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Reise ins heilige Land_ Im Jahr 1829

Reise ins heilige Land_ Im Jahr 1829
Title: Reise ins heilige Land_ Im Jahr 1829
Release Date: 2019-01-07
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Reise ins heilige Land.


Im Jahr 1829.


Tagebuch meiner Reisen.


Reise

ins

heilige Land.


Im Jahr 1829.


Von
A. Prokesch Ritter von Osten,
k. k. Major.


Wien.
Gedruckt und im Verlage bei Carl Gerold.
1831.


»Sie werden vergehen, aber du wirst bleiben. Sie werdenalle veralten wie ein Gewand; sie werden gewechseltwerden wie ein Kleid, wenn du sie wechselnwirst.«

Psalm CII. 27.


[S. 5]

Die Oberfläche der Erde ist ein aufgeschlagenesBuch. Viele Blätter sind noch weiß gelassen, vielebeschrieben, bald mit mehr, bald mit weniger ansprechenderGeschichte, bald mit Hymnen und Klagen,bald mit Wissen und Kunst. Manche aus diesen wurdenes mehrmals, und dennoch überschlägt man siegerne; andere fesseln den Blick in Bewunderung, inStaunen und Ehrfurcht, und ihr uralter Text brichtunvergänglich durch die Überlage der späteren Jahrhunderte.Zu diesen letzten Blättern gehören dieLandstriche zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeere,zwischen dem blühenden Syrien und dem wüstenArabien, die man unter dem Namen des heiligenLandes zusammen zu fassen gewohnt ist.

Diese Bezeichnung kommt von den Juden, in soferne sie dies Land als das vorzugsweise von demGotte, den sie anbeten, sich und ihnen erwählte betrachten;sie gilt den Christen, in so ferne sie Söhnedes Judenthumes sind, und hauptsächlich, weil indiesem Lande, wie auf einem großen Altar, das Opferihres Heilandes vollbracht wurde. Im Buche vonder Weisheit Salomons (XII. 3.), so wie in demder Makkabäer (II. I. 7.) ist der Ausdruck »heiliges[S. 6]Lands« schon zu finden. In jeder der alten Religionenwaren gewisse Landstrecken für heilig erklärt.

Älter als diese Bezeichnung ist für das Land, vondem wir sprechen, die kürzere: das Land. »Zu derZeit, da die Richter regierten, war Theurung imLande,« sagt das Buch Ruth (I. 1.) und bezeichnetes nicht weiter. So ruft Jeremias aus: »Land,Land, Land, höre das Wort des Herrn!« (XXII.29.) — »Meine Seele hört der Posaunen Schall,und die Feldschlacht, und das Geheul des Mordes,denn Verheerung kommt über das Land.« (IV. 20.)

Das Land Israel, das gelobte Land sindgleichfalls ältere Bezeichnungen, die denselben Raumumfassen, wie die früher genannten. Die BücherSamuels und der Könige geben hiezu viele Belege.Der Samaritanische Text bezeichnet diesen Umfangklar: »Und der Herr zeigte ihm das ganze Land vomFlusse Ägyptens bis zum großen Flusse, dem FlusseEuphrat, und bis an das äußerste Meer; und derHerr sprach zu ihm: dieß ist das Land, das ich Abraham,Isaak und Jakob geschworen habe....« (V.Mos. 34.) Und: »Alle Orte, darauf eure Fußsohletritt, sollen euer seyn; von der Wüste an und vondem Berge Libanon und von dem Flusse Phrat bisau das äußerste Meer soll eure Gränze seyn.« (V.Mos. XI. 24).

Oft für den Begriff des gesammten Landes gebraucht,[S. 7]aber eigentlich nur Theilen desselben gehörig,sind die Bezeichnungen: Land Kanaan,Gilead, Judäa. Unter Kanaan wurde im engernSinne das Land westlich dem Jordan verstanden,denn der Herr spricht zu Moses, im Landeder Moabiter, also östlich vom Jordan: »wenn ihrüber den Jordan gegangen seyd in's Land Kanaan«(IV. Mos. XXXIII. 51); unter Gilead häufig dasLand östlich dem Jordan, welches von den StämmenRuben, Gad und halb Manasse bewohnt wurde;daher (Josua XXII. 9): »Also kehreten nun die Rubeniter,Gaditer und der halbe Stamm Manasse undgingen von den Kindern Israel aus Silo, die imLande Kanaan liegt, daß sie in's Land Gileadzögen, das sie erbeten auf Befehl des Herrn durchMose.«

Daß der Jordan die Ostgränze von Kanaan machte,geht aus der Vergleichung mehrerer Stellen untersich hervor; z. B. sagt Moses (II. XVI. 35): »daßdie Kinder Israel bis an die Gränze des Landes KanaanManna aßen;« Josua aber (V. 12) erzählt,daß das Manna aufhörte, sobald sie den Jordan erreichthatten. — Der Herr straft Moses, indem erihm verweigert, das gelobte Land zu betreten (IV.Mos. XX. 12), und als Moses in's Land der Moabitergelangt war, sprach er zu ihm: »Gehe auf dasGebirge Aharim, auf den Berg Nebo, der da liegt.... Jericho gegenüber und besiehe das Land Kanaan,das ich den Kindern Israel zum Eigenthum[S. 8]geben werde und stirb auf dem Berge.... denn dusollst das Land sehen vor dir, aber nicht hineinkommen.«(V. Mos. XXXII. 49-52.)

Aus diesen Stellen aber geht hervor, daß nachder ersten Offenbarung des Herrn das Land Gileadkeinen Theil des gelobten Landes ausmachen sollte;warum es dennoch zu einem solchen ward, erklärt sichaus der den Kindern Israel niemals gelungenen gänzlichenUnterwerfung von Kanaan. Nur in so fernedas gelobte Land überhaupt das den Israeliten zwischenJordan und Meer vermeinte des Herrn bedeutet,finden wir vor der Trennung des Reiches, auchdie Bezeichnung Israel auf diese Ausdehnung beschränkt.(Ezechiel XLVII. 18.)

In Kanaan ist der phönizische Gleichlaut χνά zufinden. Nach Sanchoniatan gab dieser Χνά, derspäter Phönix geheißen haben soll, den Phönikernden Namen. (Euseb. praep. Evang. II.) Er ist derKanaan, von welchem die Genesis spricht (X. 15),der Gründer von Sidon und selbst von Jerusalemals Stadt der Jebusiten, überhaupt der Urvater derStämme, welche das schöne Kanaan bewohnten, dieWelt in ältester Zeit durchschifften und im Vertilgungskriegegegen die Kinder Israel Jahrhundertehindurch standen. Diese, mit dem Schwerte desGlaubens bewaffnet und in Ägypten zur Lehre erzogen,daß zwischen Religionen kein Verträgniß, kein[S. 9]Zusammenwohnen, sondern nur ein Kampf auf Lebenund Tod erlaubt sey, brachen zahlreiche Städteder gebildeten Kananiter, scheiterten vor anderen undbewahrheiteten damals schon den oft wiederholtenSatz der Geschichte, daß zuletzt das gebildete Volkdem rohen unterliegt.

Judäa bezeichnet eigentlich den von dem TribusJuda bewohnten Landstrich. Später hieß der eineTheil des Reiches so; der andere, im Gegensatze,Israel. Daß die Bezeichnung Judäa auch für dasganze gelobte Land genommen wurde, geht aus II.Chronik IX. 11 hervor, so wie aus den ParallelstellenMatth. XIX. 1. und Mark. X. 1. Spätere brauchensie häufig in diesem erweiterten Sinne, wie Josephus,Ptolemäus, Rutilius, Eusebius u. a. m.,und Medaillen des Titus Vespasianus tragendie Umschrift: Judaea capta.

Wir Neueren bedienen uns am häufigsten derBezeichnung Palästina, verstehen aber nicht seltennur das eigentliche Kanaan darunter. Die Bibelkennt das Wort nicht. Philo braucht dasselbeals syrischen Ursprunges in der erwähnten engerenBedeutung (de Abrah.). Die alten Ausleger derGenesis nehmen es nicht selten im weiteren Sinne;so auch die Griechen und Römer. Medaillen Vespasianssagen gleichfalls: Palestina in potestatemP. R. redacta. Die älteren christlichen und arabischenSchriftsteller bedienen sich dieser Bezeichnung[S. 10]häufig. Unter Theodosius erscheint die Eintheilungin das erste, zweite und dritte Palästina. —Als Theil von Syrien betrachtet, wirdes schon von Herodot (VII. 89) Palästina genannt,oder auch das syrische Palästina (I. 105), einevon Anderen oft gebrauchte Bezeichnung.


Die Bedrückungen, welche Abdallah, Paschavon Akka, Tripolis und Seida, gegen viele inPalästina wohnende und des Schutzes Sr. Majestätdes Kaisers genießende Christen und Judensich erlaubte, veranlaßten im März 1829 meine Sendungnach diesem Lande. Er hatte die Freizügigkeitvon Ort zu Ort mit Fesseln belegt, den Handel willkürlichbeschränkt, dem k. k. Konsul von Akka eine bedeutendeGeldsumme abgezwungen, ihn und dessenFamilie mit Schimpf und Gefahren bedroht, endlichsogar zur Flucht in die Hände aufrührerischer arabischerStämme nach Nazareth genöthiget, die FlaggeSr. Majestät, vor bald tausend Jahren auf denWällen von Akka gegründet, vom Konsulate herunterreißen lassen und jede Verbindung mit unserenKauffahrern einzig auf seine Willkür gesetzt. DieseÜbelstände auszugleichen war mein Auftrag.

Ich ging zu Ende März von Smyrna mit derk. k. Korvette Veloce unter Segel. Der Himmel wartrüb und es stürmte heftig aus Süd und Südost. Ichhätte klüger gethan, zwischen den Inseln von Vurla[S. 11]oder auf den Untiefen von Smyrna den Wechsel desWindes abzuwarten; aber gewohnt an die See, gefielmir besser, dieß im Freien und unter Segel zuthun. Am Abend des 31. März war ich in den Gewässernvon Ipsara. Die See ging hohl und eshing furchtbar schwer und schwarz ringsum am Himmel.Dabei regnete es und warf zeitweise Schnee und Hagel,so daß wir, überdieß von den über Bord schlagendenWellen fortwährend durchnäßt, ungemein an Kältelitten. Wir hatten noch die Wahl, nach Phokäa,einem geräumigen Hafen der asiatischen Küste, oderin die Straße zwischen dieser und der Insel Lesboszu flüchten; aber beide Richtungen hätten unsweit vom Wege abgebracht. Wir sagten uns, daßunser Schiff gut sey und auch die schwärzeste Nachtzu Ende gehe, und beschlossen die See zu halten.Um Mitternacht sprang der Wind nach Südwest um,und ging in Stöße über. Die See begann zu stäubenund zu kochen; das Schiff, ohnedieß sehr zumRollen geneigt, arbeitete schrecklich. Vieles Tauwerkriß und wurde nur mühsam ersetzt. Wir zogennach und nach alle Segel ein bis auf die Marsen desHaupt- und des Fockmastes. Um 4 Uhr war dieWuth am höchsten. Es versuche keine Feder, dieKraft des Elements zu malen, das plötzlich, wielebendig gewordenes Gebirge, sich hebt und einherschreitet! —Der Mensch kann in solcher Stundenichts mehr thun, als in die Treue seiner Breter und[S. 12]in Gottes Gnade hoffen. — Bei den gewaltsamenSchwingungen der Masten, und dem Froste, der dieGlieder lähmte, wurde unsere Mannschaft nur schwerder Marssegel Meister, an welchen wir das letzteReff nehmen ließen. Wir versuchten noch, gegenSturm und See, die Richtung Südwest zu erzwingenund hielten uns hart an beide, bis endlich derTag anbrach. Eine graue Verheerung — ein Chaos,wo alle Atome im Aufruhr stehen, umgab uns; Himmelund See lagen fest auf einander. Indessen,man sah doch! und die Blitze, diese Mitverschworenendes Schreckens und des Todes, übergossen zwarnoch unsere Wangen mit Gluth, hatten aber überunsere Augen die verwundende Macht größtentheilsverloren.

Um 1/2-6 wurde es plötzlich lichthell im NNW.Aber es war kein tröstliches Licht, sondern jenerweiße Leichenglanz wie an Sternen, die verlöschen.Es thürmte sich schnell über einander und stand aufgerichtetwie ein Riese da. Alle Blicke starrten darauf.Jetzt begann es sich zu neigen und zu bewegen,und Blitze zuckten von Zeit zu Zeit daraus. Nochhofften wir, der Ouragan und diese ungeheure Wassermasse,denn das war es, würden nach einer, unsnicht gefährlichen Richtung getrieben; und wir durftendieß hoffen, so lange der Sturm noch in SW.fest stand. Aber wer schildert die Angst, als wir[S. 13]den Wind matter werden und immer westlicher abfallensahen, und nicht mehr zweifeln konnten, daßder Ouragan den Sturm übermeistere! Wir konntenunsere Kanonen gegen die herannahenden Wasserhosennicht brauchen wegen dem entsetzlichen Schwankendes Schiffes, das nun, da der Wind todt gewordenwar, die See aber noch den Andrang ausSW. behielt, uns alle fast betäubt schlug. Esnahte und nahte immer schrecklicher — und zerplatzteund richtete sich ohne Unterlaß wirbelnd auf; —jetzt war es da, faßte uns am Steuerbord — rißdessen ganze Bekleidung ein — brach die Kettenund Gurten ab, an welchen der Anker außen am Bughing, und warf diese Last nach innen ins Schiff, sodaß sie das Verdeck durchschlug — brach eben so dieschweren Taue durch, womit die Boote im Schiffebefestiget lagen — riß diese und eine Menge Gegenständemit sich fort, — zerbrach den Matrosen,die sich nicht schützen konnten, Arm und Beine, —öffnete die festgeschlossenen Lucken der Kajüte und derOffiziersgemächer, — füllte diese Räume und dasganze Verdeck mit Wasser und legte das Schiffauf die Wellen, so daß das Steuer nicht mehr griff.In dieser entsetzlichen Noth hatte Jeder so viel mitsich zu thun, daß kaum Einer an den Tod dachte.Die Einen schwammen auf dem Verdecke und suchtensich an Seilen zu fangen; die anderen tauchten ausden Lucken empor; die dritten klammerten sich festeran die Gegenstände, die ihnen zur Rettung gedient[S. 14]hatten; eine Zahl war betäubt durch den Schlag unddurch die Wunden, und wußte gar nicht, was geschah;einer der Offiziere, der Lieutenant Sandry, warüber Bord geschleudert worden und hatte sich wunderbaran einem Stricke im Fluge gefangen. Ich hieltmich an den Arm des Steuers und dachte in mir:»also noch fünf oder sechs Sekunden, und wir sindversunken!« —

Durch ein Zusammentreffen von Glück und Besonnenheitwurde das Schiff gerettet. Die Veranlassunghiezu war eine natürliche, aber ich traue keinemMenschen auf dieser Erde die Kraft zu, in solchemAugenblicke dies Natürliche anders als durch Instinktzu errathen. Die Wassermasse, die uns umgeworfenhatte, war aus NNW. gekommen; die Seekam, wie oben gesagt, aus SW. und zwar mit derGeschwindigkeit von sechs bis sieben Meilen. So wiedie Wassermasse gegen die See anstürzte, lehnte sichdiese ihr entgegen auf und dieser Rückstoß richtete unsempor. In diesem Augenblicke, da das Steuer wiedergriff, hatte der Steuermann die Besonnenheit,es herumzuwerfen, so daß das Schiff die See inRücken bekam und alsogleich von ihr getrieben wurde.Nun schlugen wir alle, ohne Wink

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