Sämtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff (Schuld und Sühne)

Sämtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff (Schuld und Sühne)
Title: Sämtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff (Schuld und Sühne)
Release Date: 2018-11-05
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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F. M. Dostojewski: Smtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
herausgegeben von Moeller van den Bruck

bertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Erster und zweiter Band

F. M. Dostojewski

Rodion Raskolnikoff

(Schuld und Shne)

Roman

R. Piper & Co. Verlag, Mnchen

R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1922
23.–35. Tausend
Druck: Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
Buchausstattung von Paul Renner.

Copyright 1922 by R. Piper & Co.,
Verlag in Mnchen.

Zur Einfhrung in die Ausgabe

Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russischeGeistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewichtgegen ein Westlertum, dessen Einflssen auch wir ausgesetztwaren, wie Ruland ihnen ausgesetzt gewesen ist, und dasauch uns dahin gebracht hat, wohin wir heute gebracht sind.Nachdem wir solange zum Westen hinbergesehen haben,bis wir in Abhngigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetztnach dem Osten hinber – und suchen die Unabhngigkeit.Aber wir werden sie nicht im Osten, wir werden sie immernur bei uns selbst finden.

Der Blick nach dem Osten erweitert unsern Blick um dieHlfte der Welt. Die Fragen des Ostens sind fr uns zunchsteine Frage der geistigen Universalitt. Und wenn wiruns mit ihnen beschftigen, dann handeln wir nur im Geisteunserer besten berlieferung. Aber diese Fragen sind nochmehr. Sie sind zugleich eine Frage der geistigen Souvernitt.Nachdem wir sie im neunzehnten Jahrhundert an denWesten verloren haben, wollen wir sie im zwanzigsten Jahrhundertfr Deutschland zurckerringen.

Es wird immer zu unseren Unbegreiflichkeiten gehren,da wir es dahin kommen lieen, da wir uns dem Westenbis zu dieser vlligen Selbstvergessenheit hingaben. Es istum so unbegreiflicher, als wir im Gegensatze zu Ruland,das sich seine geistigen Werte erst erringen mute, die unserenim festen Besitze hielten, und als unter ihnen nichtwenige waren, die wir noch nicht einmal vor der eigenenNation aufgeschlossen und ihr mitgeteilt hatten. Doch wirbevorzugten die fremden Werte. Heute sehen wir die Wirkung.Und wir leben unter den Folgen.

Wir haben im Verlaufe unserer langen Bildungsgeschichteschon manches fremde und ferne Bildungsgebiet einbezogen,ob es das griechische war, oder das italienische. Aber nochnie wurde eines so gefhrlich, wie das westliche geworden ist.Wir werden uns hten mssen, da nicht auch der Osten zueiner Gefahr wird.

Es ist kein anderes Verhltnis zu ihm mglich als das desvlligen Vertrautseins, aber auch des sicheren Abstandes.Wenn wir unsere geistige Souvernitt, und aus ihr folgendunsere politische Souvernitt, wiedergewonnen haben, dannwird auch Ruland nicht mehr und nicht weniger fr unssein, als eines jener groen Bildungsgebiete, die uns reichermachten, aber auch selbstndiger.

Bis dahin teilen wir mit Ruland, aus verschiedenenGrnden, das gleiche Schicksal.

M. v. d. B.

Rodion Raskolnikoff

Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungendes russischen Geistes mit Napoleonals der Verkrperung des westeuropischen Geistes – gleichsamzwei Wiederholungen des Jahres 1812 – sind in derrussischen Literatur: „Krieg und Frieden“ und „Rodion Raskolnikoff“.

Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege,sondern nur mit einer Religionsverdrehung geendet. Ob derrussische Geist auch in der zweiten eine Niederlage erlittenhat oder nicht, das bleibe dahingestellt. Jedenfalls hat erhier gezeigt, da er wrdig ist, seine Krfte mit einemsolchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er demFeinde entgegengetreten – ... Auge in Auge, wie es demKmpfer im Kampfe gebhrt.

Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischenIdee aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal diesittliche Kraftlosigkeit, sondern die religise: bevor man inEuropa die Idee der altrmischen Monarchie, die Idee desuniversalen Caesar-Vereinigers, des Menschengottes auferweckte,mute man zuerst die entgegengesetzte Idee der christlichenuniversalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschenberwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Ideein seinen Taten ganz ebensowenig bewltigt, wie Napoleon-Raskolnikoffes in der Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmalan sie herangetreten, sie haben sie berhaupt nicht gesehen.Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff tatschlich ein„Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand“ erscheint,so ist er doch immerhin – ohne einen „neuen Koran“,ein Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondernnur ohne Gott; und in diesem Sinne ist er natrlich –Pseudoantichrist. „Wenn es Gott nicht gibt, so binich Gott!“ folgert der irrsinnige und furchtlose Kiriloff –nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? „Wenn iches mir einfallen liee, mich fr Gottes Sohn auszugeben,so wrde man mich in allen Jahrmarktsbuden verspotten!“meinte der nicht gar zu vorsichtige und vernnftige Napoleon.Versteht sich, hier ist vom Erhabenen, vom Furchtbarenzum Lcherlichen – „nur ein Schritt“. Ist aber die Furchtvor dem Lcherlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeiteine ebenso lcherliche Furcht, wie die Furcht des Usurpatorsvor der Krone des legitimen Nachfolgers? „Gott hat siemir gegeben. Wehe dem, der an sie rhrt.“ – Hat sie wirklichGott selbst gegeben? – Noch niemand hat ihn miteinem so hhnischen Lcheln danach gefragt, niemand hatmit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerhrt wieDostojewski.


„Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich.Ich stellte mir einmal die Frage: wie, wenn zum Beispielan meiner Stelle Napoleon gewesen wre und er wederToulon noch gypten, noch einen bergang ber den Montblancgehabt htte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondernanstatt all dieser schnen und groartigen Dinge nur irgendeinlcherliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die ernoch dazu htte erschlagen mssen, um aus ihrem KleiderkastenGeld stehlen zu knnen (fr den Anfang seiner Laufbahn– du verstehst doch?). Nun also, wrde er sich denndazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg fr ihnnicht mglich gewesen wre? Htte ihn das nicht abgestoen,weil es doch gar zu wenig ‚groartig‘ war und ...Snde wre? Nun sieh, ich sage dir, ber dieser ‚Frage‘habe ich mich entsetzlich lange abgeqult, so da ich michfrchterlich schmte, als ich endlich erriet (ganz pltzlich,irgendwie), da es ihn nicht nur niemals abgestoen habenwrde, sondern ihm sogar berhaupt nicht in den Sinngekommen wre, da so etwas gar nicht ‚groartig‘ sei ...Er htte sogar berhaupt nicht begriffen, was ihn dabei abstoenknnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg gewesenwre, wrde er sie in einer Weise erwrgt haben, daihr nicht einmal Zeit zum Mucksen geblieben wre, – ohnedas geringste Bedenken! Nun, und ich ... befreite michvon den Bedenken, erwrgte – nach dem Beispiel seinerAutoritt ... Und so war es auch buchstblich.“

Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischenNapoleons „geglcktem“ und seinem eigenen „miglckten“Verbrechen, aber nur den sthetischen, den Unterschiedin der „Form“ und in der Eigenart der geistigen Kraft. Ervergleicht sein Verbrechen mit den blutigen Heldentaten berhmter,gekrnter, historischer Verbrecher, doch Dunja,seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich:„Aber das ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das istdoch nie und nimmer dasselbe!“ – Da ruft er wie rasendaus: „Ah! Es ist nicht dieselbe Form! Es hat kein so sthetischschnes uere! Ich aber verstehe wirklich nicht, warumeine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf die Menschenfeuern – eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furchtvor dem Unsthetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit!“– „Napoleon, die Pyramiden, Waterloo – undeine hagere, hliche Registratorenwitwe, eine alte Wucherinmit einem roten Koffer unter dem Bett, – nun, wiesoll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der Untersuchungsrichter)verdauen! ... Wie sollen die an ein solches Problemheranreichen! ... Die sthetik strt: ‚wird denn‘, heit es,‚Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?‘“

Ja, gerade die konventionelle sthetik, die Rhetorik derLehrbcher, jene historische Lge, die wir mit der Milchunserer erziehenden Mutter, der Schule, einsaugen, entstelltund verunstaltet unsere sittliche Wertung der universalhistorischenErscheinungen. Von dieser „sthetischen“ Schale wirdnun Raskolnikoff durch die Frage nach den Verbrechen derHelden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, „vom Himmelauf die Erde herabgefhrt“, d. h. von jener abstrakten Hhe,wo die akademische Vergtterung der Groen stattfindet, aufdie Ebene des lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesichtgegen Angesicht dieser Frage in ihrer ganzen grauenvollenEinfachheit und Verschlungenheit gegenber. Hat doch einjeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens einmal im Lebenmehr oder weniger bewut fr sich entscheiden mssen, sowie Raskolnikoff es tut: „Bin ich zitternde Kreatur oder habeich das Recht,“ bin ich ein „Fressender“ oder ein „Gefressener“?Und diese Frage, dem Anscheine nach die der umfassendstenund allgemeinsten universalhistorischen Anschauung,ist hier mit der ersten und wichtigsten sittlichen Fragejedes einzelnen Menschenlebens, jeder einzelnen menschlichenPersnlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne diese Fragemit dem Verstande und dem Herzen gelst zu haben – oderhat man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzengelst, – kann man nicht leben, kann man keinen Schrittim Leben tun.

Wenn wir uns nun von der „Furcht vor der sthetik“befreien, werden wir dann nicht zugeben, da der erste,sagen wir mathematische Ausgangspunkt der sittlichen BewegungNapoleons und Raskolnikoffs – ein und derselbeist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen:der kleine Korsikaner, der auf die Straen von Paris hinausgeworfenwar, der Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft,dieser Bonaparte – ist ganz ebenso ein unbekannterVorbergehender, ein junger Mann, „der einmal in derDmmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat,“ wie derStudent der Petersburger Universitt Rodion Raskolnikoff.„Er war auffallend schn, er hatte dunkle Augen und dunkelblondesHaar, war schlank und wohlgestaltet“ – das istalles, was wir zu Anfang der Tragdie von Raskolnikoffwissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von – Napoleon.Das „Menschenrecht“ und die „Freiheit“, die die„Groe Revolution“ erobert hatten, sind fr beide in ersterLinie das Recht und die Freiheit, vor Hunger zu sterben;„Gleichheit und Brderlichkeit“ sind fr sie Gleichheit undBrderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet oder gehatwerden. Beim Anblick dieser „Nchsten“ und „Gleichen“– sagt Dostojewski von Raskolnikoff – „drckte sichdie Empfindung des tiefsten Ekels in den feinen Zgen desjungen Mannes aus“, und wir knnen dabei ebensogut anNapoleon denken. Brderlichkeit und Gleichheit – tiefsterEkel; Freiheit – tiefste Verschmhung, Einsamkeit. WederVergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, nochberlieferungen. „Ein einziger gegen alle, sterbe ich morgen,bleibt nichts von mir brig“ – das ist die erste Empfindungbeider. Und der Einfall dieser „zitternden Kreatur“, ein„Herrscher“ zu werden, wre ein ebenso verrckter Einfall –oder Grenwahnsinn – bei Napoleon wie bei Raskolnikoff:zuerst ins Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und – ausist es. Raskolnikoff hat vor Napoleon sogar einen gewissenVorzug: er sieht nicht nur die ueren, sondern auch dieinneren Schranken und Hindernisse, die er „bertreten“mu, um „das Recht zu haben“. Napoleon sieht sie berhauptnicht. brigens war vielleicht gerade diese Blindheitteilweise die Quelle seiner Kraft – allerdings nur bis zueiner gewissen Zeit: zu guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnisjeglicher Kraft doch nicht verziehen; und auch Napoleonwurde dieser Mangel nicht verziehen. Raskolnikofferkhnt sich zu Grerem, weil er mehr, weil er Greressieht. Htte er gesiegt, so wre sein Sieg endgltiger, unumstlichergewesen, als der Sieg Napoleons. In jedemFall aber ist infolge der Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes,trotz des ganzen unermelichen Unterschiedesder zurckgelegten Wege, das sittliche Gericht ber Raskolnikoffzu gleicher Zeit auch Gericht ber Napoleon. DieFrage, die in „Rodion Raskolnikoff“ erhoben wird, ist dieselbeFrage, die Tolstoj in „Krieg und Frieden“ erhebt; derganze Unterschied besteht nur darin, da Tolstoj sie umfngt,whrend Dostojewski sich in sie vertieft; der einetritt von auen an sie heran, der andere von innen; beidem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.

Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon inviel geringerem Mae sozialer, die Stnde betreffender, undberhaupt kein moralischer Umsturz. „Du sollst nicht tten“,„du sollst nicht stehlen“, „du sollst nicht ehebrechen“– alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln Mosesvorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den uerenkirchlichen und monarchischen berlieferungen, seine inneresittliche Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebensowie vor dem Opfer (Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotzder „Gttin der Vernunft“ war Robespierre ein ebensolcher„Dest“ wie Voltaire, und trotz der Guillotine ein ebensolcher„Menschenfreund“ wie Jean Jacques Rousseau. Manmu seinen Nchsten lieben, man mu sich fr seine Nchstenopfern – dem widersprach kein einziger, weder die Henker,noch die Opfer. Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertungder sittlichen Werte. Die Persnlichkeit war der Allgemeinheitin der neuen Regierungsform nicht etwa weniger untergeordnet,sondern mehr. Bei der mittelalterlichen Verfassungwar diese Unterordnung ganz natrlich, innerlich bedingt,nicht willkrlich gewesen, war die Unterordnung deseinen Gliedes im lebendigen Volkskrper unter ein anderesdurch eine vielleicht sogar falsch aufgefate, aber immerhinreligise, uneigenntzige Idee. Jetzt wird die Politik zurMechanik; die Persnlichkeit ordnet sich dem ueren Zwangdes „Gesellschaftsvertrages“ unter – der Stimmenmehrheit;sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernnftigund richtig gebauten Maschine, zur Eins unter Einern,zur mathematisch berechenbaren Ziffernhhe dieser Mehrheit.Der Druck der neuen anmaenden Freiheit war, wie es sicherwies, furchtbarer als der Druck der alten unverhohlenenKnechtschaft.

Und die Persnlichkeit hielt es nicht aus und emprtesich in der letzten, in der Welt noch nie dagewesenen Emprung.

Versteht sich: am allerwenigsten dachte an die Rechte derMenschenpersnlichkeit, an die Umwertung aller sittlichenWerte – Napoleon, als er die Lufe der Touloner

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