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Sanin

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Title: Sanin
Release Date: 2018-09-15
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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M. Artzibaschew

Ssanin

Ssanin

Roman
von
M. Artzibaschew

Uebertragen von André Villard
und S. Bugow

Mit einer Einleitung von André Villard,einem Vorwort des Verlegers,und sämtlichen die Konfiskation desWerkes in deutscher Sprache betreffendenGerichtsbeschlüssen und Sachverständigengutachten.

Siebzehnte Auflage


München und Leipzig
bei Georg Müller
1909

— ich habe gefunden, daß Gott denMenschen hat aufrichtig gemacht!aber sie suchen viele Künste.

(Pred. 7, 29.)

Der „Ssanin“ und seine Schicksalein Deutschland

Der Vertrag über die deutsche Ausgabe desSsanin wurde im Frühjahre 1908 abgeschlossen.Der Name des Verfassers dieses Romanes,der in Rußland, wie es in der Vorrede des MitübersetzersAndré Villard des näheren ausgeführtist, ein so kolossales Aufsehen erregte, wardamals in Deutschland noch so gut wie unbekannt.Nur wenige mit den russischen Literatur-und Kulturverhältnissen Vertraute wußten, daßM. Artzibaschew einer der vielversprechendstenjungrussischen Dichter ist. Erst während derDrucklegung der deutschen Ausgabe des Romaneserfuhr man so langsam durch vereinzelteNotizen in der Presse von diesem Buche und seinenFolgen und hörte schließlich auch, daß derRoman in Rußland verboten worden sei. Hierhandelt es sich nun darum festzustellen, welcheSchicksale der Roman in Deutschland erlebte.

Die Nachfrage des Publikums war vor Erscheinender deutschen Ausgabe, die Mitte September1908 erfolgte, eine sehr geringe, dagegen wardas Interesse der Presse, durch die aus Rußlandkommenden Meldungen veranlaßt, ein außerordentlichreges, und umfangreiche Feuilletonserschienen in rascher Folge. Alle diese eingehendenWürdigungen waren sich bei verschiedenartigerEinschätzung der literarischen Qualitäten desRomanes darüber einig, daß es sich in diesemWerke Artzibaschews um eine der bedeutsamstenNeuerscheinungen der neueren russischen Literaturhandele. Ja, manche behaupteten sogar, daßman erst durch dieses Buch die gegenwärtigenkulturellen Strömungen Rußlands so recht begreife.

Um so sonderbarer mußte es berühren, alsdas Buch am 28. November 1908 auf Veranlassungder Münchener Staatsanwaltschaft mitBeschlag belegt wurde. Ganz unvorbereitet trafja diese Maßnahme den Verleger nicht, dennschon vierzehn Tage vor Zustellung des Konfiskationsbeschlusseswaren auf Veranlassung derMünchener Polizeidirektion bei dem Drucker desWerkes in Rudolstadt und bei dem LeipzigerKommissionär des Verlages Recherchen über dieHöhe der bisherigen Auflage, den Orten, an denendie noch vorhandenen Exemplare lagerten usw.,angestellt worden. Und dabei wäre es doch dasNächstliegende gewesen, wenn die Behörde zunächstbei dem in München domizilierenden Verlegerdes Werkes diese Erkundigungen eingezogenhätte, denn doch nur dieser warzu derlei Auskünften der einzig Befugte.Auch eine sofort nach Bekanntwerden diesersonderbaren Maßnahme bei der Polizeidirektiongemachte Beschwerde blieb ohneweitere Aufklärung. Die Konfiskation des Romaneserfolgte gleichzeitig in München undLeipzig. In München waren die Vorräte erschöpft,und es fielen den konfiszierenden Organennur wenig Exemplare in die Hand. Reicherwar die Ausbeute in Leipzig. Hier solltegerade mit dem neuerschienenen NovellenbandeMillionen die siebente Auflage des Romanesversandt werden; demzufolge fielen 1200 Exemplaredes Ssanin der Polizei in die Hände undfristeten an einem ihr durch die Polizei angewiesenensicheren Orte ein geruhiges, aber keineswegsin ihrer Bestimmung liegendes Dasein.Die „Millionen“ aber mußten ihren Weg alleinantreten und haben sich auch so bei Publikumund Presse rühmlich behauptet und mit dazu beigetragen,daß der Name Artzibaschew nun auchin Deutschland ein literarisches Gepräge besitzt,das ihm wohl nicht so leicht streitig gemachtwerden kann. Eine rege Tätigkeit entfaltetendie Polizeiorgane in den verschiedensten StädtenDeutschlands, überall wurden die Schaufensterund auch sehr oft das Innere der Buchläden inspiziertund alle noch vorzufindenden Exemplaredes Romanes in sicheren Verwahr gebracht.

Die gegen diesen Beschlagnahmebeschlußvom Verlag sofort eingereichte Beschwerde wurdenach einigen Wochen abschlägig beschieden,weil das einzige von der Staatsanwaltschafteingeholte Gutachten nicht günstig lautete. (Esist unter Nr. 2 abgedruckt.) Den zahlreichen inder Presse erschienenen Feuilletons und Notizenüber das Werk, die doch in gewissem Maße dieStellung des deutschen Publikums dokumentierten,maß das Gericht scheinbar keinerlei Bedeutungbei. Auch eine von dem Vorstand des DeutschenGoethebundes gegen diese Konfiskation abgegebeneProtesterklärung, die fast in der gesamtenPresse abgedruckt wurde, machte offenbar nurgeringen Eindruck auf die die Konfiskation vertretendeBehörde. Merkwürdig muß es aber auchhier wieder berühren, daß man sich nicht aneinen mit der modernen Literatur oder gar denrussischen Verhältnissen vertrauten Herrn, sondernan einen Kunsthistoriker von Beruf wandte,der zudem in seinem Gutachten selbst bemerkt,daß es ihm nicht zustehe, über das Buch und seineUebersetzung in seinem ganzen Umfange zu urteilen,da er nicht russisch kenne.

Im Dezember 1908 erfolgte dann die Ladungdes Verlegers vor den Untersuchungsrichter.Nachdem der Tatbestand aufgenommenworden war, wurde ihm die Benennung einerReihe von Sachverständigen anheimgestellt,während auch von seiten des Gerichts noch eineReihe von Gutachten eingefordert wurden. Wieaus den nachstehend abgedruckten Gutachtenhervorgeht, lauteten diese mit Ausnahme desdes Herrn Studienrates Nicklas, der von falschenVoraussetzungen ausging und in dem Bucheeine Gefahr für die heranwachsende Jugendsah, für das Buch sehr günstig.

Außerordentlich interessant ist es, diese verschiedenenGutachten nebeneinander zu halten.Wie wohltuend berührt die Sachlichkeit in denmeisten dieser Schriftstücke, und wie merkwürdignimmt sich unter ihnen das Gutachten des HerrnProfessor Brunner in Pforzheim aus, der sicheigentlich nur mit der gar nicht unter Anklagegestellten Einleitung befaßt. Das, was in derEinleitung des Herrn Villard gesagt wird,das konnte man eine Zeitlang fast tagtäglich inder Presse lesen, und zwar schon bevor die deutscheAusgabe erschienen war. Ist der Herr Sachverständigedenn derart mit der russischen Literaturund Kultur vertraut, daß er Behauptungen wiedie in seinem Gutachten aufgestellten beweisenkann? Wer kann sich eines Lächelns nicht erwehren,wenn er hört, daß die russischen Studentennur die deutschen Universitäten undHochschulen besuchen, um sich erotisch auslebenzu können? Die russische Jugend sollte wirklichzu derartigen Auslassungen einmal energischStellung nehmen. Derartige Ausführungen gehörenam allerwenigsten in ein Sachverständigengutachten,dessen erste Vorzüge Sachlichkeit,Kürze, Gründlichkeit und Sicherheit des Urteilssind. Die Ausführungen des Herrn Professoraus Pforzheim hier zu widerlegen erübrigt sich,denn das Gutachten des Herrn UniversitätsprofessorsDr. Muncker, das in seiner vornehmenSachlichkeit so wohltuend von dem seinen abstichtund eine Kapazität wie den Staatsrat Zielinskiin St. Petersburg als Zeugen für dieRichtigkeit der Ausführungen des Vorwortesherbeiruft, enthebt mich dieser Mühe.

Auf eine Sache aber muß im Interesse desVerlagsbuchhandels und der beteiligten Autorenhier einmal mit allem Nachdruck hingewiesenwerden, denn es ist durchaus notwendig, daßdiese Frage einmal in der breitesten Oeffentlichkeitbehandelt wird. Es mehren sich in letzterZeit die auf durchaus unbegründete Denunziationenhin erfolgten Konfiskationen in erschreckendemMaße, und der Schaden, der inmaterieller und moralischer Beziehung dadurchangerichtet wird, ist kaum zu berechnen. DerSsanin, um auf diesen speziellen Fall hier einzugehen,war nun seit dem 23. November 1908 beschlagnahmt.Volle vier Monate liegen die Vorrätedes Buches in sicherem Gewahr. Das Interessefür ein Buch verebbt, denn der, der esgern besitzen wollte, konnte es nicht bekommen.Wird ein vermutlicher Räuber oder Mörderin Untersuchungshaft gehalten, und es stelltsich in der Voruntersuchung oder in der Verhandlungheraus, daß die Anklage nicht aufrechterhalten werden kann, so ersetzt das Gericht demBetreffenden freiwillig den ihm entgangenenVermögensausfall. Anders bei einer derartigenKonfiskation. Hier sind die schwer geschädigtenVerleger und die in Mitleidenschaft gezogenenVerfasser machtlos. Aber nicht nurmateriell, sondern auch ideell wird der Betreffendegeschädigt, ganz abgesehen von den die Gesundheituntergrabenden Aufregungen, die jaschließlich bei derartigen Maßnahmen nicht zuvermeiden sind. Wer ersetzt ihm nun den Verlust,wer entschädigt ihn für den Aufwand anZeit und Nerven? Wäre nicht wenigstens zuerwarten, daß das Gericht derartige Verfahrenbeschleunigt, sie in der kürzesten Zeit erledigt?Im vorliegenden Falle ist von einer Beschleunigungdes Verfahrens nichts zu bemerken gewesen,denn trotz fortgesetzter energischer Reklamationendurch den Rechtsvertreter des Verlagszog sich die Angelegenheit durch vier Monatehindurch. Mit dem Ammenmärchen aber, daßdas konfisziert gewesene Buch unter allen Umständennach Freigabe stark gekauft werde, sollteendlich einmal aufgeräumt werden. Wenn dieserFall wirklich eintritt, dann müssen andereGründe gesucht werden. Entweder wohntdem Buch von vornherein eine suggestiveKraft, die auf den Absatz fördernd einwirkt,inne, oder aber der Verleger nutzt die erfolgteKonfiskation und die endlich verfügte Freigabedes Werkes mit allen ihm nur zur Verfügungstehenden Mitteln zu Propagandazwecken aus.Der ihm entstandene Schaden zwingt ihnin den meisten Fällen zu diesen Maßnahmen.Wehe ihm aber, wenn es sich um ein aktuellesThema gehandelt hat, für das das Interesse inden vier Monaten — und was ändert sich in vierMonaten nicht alles — vollständig geschwundenist, dann kann er die glücklich losgeeisten Vorrätein die Makulatur werfen.

Die Allgemeinheit betrifft jedoch noch folgendes.Der Ssanin ist, wie aus allennoch vor der Konfiskation erschienenen Besprechungenin den Zeitungen und Revuenhervorgeht, ein Werk, das die weitgehendsteBeachtung auch in Deutschland verdient,schon allein seiner kulturgeschichtlichenBedeutung halber. Hat das deutsche Volk nichtvon vornherein das Recht, ein derartiges Werkkennen zu lernen? Genügt nicht ein oberflächlicherBlick in das Buch, daß es sich hier nicht umein Werk handelt, das eine Gefahr für die heranwachsendeJugend bildet, da schon die seitenlangenphilosophischen Betrachtungen den jugendlichenLeser von vornherein abschrecken,ganz abgesehen von dem Preise, der dieAnschaffung des Buches jugendlichen Lesernunmöglich macht. Dieser sucht etwasganz anderes in den Büchern, die ihm zumUnheil gereichen können: spannenden und erregendenInhalt, aber nicht breite Schilderungund philosophische Betrachtung, wie sie russischenRomanen eigen ist. Und überhaupt: istdenn die Schädlichkeit für jugendliche Leser einGrund, ein von vornherein doch keineswegs fürdie Jugend bestimmtes Werk zu konfiszieren?Sind denn alle der Jugend viel leichter zugänglichenSchaustellungen unserer Theater und Ausstellungenfür die Jugend bestimmt? Gibt esnicht Fragen, die in der breiteren Oeffentlichkeitbehandelt werden müssen und die gar nichts fürdie Jugend sind? Ich weise hier nur auf dieZeitungen hin, die doch der Jugend tagtäglichohne weiteres zugänglich sind. Soll schließlichder Verleger moderner Literatur die ihm zugehendenManuskripte einzig und allein nach demGrundsatze prüfen, ob nicht eventuell in demWerke eine Stelle enthalten ist, die den jugendlichenLeser, der später nach Erscheinen das Buchdurch Zufall in die Hand bekommt, auf wunderbareGedanken bringen könnte, die zudem nochUnverständnis ihre Entstehung verdanken. WelchePerspektiven eröffnen sich, wenn man unsere gesamteWeltliteratur unter diesen Gesichtspunktenbeurteilt.

Und damit gewinnt diese Frage auch eineweitere Bedeutung. Inwieweit ist es notwendig,daß der gebildete Leser in seiner Lektüredurch Polizei und Staatsanwaltschaft bevormundetwird? Sollte im freien Deutschlandnicht auch jeder Gebildete seine Lektüre dort suchendürfen, wo er glaubt, daß sie ihm am meistengibt. Die schlechten nur für den Sinneskitzelgeschriebenen und veröffentlichten Werkerichten sich schon von selbst. Wird durch eineKonfiskation auf dieselben hingewiesen, so werdensie auf Schleichwegen leicht doch in dieHände derer kommen, die sich nun für dieselbeninteressieren, und die jedenfalls nie danach gegriffenhätten, wenn sie nicht durch die Konfiskationdarauf aufmerksam gemacht worden wären.

Der Ssanin aber geht aus seiner viermonatlichenVerbannung nur als Sieger hervor, undselbst das Gericht in seinem Freigabebeschlußmuß nun anerkennen, daß es sich hier um „eindichterisches Werk von hoher kulturgeschichtlicherund auch literarischer Bedeutung“ handelt.

München, am Tage der Freigabe des Ssanin,dem 26. März 1909.

Georg Müller

1. Konfiskationsbeschluß.

München, 23. November 1908.Anz.-Verz. Nr. VII 610/08.

Betreff:

Müller, Georg, Verleger hier, wegenVergehens wider die Sittlichkeit. —

Beschluß:

Angeordnet wird die Beschlagnahme allerExemplare des Romans „Ssanin“ von M.Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung,soweit sie sich im Besitze des Verfassers,Druckers, Herausgebers, Verlegers oder Buchhändlersbefinden, öffentlich ausgelegt oder öffentlichangeboten sind,

sowie der zu ihrer Herstellung bestimmtenPlatten und Formen.

(§ 94 R.-St.-P.-O.)

Gründe:

Der Roman „Ssanin“ ist geeignet, dasScham- und Sittlichkeitsgefühl eines normalempfindenden Lesers in geschlechtlicher Beziehunggröblichst zu verletzen. Er ist seinem Inhaltenach von ausgesprochener erotischer Tendenz.Hierbei ist die Behandlung der aufgeworfenenerotischen Fragen nicht eine derart wissenschaftliche,daß hierdurch die gleichzeitige Darstellunggeschlechtlicher Vorgänge in den Hintergrundgedrängt würde. Der Held des Romansvertritt die Ansicht, daß nur noch der GeschlechtsgenußWert habe, er will die freie Liebe.

Eine ernstliche Besprechung der Gründe fürund wider diese Ansicht bringt der Roman nicht.Hierzu kommt noch, daß geschlechtliche Vorgängeund Gedanken hierüber in krankhaft erotischerWeise realistisch geschildert werden. (cfr. unteranderem Seite 89, 211/212, 440/441,471/473 des Romans.)

Der Roman erscheint sohin als unzüchtigeSchrift im Sinne der Ziffer 1 des § 184 desR.-St.-G.-B.

K. Amtsgericht München I, Abteilung für Strafsachen.
der k. Amtsrichter:
gez.: Kaufmann.

2. Gutachten
über den Roman „Ssanin“ von Artzibaschewvon Professor Dr. Karl Voll.

Artzibaschew gilt in russischen Schriftstellerkreisenals ein sehr begabter junger Mann. Sein Roman„Ssanin“ ist in der Tat, rein nach seinerSchreibweise beurteilt, talentvoll und künstlerischzu nennen, obschon das Buch in Komposition undHandlung sehr unreif und auch unbedeutend ist.Die wissenschaftliche Bedeutung der Erörterungenerotischer Fragen halte ich dagegen für wertlos undganz dilettantisch. Ssanin will die freie Liebe, dasgenügt ihm und soll auch dem Leser genügen; aufeine regelrechte ernsthafte Besprechung der für undwider seine Ansicht geltend machenden Gründe läßter sich nicht ein. Was er aber zu gesunder reiner„Lebensanschauung“ sagt, ist arg jugendlich.

Die Uebersetzung ist zwar leicht leserlich; aberobschon ich selbst nicht russisch kann, so glaube ichdoch sagen zu dürfen, daß sie nicht gerade charakteristischim Ton ist. Sie ist glatt, mehr aus Oberflächlichkeit,als durch Feile. Die Darstellung geschlechtlicherVorgänge ist unverhüllt und krankhafterotisch, in jener nervös krankhaften Weise sogar,daß sie ansteckend wirkt. Man wird sich zumal injungen — oder auch vorgeschrittenen —

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