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Freiluftleben

Freiluftleben
Category: Outdoor life
Title: Freiluftleben
Release Date: 2018-06-21
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
Count views: 102
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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenenBuchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. UngewöhnlicheSchreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter derÜbersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches verschoben.

Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt; Passagenin Antiquaschrift werden im vorliegendenText kursiv dargestellt. Abhängig von der imjeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Originalgesperrt gedruckten Passagen gesperrt, inserifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrterscheinen.

Freiluftleben

Fridtjof Nansen

Freiluftleben

Leipzig F. A. Brockhaus 1920

Von diesem Buch sind dreihundert Exemplare auf Büttenpapier von VanGelder Zonen abgezogen, mit einem Bildnis des Verfassers in Kupferdruckin Halbleder gebunden und handschriftlich numeriert worden.

Copyright 1920 by F. A. Brockhaus, Leipzig.


Inhalt.

 
Seite
An den deutschen Leser
5
Auf Schneeschuhen übers Gebirge
9
Von Bergen nach Kristiania
9
Von Kristiania zurück nach Voß
29
Ein Menschenalter später
54
Haraldsets Jagdgeschichten
62
Winter im Gebirge
88
Nach Island und Jan Mayen
104
Herbstjagd in den Bergen
144
Auf der Auerhahnbalz
161
Im Bereich Rondanes und der Sölenberge
173

[S. 5]

An den deutschen Leser.

Wenn diese Blätter eine Mahnung enthalten, so ist es das alteLosungswort: Zurück zur Natur! Das einzige Heilmittel gegen dieKrankheit unserer Zeit.

Nur allzuvieles, was geschehen ist, seitdem diese Blätter geschriebenwurden, scheint mir dies in unheimlichem Maße erwiesen zu haben.

Europa ist krank. Die weiße Rasse hat eine Fieberkrisis zu überstehen.Die menschliche Gesellschaft zeigt an vielen Stellen die Symptome derAuflösung.

Der Heiltrank kann nur aus den einfachen Tiefen der Natur geschöpftwerden.

Als Präsident Wilson die Vereinigten Staaten in den Krieg führte,hoffte er die Welt dadurch „safe for democracy“ zu machen.

Die Welt aber wollte es anders.

Europa ist ein Chaos geworden, ein brodelnder Hexenkessel, in demDemokratie, Despotie, Militarismus und Anarchie in unheilschwangeremBrei sich umeinanderwälzen,[S. 6] und niemand weiß, was in heftigstenEntladungen explodieren wird.

Klarer als je zuvor hat sich erwiesen, daß der Krieg keine Heilung,keine Erlösung bringen kann. Wohl vermag er eine drohende Krankheitauszulösen. An ihrer Stelle aber schafft er zehn neue Krankheitskeime.Er ist selber ein Fieber und keine Kur.

Die Seele der menschlichen Gesellschaft läßt sich nicht durch Bajonettereformieren, und keine Idee, auch eine falsche nicht, kann durchMaschinengewehre umgebracht werden.

Bernard Shaw soll kürzlich gesagt haben, er wisse nicht, was dieBewohner der andern Planeten im Sinne hätten. Dessen sei er abersicher, daß sie unsern Planeten für ein Irrenhaus hielten.

Das gibt ein treffendes Bild des jetzigen Zustands unserer Erde.

Die Geisteskrankheit rührt aber von den falschen Grundanschauungen her.

Die Menschen sind auf Abwege geraten in ihrer wahnsinnigen Jagd nachMacht.

Die Massen haben Kultur mit materieller Entwicklung verwechselt.Letztere bringt die Macht des Überflusses, erstere die Schönheit derHarmonie.

Nicht der Wille zur Macht, sondern der Wille zur Schönheit wird dieneue Zukunft schaffen:

die Schönheit der großen, einfachen Lebenslinien, die alleHerrschgier, allen Flitterstaat, allen Überfluß abgestreift hat.

[S. 7]

Schließlich muß doch der Geist den Sieg erringen:

nicht der Geist, der neue Gewaltmittel erfindet, neueZerstörungsmaschinen, neue Sprengstoffe, neue Gase —,

auch nicht der Geist, der neue Industrien schafft, neueVerkehrsmittel erschließt, so nützlich er auch sein mag —,

sondern der Geist, der aus den alten, ewig jungen Urquellender Natur schöpfend neue Lebenswerte formt:

die Welt der Zukunft, deren Symbol nicht mehr die raffendeRaubtierklaue ist, sondern die gebende Menschenhand —,

in der die Klassenpolitiker und die Staatsmänner entdeckthaben, daß es nicht nur Menschen gibt, sondern auchMitmenschen —,

in der sie nicht nur mit den Lippen bekennen, sondern auch durchdie Tat beweisen, daß sie anstatt die brutale Selbstsucht derStaaten, der Klassen, der Einzelnen, auch in der Politik die Lehreder Nächstenliebe vertreten, die da sagt:

Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andernzu.

Laßt uns, trotz der Finsternis, laßt uns nicht an der Morgendämmerungzweifeln!

Noch gilt das Gesetz von der Kontinuität des Keimplasmas. Noch ist dasGeschlecht im Kern gesund und unverdorben. Nur die Lebensbedingungen,die Grundlagen der Erziehung in den sogenannten Kulturzentren sindnaturwidrig.

[S. 8]

Die Rettung liegt, jetzt wie immer, in der Losung:

Zurück zur Natur, zu den einfachen Grundwerten, auf denen alleSchönheit des Lebens sich aufbaut.

Wie in Wissenschaft und Forschung, so auch im Menschenleben gilt es denNaturgesetzen zu folgen. Nicht wider die Natur heißt es zu wirken,sondern im Bunde mit der Natur!

Lysaker, Weihnachten 1919.

[S. 9]

Auf Schneeschuhen übers Gebirge

Von Bergen nachKristiania.

Bergen, im März 1884.

Es war am Sonnabend, 26. Januar, in diesem Jahre des Heils 1884. Ichging abends vom Museum nach Hause. Der Regen peitschte mir das Gesichtmit einer Heftigkeit, die selbst hier in Bergen ungewöhnlich war. AmHimmel jagten schwarze Wolken. Das Thermometer zeigte viele GradeWärme, das Barometer sank und sank und stand auf Erdbeben. Wahrhaftigein Wetter, das der Verzweiflung nahebringen konnte. Das sollte alsoder norwegische Winter sein!

Die Geschäftsleute hasteten die Straße entlang, den Regenschirm gegenden Wind, den Kopf tief zwischen den Schultern. Nach vollbrachterWochenarbeit strebten sie dem gemütlichen Heim zu.

Morgen war Sonntag. Erst noch einen Abstecher nach dem Postamt, um nachPost zu fragen; dann nach Hause, um es mir gemütlich zu machen und alleSchlechtigkeit der Welt und des Wetters zu vergessen.

Ich hatte mich im Lehnstuhl zurechtgesetzt. Einen flüchtigen Blick indas eben angekommene Sportblatt; dann wollte ich mich in meine Studienvertiefen. Doch was stand da? Schneeschuhwettlauf auf der Husebyhöhe am4. Februar. War es möglich? Sollte es wirklich irgendwo in norwegischenLanden Schneeschuhbahn geben?

[S. 10]

Schneeschuhe und Schneeschuhbahn waren wohl das, was noch vor einemAugenblick meinen Gedanken am fernsten gelegen hatte. Nun ergriff esmich mit unwiderstehlicher Gewalt: Lockend weiß stand der Nadelwaldunter der Schneedecke; die Dörfer mit den Halden, Hügeln und den Bergenlagen blank und weiß da und glitzerten im Sonnenschein. Alles so frischund so leicht in der klingenden Winterkälte...

Der Sonntag kam und brachte noch mehr Sturm und Regen. Am nächstenMorgen wollte ich aufs Meer hinaus zur Tiefseeforschung. Aber dieGedanken gaben keine Ruhe. Ich mußte in den Zeitungen der letzten Tagenach den Wetterberichten schauen. Nein, Wärmegrade übers ganze Land,nirgends konnte es Schneeschuhbahn geben. Da unternahm ich lieber meineMeerfahrt.

Am Nachmittag aber half nichts mehr: fort mußte ich, und ich gingzum Oberhaupt des Museums, zum alten Doktor Danielsen. Er warverständnisvoll wie immer, und ich bekam Reiseurlaub. Nun galt es,alles für meine Abwesenheit zu ordnen, dann konnte ich am nächstenMorgen um halb sieben Uhr mit dem Zuge abfahren.

Alle vernünftigen Freunde meinten natürlich, es sei Wahnsinn, in dieserZeit über das Gebirge reisen zu wollen, und schüttelten den Kopf —aber Jugend hat keine Tugend...

Endlich saß ich im Abteil, und es ging nach Voß hinauf. Der Regentrommelte auf das Wagendach. Na ja, ein schönes Schneeschuhwetterdas! Aber höher oben würde es wohl besser werden. Durch Tunnels undEinschnitte ging es, an Abgründen[S. 11] vorüber, die engen Fjorde entlang.Als wir weiter hinaufkamen, begannen die Abhänge der Berge hoch obenweiß zu werden. Das hob sofort die Hoffnung: im Gebirge gab es sicherKälte und Schnee.

Um zwölf Uhr brachen der Hund und ich von Voß auf. Wir schlugen denWeg durch das Rauntal ein; von dort wollten wir nach Hol im Hallingtalhinübergehen. Das ist ein etwas weiter Weg übers Gebirge. Dafür wirdaber der Weg nach dem Ostland um so kürzer.

Die Schneeschuhe auf den Schultern, stieg ich getrost in rieselndemRegen aufwärts. Es würde schon besser werden, wenn ich erst ins Gebirgehinaufkam; dorthin wollte ich bis zum Abend gelangen. Ich ging undging, aber beständig lag der Nebel dicht und schwer über den Abhängenzu beiden Seiten des Tals, und die Regentropfen fielen gleich schwerund ungemütlich.

Unterwegs fragte ich, ob jemand wisse, wie die Schneeschuhbahn imGebirge sei. Aber man schüttelte nur den Kopf und meinte, bei solchemWetter sei nicht ans Gebirge zu denken.

Als ich mich dem Sverresteig näherte und es noch nicht aussah, alswenn es besser werden sollte, dachte ich, es sei doch vielleichtvernünftiger, umzukehren und den Weg über Gudvangen und von dains Lärtal einzuschlagen. Von dort konnte ich auf der Poststraßeweiterkommen, mochte dann das Wetter sein wie es wolle.

Gedacht, getan. Und da ich auch einen Pferdehändler mit Pferd undSchlitten traf, der auf demselben Weg nach dem[S. 12] Ostland wollte und sicherbot, die Schneeschuhe mitzunehmen, so ging ja alles in schönsterOrdnung.

Am Abend erreichte ich Vinje. Hier war schon gute Schneeschuhbahn, nurwar es noch etwas zu mild. Der Mann mit den Schneeschuhen und nochein Pferdehändler, der sich angeschlossen hatte, übernachteten aufdem Nachbarhof. Sie versprachen bei mir vorzusprechen, bevor sie amnächsten Morgen aufbrachen.

Nach der ungewohnten Bewegung schlief ich gut. Der Tag war schonziemlich weit vorgeschritten, als ich erwachte. Ich richtete mich auf,um durchs Fenster zu schauen. Doch was für ein Anblick: Eisblumen anden Fenstern! Es war unmöglich hindurchzusehen.

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