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Christuslegenden

Christuslegenden
Title: Christuslegenden
Release Date: 2018-08-29
Type book: Text
Copyright Status: Public domain in the USA.
Date added: 27 March 2019
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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenenBuchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. UngewöhnlicheSchreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Wortvarianten, wiez.B. ‚Knie‘ (Plural) und ‚Kniee‘, wurden nicht vereinheitlicht, soferndiese im Text mehrfach auftreten.

Das Origial wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen inAntiquaschrift werden in der vorliegenden Fassung kursivwiedergegeben. Die ursprünglich gesperrt gedrucktePassage erscheint hier in Fettdruck.

Christuslegenden

Selma Lagerlöf

Christuslegenden

Berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen

von

Francis Maro

8. bis 30. Tausend

Albert Langen

Verlag für Literatur und Kunst

München 1921

Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Einbände von E. A. Enders in Leipzig

[V]

Inhalt[A]

 
Seite
Die heilige Nacht
VII
Die Vision des Kaisers
11
Der Brunnen der weisen Männer
23
Das Kindlein von Bethlehem
37
Die Flucht nach Ägypten
69
In Nazareth
81
Im Tempel
91
Das Schweißtuch der heiligen Veronika
117
Das Rotkehlchen
187
Unser Herr und der heilige Petrus
199
Die Lichtflamme
215

[A] Die Legende „Die Vision des Kaisers“ ist dem LagerlöfschenRomane „Wunder des Antichrist“, die Legenden „Die Flucht nach Ägypten“und „Unser Herr und der heilige Petrus“ sind dem Buche „Legenden undErzählungen“ von Selma Lagerlöf entnommen. Autorisierte deutscheÜbersetzungen beider Werke erschienen im Verlage von Franz Kirchheim inMainz, der die Aufnahme der betreffenden drei Legenden in diesen Bandfreundlich gestattete.


[VII]

Die heilige Nacht

[1]

Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weißkaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe.

Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag aufdem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt.

Ich weiß es nicht anders, als daß Großmutter dasaß und erzählte, vomMorgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörtenzu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gutging wie uns.

Ich erinnere mich nicht an sehr viel von meiner Großmutter. Icherinnere mich, daß sie schönes, kreideweißes Haar hatte, und daß siesehr gebückt ging, und daß sie immer dasaß und an einem Strumpfestrickte.

Dann erinnere ich mich auch, daß sie, wenn sie ein Märchen erzählthatte, ihre Hand auf meinen Kopf zu legen pflegte, und dann sagte sie:„Und das alles ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst.“

[2]

Ich entsinne mich auch, daß sie schöne Lieder singen konnte, aber dastat sie nicht alle Tage. Eines dieser Lieder handelte von einem Ritterund einer Meerjungfrau, und es hatte den Kehrreim: „Es weht so kalt, esweht so kalt, wohl über die weite See.“

Dann entsinne ich mich eines kleinen Gebets, das sie mich lehrte, undeines Psalmverses.

Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eineschwache, unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnereich mich so gut, daß ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleineGeschichte von Jesu Geburt.

Seht, das ist beinah alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß,außer dem, woran ich mich am besten erinnere, nämlich dem großenSchmerz, als sie dahinging.

Ich erinnere mich an den Morgen, an dem das Ecksofa leer stand und esunmöglich war, zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehensollten Daran erinnere ich mich. Das vergesse ich nie.

Und ich erinnere mich, daß wir Kinder hingeführt wurden, um die Handder Toten zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagteuns jemand, daß wir nun zum letztenmal Großmutter für alle die Freudedanken könnten, die sie uns gebracht hatte.

Und ich erinnere mich, wie Märchen und Lieder vom Hause wegfuhren, ineinen langen, schwarzen Sarg gepackt, und niemals wiederkamen.

Ich erinnere mich, daß etwas aus dem Leben[3] verschwunden war. Es war,als hätte sich die Tür zu einer ganzen schönen, verzauberten Weltgeschlossen, in der wir früher frei aus- und eingehen durften. Und nungab es niemand mehr, der sich darauf verstand, diese Tür zu öffnen.

Und ich erinnere mich, daß wir Kinder so allmählich lernten, mitSpielzeug und Puppen zu spielen und zu leben wie andere Kinder auch,und da konnte es ja den Anschein haben, als vermißten wir Großmutternicht mehr, als erinnerten wir uns nicht mehr an sie.

Aber noch heute, nach vierzig Jahren, wie ich da sitze und die Legendenüber Christus sammle, die ich drüben im Morgenland gehört habe, wachtdie kleine Geschichte von Jesu Geburt, die meine Großmutter zu erzählenpflegte, in mir auf. Und ich bekomme Lust, sie noch einmal zu erzählenund sie auch in meine Sammlung mit aufzunehmen.

* *
*

Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außerGroßmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein.Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und dieandere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, daß wir nicht zumMettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.

Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zuerzählen an.

„Es war einmal ein Mann,“ sagte sie, „der in[4] die dunkle Nachthinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus undklopfte an. ‚Ihr lieben Leute, helft mir!‘ sagte er. ‚Mein Weib hateben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und denKleinen zu erwärmen.‘

Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemandantwortete ihm.

Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einenFeuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuerim Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer undschliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde.

Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er,daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sieerwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachenauf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mannsah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihrescharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sieauf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinenschnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehlehängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißenwollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinstenSchaden.

Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte.Aber die Schafe lagen so dicht[5] nebeneinander, Rücken an Rücken, daßer nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken derTiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tierenwachte auf oder regte sich.“

So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte iches nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht,Großmutter?“ fragte ich. „Das wirst du nach einem Weilchen schonerfahren,“ sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.

„Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es warein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschenwar. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen,spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seineHerde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend geradeauf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste,an ihm vorbei, weit über das Feld.“

Als Großmutter soweit gekommen war, unterbrach ich sie abermals.„Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?“ AberGroßmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhrmit ihrer Erzählung fort.

„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: ‚Guter Freund, hilfmir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindleingeboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘

[6]

Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daßdie Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nichtvor ihm davon gelaufen waren und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte,da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden dasabzuschlagen, was er begehrte.

‚Nimm, soviel du brauchst,‘ sagte er zu dem Manne.

Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite undZweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremdehatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragenkönnen.

Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: ‚Nimm, soviel du brauchst!‘Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber derMann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus derAsche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlenseine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel,sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesenwären.“

Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen.„Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?“

„Das wirst du schon hören,“ sagte Großmutter, und dann erzählte sieweiter.

„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies allessah, begann er sich bei sich selbst[7] zu wundern: ‚Was kann dies füreine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nichterschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?‘ Er riefden Fremden zurück und sagte zu ihm: ‚Was ist dies für eine Nacht? Undwoher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?‘

Da sagte der Mann: ‚Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber esnicht siehst.‘ Und er wollte seiner Wege

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