berflssigen

Lena Christ

Erinnerungen einer berflssigen

Albert Langen, Mnchen

Copyright 1912 by Albert Langen, Munich

Oft habe ich versucht, mir meine frheste Kindheitins Gedchtnis zurckzurufen, doch reichtmeine Erinnerung nur bis zu meinem fnftenLebensjahr und ist auch da schon teilweise ausgelscht.Mit voller Klarheit aber steht noch ein Sonntagvormittagim Winter desselben Jahres vor mir, alsich, an Scharlach erkrankt, auf dem Kanapee in derWohnstube lag; es war dies der einzige Raum, dergeheizt wurde.

Der Grovater war in seinem geblumten Samtgilet,dem braunen Rock mit den silbernen Knpfenund dem blauen, faltigen Tuchmantel in die Kirchevorausgegangen, whrend die Gromutter in demschnen Kleide, das bald blulich, bald rtlich schillerte,noch vor mir stand und mich ansah, wobei sieimmer wieder das schwarze seidene Kopftuch zurechtrckte.Neben der Tr aber stand in Hemdsrmelnder alte Hausl und wollte eben den Sonntagsrockvom Nagel nehmen, als sich die Gromutter umdrehteund zu ihm sagte: „Geh, Hausl, bleib duheunt dahoam und gib aufs Kind Obacht und tusHaus hten; i mcht aa amal wieda in d’ Kirch geh’.“

Darauf lie der Hausl seinen Rock hngen undzog wieder seinen blauen, gestrickten Janker an, unddie Gromutter ging zu dem Wandschrnklein, dasin die Mauer eingelassen war, nahm daraus dasWeihbrunnkrgl und wollte gehen. In der Tr aberwandte sie sich noch einmal um und sagte zu mir:„Also, da d’ sch liegn bleibst, Dirnei; i bet scho frdi, da d’ wieda g’sund wirst.“

Als sie fort war, ging der alte Hausl in seineKammer, sich zu rasieren. Da fiel mir ein, ich knntewieder einmal zu unserer Nachbarin, der alten Sailergromutter,gehen. Geschwind stand ich auf undlief hinaus in den Schnee und vor ihr Haus. Ichfand aber die Tr zugesperrt und niemanden daheim;denn sie waren alle in der Kirche. Und da ich nunlange im Hemd und dem roten Flanellunterrckl barfuim Schnee gestanden war und vergebens gewartethatte, schlich ich wieder heim; denn es war bitterkalt. Als der Hausl mich kommen sah, machte er einganz entsetztes Gesicht und kopfschttelnd nahm ermich auf den Arm und legte mich wieder nieder.Alsbald fiel ich in ein heftiges Fieber und soll daraufviele Wochen krank gelegen sein, und man hat geglaubt,da ich sterben mte. Aber der Grovaterhat mich gepflegt, und so bin ich wieder gesund geworden.

Der Grovater nmlich verstand sich auf alles,und wo man im Dorf eine Hilfe brauchte, da wurdeer geholt. Er war Schreiner, Maurer, Maler, Zimmermannund Kuhdoktor, und manchmal hat er auch demTotengrber ausgeholfen. Und weil er so berallzur Hand war, hie man ihn den Handschuster, undder Name wurde der Hausname und ich war dieHandschusterleni.

Der Grovater war bartlos und gro und geradegewachsen und hatte trotz der mannigfachen schwerenArbeit schlanke schne Hnde. Die hab ich in sptererZeit oft betrachtet, wenn er am Abend auf der Hausbanksa und ber irgend etwas nachdachte.

Er war berhaupt anders als die Leute im Dorfe;denn er sprach wenig, ging nicht ins Wirtshaus undwar bei keiner Wahl, wie er auch sonst allem ffentlichenWesen fern blieb. Statt dessen erzhlte man,da er oft im Verborgenen geholfen habe; und woeinem Armen das Haus abgebrannt war, da habe erbeim Aufbau mit zugegriffen, ohne lang nach demLohn zu fragen.

Damals, im Frhjahr nach meiner Krankheit, wares nun mein grtes Vergngen, mit ihm auf demWagen, vor den unser Ochs gespannt war, aufs Feldhinauszufahren. Von den ckern, die auf den Hhenrings um das Dorf lagen, konnte man die fernenBerge sehen, und der Grovater sagte mir von demhchsten, da es der Wendelstein sei.

Whrend er nun pflgte oder sete, brockte ichBlumen und betrachtete sie und die Welt dahinterdurch bunte Scherben, die ich vor dem Hause desGlasers aufgelesen hatte; oder ich lief mit dem Sturmber die Wiesen und suchte ihn zu berschreien.

Abends auf dem Rckweg setzte mich dann derGrovater rittlings auf den Ochsen, und so sah ichschon von weitem die blulichen Rauchwlklein berunserem Dache, die uns anzeigten, da die Abendsuppeschon auf dem Feuer stand.

Waren wir daheim angekommen, so sprang ichrasch in die Kche, steckte, wenn die Gromutter inder Speis war, die Nase in alle Hafen und Tiegel,zu sehen, was es Gutes gbe, und lief dann hinterdem Grovater drein, der vom Hausflz durch denStall in die Scheune ging, dort die Ackergerte verwahrteund hierauf in dem Schuppen Holz fr denHerd herrichtete. Ich tummelte mich derweilen inder Tenne, die wie der Stall und Schuppen an daskleine, freundlich mit blulicher Farbe getnchteWohnhaus angebaut war und mit ihm unter einemDache stand, das sauber mit Holzschindeln eingedecktund mit Felsblcken beschwert war. Rings um dasHuschen zog sich ein saftiger Grasgrund, und vonden Fenstern der Wohnstube, an denen reichblhendeGeranien und Menschenleben standen, sah man imSommer ein zierliches Gemsegrtlein, dessen Beetemit feurigen Nelken, Dahlien, fliegenden Herzleinund buschigen Rosenstruchern eingefat waren. AmEingang des Grtleins stand ein groer Rosmarinstrauch,den der Grovater bei seiner Heirat selbstgepflanzt hatte.

Von der Tenne nun schlpfte ich des ftern inden Hhnerstall und durchsuchte ihn nach Eiern.Besonders als Ostern nicht mehr fern war, trieb esmich immer wieder dahin; denn um diese Zeit gabes unter uns ein groes Vergngen, das Oarscheiben.Da zogen alle Kinder des Dorfes zu den groenBauernhfen, und dort wurden wir bewirtet undbekamen G’selchts, Osterbrot und bunte Eier. Dieseaber wurden nicht gegessen, sondern zum Oarscheibenaufgehoben. Dabei teilten wir uns in zwei Parteien,und die einen standen hben, die anderen drben;dazwischen aber waren in schrger Lage zwei Rechenaneinander gelegt, und auf dieser Bahn lieen wirunsere Eier hinunterrollen. Die Partei nun, aufderen Seite das Ei fiel, hatte es gewonnen, und woam Schlu die meisten Eier lagen, war der Sieg.Freilich begann dann oft erst der eigentliche Kampf,und die Eier, die zuvor gerollt waren, flogen jetzt.

Whrend aber die andern sich noch rauften, sammelteich, ohne mich besonders sichtbar zu machen,mit flinker Hand die also zu Waffen gebrauchtenEier und lief alsdann mit meinem vollen Schrzleinheim, wo ich dem Grovater die Beute vor die Fekugeln lie.

Da gab’s dann andern Tags ein gutes Gericht,den Oarslot, zu dessen Bereitung ich schon amfrhen Morgen mit der Gromutter den wildwachsendenFeldsalat von einer nahen Anhhe brocken mute,whrend der Grovater derweil daheim die Eier feinzerhackt und zerrhrt hatte, was er alle Ostern selbertat, da keins ihm dies Geschft recht machen konnte.

Auch sonst war er oft in der Kche drauen undhalf der Gromutter Rben schlen oder Semmelnschneiden fr die Alltagskost, die Kndel; denn diesedurften keinen Tag fehlen. Auch am Sonntag kamensie, freilich viel grer und schwrzer, als Leberkndelauf den Tisch.

Das Wasser, in dem die Kndel, die neben ihrerSchmackhaftigkeit auch noch den Vorzug der Billigkeithatten, gesotten wurden, wurde bei uns nie weggeschttet,sondern in einer groen bemalten Schsselaufgetragen. Dazu stellte die Gromutter ein Pfnnleinmit heiem Schmalz und braunen Zwiebeln undim Sommer auch ein Schsselchen voll Schnittlauch.Der Grovater langte dann den von der Mutterselbstgebackenen Brotlaib, der mittels unseres groenHausschlssels ringsum mit einem Kranz von ringfrmigenEindrcken verziert war, aus dem Wandschrnkleinund begann langsam und bedchtig Schnittleinum Schnittlein in die Brh zu schneiden. Danachgo er die Schmelz darber, wrzte gut mit Salzund Pfeffer und rhrte mit seinem Lffel etliche Maleum. Alsdann sagte er: „So Muatta, jatz ko’st betn.“

Fleisch kam bei uns nur zu ganz besonderen Gelegenheitenauf den Tisch, und selbst am Sonntaggengten meinen Groeltern die Leberkndel mit demTauch, einem Gemse von Dotschen, Rben oderKohlraben. Nur der Grovater erhielt als Feiertagsmahlein Stck gesottenes Rindsfett, das er gesalzenund gepfeffert nur mit einem Stcklein Brote a.

An Ostern aber lieen sich’s die Groeltern nichtnehmen, ein ordentliches Stck Geselchtes und dazunoch einen Tiegel voll von unserm selbstgemachtenKraut aufzustellen, nebst einem Krblein Eier, diesamt dem mit viel Zyperben und Weinbeerln gebackenenOsterbrot schon in der Frh des Ostertagsvom Grovater zur Weih’ getragen wurden.

Auch sonst gab’s allerlei Vergngungen und Kurzweilfr die Groen und die Kleinen, und es warauch um die Osterzeit, da die Kinder, die ungefhrin meinem Alter waren, anfingen, etwas Heimlichesuntereinander zu treiben. Der Schlosserflorian unddie Ropferzenzi hatten im Stall bei der Wagnerindie Zicklein angeschaut, und hierbei hatte der Floriander Zenzi, die vor ihm hockte, unter den Rock gesehenund hatte ihr darauf auch etwas gewiesen. Dabeiberraschte sie die Wagnerin, und alsbald wute esdas ganze Dorf. Die Kinder aber, die fnf- undsechsjhrigen, hatten nichts anderes zu tun, als diessofort nachzuahmen, und alsbald saen auf den Heubdenoder hinter der Planke vom Huberwirt diePrlein im Gras und betrachteten einander.

Diese Vorflle wurden nun von einem alten,frommen Frulein dem Herrn Pfarrer hinterbracht,der dann am darauffolgenden Sonntag von derKanzel herab wetterte ber die Zuchtlosigkeit derEltern, die nicht acht gehabt htten auf das Heiligsteder Kinder, auf ihre Unschuld. Viele von den Elternhatten es aber in der Sorge um das Ihre bersehen,manche wohl auch bersehen wollen.

Mit dem beginnenden Sommer fingen wir an,zu fischen. Da suchte man sich einen Stecken; daranwurde eine alte Gabel gebunden und mit ihr nachden Dollen oder Mhlkoppen, die sich im Bach unterSteinen, Scherben oder alten Hfen verborgen hielten,gestochen. Mit dem Stecken wurde der Stein zurSeite geschoben, und wenn der Fisch hervorscho,wurde er angespiet. Ich war nun so geschickt, daich sie auch mit der Hand fangen konnte. Da nahmich den Rock auf, stieg in den Bach hinein, bcktemich, tauchte vorsichtig den rechten Arm ins Wasserund nherte mich mit der Hand dem Fisch, bis erzwischen meinen Fingern stand; dann griff ich raschzu. Gegen Abend trugen wir dann in einem altenHafen den ganzen Fang heim. War die Gromutterim Stall, so schlug ich in der Kche die Fische miteinem Stein auf den Kopf, nahm heimlich Schmalzaus der Speisekammer und warf die Fische, nachdemich noch schnell Salz, Mehl und ein paar Eier darangetan,in eine Pfanne. Die gebratenen Dollen brachteich dann hinaus vors Haus, wo die anderen Kinderim Gras saen und warteten. Unter dem Essenwurde nun erst die Schwimmblase und was sonstnoch im Innern des Fisches war, mit dem Fingerherausgeholt.

Einmal freilich wre ich beim Fischen beinah ertrunken,und das kam so: Da hat die Gromuttermit unserer Nachbarin, der alten Sailerin, die sehrschwerhrig war, Wasch g’schwoabt, d. i. Wsche imBach gesplt. Als sie beide mit dem schweren Zuberdavongingen, rief mir die Gromutter zu: „Lenei,da d’ fei du dahoam bleibst und ja net abi gehstam Bach, net da d’ eini fallst und dasaufst.“

Ich aber nahm, dem Verbot zum Trotz, meinenStecken mit der Gabel und einen groen Hafen undschlich leise hinterdrein.

Die Gromutter und die Sailerin hatten sich aufdie groe Waschbank, die in den Bach hineingebautwar, gekniet und wuschen und hrten bei dem Rauschendes Wassers nicht, wie ich mich hinter ihrem Rckenauf die Waschbank legte. Kaum hatte ich mit meinemStecken einen Stein zur Seite gerckt, als schon eingroer Dollen herausfuhr. Ich ziele und steche mitder Gabel zu; aber die war nicht festgebunden undrutscht ab. Inzwischen war der Fisch zur Seitegeschnellt und blieb nahe dem Ufer ber dem Sandstehen. Mir schien die Stelle seicht genug, um ihnjetzt mit der Hand fangen zu knnen. Ich stlpealso meinen rmel auf, strecke den Arm aus undwill den Fisch fassen, versinke aber mit der Handtief in den weichen Ufersand; dabei verliere ich dasGleichgewicht und strze in den Bach, jedoch so, dadie Fe noch auf der Waschbank blieben. DenKopf unter Wasser zerre und zapple ich so lange,bis ich die Fe nachziehen konnte. Derweilen hattemir aber das Wasser schon alle Kraft genommen,und trieb mich nun unter der Waschbrcke hindurchgrad unter die Hnde meiner Gromutter.

„Jess’, Mariand Josef, insa Lenei!“ schrie sieund lie das Wschestck fahren, packte die alteSailerin am Arm, schttelte sie heftig und schrie ihrins Ohr: „He, Soalerin, hilf, insa Lenei datrinkt!“

Darauf zogen sie mich heraus und fhrten mich heim.

Als der Grovater mich sah, meinte er: „AbaLenei, gel, jetz hast es; wie leicht kunntst dasuffa sei!“

Der Hausl aber, der auf dem Kanapee sa,spottete: „Gel, bist in Bach einig’falln, du Schliffi!“

Der Hausl, Balthasar Hauser, wie er eigentlichhie, war im brigen mein guter Freund. Im Dorfwar er freilich wenig beliebt, weil er recht barsch warund ein groer Geizhals. Ging er umher, so streckteer die Arme weit hinter sich hinaus; denn er warschon ganz krumm und alt. Er lebte bei den Groelternim Austrag und bewohnte die an unsere Wohnstubeanstoende Kammer. Darin hatte er aus derMauer ein paar Ziegelsteine herausgebrochen, dasLoch ausgemauert und vor die ffnung als Tr eindickes Brettlein gemacht, das in Scharnieren hingund an das der Schlosser ein Schlo hatte anbringenmssen. In diesen Behlter tat er sein Geld undseine Kostbarkeiten, schmierte das Trlein mit Kalkzu und machte mit einem Farbstift einen winzigenPunkt an

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