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Die Last

Die Last
Author: Engel Georg
Title: Die Last
Release Date: 2006-04-22
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 25 March 2019
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Die Last

Roman von
Georg Engel

Ullstein & Co
Berlin • Wien


Motto:

Nicht an einer Person hängen bleiben:und sei sie die geliebteste – jede Personist ein Gefängnis, auch ein Winkel.

– – Nicht an einem Mitleiden hängenbleiben: und gälte es höheren Menschen,in deren seltne Marter und Hilflosigkeituns ein Zufall hat blicken lassen.

Friedr. Nietzsche

Erstes Buch.

I.

Es war Tag geworden.

Noch immer rieselte der Regen und troff an denkleinen Fenstern der Krankenstube herunter. BleigrauesLicht stahl sich zögernd durch die Gardinenund mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auchjetzt noch vor dem Bette brannte.

Auf dem großen Bauerngutshof erwachte einigesLeben. Man hörte zuweilen ein dumpfes Aufbrüllender Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen derKnechte. Doch klang alles gedämpft, als fürchte man,die Kranke zu stören.

Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Gehöft;und je mehr das trübe Sonnenlicht vorrückte, in destogrößere Lautlosigkeit verfiel das Anwesen.

In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmerwurde ein schwacher Ruf laut. Kränklich, hohl, gebrochen,ein wenig gereizt klang er, aber so leise dieStimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernenSessel neben dem Bette ein Mann von mächtiger,imposanter Gestalt auf, rieb sich ein wenig die Augen,strich ein paarmal energisch über seine dicken, kurzgeschorenenHaare und legte dann seine Finger behutsamauf die Hand der leidenden Frau.

»Na, Elsing,« forschte er aufmunternd, wobei erseine Stimme soviel als möglich herabdämpfte, »geht’sein bißchen besser?«

Statt einer Antwort rang die Angeredete dieHände und vergrub ihr Antlitz in die Kissen: »Dulieber Gott,« stöhnte sie leise, und es war beinahe,als ob aus dem weißen Linnen ein Schluchzen dränge.

Der Mann ließ seine Hand aufs Knie sinken undstarrte auf den hellen, sandbestreuten Estrich der Stube.

Plötzlich warf sich das junge Weib herum undforschte hastig: »Du bist wohl eingeschlafen, Wilms?«

Seltsam, – neidisch fast schien die Frage.

»Ja, ich bin ein wenig eingenickt,« gab der Gattezu. Und wieder konnte man leise Entschuldigung ausden Worten hören. »Ich sitz’ ja nun auch bald dievierte Nacht so,« murmelte er halb für sich.

Es wurde still.

Aus der Ecke nur tönte das schwere Tick-tack einerunförmlichen Kastenuhr, und zuweilen knirschte derSand unter dem Stiefel des Mannes.

Die Leidende seufzte und schien die rechte Lagenicht finden zu können. Endlich streckte sie sich undblickte in das trostlose Grau des Regentages hinaus.

Welche Traurigkeit dort draußen und hier drinnen.

Gegen die Fenster stäubte der Regen, Hagelkörnerschlugen scharf gegen die Scheiben, und über dieWangen der Liegenden floß eine Träne.

»Lösch’ die Lampe aus, Wilms,« bat sie, »meineAugen – es tut mir weh.«

Er schraubte das Licht herunter, sofort sah esin der Stube noch fahler aus.

»Armes Weib,« murmelte er, »armes Weib.« Erstrich über ihre Haare und richtete sich langsam auf.Dann schritt er zur Tür. – Aber er sollte nichthinausgelangen.

»Wilms.«

Sein Weib hatte sich aufgerafft. »Du sollst nichtfort,« rief sie angstvoll, »ich kann nicht allein bleiben– mich friert, wenn du draußen bist!«

»Elsing – unsere Wirtschaft leidet darunter –ich muß –«

»Ja, ja – die Wirtschaft – immer die Wirtschaft,«stieß die Kranke hervor und fiel erschöpft inihre Kissen zurück, »und ich liege hier in meinemElend – zwei Jahre – zwei ganze Jahre schon,und keiner hilft mir, keiner, zur Last falle ich jedem– auch dir –«

»Elsing, ich –«

»Ja, auch dir,« fuhr sie atemlos fort, »ich merk’das sehr wohl – du hast nur Mitleid für mich –nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus Liebegeheiratet.«

Er war zögernd an ihr Bett getreten und plötzlichumschlang sie seinen Hals: »O Gott – o Gott, ich binwohl sehr häßlich geworden?« forschte sie, am ganzenLeibe zitternd. »Nicht wahr, gesteh’s nur ganz offen.«

»Elsing,« – die Stimme des Mannes zitterteleicht. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt undließ ein paar Strähnen ihrer langen, blonden Haaredurch seine Finger gleiten. »Elsing,« beteuerte erdann, »für mich bist du noch so schön, wie in derersten Stunde – sieh doch bloß deine langen, weichenFlechten – und der kleine Mund und die lieben,blauen Augen – alles so hübsch, mein armes Kind.«

Es mußte ihn doch übermannt haben, denn erschloß sein Weib in beide Arme und küßte es zärtlichauf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich befriedigtan seine Brust und für einen Augenblick schiensie beglückt und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandtesie sich bald auf die Seite und forderte ihn mit ihrererregten Stimme auf: »Wilms, gib mir die Bibel vondem Tisch – so, und nun geh – geh nur und schlag einAuge auf die Wirtschaft – es muß ja doch sein.«

Da ging der Mann schwerfällig hinaus; alleinals sich die Tür geschlossen hatte, blieb er stehen undlauschte zurück.

Und trübe schüttelte er den Kopf. – Mit welchfieberhafter, leidenschaftlicher Glut sein Weib dortdrinnen las. Sie sang beinahe; – ekstatisch, wieberauscht tönten die heiligen Worte:

›Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre siech war,trat zu ihm und rührete seines Kleides Saum an.

Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach:Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.Und das Weib ward gesund zur selbigenStunde.‹

»Und ward gesund zur selbigen Stunde,« wiederholtees drinnen, wie verzückt. Dann einen MomentStille, aber plötzlich mit herzzerreißendem Schluchzen:»O Gott – und ward gesund – lieber – lieber– Gott.«


II.

Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete ertief auf. Hier wehte doch frische Luft, hier beengteihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr, und erfrischendrieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt.

Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mittenauf seinem Gehöft gestanden, aber heute befiel ihnzum erstenmal der Gedanke, daß all sein Hab, Häuserund Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschenund Vieh wie von einem drückenden Traum befangenwären.

Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morschund verging. – Und er selbst?

Erschreckt fuhr er auf.

Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffteeine beträchtliche Spalte. Ungehindert floß der Regenhindurch und machte ihm die Wintersaat faulen.Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihnnicht bemerkt.

Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommernsbekannt gewesen; er allein wußte, wie durchZauber, dem fetten Boden dreifach die goldigen,Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetztstand es anders. – Es ging bergab mit ihm.

Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes aufdrei Rädern. Das vierte gebrochen daneben. – Obman nach dem Stellmacher geschickt hatte?

Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt trägedahin, Wilms rief ihn laut an; aber der Mannwußte von nichts, und schon wollte ihn der Landwirtmit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachteer an die Kranke, und beinahe flüsternd befahl erdem Manne, den Stellmacher zu holen.

Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seinegrobe Mütze auf und schritt schwerfällig die Landstraßeentlang. Zu beiden Seiten dehnten sich seineFelder.

Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbarder Regen, und nur allmählich vermochte der Landwirtseine Leute zu erkennen, so dicht wogte derschwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstigtauchten Männer und Frauen aus den Wolken hervor,und verschwanden bald wieder, als hätte sieder Boden eingesogen.

»Wie steht’s mit den Kartoffeln, Karl?« fragteWilms endlich einen jungen, flachsköpfigen Burschen,der tiefgebückt die gesammelten Knollen in einen Korbwarf.

»Der Herr weiß ja – der Regen – es dauertschon zu lang.«

»Ja, ja« – Wilms ballte die Fäuste, und insein ernstes, ehrliches Antlitz gruben sich tiefe Falten.Wie er sich jetzt langsam und ermüdet auf eineneisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Ackerherumlag, da hätte man ihn für einen alten, gebrochenenMann halten können. Und er zählte docherst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüteder Kraft.

Und die Nebel krochen um ihn herum, formtensich, ballten sich, und es war, als ob sie ein häßliches,graues Weib bildeten, zahnlos, mit wackelndemKopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten– die Not, die grinsende Not, und sie hinkteauf ihn zu und streichelte ihn.

Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließseine Leute schaffen, was sie wollten.

Da klang Wagengerassel die Landstraße herab.Ein elendes, ächzendes Gefährt näherte sich, und herabstieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem Stoppelbart,und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenesGesicht, aus dem ein Paar wässerige Äugleinund eine Hakennase lustig hervorlugten. Der Ankömmlinghieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im Augenblickmit einer dicken goldenen Kette und war derKompagnon einer in dem Landstädtchen Grimmensehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein gesetzter,umgänglicher Mann.

Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt.Er schritt gleich auf den Landmann zu undpflanzte sich prustend und atemholend vor ihm auf.

»Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchteltemit seinem Stock hin und her. »Was soll dasheißen? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zuHaus? Als ich vorbeigefahren bin ...«

»Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms undsprang auf – »nicht wahr? – So sagen Sie’s doch,«wiederholte der unglückliche Mann heiser.

»Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meinebloß – – es ist da einer von den Blauen, vonden Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell aufmeinen Wagen« – und leise setzte er hinzu: »Waswollen Sie erst einen Aufstand vor Ihren Leutenmachen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Baldknarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms’ Gehöftzu, und Herr Rosenblüt saß neben dem Besitzer undstarrte ihm ängstlich ins Gesicht, bis sie den Wirtschaftshoferreicht hatten.

Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herabund blickte sich scheu um.

Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollziehervon Grimmen und unterhandelte laut undbarsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeitzu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster derKrankenstube warf und den Beamten zu bitten schien,leiser zu verfahren.

Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksichtauf die leidende Frau gewöhnt; ein lautes Wort,mitten in der dumpfen Stille, war unerhört, erschrecktealle förmlich.

»Da is uns’ Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert,als er des Bauern und seines Begleitersansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig näher, seineGestalt sank immer mehr zusammen, als ob aufseinem Nacken sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegtsei, und auf der Stirn perlten große Tropfen.Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den Beamten,mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. – Nurnicht hier – hier könnte man die Kranke stören,sie dürfte ja von nichts wissen; das könnte ihr denRest geben. »Ich bitt’ Sie, kommen Sie mit mir– ein paar Schritte.«

Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssigeZeitvergeudung. Er knöpfte seinen Rock auf,nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er prüfendüberflog, und während er sich dazu wohlgefällig undamtswürdig seinen militärischen Schnurrbart strich,las er trocken vor: »Beauftragt vom Grafen Brachwitzauf Boltenhagen – Zahlung der rückständigenPacht vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen– hm – vorzunehmende Zwangspfändung.«

»Was? Vom April sind Sie dem Grafen nochschuldig?« warf der Viehhändler dazwischen.

Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wiederzusammen und pflanzte sich vor dem Besitzer auf:

»Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte erprompt.

»Nein.«

»Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie’snicht übel.«

»Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgenZeit lassen wollten,« stöhnte Wilms und legte sichdie Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen –ich könnte mich ja noch an jemanden wenden. –Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Frau soviel – aber es ist doch vielleicht noch möglich.«

»Tut mir leid – strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieherknöpfte dabei seinen Rock zu und wandtesich an den Knecht.

»Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahler kurz. »Wo haben Sie die Schweine?«

»Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hattees tonlos gesprochen und wandte sich jetzt schnell ab.Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr die Handzum Abschiede gereicht. Er ging langsam in dasWohnhaus und trat in das Zimmer seines Weibes.


III.

Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt.Mit der linken Hand hatte sie die Bibel umklammert,die rechte fingerte nervös an der Wand, und ihrekrankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenstergerichtet. Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof,das Knarren der Torflügel, das jetzt laut werdendeGrunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganzaufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte,forschte sie atemlos nach dem Grund all dieses Lärms.– – Ja der Grund –

Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten?Konnte er gestehen, daß man jetzt den besten Teilseines Besitztums forttriebe, daß andere Trümmerbald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihnzusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigenMann, der nun schon seit Jahren, wie gelähmt,an dieses Bett geschmiedet war, so fest, daß alle Bewegungsfähigkeitgehemmt schien? – Merkwürdig,ihm war es, als wäre sein Weib gesünder, als er;und er selbst gebrochen, ausgezehrt, kraftlos, ein toterMann, der in dem großen Lehnstuhl hockte und vorsich hinstarrte.

»Was hantieren sie denn dort draußen so laut?«klagte das Weib und klappte nervös mit dem Deckelder Bibel – »soll denn

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