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Nick Tappoli

Nick Tappoli
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Title: Nick Tappoli
Release Date: 2019-02-09
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Cover

Nick Tappoli

Roman

von

Jakob Christoph Heer

61.–70. Tausend

Signet

Stuttgart und Berlin
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
1922


Alle Rechte,
insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten

Für die Vereinigten Staaten von Amerika:
Copyright, 1920, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin


[5]

Vorwort

Vor etlichen Jahren überreichte mir eine inzwischenverstorbene Zürcher Dame in zwei Heften ihre Lebensbeschreibungwie die ihres Mannes, der ihr bereits imTod vorangegangen war. Die alte, aber stets noch lebhafte»Frau Nick Tappoli« äußerte dabei die Hoffnung,daß mich die bewegten Schicksale, die in den Aufzeichnungenenthalten sind, zur Gestaltung eines Romansanregen möchten. Nun habe ich als Schriftsteller immerdas Gefühl gehabt, daß für uns eigentlich nur die Stoffegut und dankbar sind, die ohne äußeres Dazutun ausder eigenen Seele keimen und wachsen. So ließ derRoman der »Nick Tappoli« auf sich warten, und dieAnregerin selber hat also die Erfüllung ihres Wunschesnicht mehr erlebt.

In der langen Öde der Kriegszeit aber, die sich allemfriedlich dichterischen Schaffen so furchtbar feindlicherwies, geriet ich wieder einmal über die beiden Manuskripteund suchte in ihrer Bearbeitung Vergessen von denwehen Eindrücken der Weltbegebenheiten. So entstandder Roman doch. Inwieweit nun das Werk das geistigeEigentum der Verstorbenen ist, inwieweit ich den Stoffausgebaut und gerundet habe, möge vor den Lesernnicht erörtert werden; es genüge die Feststellung, daß[6]ich die etwas merkwürdigen Linien der Handlung getreuaus den Heften der Zürcher Dame übernommenhabe und mir nur an ihrer Vereinfachung gelegen seinließ. Ich machte dabei die alte Erfahrung, daß die Wirklichkeitdes Lebens viel freier und willkürlicher mit denMenschenschicksalen spielt, als es die dichterische Phantasiein einer nach künstlerischen Gesichtspunkten aufgebautenErzählung wagen darf. Der Leser möge es entschuldigen,wenn er Spuren davon auch im Buche nochfindet.

Bei dem teilweise Zürcher örtlichen Gepräge desBuches liegt mir noch an der Erklärung, daß ich darinalles, was auf bekannte Lebende oder Verstorbenedeuten könnte, nach bestem Wissen und Gewissen ausgemerzthabe. Das beliebte Spiel, die Vorbilder derGestalten eines Romans auszuforschen, hätte in diesemFall keinen Sinn und würde nur zu falschen Vermutungenführen.

Möge »Nick Tappoli« aufgenommen werden als das,was das Buch ist: ein mitten aus der Flut des Lebensgeschöpftes Beispiel menschlichen Ergehens, ein Zeugnis,wie Kraft und Unvermögen, Irrtum und Erkenntnisuns den Weg bereiten.

J. C. Heer


Das Städtchen Eglisau an der Steilhalde des Oberrheinsbildet den Zugang zum Rafzerfeld, einem rechtsrheinischenLappen Schweiz inmitten badischen Gebietes.Nur durch die holzverschalte Brücke, an deren Sprengwerkein Wald von Stämmen verwendet worden ist,hängt es mit der Landschaft von Zürich zusammen, deres im fünfzehnten Jahrhundert durch friedlichen Kaufeinverleibt worden ist. Vom Mittelalter an bis zum Aufkommender Eisenbahnen hat der Ort auf dem in hellerBläue einherwogenden Strom viele muntere Bildergesehen: in den Weidlingen, den langen, schmalen Kähnen,die mit großer Sicherheit über Wirbel und Klippenhinweggleiten, die Kaufleute und das fahrende Volk,das von Konstanz her auf die Zurzacher und BaslerMesse zog, und auf den Flößen, welche die mächtigenAlpentannen für den Schiffbau nach den Niederlandenführten, allerlei Reisende, die um billiges Geld dieWelt sehen wollten. Selten wohl glitt ein Fahrzeugan Eglisau vorüber; ein jedes fast machte kurzen Halt,und die Insassen ließen sich den Rotwein des Städtchensmunden, das wie der Vogel in sein Nest mitten inWeinberge hineingebettet liegt.

Als aber hüben und drüben in den Ländern am RheinEisenbahnen entstanden, erlosch der Verkehr auf dem[8]Strom allmählich. In den sechziger Jahren lag schon einHauch des Stillstandes und der Vergessenheit über demStädtchen. Mit verwitterten, doch blumenumranktenLauben schauten seine hochgebauten, einander überragendenFirsten auf das lichte Band des Stromes. Beider Brücke erhoben sich der stattliche Barockbau der Kirchemit dem in einer roten Zwiebel endigenden Turm unddicht daneben das große, weißgetünchte Pfarrhaus, vordem der Fluß in Wogen und Strudeln quirlt. An Kircheund Pfarrhaus vorbei windet sich die von Zürich undSchaffhausen führende Straße in mäßiger Steigungdurch das Städtchen empor. Da standen ein paar alteGasthöfe mit kunstreichen Schildern, der »Hirsch« miteiner von Eichensäulen getragenen Laube und die»Krone« mit den gotischen Fensterreihen, auch Bürgerhäusermit patrizischem Schmuck, Wappen, Namen,weit in die Straße vorspringenden Wasserspeiern, undda und dort ein Kramladen mit bauchigem Fenstergitter.In dieser Gasse und einigen anderen lag noch ein Abglanzreichsstädtischen Wesens über der kleinen Stadt, verlorsich aber weiterhin bald in die Bilder bäuerlicher Behäbigkeit.

Wie bescheiden sich indessen die Schicksale Eglisausmehr und mehr gestalten, einige Vorzüge blieben ihmdoch: die schöne Lage am gewaltigen Wogenzug desjungen Stromes, die fruchtbaren Felder, die prächtigenWälder an beiden Ufern, vor allem aber der an heißerHalde gewachsene Wein, der die Sommersonne eingefangenhat und im Glas einen milchweißen Stern wirft,und die köstlichen Forellen und Salme, die beim Wasserrad[9]der Schiffsmühle oberhalb der Brücke mit großenSenknetzen aus dem Strom gehoben werden. Wegendieser Annehmlichkeiten war das Städtchen von jeherein beliebtes Ziel der von Zürich ausfliegenden Naturfreundeund Feinschmecker, besonders in goldener Herbstzeit,wenn der Duft des Sausers, des gärenden Weinmostes,durch die Gassen wehte und durch die BrückeTag und Nacht das Schellenklingeln der Weinfuhrwerkeging.

Fast mehr noch als die Gasthöfe wußte Pfarrer SalomonTappoli, Bürger von Zürich, der damals in Eglisauamtete, von Gästen zu erzählen, ein ebenso leutseligerwie geistreicher Kopf, der dem Leben einen künstlerisch-sonnigenGehalt abgewann und die Besuche aus seinerVaterstadt in launiger Geselligkeit um sich scharte.

Zu jener Zeit hatte das Städtchen aber auch nocheinen berühmten Messerschmied, Meister Martin Junghans.Wer von ihm geschaffene Werkzeuge besaß, Messerund Scheren, Zirkel und Schublehren, auf denen dieMarke »Junghans«, ein fröhliches Gesicht mit Zipfelmütze,eingestempelt war, der durfte sie sehen lassen.Sie waren bester Stahl, sorgfältige Arbeit. Sie lobtenden Feinschmied von Eglisau und waren auf den Schweizerwie süddeutschen Märkten vorteilhaft bekannt. Gewißhätten sie eine noch größere Verbreitung gefunden,wenn Martin ein ebenso gewandter Kaufmann wieHandwerker gewesen wäre und ihren Ruf ausgenützthätte. Er verlangte jedoch aus angeborener Bescheidenheitfür die Werkzeuge nie so viel, wie es der fast eigensinnigenGewissenhaftigkeit seiner Arbeit entsprochen[10]hätte, und das Städtchen mit seinen Nachbardörfern warfür die Erzeugnisse Meister Martins auch kein genügendesAbsatzgebiet. Als Händler selber auf die auswärtigenMärkte zu ziehen, widerstrebte seinem ehrenfesten Wesen,und mit den Wiederverkäufern, welche die Waren wohlrasch und mit Vorteil los wurden, sie aber bei ihm langeschuldig blieben, hatte er manchen redlichen Verdruß.

Warum es Martin Junghans nie recht zu Klingendembrachte, lag aber wohl am meisten an seiner großenFamilie. Das vom Vater ererbte stattliche Haus an derObergasse, eines der ältesten und höchsten des Städtchens,mit geräumiger Werkstatt und kleinem Laden,gewährte ihm und den Seinen zwar reichlich Raum,aber der Tisch war manchmal für den dutzendköpfigenHaushalt etwas knapp. Er bestand aus den Eltern, denbeiden Gesellen und acht Kindern. Doch waren geradediese in ihrer blühenden Gesundheit der Stolz desSchmieds. Unparteiisch teilten sie sich in ein Vierblattvon Knaben und Mädchen, und ebenso unparteiischschlugen sie zu je vier im Aussehen dem großen, blonden,blauäugigen Vater und wieder zu je vier der kleinen,dunkelhaarigen und schwarzäugigen Mutter nach; ihmvor allem die beiden ältesten Söhne, Friedrich und Ulrich.

Wie es in großen Familien der Fall ist, erzogen sichdie Kinder von selber; die Jungen am Beispiel des Vaters,die Mädchen an dem der Mutter, die neben demHauswesen eine kleine Landwirtschaft mit Weingartenund Acker besorgte. Gleich hinter dem Haus lagen dieGrundstücke, stiegen bergan und verloren sich an derfreien Anhöhe. Rechtschaffen müd konnten darin die[11]Glieder werden. Wollte sich aber einmal der Faden derErziehung nicht von selber geben, sprang ein mutwilligesBöcklein aus Reih' und Glied, so half Vater MartinJunghans nach und züchtigte es. Das geschah selten,aber dann mit treuherzigem Zorn, männlicher Festigkeit,und von der Mutter ließ er sich nicht in den Arm fallen.

Diese betrübliche Vaterpflicht hatte er unlängst anUlrich, seinem zweiten, bald zwölfjährigen Sohn erfüllt,der sich als Ziel für heimliche Schießübungen die blindenRundscheiben eines Nachbarhauses ausersehen hatte.

Nun bemerkte er im Wesen des Knaben eine Änderung,die ihm zu denken gab. Der sonst gutgeartete,offene und geschickte Junge, wegen seiner geistigen Lebhaftigkeitbeinahe sein Liebling, verschloß sich ihm, derMutter, den Geschwistern und wurde ein Eingänger undEigenbrötler. Schwer ließ sich sagen, was er in denSinnen trug. Hatte der Vater den Buben wegen derpaar Scheiben doch zu scharf gestraft? – Meister Martinwar darüber nicht ohne innere Unruhe, doch ließ er esgewähren, daß sich der Junge oft bergwärts davonschlich,hinauf in die stillen Felder und Wälder, die sich in breiterEbene über der Stromhalde ausdehnen. Noch war esja keine Übeltat, wenn ein Knabe gern allein seinerWege streifte, und gelegentlich war schon wieder einWort mit ihm zu sprechen.

In der Tat war Ulrich über der Züchtigung eine weheKränkung ins Gemüt gefahren. In seinem Einsamkeitsdrangvertrieb er sich die Zeit mit allerlei knabenhaftenGedanken über das menschliche Leben, Werden, Seinund Vergehen. In den Adern floß ihm aber das Blut[12]des Vaters, den es nie lange beim bloßen Sinnen litt.Die Hände mußten etwas zu tun haben. Er zertrümmertealte Baumstrünke, um sie nach ihrem Inhalt zudurchforschen, wühlte in Fuchs- und Dachshöhlen undbaute in die Quellenläufe Wasserräder aus Weiden undSchindeln; endlich suchte er dadurch einen Ausweg ausseinem Groll, daß er sich auf eine Erfindung warf, undzwar auf die eines Flugzeuges, was damals noch keinso landläufiger Gedanke war wie in unseren Tagen.

Als Werkstätte diente ihm eine Hütte, die sich Holzhauerim Winter zur Zuflucht erbaut hatten. Sie standdurch einen Waldstreifen vor neugierigen Blicken geschützt,vom Städtchen ziemlich entfernt, am Strom.Dahinauf trug er aus einer Bucht Weidenzweige, Binsenund Schilf und flocht sich daraus mit einer Geschicklichkeit,die eines Korbmachers würdig gewesen wäre,zwei Flügel, die, wenn er sie aufstellte, doppelt so hochwie er selber waren. Der Sattler lieferte ihm um guteWorte und wenig Geld einen alten Gürtel und starkenZwirnfaden, mit denen er die Schwingen zusammenfügte,und lederne Handriemen, die er an die Flügelnähte, damit er sie zu bewegen vermöge.

In tiefer Heimlichkeit war die Maschine fertig geworden.Strahlenden Auges betrachtete er sie und sah sichin seinen Träumen bereits durch die Lüfte schweben.Sein Ehrgeiz war, den Rhein zu überfliegen. Die Eglisauersollten nun sehen, daß er mehr könne als Schrotin alte Fenster schießen. Vor allem aber wollte er denVater beschämen, die Erfindung um eine große SummeGeldes verkaufen und ihm den Betrag schenken. Bei[13]diesem Gedanken klopfte ihm das Herz fast zum Zerspringen. –

Eines Sommertags arbeitete er mit Mutter undGeschwister im Weinberg; nun aber die Glocke aus demStädtchen herauf vier Uhr meldete, durfte die Jugendbaden gehen.

Er tat vor der Mutter, als ob auch er diese Absichthätte, löste sich aber bald aus der Schar der übrigenKnaben und stieg berghinan. Die große Stunde war da,wo er den Wert seiner Erfindung beweisen wollte. Mitjeder Faser seiner Sinne glaubte er daran.

Aus der Waldhütte schleppte er die Flügel an eineStelle der Stromhalde, an der ihn nicht leicht jemandbeobachten konnte, und hielt von einem zerbröckelndenFelskopf Ausschau. Wenn er in den Rhein flöge! Daswäre nicht schlimm. Als vortrefflicher Schwimmer warer in den Wellen daheim. Wie ärgerlich aber! Am Fußdes Abhangs, halb hinter Weidenbäumen verborgen,badete an einer seichten Stelle eine kleine Schar Schulmädchenin weißen Hemden. Zwei davon erkannte eraus der Höhe: seine Schwester Marie und ihre jüngereFreundin, das Pfarrerstöchterlein Nick; denn so dunkleHaarschöpfe wie die beiden hatte sonst niemand imStädtchen. Ihnen über die Köpfe hinwegfliegen? Wasentstände für ein Geschrei! – Nein, es war dochklüger, zu warten und den wilden Eifer zu zähmen.Wie eine Ewigkeit erschien ihm die halbe oder ganzeStunde, während der die Mädchen sich noch im Wassertummelten.

Endlich kleideten sie sich unter den Uferweiden an.[14]Eines die Arme in die des andern gehängt, gingen siemit lässigem Singsang gegen das Städtchen zurück undließen auf ihren Rücken die Badhemden in der Sonnetrocknen.

Nun war sein Augenblick da.

Mit wildem Herzpochen hängte er sich den Gurtder Flügel über den Nacken und schlüpfte mit den Armenund Händen in die Bänder. Das Gesicht heiß und kühl,die Stirne vor Erregung schweißtriefend, rannte er,die Schwingen hinter sich schleppend in jähem Anlaufüber den Felskopf hinaus.

Was half ihm sein verzweifelter Mut? – Es gingihm wie damals noch allen, die fliegen wollten. Dieschöngebauten Flügel machten keinen Schlag. Über denFels hinab stürzte er auf die mit wenig Gras bewachseneGeröllhalde, hilflos kollerte er mit den Flügeln denAbhang hinunter, dann warf ihn die wachsende Sturzkraftmitten in ein Gebüsch von Schwarzdorn und Brombeerstauden.Sie hielten seinen weiteren Fall auf.

Unbewußt hatte er bei dem Sturz einen Schrei ausgestoßen.

Die heimwärts schreitenden Mädchen blickten sich um,kamen eilends zurückgelaufen und spähten ängstlich indas Gestrüpp. Marie, die Schwester, schrie entsetzt auf:»Mein Gott, du bist es, Uli!«

Es war nicht leicht, dem in die Dornen GefallenenHilfe zu bringen; im Kreise stand das Schärchen jammerndum den unglücklichen Flieger, den die Schnallenseiner

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