Michelangelo

Michelangelo
Category: Artists / Italy / Biography
Title: Michelangelo
Release Date: 2018-05-10
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
Count views: 33
Read book
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 18

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1895 erschienenenBuchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnlicheund altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Originalunverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Einige Abbildungen wurden zwischen die Absätzeverschoben und zum Teil sinngemäß gruppiert, um den Textfluss nicht zubeeinträchtigen.

Passagen in Antiquaschrift werden im vorliegenden Text kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerätinstallierten Schriftart können die im Original gesperrtgedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohlserifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Liebhaber-Ausgaben

Künstler-Monographien

von

H. Knackfuß

Professor an der K. Kunstakademie zu Kassel

IV

Michelangelo


Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1895


Michelangelo

Von

H. Knackfuß


Mit 78 Abbildungen von Gemälden, Skulpturen undZeichnungen

Zweite Auflage

Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1895

Druck von Fischer & Wittigin Leipzig.

Michelangelo Buonarroti.
Bildnis von unbekannter Hand (angebliches Selbstbildnis) in der Uffiziengalerie zu Florenz.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)


GRÖSSERES BILD


[S. 1]

Michelangelo.

Lodovico, Leonardos Sohn, Buonarroti Simoni, der Sproß eines altenFlorentiner Adelsgeschlechts, wurde im Herbst 1474 von der RepublikFlorenz, deren Oberhaupt damals Lorenzo de’ Medici war, mit dem Amteines Podestà — Bürgermeisters und Richters — von Castello di Chiusiund Caprese betraut. Während dieser seiner Amtszeit, die auf ein halbesJahr bemessen war, schenkte ihm seine Gattin Francesca den zweitenSohn, worüber er folgenden Vermerk in das Familienbuch eintrug: „Ichbekunde, daß heute am 6. März 1474 mir ein Kind männlichen Geschlechtsgeboren worden ist; ich habe ihm den Namen Michelagnolo gegeben; er istgeboren am Montag Morgen gegen vier oder fünf Uhr, während ich Podestàvon Caprese bin, und in Caprese ist er geboren. Paten waren die untenGenannten. Er wurde getauft am achten desselben Monats in der KircheS. Giovanni zu Caprese. (Es folgt die Nennung der Taufzeugen, neunan der Zahl.) Ich bemerke, daß es der 6. März 1474 nach FlorentinerRechnung ab incarnatione ist, nach römischer Rechnung anativitate ist es 1475.“ Der Geburtstag ist demnach auch nachunserer Zeitrechnung der 6. März 1475. Der Florentiner Kalender beganndas Jahr mit dem Tage der Menschwerdung des Herrn (25. März), derrömische mit dem Tage der Geburt des Herrn; der Gebrauch, nicht denersten, sondern den achten Tag nach der Christnacht als Anfangstagdes Jahres zu betrachten und so die christliche Zeitrechnung mit demaltrömischen Kalender in Übereinstimmung zu bringen, kam erst im XVII.Jahrhundert zu allgemeiner Durchführung. Zu der Schreibweise des NamensMichelagnolo ist zu bemerken, daß dieselbe auf der Aussprache desWortes angelo in alter Florentiner Mundart beruht.

Nach der Sitte der Zeit wurde dem Knaben das Horoskop gestellt; manfand, daß er unter verhängnisvollem und glücklichem Stern geboren sei,und las aus der Stellung der Gestirne, daß man von seiner Hand und vonseinem Geiste wunderbare und staunenswürdige Dinge erwarten dürfe.

Als die Amtszeit Lodovicos abgelaufen war, kehrte er nach Florenzzurück und lebte zeitweilig auf seiner in der Nähe der Stadt, indem Dorfe Settignano gelegenen Besitzung. Hier bekam der kleineMichelangelo als Amme eine Steinmetzenfrau, die auch Tochter einesSteinmetzen war; darum sagte er im Alter scherzweise zu seinem Schülerund Lebensbeschreiber Vasari, er habe die Bildhauerkunst mit derAmmenmilch eingesogen. Als Michelangelo heranwuchs und eine gelehrteSchule besuchte, benutzte er jeden freien Augenblick zum Zeichnen.Diese Nebenbeschäftigung wurde anfänglich vom Vater heftig getadelt;nachdem derselbe aber von der Unwiderstehlichkeit des künstlerischenDranges, welcher Michelangelo erfüllte, sich überzeugt hatte, beschloßer, diese Neigung fruchtbar zu machen und seinen Sohn in der Malereiausbilden zu lassen. So schloß Lodovico Buonarroti am 1. April1488 mit Domenico Ghirlandajo, dem trefflichsten Maler von Florenz— damals unbestritten der ersten Kunststadt Italiens — und mitdessen Bruder David einen Vertrag, wonach Michelangelo bei ihnen indreijähriger Lehrzeit die Malerei erlernen sollte; für die Dienste,welche er seinen Meistern in dieser Zeit leisten würde, sollte er eineVergütung von 24 Gulden oder 96 Lire (= ungefähr 165 Mark) bekommen.In den Lebens[S. 2]beschreibungen Michelangelos, welche von Vasari und vonCondivi — gleichfalls einem seiner Schüler — herausgegeben wurden,ist mancherlei erzählt von den Proben ungewöhnlicher Begabung, durchwelche der dreizehnjährige Michelangelo das Staunen seines Lehrers undseiner Mitschüler erregte. Besondere Bewunderung fand auch außerhalbder Werkstatt eine gemalte Nachbildung des berühmten Kupferstichs vonMartin Schongauer, welcher den heiligen Einsiedler Antonius darstellt,wie er von Teufeln in der Luft umhergezerrt wird. Wie der deutscheMeister die tierischen Formen, in welche er die Teufelsgestaltenkleidete, mit gewissenhafter Sorgfalt nach der Natur gezeichnet hatte,so studierte der junge Michelangelo auf dem Fischmarkte die Farbender Schuppen, der Flossen und der Augen verschiedener Fische, um dienaturgetreuen Formen mit einer entsprechenden Naturtreue der Farbenbemalen zu können. Diese bis ins kleinste gehende Gewissenhaftigkeitdes Naturstudiums war ein Zug der Zeit, und sie entsprach wohl sorecht dem Geiste, der in Ghirlandajos Werkstatt lebte. Eine Zeichnungnach dem Wirklichen war es auch, durch welche Meister Domenico zuder Äußerung hingerissen wurde, daß der Lehrling mehr verstehe alser selber: Michelangelo hatte, als Ghirlandajo an dem Freskenschmuckvon S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen daraufbeschäftigten Gehilfen naturgetreu abgezeichnet. Die Geschicklichkeitseiner Hand übte der junge Maler, indem er Kupferstiche alter MeisterStrich für Strich bis zur Erzielung einer vollkommenen Täuschungmit der Feder nachbildete. Von der erstaunlichen Gewandheit in derHandhabung der Zeichenfeder, die sich Michelangelo auf diese Weiseerwarb, machte er bei der Ausführung seiner Studien und Einfällegern Gebrauch. Es giebt Federzeichnungen von ihm, in denen eineunvergleichliche Durchbildung der Formen erreicht und in denen der Weggleichsam vorgezeichnet ist, auf welchem die Kupferstecherkunst zurgrößten Vollkommenheit gelangen sollte. Als Beispiel mag der in derSammlung des Louvre befindliche Faunkopf dienen, mit dessen scharfen,wunderlichen Zügen der junge Michelangelo eine ihn nicht befriedigendeRötelzeichnung eines weiblichen Profils zugedeckt hat (Abb. 1).

Abb. 1. Faunkopf. Federzeichnung in der Sammlung des Louvre zu Paris.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)

Abb. 2. Kampf der Lapithen und Centauren. Marmorbildwerk in der Casa Buonarroti zu Florenz.

Lorenzo de’ Medici, dem die Zeitgenossen den von der Geschichtefestgehaltenen Beinamen il Magnifico, der Herrliche, gaben, empfand esin seiner allseitigen Fürsorge für den Glanz des von ihm geleitetenStaatswesens als einen Mangel, daß Florenz sich nicht mehr in demgleichen Maße durch den Ruhm seiner Bildhauer, wie durch denjenigenseiner Maler auszeichnete. Darum richtete er in seinem Garten auf demPlatz S. Marco eine Art von Kunstschule ein, deren Leitung er demAufseher seiner Antikensammlung, dem Bildhauer Bertoldo, übertrug.Bertoldo war ein Schüler des berühmten Donatello; wegen seineshohen Alters arbeitete er selbst nicht mehr, aber er galt für einenausgezeichneten Lehrer. Als Lorenzo sich an Ghirlandajo mit derAnfrage wandte, ob er in seiner Werkstatt vielleicht junge Leute habe,welche[S. 3] Neigung zur Bildhauerei bekundeten, sandte ihm dieser einigeseiner besten Schüler zu, darunter Michelangelo. Nachdem dieser durchseine ersten Thonmodellierungen schon die besondere AufmerksamkeitLorenzos erregt hatte, versuchte er sich alsbald, obgleich er niezuvor einen Meißel in der Hand gehabt hatte, an einem Stückchen Marmorund meißelte nach einem verstümmelten antiken Faunkopf eine grinsendeMaske; Michelangelo verschärfte den Ausdruck des Vorbilds und ließzwischen den zum Lachen verzogenen Lippen die Zähne hervorblicken.Lorenzo sah das Werk und bewunderte den Mut und die Selbständigkeitdes jungen Künstlers. Da er scherzend bemerkte, es sei doch ein Fehleran der Arbeit, denn so alte Leute könnten kein so vollständigesGebiß mehr haben, meißelte Michelangelo nachträglich mit kindlicherGewissenhaftigkeit eine naturgetreue Zahnlücke in den Mund seinerMaske. Diese Faunmaske wird jetzt im Nationalmuseum zu Florenzgezeigt. Das Erstlingswerk des vierzehnjährigen Bildhauers ist eineKarikatur, und man braucht es nicht vom künstlerischen Standpunkt auszu betrachten. Aber es hat die Bedeutung, daß es dem Michelangelo denWeg gebahnt hat. Lorenzo fand an der Fähigkeit und dem Wesen des jungenKünstlers solchen Gefallen, daß er denselben unter seine Hausgenossenaufnahm. Dem Vater Michelangelos, der aus seinem altererbten Landbesitznur ein kümmerliches Einkommen zog, versprach er zum Dank für seineEinwilligung ein Amt, und als derselbe um eine freigewordene Stellebeim Zollamt bat, übertrug er ihm diese, die Bescheidenheit desWunsches mit den Worten mißbilligend: „Du wirst immer arm bleiben.“Dem[S. 4] Michelangelo selbst wies er zur Unterstützung seines Vatersein monatliches Einkommen von fünf Dukaten an und schenkte ihm alsbesondere Gunstbezeugung einen violetten Mantel.

So lebte Michelangelo über drei Jahre lang, von 1489–1492, imMediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Staatsoberhauptes, ergenoß die Unterweisungen von deren Erzieher, dem berühmten Gelehrtenund Dichter Poliziano, und bewegte sich in den bunten Gesellschaftenund den Versammlungen geistreicher Männer, die das Haus des großenMediceers belebten.

Zwei Marmorwerke, welche Michelangelo in jener Zeit nach eignerErfindung ausführte, werden in der Kunstsammlung des Hauses Buonarrotizu Florenz aufbewahrt. Beides sind halberhabene Arbeiten, aber vonganz verschiedener Art. Das eine ist ein Madonnenbild, in flachem,zartem Relief in der Weise Donatellos, des Altmeisters der FlorentinerRenaissance, ausgeführt. Man sieht die Madonna ganz von der Seite;sie sitzt in ruhiger Würde, das Kind unter dem Mantel an die Brustlegend, auf einem Stein am Fuß einer Treppe, auf welcher sich mehrereKinder bewegen. Das andere Bildwerk, von Michelangelo auf eine vonPoliziano gegebene Anregung hin geschaffen, stellt den Kampf derLapithen und Centauren vor (Abb. 2). Hier hat der junge Künstler neueund selbständige Wege betreten. In dem freien, stark hervorspringendenRelief erkennt man das Studium antiker Sarkophagbildwerke; aber inder Reckenhaftigkeit und der ungestümen Wucht der Männerleiber, diein wildem Kampfe durcheinanderwogen, kommt die Eigenart Michelangelosmachtvoll zum Durchbruch. Die Ausführung der nackten Körper ist sovollkommen, daß sie bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezuunbegreiflich erscheint, und Vasari sagt mit Recht, daß man nicht dasWerk eines jungen Mannes, sondern das eines angesehenen, in seinenStudien durchgebildeten und in seiner Kunst erfahrenen Meisters zusehen glaube. Es wird erzählt, daß Michelangelo in späterem Alter beimAnblick dieser Jugendarbeit es seufzend beklagt habe, daß es ihm nichtgestattet gewesen sei, sich ausschließlich der Bildhauerkunst zu widmen.

Eine Quelle der Belehrung waren für Michelangelo, wie für das ganzedamalige Künstlergeschlecht von Florenz, die in den zwanzigerJahren des XV. Jahrhunderts gemalten Fresken des Masaccio in derBrancacci-Kapelle der Kirche del Carmine. Michelangelo zeichnete diebewunderten Vorbilder mit größerem Geschick nach, als irgend einer deranderen, die sich dem gleichen Studium hingaben. Der Neid erwachte unddie Feindseligkeit der Neider wurde gesteigert durch MichelangelosFehler, sich über die schlechten Zeichnungen seiner Genossen lustig zumachen. Eines Tages versetzte ihm einer der jungen Leute, welche in derBrancacci-Kapelle zeichneten, Pietro Torrigiano, der auch MichelangelosMitschüler im Garten von S. Marco war, einen so heftigen Faustschlagins Gesicht, daß er ihm das Nasenbein zertrümmerte. Torrigiano flohnach dieser That und wurde aus Florenz verbannt; Michelangelo bliebzeitlebens entstellt.

Dem sorgenfreien und anregenden Leben an dem glanzvollen Mediceerhofemachte der Tod Lorenzos des Herrlichen (am 8. April 1492) ein Ende.Michelangelo kehrte in das Haus seines Vaters zurück. Er kaufteeinen unbenutzt liegenden Marmorblock und meißelte daraus einenHerkules. Dieses überlebensgroße Standbild kam im Palazzo Strozzi zurAufstellung; 1529 wurde es verkauft und von seinem neuen Besitzer anKönig Franz I von Frankreich geschickt; im XVII. Jahrhundert stand esin einem Garten von Fontainebleau; dieser Garten wurde 1713 zerstört,um für neue Anlagen Platz zu schaffen, und Michelangelos bewunderterHerkules ist seitdem verschwunden. Verschwunden ist auch ein kleinesBildwerk, welches Michelangelo im Jahre 1494 ausführte: ein hölzernesKruzifix, das auf dem Hochaltar der Kirche S. Spirito zu Florenzaufgestellt wurde. Der Prior von S. Spirito bewies dem jungen Künstlerseine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer zur Verfügungstellte, wo

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ... 18
Comments (0)
reload, if the code cannot be seen
Free online library ideabooks.net